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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 23 Pages
Author: Dr. med. Ernst Seiffert
Subject: Philosophy - General Essays, Eras
Details
Institution/College: University of Hagen (Institut für Philosophie)
Tags: Begriff, Intellektuellen, Präsenzseminar
Year: 2004
Pages: 23
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 28 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-43163-7
ISBN (Book): 978-3-638-65825-6
File size: 399 KB
Dichter Text
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Abstract
Die Intellektuellen als eingenständige Gruppierung unserer Gesellschaft sind heute auf ganz verschiedenen Ebenen Gegenstand der Diskussion. Nicht nur im akademischen Bereich nimmt man sich des Themas an, auch im Feuilleton der aktuellen Tageszeitungen, in Kommentaren politischer Zeitschriften, schließlich in Rundfunk und Fernsehen sowie natürlich im Internet sind die Intellektuellen präsent. Doch was genau macht Intellektuelle aus, wo liegen ihre Aufgaben, wie äußert sich ihr Einfluß? In der vorliegenden Arbeit wird der Intellektuellen-Begriff einer eingehenden, strukturierten Analyse unterzogen. Zunächst erfolgt eine kurze Darstellung des historischen Hintergrundes, vor dem sich die Begriffsentstehung vollzog. Daran anknüpfend wird die weitere begriffliche Entwicklung mit allen Bedeutungsänderungen bis heute nachgezeichnet. Es folgt eine Art »Bestandsaufnahme«, welche das heutige Verständnis vom Intellektuellen in seiner ganzen Bandbreite darstellt. Besonderes Augenmerk wird auf die politische Positionierung der Intellektuellen gerichtet, und zwar sowohl in der horizontalen (links vs. rechts) wie auch in der vertikalen (oben vs. unten) Einteilung. Ein kurzes Kapitel zum Verhältnis von Vernunft und Macht weist auf die weitreichenden Einflußmöglichkeiten der Intellektuellen hin. Zuletzt wird eine abschließende Definition vorgenommen, welche die verschiedenen Untersuchungsergebnisse zusammenführt und das Phänomen der Intellektuellen möglichst umfassend beschreibt, ohne dabei apodiktisch zu sein.
Excerpt (computer-generated)
FernUniversität Hagen, Institut für Philosophie
Hausarbeit zum Präsenzseminar: »links und rechts«
Der Begriff des Intellektuellen
von: Ernst Seiffert
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Historische Entwicklung des Begriffes »Intellektuelle« 4
2.1. Intellegere, Intelligentia, Intellectus – die ursprüngliche Wortbedeutung 4
2.2. Die Intelligenz als Metapher für die Intellektuellen 5
2.3. Intelligencija in Rußland und ihr Pendant im Marxismus 5
2.4. Les intelectuels – die Prägung eines neuen Begriffes während der Dreyfus-Affäre 6
2.5. Verbreitung und Interpretationen der neuen Bezeichnung 9
3. Aktuelle Konzepte vom Typus des Intellektuellen 12
3.1. Definitionen moderner Enzyklopädien und Lexika 12
3.2. Rolle und Aufgaben der Intellektuellen in der aktuellen Diskussion 14
3.3. Einordnung im politischen Spektrum: Rechts oder links? 17
3.4. Position im gesellschaftlichen Machtgefüge: Oben oder unten? 18
3.5. Vernunft und Macht in der politischen Philosophie 19
4. Versuch einer abschließenden Definition 20
5. Literaturverzeichnis 23
1. Einleitung
Die Intellektuellen als spezifische Gruppierung unserer Gesellschaft sind heute auf ganz verschiedenen Ebenen Gegenstand der Diskussion, sei es in sozialwissenschaftlichen Umfragen und Analysen, im Rahmen philosophischer Gesellschaftskritik, in Untersuchungen der Politologie und Geschichtswissenschaften, oder sei es im Feuilleton der aktuellen Tageszeitungen, in Kommentaren politischer Zeitschriften bis hin zur Regenbogenpresse, schließlich in Rundfunk und Fernsehen sowie natürlich auch im Internet. »Was sind und tun Intellektuelle?« titelt zum Beispiel eine Schweizer Webseite für »brainworker« 1 , und liefert anschließend exemplarische Antworten aus der Feder verschiedener Persönlichkeiten, die man gemeinhin durchaus als Intellektuelle bezeichnen würde.
