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Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" - Analyse mit kulturgeschichtlichem Ansatz

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 42 Pages
Author: Anne Grabinsky
Subject: History - Postwar Period, Cold War

Details

Event: Nachkriegsdeutschland und seine Be- und Aufarbeitung in Literatur und Film
Institution/College: University of Rostock (Historisches Institut)
Tags: Rainer, Werner, Fassbinders, Maria, Braun, Analyse, Ansatz, Nachkriegsdeutschland, Aufarbeitung, Literatur, Film
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 42
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 68  Entries
Language: German
Archive No.: V45669
ISBN (E-book): 978-3-638-43027-2
ISBN (Book): 978-3-638-65818-8
File size: 332 KB
Notes :
Rainer Werner Fassbinder beleuchtet in diesem Film die deutsche Nachkriegsgeschichte vor dem politischen Hintergrund des RAF-Terrors der späten 1970er Jahre und stellt die Frage nach den Kontinuitäten, die das Dritte Reich mit dem neuen Staat verbinden. Die ausführlich angelegte Hausarbeit untersucht mit einem kulturgeschichtlichen Ansatz sowohl die Ära Adenauer als auch die späten Anstöße zur Aufarbeitung des NS durch die 68er-Bewegung bis hin zu Versäumnissen, die in den Terrorismus mündeten.


Abstract

Die Ehe der Maria Braun wurde zur Eröffnung der Berlinale 1979 uraufgeführt und war sowohl in Deutschland als auch im Ausland sehr erfolgreich. Er ist der erste Film einer BRD-Trilogie (weitere Filme: Lola [1981] und Die Sehnsucht der Veronika Voss [1982]), in der Rainer Werner Fassbinder anhand exemplarischer Frauenkarrieren die deutsche Gesellschaft in den Anfangsjahren der Bundesrepublik beleuchtet und den Brückenschlag zum Deutschen Herbst von 1977 versucht. Maria Braun ist die Verkörperung des deutschen „Nachkriegswunders, mit dem eilig alles beiseite geräumt wurde, was an die Herrschaft der Nazis erinnerte“ und dessen Folgen bis in die Ära Schmidt nachwirken.


Excerpt (computer-generated)

Universität Rostock
Hauptseminar: Nachkriegsdeutschland und seine Be - und Aufarbeitung
in Literatur und Film „Leiden an Deutschland“2
Die Nachkriegsjahre als Deutschlands vergebene Chance und
Nährboden der Reaktion
9. Semester

Rainer Werner Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun"

von: Anne Grabinsky

 


Inhalt

Inhaltsangabe  3

1. Einleitung  4

2. „Vielleicht lebe ich in einem Land, das so heißt – Wahnsinn.“ – Fassbinders Deutschland  5

2.1 Fassbinders Generationserfahrung und Umgang mit der Geschichte  6
2.2 Fassbinders politische Gegenwart und Entstehungszeit des Films  11

3. Maria Braun im Spannungsbogen von individueller und allgemeiner deutscher Geschichte  14

3.1 Frausein nach Kriegsende – Film und Realität  14
3.2 Versorgungslage und kulturelle Amerikanisierung  18
3.3 Wirtschaftlicher Aufschwung und politische Emanzipation der frühen 1950er Jahre  21

4. Ein feministischer Film?  28

5. Gattung und Gestalterische Mittel  30

5.1 Ein dekonstruiertes Melodrama  30
5.2 Akustische und visuelle Gestaltungsmittel  32
5.3 Der Kommentar der Fußball-WM von 1954  33
5.4 Nachspann: Die Portrait-Serie  34

6. Eine Nation definiert sich über das „Wirtschaftwunder“ - Abschließende Betrachtung  35

7. Bibliografie  38



 

