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Die Bedeutung der Lektüre in Prousts "A la recherche du temps perdu"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 36 Pages
Author: Philipp Rott
Subject: Romance Languages - French Literature

Details

Event: Marcel Proust
Institution/College: University of Duisburg-Essen
Tags: Bedeutung, Lektüre, Prousts, Marcel, Proust
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 36
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V45360
ISBN (E-book): 978-3-638-42777-7

File size: 505 KB


Excerpt (computer-generated)

Die Bedeutung der Lektüre in Prousts
"A la recherche du temps perdu"

von: Philipp Rott

 


INHALTSVERZEICHNIS

I. EINLEITUNG 2

II. ALLGEMEINE BETRACHTUNG DER THEMATISIERUNG VON LITERATUR IN DER RECHERCHE 3

II.1. REZEPTION VON KUNST: DIE SONATE VON VINTEUIL 4
II.2. DIE THEMATISIERUNG DER LITERATUR 7

II.2.1. DIE ANSICHTEN DER FRANÇOISE 7
II.2.2. DER BRIEF DES M. DE CHARLUS 9

III. MOMENTE DES LESENS : MARCEL UND DIE LEKTÜRE 12

III.1. FRANÇOIS LE CHAMPI 12
III.2. LEKTÜRE IM GARTEN VON COMBRAY 14
III.3. LEKTÜRE DER BÜCHER VON BERGOTTE 19
III.4. LE JOURNAL DES GONCOURT 23

IV. LEKTÜRE UND ÄSTHETIK 26

IV.1. LEKTÜRE ALS RAHMENHANDLUNG 26
IV.2. LESEN IM INNEREN BUCH ALS KREATIVER AKT 28
IV.3. DER LESER DER RECHERCHE ALS LESER SEINER SELBST 30

V. SCHLUSSFOLGERUNGEN 32

VI. BIBLIOGRAPHIE 34


 

I. Einleitung

Prousts A la recherche du temps perdu ist ein Lebens-Werk in mehrfacher Hinsicht. Zunächst ist es natürlich das überragende Werk eines Autors, der Zeit seines Lebens auf der Suche nach dem wahren Kunstwerk zu sein schien, immer wieder Unzulänglichkeiten in seinem Schaffen entdeckte und somit seine Vorstellungen von Kunst bzw. Literatur ständig revidierte bzw. zu vervollständigen versuchte. Die Tatsache, dass sich einzelne Fragmente der Recherche schon lange vor der Vollendung des Gesamtwerkes in anderen Schriften und Veröffentlichungen finden, bestätigt ebenfalls, dass die Recherche eben nicht nur das Produkt des letzten Drittels seines Lebens darstellt. Vielmehr änderte Proust seine Kunstkonzeption und ästhetischen Theorien fortlaufend und die Recherche stellt schließlich die Vollendung dieser Suche nach einer zufriedenstellenden Poetik dar. Gleichzeitig berichtet die Recherche vom Leben des Protagonisten und kann somit auch in dieser Hinsicht als Lebens-Werk gedeutet werden. „A la recherche du temps perdu ist die Geschichte (sowohl ‚récit’ als auch ‚histoire’) eines Lebens, erzählt von dem einzig authentischen Zeugen.“ 1 Die Recherche handelt letztendlich von der Entwicklung des Erzählers vom sich-erinnernden Ich zum Autor des zu schreibenden Werkes. 2 In der vorliegenden Seminararbeit, die sich in ihren Ausführungen grundsätzlich auf den ersten Band von A la recherche du temps perdu, nämlich Du côté de chez Swann, und den letzten Band, Le temps retrouvé, beschränkt, soll untersucht werden, inwieweit die Entwicklung des Erzählers zum Künstler (bzw. zum Autor der Recherche) im Verlauf des Werkes angedeutet wird. Insbesondere soll dargestellt werden, dass der Akt des Lesens für die in Le temps retrouvé schließlich explizit formulierte Ästhetik des Werkes eine entscheidende Rolle spielt. Die Lektüre scheint, wenn sie auch nicht ausdrückliche Voraussetzung für literarisches Schaffen ist, zumindest einen ähnlichen Stellenwert bei der Suche nach der Wahrheit einzunehmen, wie das Schreiben.

Um einen allgemeineren Zugang zum Thema der Kunstästhetik, der Produktion und Rezeption von Kunst innerhalb der Recherche zu ermöglichen, soll zunächst dargestellt werden, wie die Rezeption eines Kunstwerkes (die Sonate von Vinteuil), sowie das Lesen bzw. Schreiben von Literatur und das literarische Umfeld im Allgemeinen im Werk Prousts behandelt werden. Da dieser Teil der Arbeit eher einleitenden Charakter hat, wird sich die Untersuchung zwangsläufig auf wenige Beispiele beschränken müssen, die nichtsdestotrotz schon erahnen lassen, welche Rolle die Rezeption von Kunst im Allgemeinen und Literatur im Besonderen für die Romanfiguren hat. Anschließend soll im Hauptteil der Arbeit die Entwicklung des Erzählers hinsichtlich seiner Rezeption von Literatur untersucht werden. Innerhalb der Recherche lassen sich mehrere Szenen finden, in denen der Erzähler als Rezipient von Literatur dargestellt wird. Anhand dieser Szenen soll gezeigt werden, dass, unabhängig von der parallel verlaufenden schriftstellerischen Entwicklung, dem Erzähler durch die Lektüre wichtige Erkenntnisse vermittelt werden, die später sowohl die Thematik als auch die Konzeption des Werkes mitbestimmen. Abschließend soll dann der Versuch unternommen werden, die dem Gesamtwerk der Recherche zugrunde liegende Ästhetik mit der aufgezeigten Entwicklung der Lektüre in Verbindung zu bringen. Die Ästhetik der Lektüre, so viel sei vorweggenommen, scheint für die Konstitution des Werkes und dessen Poetik eines der Grundelemente zu sein.

