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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 25 Pages
Author: Martin Rafailidis
Subject: Communications: Theories, Models, Terms and Definitions
Details
Institution/College: LMU Munich (Institut für Kommunikationswissenschaften)
Tags: Systemtheoretischer, Begriff, Meinung, Medium, Kommunikation, Theorien
Year: 2003
Pages: 25
Grade: 1
Bibliography: ~ 13 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-43487-4
ISBN (Book): 978-3-638-80242-0
File size: 317 KB
Ziel dieser Arbeit ist es, den systemtheoretischen Begriff von Öffentlichkeit bei Niklas Luhmann darzustellen, um damit die Voraussetzungen angeben zu können, die für eine sinnvolle Systematisierung unterschiedlicher Öffentlichkeitsbegriffe nötig sind. Dabei wird auf die Funktion der Massenmedien und der öffentlichen Meinung als Öffentlichkeit des politischen Systems eingegangen.
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Abstract
Spricht man von der Öffentlichkeit, ist damit zumeist die Akkumulation von Meinungen einer Vielzahl von Mitgliedern einer Gesellschaft gemeint. Diese Öffentlichkeit ist nicht immer sichtbar – sie ist latent vorhanden. Kommt es z.B. in der Politik zu einem Skandal, so bricht die Öffentlichkeit aus ihrem Schattendasein hervor und „äußert“ sich. Die öffentliche Meinung dient damit als Absicherungsmechanismus, der Fehlentscheidungen kritisiert und in der Folge korrigiert. In einem alltäglichen Verständnis klingt das plausibel. Sieht man genauer hin, erkennt man jedoch, dass unter Öffentlichkeit noch mehr verstanden wird: Dies reicht über ein rechtliches Verständnis, das den Zugang zu bestimmten (öffentlichen) Orten meint, über kommunikationswissenschaftliche bis hin zu psychologischen und soziologischen Ansichten und Modellen. Dabei wird beispielsweise die Öffentlichkeit als Maßstab/Kontrollinstanz für die Psyche des Einzelnen gesehen oder auch als Diskurs zur Einsicht zum Besseren. Sehr häufig wird Öffentlichkeit auch als etwas gesehen, das durch die Massenmedien erst erzeugt oder doch zumindest durch sie „manipuliert“ wird. Doch welche Öffentlichkeit ist jetzt „die Öffentlichkeit“? Öffentlichkeit bildet keine Einheit. Die Systemtheorie versteht sie als systeminterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme und zwar der Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, etc. oder auch der Organisationen und der gesellschaftlichen Interaktionen. Kein System - gerade auch nicht die Politik – hat die Möglichkeit, exklusiven Anspruch auf öffentliche Kommunikation zu erheben. Eine Folge davon ist jedoch auch, dass Aufmerksamkeit zum zentralen Problem wird. Wenn jeder sagen kann, was er will, hört bald niemand mehr zu. Ziel dieser Arbeit ist es, den systemtheoretischen Begriff von Öffentlichkeit bei Niklas Luhmann darzustellen, um damit die Voraussetzungen zu schaffen für eine sinnvolle Systematisierung der unterschiedlichen "Öffentlichkeiten". Öffentlichkeit wird dabei als Medium verstanden, mit dessen Hilfe - trotz hoher Unwahrscheinlichkeit - dennoch Aufmerksamkeit und damit Anschlusskommunikation für die (jeweilige) öffentliche Kommunikation der Teilsysteme der Gesellschaft sichergestellt wird. Mit Hilfe systemtheoretischer Prämissen lassen sich dann Begriffsverwirrungen in Bezug auf das, was jeweils mit „Öffentlichkeit“ gemeint ist, klären.
