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Der Wilde im Zettelkasten: Quellen, Einflüsse und Methode in Sigmund Freuds "Totem und Tabu"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 25 Pages
Author: Jens Rymes
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 25
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V45799
ISBN (E-book): 978-3-638-43142-2

File size: 240 KB
Notes :
Evans-Pritchard hat es als Märchen bezeichnet, Lévi-Strauss als modernen Mythos. Die beiden Anthropologen beim Wort nehmend, nehme ich mir Freuds Abhandlung unter literaturwissenschaftlichen Aspekten vor. So wie sich Freud zufolge in der Mythologie die Wahrheit allegorisch zeigt, muss auch sein Text unter literarischen Vorzeichen betrachtet werden: als narrative Fortschreibung des Totemismus und anderer Phantasien der Ethnologie des 19. Jahrhunderts.



Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
HS Kultisches Mahl

Der Wilde im Zettelkasten: Quellen, Einflüsse
und Methode in Sigmund Freuds "Totem und Tabu"

von: Jens Rymes

 


Inhalt

1 Einleitung: Es war einmal... eine Hypothese 2

2 Evolution und Dekadenz 4

3 Totem, Tabu und Fetisch 6

4 Quellen 8

5 Zurück in die Natur 9

6 Der Blick in die Vergangenheit 12

7 Der virtuelle Urmensch 14

8 Wissenschaftliche Methode 17

9 Allegorese 20

10 Schluss 21

11 Bibliographie 24

 


 

1 Einleitung: Es war einmal... eine Hypothese

‘Think of Giraffe,’ said the Ethiopian. ‘Or if you prefer stripes, think of Zebra. They find their spots and stripes give them perfect satisfaction.’ ‘Umm,’ said the Leopard. ‘I wouldn’t look like Zebra--not for ever so.’ ′Well, make up your mind,’ said the Ethiopian, ‘because I’d hate to go hunting without you, but I must if you insist on looking like a sunflower against a tarred fence.’ ‘I′ll take spots, then,’ said the Leopard; ‘but don’t make ‘em too vulgarbig. I wouldn’t look like Giraffe--not for ever so.’ Rudyard Kipling, „How the Leopard Got His Spots” In Massenpsychologie und Ich-Analyse, erschienen 1921, erwähnt Freud, offenbar mit einer Spur Enttäuschung, dass seine These vom Mord des Urvaters aus Totem und Tabu mit Rudyard Kiplings Just-so Stories verglichen wurde1. In diesen Kindergeschichten werden humorvoll sagenhafte Ursprünge für die Tiere und ihre Eigenschaften gesponnen, etwa darüber, wie der Leopard seine Flecken, oder das Kamel seinen Höcker bekam. Freud wäre wohl noch weniger begeistert gewesen zu hören, dass Edward Evans-Pritchard seinen Aufsatz als ein „Märchen“ abtat2. Er selbst bezeichnet seine Gedanken über die Entstehung von Totemismus und Religion vorsichtig als „Hypothese“, die sich allerdings geeignet zeige, „Zusammenhang und Verständnis auf immer neuen Gebieten zu schaffen“3.

Im Kern besteht seine Theorie darin, dass alle Religionen mit ihren Überzeugungen, Bräuchen und Riten auf eine totemistische Vorstufe zurückgeführt werden können und der Totemismus wiederum auf ein vorzeitliches blutiges Ereignis — den Mord des Urvaters. Die menschliche Gesellschaft vor jeder kulturellen Errungenschaft bestand der Theorie zufolge aus einer kleinen Sippe, die von einem einzelnen, übermächtigen Mann dominiert wurde4. Dieser Urvater beanspruchte alle „Weibchen“5 für sich und verteidigte sie eifersüchtig und aggressiv gegen alle Nebenbuhler. Alle anderen Männer, die „Söhne“, wurden ausgegrenzt, bis sie sich eines Tages zusammenschlossen und gemeinsam den Vater töteten und ihn verspeisten, um seiner Frauen und seiner Stärke habhaft zu werden. Diese Tat war jedoch nicht ohne Folgen, denn Generationen der Unterdrückung durch den Vater hatten die Psyche der Männer tief geprägt. Wie ein Kind die Regeln, Drohungen und Strafen der Eltern internalisiert und sie schließlich bei einem Übertritt durch ein schlechtes Gewissen gegen sich selbst wendet, stellten sich Schuldgefühle und Reue bei den Söhnen ein. Der Vater im Kopf erwies sich als sehr viel machtvoller, als es der lebendige Vater je hätte sein können.

