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Auswertung qualitativer Interviews nach der Methode der Rekonstruktiven Fallanalyse von Rosenthal und Fischer-Rosenthal mit Fallbeispiel

Seminararbeit, 2005, 24 Seiten
Autor: Nicole Giese
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 24
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 5  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V45662
ISBN (E-Book): 978-3-638-43021-0
ISBN (Buch): 978-3-638-83149-9
Dateigröße: 250 KB

Zusammenfassung / Abstract

Um ein narratives Interview einwandfrei auswerten zu können, muss der Forscher sich stets vor Augen halten, dass es sich bei dieser Art Text um eine Erzählung handelt, die auf den Erinnerungen des Biographen aufgebaut ist. Erinnerungen, und somit auch die Erzählungen, sind immer retrospektiv und unterscheiden somit sich vom eigentlichen Erlebnis. Beachtet werden muss auch, dass man sich nicht alle Erlebnisse merkt. Gründe dafür, dass Ereignisse nicht ins Gedächtnis aufgenommen werden, sind z.B. chaotisches Erleben einer Situation, einem mangelnden Wechsel der Umgebung oder die Routinisierung von Situationen. Auch Situationen, die keinem genauen Ort und keiner genauen Zeit zuzuordnen sind, werden schwerer ins Gedächtnis aufgenommen. Genauso schwierig, wie das Verhältnis von Erlebnis zu Erinnerung, stellt sich auch das Verhältnis von der Erinnerung zur Erzählung dar. Der Erzählprozess findet auf einer anderen Ebene statt, als die Erinnerung. Bei der Erzählung muss der Erzähler seinem Zuhörer die Gedanken zugänglich machen, indem er sie verbalisiert.Allerdings kann der Erzählprozess auch zu einer weiteren Suche und Rekonstruktion von Erinnerungen führen, wenn er vom Zuhörer stimuliert und nicht blockiert wird. Somit enthält die erzählte Geschichte sowohl mehr, als auch weniger als die Erinnerung. Gewisse Verzerrungen zwischen dem Erlebnis, der Erinnerung und der Erzählung sind also immer normal und lassen sich zumeist durch die Struktur des Textes erkennen. So werden sie als Faktor auch untersucht und können mit in die Interpretation einfließen.


Textauszug (computergeneriert)

Auswertung qualitativer Interviews nach der Methode der
Rekonstruktiven Fallanalyse von Rosenthal und Fischer-
Rosenthal mit Fallbeispiel

von: Nicole Giese

 


Inhaltsangabe

1. Erlebnis – Erinnerung – Erzählung S. 2

2. Die rekonstruktive Fallanalyse S. 4

2.1 Prinzipien S. 4
2.2 Vorgehen S. 6

2.2.1 Analyse der biographischen Daten S. 6
2.2.2 Text- und Thematische Feldanalyse (sequentielle Ana lyse der Textsegmente des Interviews) S. 6
2.2.3 Rekonstruktion der Fallgeschichte (erlebtes Leben)  S. 7
2.2.4 Feinanalyse einzelner Textstellen  S. 7
2.2.5 Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte S. 8

3. Auswertung der Stegreiferzählung von Frau O. S. 9

3.1 Biographische Daten S. 9
3.2 Analyse der biographischen Daten  S. 10
3.3 Segmentierung der erzählten Lebensgeschichte S. 10
3.4 Analyse der erzählten Lebensgeschichte  S. 11
3.5 Feinanalyse einzelner Textstellen und Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte S. 12

4. Fazit S. 14

5. Literatur S. 15

6. Anlage S. 16




 