Inhaltsangabe

Deutschland im Zweiten Weltkrieg: In einem Standesamt, das gerade von einer Bombe getroffen wird, heiraten Maria (Hanna Schygulla) und Hermann Braun (Klaus Löwitsch). Ihre Liebesgeschichte ist jedoch eine unerfüllte: Nach einem halben Tag und einer ganzen Nacht muss Hermann zurück an die Front. Nach Kriegsende wartet Maria vergeblich auf seine Rückkehr. Ein Freund bringt ihr die Nachricht, er sei tot. Maria, die zielstrebig und durchsetzungsstark ist, wartet nicht passiv ab, sondern nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Um das Überleben ihrer Familie zu sichern arbeitet sie als Animierdame in einer Bar für amerikanische GIs und beginnt ein Verhältnis mit Bill (George Byrd), einem schwarzen US Soldaten. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, und er versorgt sie und ihre Familie mit den notwendigen Dingen. Eines Abends steht Hermann vor der Tür, und Maria erschlägt ihren Liebhaber. Hermann nimmt die Tat auf sich und wird zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Maria lebt von nun an nur noch für Hermann und ihre gemeinsame, ferne Zukunft. Auch ihre Gefühle verschiebt sie auf später. Für Emotionen ist im deutschen Wiederaufbau kein Platz. Sie treibt das Kind, das sie von Bill erwartet, ab und wird Prokuristin und Geliebte des Industriellen Karl Oswald (Ivan Desny), dessen Textilfirma sie zu ihrem eigenen Vorteil zum Erfolg führt.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis geht Hermann nach Kanada, weil er zu stolz ist, sich von seiner Frau aushalten zu lassen. Maria, die es mittlerweile als Oswalds Geschäftspartnerin zu materiellem Wohlstand gebracht hat, erleidet Depressionsschübe und beginnt zu trinken. Eines Tages, kurz nach Oswalds Tod, kehrt Hermann zurück. Jetzt, nach einem Jahrzehnt, könnten sie eigentlich beginnen ihre Ehe zu leben. Bei der Testamentseröffnung durch Oswalds Sekretär kommt jedoch heraus, dass die beiden Männer hinter Marias Rücken eine Abmachung getroffen hatten: Hermann sollte nach seiner Haftentlassung ins Ausland gehen, damit Oswald seine letzte Zeit mit Maria verbringen kann. Im Gegenzug wurden Maria und Hermann zu Oswalds Alleinerben. Nachdem sie das erfahren hat, zündet sich Maria in der Küche eine Zigarette an. Weil sie vorher vergessen hat, das Gas abzustellen, explodiert das Haus während man im Radio hört, wie Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gegen Ungarn gewinnt.

1. Einleitung

Die Ehe der Maria Braun wurde zur Eröffnung der Berlinale 1979 uraufgeführt und war sowohl in Deutschland als auch im Ausland sehr erfolgreich. Er ist der erste Film einer BRD-Trilogie (weitere Filme: Lola [1981] und Die Sehnsucht der Veronika Voss [1982]), in der Rainer Werner Fassbinder anhand exemplarischer Frauenkarrieren die deutsche Gesellschaft und Mentalität in den Anfangsjahren der Bundesrepublik beleuchtet. Fassbinder hatte in den späten 1960er Jahre begonnen, eine Reihe von kompromisslos zeit- und sozialkritischen Filmen zu drehen. Liebe ist kälter als der Tod (1969), Händler der vier Jahreszeiten (1972), Angst essen Seele auf (1974) oder der Kollektivfilm Deutschland im Herbst (1977) belegen, dass er sich kontinuierlich mit der aktuellen bundesdeutschen Gesellschaftsrealität, deren Machtverhältnissen und Abhängigkeiten auseinandersetzte und diese im leitmotivischen Scheitern von Illusionen künstlerisch umsetzte. Die historische Dimension seiner Themen blieb jedoch vorerst unberücksichtigt.3 Nach 1977 greift er mit seinen großen publikumswirksamen Filmen – unter ihnen die Trilogie – die deutsche Nachkriegsgeschichte auf. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Der Deutsche Herbst von 1977, in dem die Gewalttaten der RAF (Rote Armee Fraktion) den deutschen Staat auf die Probe stellen, wird von Fassbinder zum Anlass genommen, dessen Selbstverständnis zu hinterfragen: Wie demokratisch ist ein Staat in dem Moment, in dem er bereit ist, die Freiheiten und Rechte des Einzelnen der inneren Sicherheit nachzuordnen? Um dieses Selbstverständnis erklären zu können, wählt Rainer Werner Fassbinder den historischen Ansatz und beleuchtet von diesem aus unter Zuhilfenahme einer analytisch-systemkritischen Perspektive die zeitgenössische bundesdeutsche Mentalität. Wie auch Walter Benjamin geht es ihm um das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, die sich „im Moment der Erkenntnis gegenseitig blitzartig erhellen“4. Ihn interessiert der Bruch von 1945, als die Zukunft noch offen stand und die Weichen für die Bundesrepublik erst noch gestellt werden mussten. Die vertane Chance dieses Neuanfangs war es, was ihn cinematographisch reizte und worauf sich seine persönliche Diagnose des Deutschen Herbstes gründete.

