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Autor: Eleni Stefanidou
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Tags: Anselmus, Atlantis, Schrift, Natur, Hoffmanns, Topf
Jahr: 2002
Seiten: 27
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 16 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 252 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-42655-8
Die Arbeit befasst sich mit Hoffmanns naturphilosophischen Quellen und ihrer Verarbeitung in der Erzählung. Im Kontext von Naturbeschreibungen und Paradiesvorstellungen wird dargestellt, wie sich der Protagonist vom einfachen Schreiber zum Dichter entwickelt.
Textauszug (computergeneriert)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Abteilung für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Hauptseminar: „Poetische Gärten: Geschichte
und Ästhetik eines literarischen Archetyps“
10. Semester
Anselmus′ Weg nach Atlantis: Schrift und Natur
in E.T.A. Hoffmanns "Der goldne Topf"
von: Eleni Stefanidou
Inhalt
1. Einleitung S. 3
2. Der Atlantis-Mythos
2.1 Hoffmanns Que llen S. 5
2.2 Handlungsmotivation durch den Atlantis-Mythos S. 7
3. Anselmus’ Weg nach Atlantis
3.1 Dualismus zwischen bürgerlicher und phantastischer Welt S. 9
3.2 Dualismus und Handlungsverlauf in der Textstruktur S. 11
3.3 Das Schreiben in den Gärten
3.3.1 Anselmus’ Vorbereitung S. 13
3.3.2 Anselmus’ Entwicklung zum Dichter S. 16
3.3.3 Krise und Erlösung S. 21
4. Schluß S. 23
5. Bibliographie S. 26
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
1. Einleitung
Gärten sind immer eine Rekonstruktion des ersten Gartens, des Paradieses, und damit Wunschbilder der Welt. Das Bild des Paradieses wandelte sich jedoch im Laufe der Geschichte entsprechend den unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen. Seit dem Mittelalter herrschten in Gärten geometrische Gestaltungsprinzipien vor als Symbol für die mathematisch-kosmische Gesetzlichkeit von Welt- und Staatsordnung. Dies fand seinen Höhepunkt in der barocken Gartenkunst, die durch die für Ludwig XIV. geschaffenen Parkanlagen von Versailles geprägt wurde, welche für die Beherrschung der Natur durch den Menschen standen. Dagegen richtete sich schließlich die Gartenrevolut ion, die um 1720 in England den Landschaftsgarten hervorbrachte, der sich in ganz Europa, Rußland und Amerika verbreitete. Als Abbild der freien Landschaft war der Landschaftsgarten Ausdruck einer neuen, liberalen Paradiesvorstellung und zielte auf individuelle, sinnliche Naturempfindung und Freiheitsdenken. Die Gartengestaltung löste sich damit von der Architektur als Vorbild ab.1 Vorbereitet wurde diese neue Gartenkonzeption von der Landschaftsmalerei und der Literatur, woran sie sich weiterhin orientierte. In der ersten Theorie der Gartenkunst in Deutschland, die 1779 von Hirschfeld verfaßt wurde, wird ebenfalls der Landschaftsgarten dem geometrischen gestalteten Garten vorgezogen, da durch Bewegung, Kontrast und Verschiedenheit eine größere Wirkung der Natur auf das menschliche Gemüt erreicht wird.2 Schlegel hingegen lehnte den englischen Landschaftsgarten ab, da dieser versucht, eine Illusion der Einheit von Kunst und Natur zu erzeugen, und dadurch der Gegensatz zwischen Natur und menschlicher Kunstfertigkeit besonders deutlich zutage tritt. Reale Gärten sind demnach der Natur unterlegen, da sie von ihr bzw. der göttlichen Schöpfung abhängen, während die in der Kunst dargestellten Gärten der göttlichen Schöpfung gleichkommen. Diese Auffassung ist auch in der romantischen Dichtung präsent, in der der Begriff des Gartens als Leitmotiv die Spannung zwischen dem Verlust des Paradieses und dessen zukünftigem Wiedererlangen aufzeigt.3 Mit der Wiedererlangung des Paradieses ist die Vorstellung verbunden, die ursprüngliche Einheit der Erscheinungen der Welt wiederherzustellen und damit den Sinn der Welt zu erkennen. In der Romantik sollte dies durch die Kunst möglich sein, hauptsächlich durch die Poesie, welche den Schöpfungs- akt als Einheit von Wort und Tat wiederholt. Demzufolge liegt der Schlüssel zum Ursprung in der Sprache, da nach Hamann die Schöpfung Gottes nur als Sprache gedacht werden kann. So wie die Poesie verweist vor allem das Bild des Gartens durch die Erinnerung an das Paradies an die anfänglich herrschende Einheit von Sprache und Wirklichkeit und ist daher von vornherein poetisch. 4
Ein Werk der Romantik, in dem diese Aspekte besonders deutlich erkennbar sind, ist Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann. 1814 Als dritter Band der Fantasiestücke erschienen, galt es bereits damals als eins seiner Meisterwerke. Das „Märchen aus der neuen Zeit“, wie es im Untertitel genannt wird, handelt vom ungeschickten Studenten Anselmus, der durch eine Anstellung als Kopist beim Archivarius Lindhorst die poetische Welt in seinem Innern entdeckt. Mittels der Tätigkeit des Schreibens verfolgt er die Entwicklung der Sprache zu ihrem Anfangspunkt zurück, wodurch er schließlich in das phantastische Reich Atlantis gelangt, welches die ursprüngliche Einheit aller Erscheinungen der Welt repräsentiert. Bis er dieses jedoch erreicht, ist Anselmus dem Widerstreit zwischen bürgerlich-philiströser und phantastischer Welt ausgesetzt, deren Kräfte beide um den Studenten kämpfen.