1. Erlebnis – Erinnerung – Erzählung

Um ein narratives Interview einwandfrei auswerten zu können, muss der Forscher sich stets vor Augen halten, dass es sich bei dieser Art Text um eine Erzählung handelt, die auf den Erinnerungen des Biographen aufgebaut ist. Eri nnerungen, und somit auch die Erzählungen, sind immer retrospektiv und unterscheiden somit sich vom eigentlichen Erlebnis. Verzerrungen zwischen den Ebenen können durch Faktoren wie Müdigkeit, bestimmte Gefühlszustände während des Erzählens, aber auch durch „soziale Erwünschtheit“ entstehen.1 Dieser Vorstellung liegt die „Speicherungskonzeption“ zugrunde, „bei der das Gedächtnis als eine Art defizitäres Tonband […] konzipiert wird. Defizitär ist dieses Tonband, weil es der Idealvorstellung, daß [sic!] alles Erlebte der Reihe nach aufgezeichnet wurde und jederzeit abspielbar sein sollte, nicht entspricht“.2 Das Erlebte wird unter dem Einfluss der Gegenwart reproduziert und ist somit starken Schwankungen unterlegen. In der „gestalttheoretischen Konzeption“ des Gedächtnisses geht man davon aus, dass „gegenwärtige Erlebnisse mit vergangenen verknüpft werden“ und dadurch das Erlebte hervorgeholt wird.3 Damit ähnelt diese Vorstellung der „Netzwerk-Theorie“, in der „gegenwärtige[…] Gefühlszustände[…] mit den damit assoziierten Erinnerungseinheiten“ verbunden sind.4 Allerdings „erinnert man sich ja nicht an alle Situationen des Lebens, die mit den Gefühlen in der Gegenwart korrespondieren, sondern eben nur an diejenigen, die in ihrer Bedeutung eine thematische Verknüpfung mit der gegenwärtigen Situation aufweisen bzw. mit ihr in einem thematischen Feld stehen.“5 Beachtet werden muss auch, dass man sich nicht alle Erlebnisse merkt. Gründe dafür, dass Ereignisse nicht ins Gedächtnis aufgenommen werden, sind z.B. chaotisches Erleben einer Situation, einem mangelnden Wechsel der Umgebung oder die Routinisierung von Situationen. „Empirische Untersuchungen zu Gedächtnisleistungen zeigen […], daß [sic!] in der Erlebenssituation bereits Gestaltetes wesentlich besser memoriert werden kann als die Wahrnehmung und das Erleben von Chaos […]. Chaos geht höchstens als Eindruck von Chaos, und damit ohne Bedeutungszuschreibung ins Gedächtnis ein.“6 Auch Situationen, die keinem genauen Ort und keiner genauen Zeit zuzuordnen sind, werden schwerer ins Gedächtnis aufgenommen. So verhält es sich z.B. auch bei routinierten Handlungen. Hier merkt man sich nur noch herausragende Situationen. Genauso schwierig, wie das Verhältnis von Erlebnis zu Erinnerung, stellt sich auch das Verhältnis von der Erinnerung zur Erzählung dar. Der Erzählprozess findet auf einer anderen Ebene statt, als die Erinnerung. Bei der Erzählung muss der Erzähler seinem Zuhörer die Gedanken zugänglich machen, indem er sie verbalisiert. Hier greifen die schon bei Schütze erwähnten Zugzwänge des Erzählens in den Vorgang ein. Der Gestaltschließungs-, Kondensierungs- und der Detaillierungszwang sorgen dafür, dass die Erzählung verständlich wird.7 Allerdings kann der Erzählprozess auch zu einer weiteren Suche und Rekonstruktion von Erinnerungen führen, wenn er vom Zuhörer stimuliert und nicht blockiert wird. Somit enthält die erzählte Geschichte sowohl mehr, als auch weniger als die Erinnerung:
1. Es wird nicht alles erzählt, woran sich der Erzähler oder die Erzählerin im Moment der Erzählung erinnert.
2. Es werden Bestandteile in die Erzählung miteinbezogen, die nicht zum Erinnerungsnoema des Erlebnisses gehören. Neben Bestandteilen von anderen Erinnerungen oder theoretisch-argumentativen Ausführungen, können auch Fremderzählungen in die Geschichte eingeflochten werden, d.h. solche Erzählungen, die nicht auf eigene Erlebnissen, sondern auf Erzählungen anderer beruhen.8 Gewisse Verzerrungen zwischen dem Erlebnis, der Erinnerung und der Erzählung sind also immer normal und lassen sich zumeist durch die Struktur des Textes erkennen. So werden sie als Faktor auch untersucht und können mit in die Interpretation einfließen.

2. Die rekonstruktive Fallanalyse

Das Verfahren der rekonstruktiven Fallanalyse ist ein Auswertungsverfahren zur Analyse von transkribierten qualitativen Interviews, insbesondere von Stegreiferzählungen aus narrativen Interviews. Das „Vorgehen basiert auf der von Gabriele Rosenthal […] vorgestellten Verknüpfung des von Fritz Schütze entwickelten textanalytischen Verfahrens mit der thematischen Feldanalyse, […] sowie mit Prinzipien der hermeneutischen Fallrekonstruktion in der objektiven bzw. strukturalen Hermeneutik.“9

2.1 Prinzipien

Bevor auf die konkrete Vorgehensweise der Auswertungsmethode eingegangen werden kann, sollen zuerst noch die übergeordneten Prinzipien des Verfahrens erläutert werden. Das Prinzip der Offenheit, dass auch schon bei der Interviewführung des narrativen Interviews dominierend war, gilt ebenso bei der Auswertung, da es besonders wichtig ist, dem Text ohne vorab entwickelten Hypothesen oder Kategorien zu begegnen. Bei der Analyse muss die Gestalt der erlebten und erzählten Lebensgeschichte rekonstruiert und nicht in einzelne Teile auseinander genommen werden. Bei der Anwendung dieses Verfahrens sollte man sich also stets die Frage stellen, welche funktionale Bedeutsamkeit die einzelnen Sequenzen für die Gesamtgestalt des Textes, also sowie für die erzählte, als auch für die erlebte Lebensgeschichte haben.10 Die erzählte und die erlebte Lebensgeschichte müssen außerdem bei der Analyse zunächst auseinander gehalten und getrennt voneinander betrachtet werden. Dazu müssen beide Ebenen am Anfang nach dem dreistufigen Verfahren der Abduktion rekonstruiert werden: 1. Von empirischen Phänomenen ausgehend, wird auf eine allgemeine Regel geschlossen. Dieser Schritt bedeutet das eigentliche abduktive Schließen. Wesentlich dabei ist jedoch, daß [sic!] nicht nur auf eine Regel oder Lesart geschlossen wird, sondern auf alle zum Zeitpunkt der Auslegung möglichen, das Phänomen vielleicht erklärenden Lesarten.

[...]


1 Gabriele Rosenthal: Erlebte und erzählte Lebensgeschichte – Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Frankfurt/New York 1995, S. 71. (Kurztitel: Rosenthal, 1995.)

2 Ebd.

3 Ebd., S. 73.

4 Ebd., S. 74.

5 Ebd., S. 75.

6 Rosenthal, 1995, S. 76.

7 Vgl. Fritz Schütze: Zur Hervorlockung und Analyse von Erzählungen thematisch relevanter Geschichten im Rahmen soziologischer Feldforschung. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hg.): Kommunikative Sozialforschung. München 1976, S. 159-260.

8 Rosenthal, 1995, S. 90.

9 Wolfram Fischer-Rosenthal/Gabriele Rosenthal: Narrationsanalyse biographischer Selbstpräsentation. In: Hitzler, Ronald/Honer, A. (Hg.): Sozialwissenschaftliche He rmeneutik. Opladen: Leske + Budrich, 1997, S. 147. (Kurztitel: Fischer-Rosenthal/Rosenthal, 1997.)


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