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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 30 Pages
Author: Verena Roelvink
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Institution/College: University of Dusseldorf "Heinrich Heine" (Institut für Sprache und Information)
Tags: Pluralflexion, Dysgrammatismus, Deutschen, Hauptseminar, Normaler, Spracherwerb
Year: 2005
Pages: 30
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 7 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-43299-3
File size: 259 KB
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Excerpt (computer-generated)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Allgemeine Sprachwissenschaft
Hauptseminar: Normaler und gestörter Spracherwerb
Zur Pluralflexion beim Dysgrammatismus im Deutschen
von: Verena Roelvink
Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 1
1. Die Spezifische Sprachentwicklungsstörung S. 1
1.1 Was versteht man unter SSES? S. 1
1.2 Der Dysgrammatismus: Leitsymptom der SSES S. 5
2. Die Pluralflexion im Dysgrammatismus S. 6
2.1. Studie zur Pluralmarkierung von Hermann Schöler und Werner Kany S. 8
2.2 Experiment zur Plural- und Kompositabildung von Susanne Bartke S. 16
Schlussteil S. 23
Einleitung
Im ersten Kapitel meiner Seminararbeit erläutere ich zunächst, was man allgemein unter der Spezifischen Sprachentwicklungsstörung versteht und gehe dann auf eine Teilsymptomatik dieser Sprachstörung, den Dysgrammatismus, genauer ein. In meiner Arbeit geht es um die Auswirkungen des Dysgrammatismus auf die Flexionsmorphologie, im speziellen auf die Pluralflexion. Auch heute weiß man noch nicht sicher, was genau bei Kindern mit Dysgrammatismus geschädigt ist bzw. welche Ursachen dieser Sprachstörung zugrunde liegen. Im zweiten Teil meiner Arbeit stelle ich zwei Studien dar, die sich damit beschäftigen, wie sich der Dysgrammatismus im Deutschen im besonderen auf die Pluralflexion auswirkt. Die Untersuchungsfrage dabei lautet, ob der dysgrammatische Spracherwerb durch dieselben Prinzipien bestimmt wird wie der normale Erwerb oder nicht. Zum Schluss fasse ich die Ergebnisse und Positionen zusammen, beziehe die beiden Studien aufeinander und diskutiere diese.
1. Die spezifische Sprachentwicklungsstörung (SSES/SLI)
1.1. Was versteht man unter SSES?
Ganz allgemein lässt sich die „Spezifische Sprachentwicklungstörung“ als eine Störung beschreiben, die „sich in einer asynchronen Entwicklung einzelner sprachlicher Fähigkeiten manifestiert bei Kindern mit einem IQ im Normalbereich, deren Sprachentwicklungstörung weder auf einen Seh- oder Hörschaden noch auf einen diagnostizierten Hirnschaden oder auf eine ausgeprägte sozial-emotionale Störung zurückgeführt werden kann; die Ursachen für diese Störung sind nicht geklärt.“1 Es kann sowohl das Verständnis der Spontan- oder Schriftsprache betroffen sein als auch der mündliche und schriftliche Ausdruck. An der Erforschung des Dysgrammatismus sind verschiedene Wissenschaftsdisziplinen beteiligt (vor allem Medizin, Linguistik, Psychologie, Sonderpädagogik).
Für die Spezifische Sprachentwicklungsstörung, die im Deutschen mit SSES und international mit SLI (specific language impairment) abgekürzt wird, gibt es eine Vielfalt von (teilweise umstrittenen) Benennungen. Im Deutschen wird unter anderem auch häufig von „Entwicklungsdysphasie“ und „Dysgrammatismus“ gesprochen, im Englischen von „specific disorder of language development“ und „developmental dysphasia“. Es gibt noch zahlreiche andere Bezeichnungen, wobei die genannten am geläufigsten sind. Ich verwende in meiner Arbeit die Ausdrücke SSES und Dysgrammatismus. In der folgenden Beschreibung von SSES beziehe ich mich auf Friedrich Michael Dannenbauer.2 Es gibt viele Varianten der Spezifischen Sprachentwicklungsstörung, sowohl in ihrer Ausprägung als auch in ihrem Verlauf. So gibt es beispielsweise Kinder mit SSES, bei denen der produktive Sprachbereich gestörter ist als der rezeptive. Bei anderen wiederum ist die Sprachproduktion und –rezeption defizitär oder ihre Sprachstörung ist mit Artikulationsproblemen verbunden. Die Bezeichnung „Spezifische Sprachentwicklungstörung“ benennt also kein homogenes Störungsbild. „Aufgrund der Vielschichtigkeit und Dynamik der individuellen Störungsbilder konnten noch keine allgemein anerkannten Untergruppen benannt werden.