Hierbei fällt bereits zweierlei auf: Zum einen sieht man deutlich, daß die gegebenen Beschreibungen und Definitionen zwar sinngemäß meist in die gleiche Richtung gehen, dabei jedoch sehr unterschiedliche Facetten des jeweils entworfenen Intellektuellen-Bildes hervorheben und folglich individuelle Prioritäten setzen. Darüber hinaus gilt es in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß die Bestimmung der Intellektuellen stets auch eine Selbstbestimmung ist, welche naturgemäß beständigem Wandel unterliegt. »Was immer auch die Intellektuellen sind – sie und sie allein waren es, die ihre jeweiligen Definitionen entwarfen und verwarfen. Jeder Versuch, Intellektuelle zu definieren, ist ein Versuch der Selbstdefinition…«2. Mit dieser Einschätzung mahnt der Politologe Zygmunt Baumann zur Vorsicht, wenn wir uns in theoretischen Untersuchungen mit Intellektuellen befassen, damit wir bei aller notwendigen Abstraktion nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, daß wir es innerhalb der Intellektuellen-Gruppierung letztlich mit einzelnen Menschen zu tun haben, die ihre eigenen Vorstellungen in die Gruppe hineintragen und sie auf diese Weise mitbestimmen, verändern und weiterentwickeln. Der Begriff des Intellektuellen besitzt somit auch ein subjektives, relatives Moment. Fernerhin können bei einer Definitionsfindung insofern Probleme auftreten, als die Diskussion hier keineswegs immer wertfrei und sachlich vonstatten geht, sondern im Gegenteil nicht selten ideologisch aufgeladen ist und damit von vornherein durch Gesinnungsbarrieren eingeschränkt wird. Eine Trennung von rein philosophischer und ideologisch überlagerter Argumentation kann im Einzelfall schwierig, wenn nicht unmöglich werden. Um derartige Einflüsse und Abhängigkeiten zu erkennen und sinnvoll zu verarbeiten, ist es wichtig, insbesondere die politische Bedeutung der Intellektuellen zu berücksichtigen, d.h. ihre Position und ihren Einfluß innerhalb des gesellschaftlichen Machtgefüges herauszuarbeiten.
Im folgenden soll nun der Intellektuellen-Begriff im Sinne der Vorbemerkungen einer eingehenden, strukturierten Analyse unterzogen werden, wobei alle genannten, insbesondere die problematischen Aspekte zur Sprache kommen werden. Zunächst scheint es dabei angebracht, einen historischen Hintergrund zu schaffen und die Begriffsentstehung zu umreißen, um daraufhin der weiteren Entwicklung mit eventuellen Bedeutungs- änderungen bis heute nachzugehen. Anschließend erfolgt eine Art »Bestandsaufnahme«, welche das heutige Verständnis vom Intellektuellen in seiner gesamten Bandbreite untersuchen wird. Weiterhin werden wir uns mit der politischen Positionierung der Intellektuellen sowohl in der horizontalen (links vs. rechts) wie auch in der vertikalen (oben vs. unten) Gliederung befassen. Zuletzt wollen wir eine abschließende Definition wagen, welche die verschiedenen Untersuchungsergebnisse zusammenführt und das Phänomen des Intellektuellen möglichst vollständig beschreiben soll.
2. Historische Entwicklung des Begriffes »Intellektuelle«
2.1. Intellegere, Intelligentia, Intellectus – die ursprüngliche Wortbedeutung
»Credo ut intellegam«3, zu deutsch »ich glaube, um zu verstehen«, formulierte der scholastische Theologe Anselm von Canterbury zu Beginn des vergangenen Jahrtausends, und meinte damit in Anlehnung an den Kirchenvater Augustinus, daß der Glaube die Quelle aller durch vernünftiges Denken gewonnenen Einsicht darstelle – wenngleich er die Vernunft als Mittel zur Auslegung von Glaubenswahrheiten ebenfalls für unerläßlich hielt. Das lateinische intellegere hat demnach einen über die ursprüngliche Wortbedeutung »dazwischen auswählen«4 hinausgehenden Sinn, welcher die konkrete Tätigkeit in die geistige Ebene verlegt und dann ein »Verstehen«, »Einsehen« oder »Begreifen« ausdrückt. In dieser Bedeutung wird das Verb schon im klassischen Latein, beispielsweise von Cicero verwendet.
