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Sein und Sollen (es hat nicht Sollen Sein) - Eine Untersuchung von Hans Jonas' normativer Ontologie vor dem Hintergrund seiner Kritik an Martin Heidegger

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 34 Pages
Authors: Jens Rymes, Viola Nordsieck
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 34
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V45806
ISBN (E-book): 978-3-638-43149-1

File size: 256 KB
Notes :
Philosophie muss sich in Biologie und Physik einmischen: Hans Jonas' Versuch der Wiedereinbettung der Ethik in den naturwissenschaftlichen Diskurs vor dem Hintergrund seiner Kritik an Martin Heidegger und der ökologischen Situation der 70er Jahre.



Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls -Universität Heidelberg
Hauptseminar „Martin Heideggers jüdische Schüler“

Sein und Sollen (es hat nicht Sollen Sein) -
Eine Untersuchung von Hans Jonas’ normativer Ontologie
vor dem Hintergrund seiner Kritik an Martin Heidegger

von: Jens Rymes

 


Inhalt

1. Philosophie und die Fragen der Neuzeit 2

2. Ontologie des Lebens, Ontologie des Todes  3

3. Ausgangslage 6

4. Natürliche Zwecke  8

5. Anthropozentrik 9

6. Sein und Freiheit  10

7. Vereinbar, aber nicht notwendig: eine Antwort der Biologie  14

7.1 Freiheit und Identität  15
7.2 Verantwortung 16

8. Eine Zwischenbildanz: Keine Rettung vor dem Nihilismus  17

9. Die Nihilismuskritik  20

10. Zeitlichkeit, Gegenwart und Ewigkeit 22

11. Das Selbst: Eine Alternative zur Subjektivitätsphilosophie 25

12. Die Ontologie des Organischen 28

13. Normative Ontologie? Ein alternatives Ethik-Verständnis 30

14. Bibliographie  33
 


 

1. Philosophie und die Fragen der Neuzeit

Die Philosophie insbesondere der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weist eine gewisse Angleichung der Grundgedanken ihrer relevanten Vertreter auf, weil sie eine Welt vorfindet, die an das Denken deutliche und unmißverständliche Forderungen stellt. Nur wenige Denker haben nicht auf ihre Weise den Wandel und die Vorherrschaft der modernen Naturwissenschaft thematisiert; kaum möglich, sich nicht mit ihren Folgen denkend auseinanderzusetzen – mit der Eventualität von Dingen, von denen noch in der frühen Neuzeit niemand geglaubt hätte, dass sie möglich, geschweige denn problematisch werden könnten. Die Gefahr der Weltzerstörung ist in jeder erdenklichen Form zum Thema geworden. Zwei Fragen stellen sich damit dem Denken der Moderne: Wie ist es geschehen, dass diese Entwicklung zustande kam, in welcher Weise müssen Menschen gedacht haben, so dass sie diese Welt erleben? Und: Gibt es eine Möglichkeit, die scheinbar unbegrenzte Macht über die Natur, über die wir verfügen, zu beherrschen und zu regeln, oder werden wir bereits von ihr beherrscht? Die zentrale Frage, an der das Denken der Neuzeit nicht vorbeikommt, wird meist lapidar mit „Technikkritik“ bezeichnet und steht in Verbindung mit den Ansprüchen und dem Wirken der modernen Naturwissenschaft. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es die Physik, die Heidegger, Wittgenstein und Adorno neben vielen anderen für ein Musterbeispiel und einen Motor des naturwissenschaftlichen Paradigmas hielten. Mittlerweile kommt die Biologie zu ihrem Recht. Wenn das Prinzip der Naturbeherrschung auch das selbe geblieben ist, scheint sich nun der Vorgang seinem Ende zu nähern: mit der Gentechnik wird die Naturbeherrschung und alles, was mit ihr einhergeht, vollständig sein. Denn sie wird einen Abgrund überwinden, der bisher selbstverständlich war: die Kluft zwischen Beherrscher und Beherrschtem, Mensch und Natur, Subjekt und Objekt. Oder ist das eine Sichtweise, die zu kurz greift?

„Der Bruch zwischen Mensch und totalem Sein ist am Grunde des Nihilismus.“ 1 diagnostiziert Hans Jonas. Unter den Denkern der Moderne ist er einer derjenigen, die sich am meisten mit den oben beschriebenen Fragen auseinandergesetzt hat, der seine Arbeit entschieden, explizit und engagiert dem Umgang des Menschen mit sich und der Welt in der Neuzeit widmet. Zudem hat sich seine Wirkung – eine direktere Wirkung, als die meisten anderen Philosophen für sich beanspruchen können – auf das politische Geschehen und die allgemeinöffentliche Meinung erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entfaltet und damit auch das heutige Geschehen direkt beeinflußt. Weniger als andere hat er sich mit dem naturwissenschaftlichen Paradigma befaßt; sein Hauptanliegen war nicht, zu klären, was der Mensch sei und wie er denkt, sondern ihn zu erhalten. Doch um dahingehend etwas zu bewirken, musste Jonas eine Diagnose liefern; die Subjekt-Objekt-Spaltung spielt darin eine wesentliche Rolle. Sie ist, so schreibt er, am Grunde des Nihilismus; jenes Nihilismus, der die geistige und damit die ganze Situation der Moderne überhaupt erst ermöglicht. Nihilismus, das bedeutet: an nichts glauben, nichts für gut halten, nichts schätzen, achten und bewahren. Der moderne Mensch hat die Macht, alles Seiende zu vernichten, einschließlich seiner selbst. Ein totaler Nihilismus würde bedeuten, dass es keinen Grund gibt, davon abzusehen. Diesen Grund will Hans Jonas liefern, den Nihilismus will er durch ein Denken ersetzen, das Gutes kennt, schätzt, achtet und bewahrt. Sein Ansatzpunkt ist dabei eine Neuorientierung der traditionellen Ethik und die Fixierung von Werten im Sein und in der Natur, welche Unabhängig von menschlichem Bewusstsein bestehen. In einem ersten Schritt wollen wir zunächst die praktischen Aspekte von Hans Jonas’ Konzept beleuchten, dabei stützen wir uns vor allem auf seine Gedanken zu einer in der Natur verankerten Freiheit in Organismus und Freiheit sowie die in Das Prinzip Verantwortung aufgeworfene Frage, inwiefern sich eine normative Ontologie mit der Naturwissenschaft vereinbaren lässt.