“3 Trotz der Heterogenität von SSES gibt es vielfach übereinstimmende Punkte in der sprachlichen Entwicklung betroffener Kinder. Es lassen sich einige zentrale Merkmale nennen, die auf einen Großteil dysphasisch-sprachgestörter Kinder zutreffen: Der Spracherwerb ist verzögert. Das heißt, die Sprache wird später erworben und langsamer aufgebaut als üblich. Nicht alle Sprachkomponenten sind gleich betroffen. Verglichen mit den semantischen und pragmatischen Fähigkeiten der Kinder weist besonders der Erwerb grammatischer Strukturformen einen deutlichen Rückstand auf. Ihre Intelligenz liegt im Normalbereich. Spezifisch heißt die Störung deshalb, weil sie sprachspezifisch ist, also keine andere Störung bekannt ist, die für Vorkommen, Art und Ausmaß der Störung verantwortlich sein könnte. Für die Dysgrammatismusforschung ist auch heute noch kennzeichnend, dass bei den verschiedenen Autoren Uneinigkeit über das Ausmaß und teilweise auch über die Art der Auffälligkeiten besteht. Vielleicht wird die SSES deswegen allgemein nicht dadurch definiert, was sie ist, sondern vielmehr dadurch, was sie nicht ist: Die betroffen Kinder weisen keine generelle geistige Retardierung auf, haben keine schweren neurologischen Beeinträchtigungen und keine Lähmungen oder Missbildungen der Sprechwerkzeuge, sind weder blind noch haben sie gravierende Hörprobleme. Die Störung lässt sich außerdem abgrenzen von Spracherwerbsproblemen, die im Zusammenhang mit Autismus und sozial-emotionalen Schwierigkeiten auftreten. Gewöhnlich starten Kinder mit SSES ihre „Karriere“ als sogenannte „late talkers“. Damit werden Kinder bezeichnet, die im Alter von 2 Jahren noch keine 50 Wörter sprechen und auch kaum konstruktive Mehrwortäußerungen verwenden. Laut Dannenbauer trifft das auf etwa 15% aller Kinder zu. Ungefähr die Hälfte dieser Kinder holt ihren Sprachrückstand jedoch noch im Vorschulalter auf. Der andere Teil zeigt weiterhin starke Defizite in der rezeptiven und/oder expressiven Sprachverwendung, ohne dass dies mit einer anderen Primärbeeinträchtigung erklärt werden könnte. Dannenbauer skizziert, welchen typischen Entwicklungsverlauf diese Kinder durchmachen, wobei er betont, dass es sich aufgrund der Heterogenität von SSES und individueller Variation nur um eine Groborientierung handeln kann. Generell lässt sich sagen, dass Kinder mit einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung verspätet zu sprechen beginnen. Der anfängliche Wortschatz ist begrenzt auf wenige Wörter, die zumeist nur für die Bezugspersonen der Kinder verständlich sind. Diese frühen Wörter weisen eine einfache Silbenstruktur sowie ein eingeschränktes Lautrepertoire auf. Das frühe Lexikon der Kinder nimmt nur langsam an Umfang zu. Begegnen ihnen neue Wörter, so gelingt ihnen die Zuordnung von Wortform und Referent nicht so schnell wie sprachunauffälligen Kindern. Bei vielen Kindern mit SSES stehen zunächst die Auffälligkeiten in der Aussprache im Vordergrund. Dannenbauer spricht hier von „...systematische[n] Abweichungen von der Lautstruktur der Umgebungssprache, die mit Hilfe phonologischer Prozesse beschrieben werden können.“4 Diese Probleme der Aussprache nehmen nach dem Schulbeginn immer mehr ab und weitere Dimensionen der Störung werden offensichtlicher. Bedingt durch eingeschränktes Wortwissen und seine schwache Speicherung und Vernetzung im mentalen Lexikon, weist ein Großteil der Kinder semantisch-lexikalische Defizite auf. Aufgrund dessen kann es zu Problemen bei der Wortfindung und somit zu Beeinträchtigungen im Redefluss kommen. Ein besonders charakteristisches Merkmal der SSES sind Schwierigleiten bei der Erzeugung altersgemäßer grammatischer Satzstrukturen. Die Kinder beginnen oft mit mehr als einjähriger Verspätung Wörter zu kombinieren, um komplexere Inhalte zu kommunizieren. Ohne dass eine dominante Primärbeeinträchtigung vorliegt, haben sie große Probleme, den Erwerb grammatischer Formen und Prinzipien zu bewältigen. Diese Symptomatik wird als „Dysgrammatismus“ bezeichnet. Strenggenommen steht „Dysgrammatismus“ also für eine morphologischsyntaktische Teilsymptomatik der Spezifischen Sprachentwicklungsstörung. Da die grammatische Störung jedoch die dominierende Symptomatik von SSES darstellt (sie kann das Erscheinungsbild von SSES über viele Jahre hinweg bestimmen) und somit als Leitsymptom bezeichnet werden kann, wird der Begriff „Dysgrammatismus“ oft im gleichen Atemzug mit der Bezeichnung „Spezifische Sprachentwicklungsstörung“ genannt, so dass man den Eindruck gewinnen kann, dass es sich bei diesen Bezeichnungen um Synonyme handelt. Die Grammatikstörung stellt zwar das größte Problem dar, dennoch sollte man immer im Hinterkopf haben, dass die SSES auch noch andere Symptome beinhaltet.
[...]
1 Bußmann, Hadumod: „Lexikon der Sprachwissenschaft“ (1990), Kröner, Stuttgart. S. 702
2 Dannenbauer, Friedrich Michael: „Spezifische Sprachentwicklungsstörung“ in: Manfred Grohnfeldt (Hrsg.): „Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie: Band 2, Erscheinungsformen und Störungsbilder“ (2001), Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart. Diese Quelle wird im Folgenden unter Verwendung der Sigle >DA< und Angabe der Seitenzahl zitiert.
3 >DA<, S. 48
4 >DA<, S.
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