Aus dem Partizip intellegens entstand bald das selbständig gebrauchte Abstraktum intellegentia5, zudem leitet sich der intellectus vom gleichen Wortstamm ab, wobei die beiden Substantive zunächst synonym gebraucht wurden und insgesamt drei Dinge bezeichneten, nämlich zum einen ganz generell die Fähigkeit, etwas zu erkennen, zweitens das Erkennen selbst und schließlich das Resultat, d.h. die gewonnene Erkenntnis. Erst im 19. Jahrhundert erfolgte eine differenzierte Abgrenzung der beiden Begriffe gegeneinander6. Mit dem Adjektiv intellectualis schließlich wird schlicht ein Bezug zum intellectus hergestellt, es liefert also eine Charakterisierung von etwas als »zum intellectus gehörig« bzw. für ihn typisch oder von ihm ausgehend etc. Intellektuell kann somit dem Wortsinn nach erst einmal als »verstandesmäßig« übersetzt werden, wenn man Intellekt der Einfachheit halber mit Verstand gleichsetzt. Daß alle genannten Begriffe späterhin einen Bedeutungswandel, zum Teil eine uneinheitliche Entwicklung erfahren haben, ergibt sich sowohl aus der Verbreitung in unterschiedlichen Sprachräumen wie auch aus der Komplexität der dahinter stehenden Inhalte. Wir werden später einige solcher Entwicklungen betrachten und analysieren.
2.2. Die Intelligenz als Metapher für die Intellektuellen
Interessant ist im Rahmen der Begriffsgeschichte besonders die Tatsache, daß Intelligenz zu verschiedenen Zeiten auch als Sammelbegriff für die intelligenten, urteilsfähigen Menschen einer Gesellschaft verwendet wurde. »Se dit d’un personage qui joue dans l’Etat un rôle éminent«7, so lautet z.B. eine Erläuterung zur intelligence im Wörterbuch der Académie française von 1694; eine bedeutende Persönlichkeit im Frankreich des 17. Jahrhunderts stellte nach diesem Verständnis gleichsam die Verkörperung der Intelligenz im Staate dar. In ähnlicher Weise wurde der Begriff auch in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert als Kollektivbezeichnung für die Gebildeten des Landes gebraucht8, häufig mit speziellem Bezug auf die staatlichen Entscheidungsträger bzw. Politiker9, bei denen ein hohes intellektuelles Niveau als notwendig vorausgesetzt wurde – übrigens eine durchaus fragwürdige Prämisse.
In jedem Falle ist hinsichtlich der soziologisch-klassifizierenden Verwendung des Intelligenz- Begriffes zu bemerken, daß überwiegend die politisch herrschenden oder zumindest einflußreiche Gesellschaftsschichten mit dem Terminus belegt wurden, d.h. Intelligenz wurde nach einer solchen Auffassung auch mit Macht identifiziert. Gleichwohl muß diese Macht keineswegs mit der Staatsgewalt identisch sein, sondern kann sich im Gegenteil als Opposition mit deutlichen Ambitionen zu Reformen oder gar in revolutionären Tendenzen manifestieren. Das Selbstverständnis der Intelligenz als sozialer Schicht kann dabei stark von den Vorstellungen der Herrschenden abweichen, wie es unter anderem in der kommunistischen Gesellschaft in Rußland oder im Marxismus zu beobachten ist.
2.3. Intelligencija in Rußland und ihr Pendant im Marxismus
[...]
1 http://www.brainworker.ch/Wissen/intellektuelle.htm, am 16.11.2004.
2 Cf. ZYGMUNT BAUMANN, »Unerwiderte Liebe. Die Macht, die Intellektuellen und die Macht der Intellektuellen«, in: UTE DANIEL/WOLFRAM SIEMANN (Hrsg.), »Propaganda, Meinungskampf, Verführung und politische Sinnstiftung 1789-1989«, Frankfurt a.M. 1994, p. 172.
3 Cf. ANSELM VON CANTERBURY, »Proslogion«, lat./dt., Hrsg. F. S. SCHMITT, Stuttgart-Bad Cannstatt, 1984, p.4f (prooemium).
4 Das Wort ist durch Assimilation entstanden aus der ursprünglichen Zusammensetzung »inter-legere«.
5 Im Mittellatein wurde schließlich das klassische »intellegentia« zu »intelligentia« umgeformt und ging so in den deutschen Sprachgebrauch ein.
6 Cf. hierzu R. PIEPMEIER, »Intelligenz, Intelligentsia, Intellektueller«, I., in: JOACHIM RITTER und KARLFRIED GRÜNDER (Hrsg.), »Historisches Wörterbuch der Philosophie«, Basel/Stuttgart 1976.
7 Cf. R. PIEPMEIER, »Intelligenz, Intelligentsia, Intellektueller«, I., in: JOACHIM RITTER und KARLFRIED GRÜNDER (Hrsg.), »Historisches Wörterbuch der Philosophie«, Basel/Stuttgart 1976.
8 Cf. http://www.wikipedia.org, Stichwort: Intelligenz, am 16.11.2004.
9 Cf. R. PIEPMEIER, ibid.
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