II. Allgemeine Betrachtung der Thematisierung von Literatur in der Recherche

Einen wesentlichen Bestandteil von A la recherche du temps perdu bilden die verschiedenen Betrachtungen über Kunst, Kunstwerke und Künstler.3 So tauchen neben den Autoren Balzac, Baudelaire, Racine, Dostojewski, Hugo und Zola (sowie den Komponisten Wagner, Debussy und dem Maler Monet, um nur einige zu nennen) auch drei fiktive Künstler auf: der Komponist Vinteuil, der Maler Elstir und der Schriftsteller Bergotte. Bevor auf die Thematisierung von Literatur in der Recherche eingegangen wird, soll nun zunächst am Beispiel der Figur des Charles Swann aufgezeigt werden, welche wichtige Rolle die Kunst, hier speziell die Rezeption von Kunstwerken, innerhalb der Recherche einnimmt.

II.1. Rezeption von Kunst: Die Sonate von Vinteuil

Vinteuil, der Komponist, bzw. seine Sonate für Violine und Klavier spielen in Un amour de Swann eine wichtige Rolle bezüglich des Handlungsablaufs, aber auch hinsichtlich der immanenten Ästhetik. Proust entwirft in Swann ein Gegenbild zum einsichtigen Marcel im letzten Teil von Le temps retrouvé: Swann, und über ihn auch der Leser, wird in mehreren Szenen zum Rezipienten von Kunstwerken. Die Liebe des Charles Swann zu Odette de Crécy entsteht erst aufgrund eines musikalischen Kunsterlebnisses, bei dem Swann die Sonate Vinteuils hört, die er bereits zu anderer Gelegenheit gehört hatte, es jedoch nie geschafft hatte, den Namen des Komponisten herauszufinden. Die positiven Gefühle, die ihn bei dem Stück von Vinteuil überkommen, kann er allerdings nicht als Kunsterlebnis, als einen durch Kunst vermittelten Eindruck deuten. Vielmehr überträgt Swann „ein erotisch gefärbtes Kunsterlebnis, die Begegnung mit der ‚petite phrase’ einer Sonate für Violine und Klavier, auf die entstehende Beziehung zu Odette de Crécy.“4 Zweifellos ein Kunstkenner und Liebhaber, ist er weder in der Lage zwischen Kunst und Leben klar zu trennen, noch zu erkennen, in wie fern die beiden Bereiche miteinander kommunizieren und wie problematisch diese Kommunikation sich gestaltet.5 Er vermag nur, „das Leben zu ästhetisieren“6, nicht aber die Oberfläche von (Kunst-) Eindrücken zu durchbrechen und dadurch eine tiefere Wahrheit zu entdecken, weder in den Leiden, die er in seinem Leben erfährt, noch in den Kunsterlebnissen. Er verleugnet regelrecht die künstlerische Natur der Sonate, wenn er bedauert, dass dieses Musikstück, Swanns und Odettes „air national de leur amour“7, ihre Liebe nicht als Ursprung hat, sich noch nicht mal ausschließlich an die beiden wendet, da sie sie gar nicht kennt:8

Et même, souffrant de songer, au moment où elle [la petite phrase] passait si proche et pourtant à l’infini, que tandis qu’elle s’adressait à eux, elle ne les connaissait pas, il regrettait presque qu’elle eût une signification, une beauté intrinsèque et fixe, étrangère à eux […].9 Unfähig, die Einzigartigkeit der Musik mit ihrer gleichgültigen Universalität zu versöhnen, die die Liebe von Swann und Odette auszuschließen scheint, weigert er sich schließlich auch, die Bedeutung der Sonate anzuerkennen. 10 [...] il la [i.e. la petite phrase] considérait moins en elle-même – en ce qu’elle pouvait exprimer pour un musicien qui ignorait l’existence et de lui et d’Odette quand il l’avait composée, et pour tous ceux qui l’entendraient dans des siècles – que comme un gage, un souvenir de son amour qui, même pour les Verdurin, pour le petit pianiste, faisait penser à Odette en même temps qu’à lui, les unissait […].11

[...]


1 Corbineau-Hoffmann (1993:52)

2 Vgl. Corbineau-Hoffmann (1993:2)

3 Vgl. Keller (1983:153)

4 Corbineau-Hoffmann (1993:62)

5 Vgl. Corbineau-Hoffmann (1993:62)

6 Corbineau-Hoffmann (1993:65)

7 Du côté de chez Swann: 215

8 Vgl. Stambolian (1972 :125)

9 Du côté de chez Swann: 215

10 Vgl. Stambolian (1972 :125)

11 Du côté de chez Swann:215


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