Maria Brauns Werdegang steht stellvertretend für die Entwicklung der Bundesrepublik. Sie ist die Verkörperung des deutschen „Nachkriegswunders, mit dem eilig alles beiseite geräumt wurde, was an die Herrschaft der Nazis erinnerte“5. Mit „Die Ehe der Maria Braun“ ergänzt Fassbinder das Bild der oft nostalgisch verklärten Ära der 1950er Jahre wachsam und liest es gegen die Konvention. Diese Hausarbeit möchte sich auf sozial-, mentalitäts- und kulturgeschichtlichem Wege beiden Zeitebenen, den 1950er und den 1970er Jahren nähern und die Ereignisse der Jahre 1945 bis 1954 im Spiegel der Entstehungszeit des Films betrachten. Genauso wenig wie Fassbinders Film ein historisches Dokument ist, versucht sie nicht, sich ihrem Thema streng faktologisch zu nähern. Statt dessen möchte sie dem Diskussionspotential, das dem Film innewohnt, gerecht werden, indem sie Ansichten reflektiert, die den gesellschaftskritischen Autorenfilmer veranlassten, sich aus zeitgeschichtlicher Perspektive einer aktuellen Problematik zu nähern.

2. „Vielleicht lebe ich in einem Land, das so heißt – Wahnsinn.“6 – Fassbinders Deutschland

Im Ausland, wo Fassbinder ein hohes Ansehen genoss, wurde er auch als glaubwürdiger Chronist Deutschlands geschätzt. Aufgrund seines kritischen Umgangs mit dem bundesrepublikanischen Zeitgeschehen bezeichnete ihn selbst ein konservatives Massenblatt wie die britische Daily Mail als das „Gewissen seiner Nation“7. Den Grund, warum er Zeitgeschichte filmisch aufarbeitet, erkennt die französische Le Monde in einem Nachruf in seiner Generationserfahrung: Rainer Werner Fassbinder repräsentierte die leidenschaftliche Wut des deutschen Films, die Wut einer Jugend, die in den sechziger Jahren die Augen öffnete und wahrnahm, was die Älteren ihr hinterlassen hatten: die Zerstörung der deutschen Identität durch den Nationalsozialismus.8

2.1 Fassbinders Generationserfahrung und Umgang mit der Geschichte

Fassbinder spürt im Zuge eines deterministischen Geschichtsverständnisses die Ursachen der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation in der deutschen Nachkriegsgeschichte auf. Gleichzeitig stellt er die zu seiner Zeit etablierte Geschichtsinterpretation der fünfziger Jahre, die - wie in jeder Gesellschaft - von einer meinungsführenden Elite bestimmt wurde, infrage, und räumt mit deren historischer Mythenbildung auf. Sein kritischer Ansatz – von Rezensenten bisweilen als Nihilismus gedeutet9 – ist normativ und setzt bei den Möglichkeiten, das besiegte Deutschland gesellschaftspolitisch neu zu gestalten, an. Vor allem der erste Bundeskanzler, der konservative Übervater Konrad Adenauer mit seinem Credo „Keine Experimente!“10, steht jedoch für eine Kontinuität alter Ordnungen. Mit Blick auf seine BRD-Trilogie äußert Fassbinder, nach 1945 sei die Chance vertan worden „einen Staat zu errichten, der so hätte sein können, wie es humaner und freier vorher keinen gegeben hat“.11

[...]


2 KAES, Anton: Deutschlandbilder. Die Wiederkehr der Geschichte als Film, München 1987, S. 75.

3 Vgl. KAES, S. 80.

4 BENJAMIN, Walter: Über den Begriff der Geschichte. In: TIEDEMANN, Rolf; SCHWEPPENHÄUSER, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, Frankfurt/M. 1974ff., S. 695.

5 SPAICH, Herbert: Rainer Werner Fassbinder: Leben und Werk. Weinheim 1992, S. 303.

6 Aussage Marias im Film Die Ehe der Maria Braun.

7 Auskunft über Deutschland. Ausländische Reaktionen auf den Tod von Rainer Werner Fassbinder. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (12. Juni 1982).

8 Ebd.

9 FEINSTEIN, Howard: BRD 1-2-3: Fassbinder’s Postwar Trilogy and the Spectacle. In: Cinema Journal, Bd. 23, Heft 1 (Herbst 1983), Austin/Texas, S. 44.

10 Wahlkampfmotto des der CDU/CSU unter Konrad Adenauer im Bundestagswahlkampf von 1957.

11 TÖTEBERG, Michael: Rainer Werner Fassbinder: Filme befreien den Kopf. Essays und Arbeitsnotizen, Frankfurt/M. 1984, S. 73.


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