2. Ontologie des Lebens, Ontologie des Todes

Mit seiner Auslegung des Nihilismus als „Bruch zwischen Mensch und totalem Sein“ folgt Jonas Heideggers Nietzsche-Interpretation, wonach der Nihilismus eine Grundkonstante sei, die sich seit Platon durch die abendländische Kulturgeschichte ziehe. Diese „Grundtatsache unserer Geschichte“2, so Heidegger, sei charakterisiert durch ein Moment der Weltabkehr, das die Abwertung aller diesseitigen Ziele und Werte einerseits und die moralische Überhöhung alles Transzendentalen andererseits beinhalte: „Die Verneinung wird wünschbar durch das Ansetzen des Übersinnlichen als des eigentlich Seienden“3. In Organismus und Freiheit knüpft Jonas weitgehend an Heideggers Auslegung an, schließt diesen jedoch auch in die Kritik mit ein. Der Ausgangspunkt der Entwicklung zum Nihilismus sei ein Panvitalismus gewesen, welcher sich schließlich zu unserem heutigen, von der Naturwissenschaft geprägten Zugang zur Natur gewandelt habe. Der Panvitalismus beschreibt die Welt als lebendig und atmend: „Allem voran jedenfalls geht das überzeugendste Erlebnis allgegenwärtigen Lebens in allem, was ist“4. Der Mensch nimmt auf der Erde keine Sonderstellung ein, da alles beseelt sei. Jonas bezeichnet dieses Weltbild als „Lebens ontologie“, da aus ihm heraus Sein stets nur als lebendiges Sein, nie als tote Materie gedacht werden könne.

Die aufkeimenden Naturwissenschaften, hier exemplarisch an zwei für sie grundlegenden Denkern, Descartes und Francis Bacon, aufgezeigt, festigen die Subjekt-Objekt-Spaltung, welche sich im Platonismus und der Gnosis auftut. Descartes baut sie zu seiner Zwei-Substanzenlehre aus, nach welcher sich in der Welt zwei Grundsubstanzen finden, Geist und Materie. Jeder Substanz komme ein primäres Attribut zu: dem Geist (res cogitans) das Denken, der Materie (res extensa) die Ausdehnung. In ihren Akzidentien zeigt sich die Inkompatibilität der Substanzen: die Körper sind ausgedehnt, aber unbeseelt, geistlos. Die Seele, umgekehrt, besitzt Bewusstsein und Vernunft, hat aber keine Ausdehnung und ist deshalb grundverschieden und unabhängig von dem Körper mit dem sie verbunden ist. Leibliche Bedürfnisse wie Hunger, sowie Gefühle und Sinneseindrücke gehören nicht primär in die Sphäre der res cogitans, sie entstehen aus der Verknüpfung von Geist und Körper.

Durch die damit hergestellt Sonderstellung des Menschen hat Descartes die gesamte belebte Natur auf die Ebene von Dingen reduziert: da Pflanzen und Tiere nur an der res extensa teilhaben, unterliegen sie in ihrem gesamten Wesen physikalischen und mechanischen Abläufen. Descartes beschreibt Tiere bezeichnenderweise als „automata“, also Maschinen, welche sich von durch Menschenhand gefertigten Automaten nur durch ihre höhere Komplexität unterscheiden5. Freiheit oder Zwecke sind daher bei ihnen nicht denkbar, genausowenig eine Identität, da sie nur ein Teil der Gesamtmasse der unbeseelten, amorphen res extensa sind. Entsprechend kann mit ihnen rein naturwissenschaftlich verfahren werden, da sich ihr Wesen und ihr Verhalten auf mathematische Größen reduzieren lässt. Die richtige Vorgehens weise zum Verständnis eines Gegenstands, sei die methodische Zerlegung in seine Einzelteile — bei Lebewesen demnach die Sektion. Sind die kleinsten Bestandteile identifiziert und erklärt, wird von ihnen ausgehend, zu komplexen Vorgängen, die sich aus ihrem Zusammenspiel ergeben, voran geschritten. Ausgangspunkt sind dafür einfache, evidente Grundannahmen, analog zu Euklids geometrischen Axiomen. Metaphysische Faktoren werden bewusst aus geblendet, da sie für eine Analyse und kausale Erklärung überflüssig sind6.

[...]


1 GSG, 379.

2 Heidegger. Gesamtausgabe Bd. 6.1, 158.

3 a.a.O. 161.

4 OUF, 20.

5 Vgl. Cottingham, 15.

6 Diese Idee geht schon auf einige frühere Denker zurück, beispielsweise William von Ockham.


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