Diese Arbeit soll aufzeigen, wie Hoffmann gemäß der romantischen Naturphilosophie und der Auffassung über die Entstehung der Welt und der Sprache die Rückkehr zu einem paradiesischen Zustand dank der Poesie darstellt. Dies gelingt im Goldnen Topf durch die Verbindung zweier wichtiger Motive, dem Schreiberdienst- und dem Gartenmotiv, welches den Raum mit der Handlung verbindet5. Der Schreiberdienst als vorantreibendes Handlungselement findet in einer gartenähnlichen Umgebung statt, so daß die wiederzuentdeckende Einheit von Schrift und Natur bereits im Text realisiert ist. Diese Motive sollen an Hand der Hauptfigur Anselmus, deren Wendepunkte in ihrem Schicksal zum einen durch den Schreiberdienst bestimmt sind und zum anderen sich in Gärten abspielen, analysiert werden. Die Darstellung der Gärten im Text hängt zudem von Anselmus’ Wahrnehmung ab, die sich je nach Einflußnahme der phantastischen Kräfte oder der ihnen entgegengesetzten wandelt. Eine Untersuchung des Dualismus zwischen phantastischer und bürgerlicher Welt ist daher ebenfalls angebracht, zumal dieser zusätzlich durch die Struktur des Textes mit dem Schreiberdienstmotiv verbunden ist.
Wie Hoffmann das Gedankengut der romantischen Naturphilosophie im Text verarbeitet und aus welchen Quellen es stammt, soll im Vorfeld an Hand der Darstellung des phantastischen Reichs Atlantis geklärt werden. Es ist das Ziel, auf das Anselmus Tätigkeit ausgerichtet ist, weshalb zunächst beleuchtet wird, warum es als so erstrebenswert gilt. Hoffmanns Quellen waren Werke von Schelling und Schubert, durch deren Verarbeitung im Atlantis-Mythos dessen Funktion als Paradiesvorstellung besonders betont wurde. Des weiteren soll untersucht werden, wie der Mythos in die Handlung eingebettet ist und diese motiviert.
2. Der Atlantis-Mythos
2.1 Hoffmanns Quellen
Nach Auffassung der Romantiker sind Märchen und Mythen Darstellungen einer Zeit, in der die Sprache der Natur deutlich und bedeutsam war.6 Im Goldnen Topf steht dafür der Mythos von Atlantis, welches in der Literatur als das Paradies der Künstler gilt. Verbunden mit dem Bild des Paradieses sind stets Wunschvorstellungen von Zeiten vollkommener Harmonie zwischen Mensch und Natur sowie Kritik am gegenwärtigen Zustand der menschlichen Entartung. 7 Hoffmann führt den Atlantis-Mythos in der dritten Vigilie durch den Archivarius Lindhorst ein, der von seinen Vorfahren berichtet. In der achten Vigilie wird die Geschichte von Serpentina weitererzählt, was mit einem Hinweis auf die mögliche Wiedererlangung des ursprünglichen harmonischen Zustands endet. Der Mythos als Vorgeschichte der Rahmenerzählung konstituiert somit eine zeitliche Abfolge der verschiedenen Handlungsebenen: Der vorgeschichtliche Einklang mit der Natur ging der bürgerlich geprägten Wirklichkeit voraus, welcher wiederum der neue, durch die Poesie erlangte Einklang folgen wird. Angelehnt ist dies an die idealistische Dreischrittlehre, wie sie vor allem Novalis in seinen Märchen einarbeitete,8 sowie an Schuberts triadischem Geschichtsmodell aus seinen Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft.
[...]
1 Vgl. Adrian von Buttlar: Der Landschaftsgarten, München 1980, S. 7ff.
2 Vgl. Friedmar Apel: Die Kunst als Garten. Zur Sprachlichkeit der Welt in der deutschen Romantik und im Ästhetizismus des 19. Jahrhunderts, Heidelberg 1983, S. 15.
3 Vgl. Friedmar Apel: Die Zaubergärten der Phantasie, Heidelberg 1978, S. 108f.
4 Vgl. Apel 1983, S. 10ff.
5 Vgl. Horst S. u. Ingrid G. Daemmrich: Themen und Motive in der Literatur, Tübingen/Basel 1995, S. 172.
6 Vgl. Apel 1983, S. 26.
7 Vgl. Daemmrich, S. 274f.
8 Vgl. Knud Willenberg: Die Kollision verschiedener Realitätsebenen als Gattungsproblem in E.T.A. Hoffmanns Der goldne Topf, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie 95 (1976), S. 107.
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