Da die Urmenschen, so Freud, nicht in der Lage gewesen seien, sich rational mit ihrer Seelenqual auseinanderzusetzen, sei ein symbolischer Ersatz für den Vater geschaffen worden, das Totemtier. Dies versetzte die Söhne in die Lage, ihren ambivalenten Gefühlen gegenüber dem Urvater Ausdruck zu verleihen. Auf der einen Seite war da die Furcht vor Strafe und das Bedürfnis nach Fürsorge: das Tier wurde beschwichtigt und um Schutz gebeten. Auf der anderen Seite der Hass und das Verlangen nach dem, was der Vater für sich beanspruchte: das Tier konnte gejagt und verzehrt werden. Diese widersprüchlichen Handlungen wurden durch strenge Gebote geregelt und in Balance gehalten: getötet und gegessen werden durfte der Totem6 nur in bestimmten Abständen und nur in Gemeinschaft; die meiste Zeit jedoch wurde der Totem verehrt und geschont, sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Frauen des selben Totem waren nicht zugelassen. Mit dieser Geschichte, die, wie Freud selbst sagt, „niemals Gegenstand der Beobachtung“7 gewesen sei, möchte er eine gemeinsame Antwort für die Frage nach der Herkunft der Exogamie, der Speisetabus und der Totemmahlzeit liefern. In der folgenden Arbeit möchte ich aufzeigen, wie Freud seine Hypothese methodisch entwickelt und welche Schwierigkeiten mit seinem Ansatz verbunden sind. Dabei richte ich meine Aufmerksamkeit auf Freuds Quellen, die Bedeutung der religionswissenschaftlichen Tradition, sowie auf Einflüsse aus anderen Wissenschaften und aus seiner eigenen Theorie der Psychoanalyse.

2 Evolution und Dekadenz

Mitte des 19. Jahrhunderts begann man in England das bis dahin weit verbreitete sogenannte Dekandenzmodell in Frage zu stellen8. Der bis zu diesem Zeitpunkt gängigen Ansicht zufolge waren die Religionen der „Wilden“9 keine ursprünglichen Formen, oder gar Vorläufer der Weltreligionen, sondern Produkte eines Degenerationsprozesses. Der Marburger Ge - lehrte Friedrich Creuzer hatte 1812 in seinem Buch Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen die These aufgestellt, dass sich alle Religionen auf einen Ur-Monotheismus zurückführen ließen. Um dies zu belegen, suchte er in den antiken Texten Homers und Hesiods nach Spuren einer vorgeschichtlichen Offenbarung, aus der sich durch Zerfall alle polytheistischen und animistischen Formen abgeleitet haben sollten. Dieses Modell, auch Depravationstheorie genannt, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein gelehrt und verbreitet, wie z.B. in den Schriften von Pater Wilhelm Schmidt. Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen von Creuzers Buch, begann sich ein Modell zu etablieren, das die bis dahin gültige Abfolge umkehrte: Naturreligionen wurden nunmehr als Vorläufer sowohl des Polytheismus als auch der monotheistischen Weltreligionen gesehen. Autoren wie Edward Burnett Tylor, John McLennan und Charles Darwin trugen dazu bei, ein neues Bild der Naturvölker als „Primitive“ zu formen. Der Begriff wurde nicht im heutigen, meist pejorativen, Sinne gebraucht, sondern betonte die Ursprünglichkeit dieser Kulturen10.

[...]


1 Freud. Massenpsychologie und Ich-Analyse. SA 9, 114.

2 Evans-Pritchard, E.E. Theorien über Primitive Religionen. Frankfurt a.M., 1968: 79.

3 Massenpsychologie und Ich-Analyse. SA 9, 114.

4 Dieses Modell übernimmt er von Charles Darwin, vgl. Freud. Totem und Tabu. SA 9, 409.

5 Ich übernehme hier Freuds Terminologie. In Bezug auf die Urhorde spricht er von „Männern“ einerseits, aber von „Weibchen“ andererseits: vgl. Totem und Tabu. SA 9, 195.

6 Ich halte mich in dieser Arbeit an Freuds Text, in dem der Begriff „Totem“ im maskulinen Genus gebraucht wird.

7 Das Unbehaben in der Kultur. SA 9, 195.

8 In meiner Wiedergabe des Degenerations- und Evolutionsmodells beziehe ich mich teilweise auf die Vorlesung „Religion und Philosophie“ von Prof. Jens Halfwassen.

9 Ich verwende die Begriffe „Wilde“, „Primitive“ und „Naturvölker“ etc. um mich auf das Bild der schriftlosen oder indigenen Völker, wie es sich die Anthropologie des 19.Jahrhundert von ihnen gemacht hatte und das Sigmund Freud als Vorlage dient, zu beziehen.

10 Kippenberg, Hans G. Die Entdeckung der Religionsgeschichte: Religionswissenschaft und Moderne. München, 1997: 83.


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