Excerpt (computer-generated)
LMU München
SS 2003
Hauptseminar: Theorien der Öffentlichkeit
Vorgelegt am: 15. Oktober 2003
Seminararbeit
Thema:
Systemtheoretischer Begriff der Öffentlichkeit:
Öffentlichkeit und öffentliche Meinung als Medium der Kommunikation
vorgelegt von:
Martin Rafailidis
1. EINLEITUNG 3
2. BEGRIFFLICHE VORBESTIMMUNGEN 5
2.1 Wo zeigt sich die Öffentlichkeit? 5
2.2 Die Beobachtung und die Beobachtung von Beobachtern 7
3. ÖFFENTLICHKEITSBEGRIFF BEI LUHMANN 11
3.1 Öffentlichkeit als systeminterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme 11
3.2 Öffentliche Kommunikation der gesellschaftlichen Funktionssysteme 12
3.3 Das Medium der Öffentlichkeit 14
4. AUSPRÄGUNGEN ÖFFENTLICHER KOMMUNIKATION 15
4.1 Die Massenmedien als Formgeber einer Realität zweiter Ordnung 15
4.2 Die Selbstbeobachtung der Politik durch die öffentliche Meinung 17
4.3 Öffentliche Meinung und die Bereitstellung von Aufmerksamkeit 19
5. SCHLUSS 22
6. LITERATURVERZEICHNIS 24
1. Einleitung
Spricht man von der Öffentlichkeit, ist damit zumeist die Akkumulation von Meinungen einer Vielzahl von Mitgliedern einer Gesellschaft gemeint. Auch ist damit der Gedanke der Latenz verbunden. Nach dieser Auffassung gäbe es eine öffentliche Meinung, die latent im Volk vorherrscht und die erst dann zum Vorschein kommt, wenn zum Beispiel bestimmte politische Entscheidungen zur Disposition stehen. Auch folgert man aus einzelnen Protestbewegungen, wie dem Boykott von Tankstellen, dass die öffentliche Meinung das alles integrierende Moment der modernen Gesellschaft ist. Die öffentliche Meinung dient dann, insbesondere gegenüber der Politik, als Absicherungsmechanismus, durch den (moralische) Fehlentscheidungen kritisiert und in der Folge korrigiert werden können.
Die Vorstellung einer latenten Öffentlichkeit verstellt jedoch den Blick auf das, was aufgrund der Selektionsweise der Massenmedien tatsächlich latent bleibt, nämlich Äußerungen und Sachverhalte, die nicht thematisiert wurden. Und die Vorstellung der integrierenden Funktion der öffentlichen Meinung, zum Beispiel in Bezug auf eine Kontrollfunktion gegenüber der Politik, verdeckt die Modernität der Gesellschaft, die auch gerade darin liegt, dass die Kontrollfunktion nur ein Thema unter vielen ist, mit dessen Hilfe sich die Gesellschaft selbst beschreibt.
Doch mit Öffentlichkeit kann man auch noch weitaus mehr verbinden. Dies reicht von rechtlichen Begriffen, die sich beispielsweise auf den Zugang zu bestimmten (öffentlichen) Orten beziehen, über kommunikationswissenschaftliche bis hin zu psychologischen und soziologischen Ansichten. Dabei wird beispielsweise die Öffentlichkeit als Maßstab beziehungsweise als Kontrollinstanz für die Psyche des Einzelnen gesehen1 oder auch als Diskurs2 zur Einsicht zum Besseren. Häufig wird Öffentlichkeit schließlich als etwas gesehen, das durch die Massenmedien erzeugt oder doch zumindest von ihnen manipuliert wird.
Öffentlichkeit lässt sich kaum auf den Punkt bringen. Es scheint für jeden Bereich der Gesellschaft eine eigene Öffentlichkeit zu geben. Eine politische Öffentlichkeit, eine rechtliche, eine Öffentlichkeit der Psyche sowie eine Öffentlichkeit von gesellschaftlichen Gruppierungen und auch die Massenmedien haben etwas mit Öffentlichkeit zu tun. Es scheint zudem wenig gewinnbringend, feststellen zu wollen, was nun die eigentliche Öffentlichkeit sei, da es sich dann wieder nur um einen Blickwinkel, eine Sichtweise der Öffentlichkeit handeln würde.
Eine Vorgehensweise, die genau das vermeidet, die also nicht nach der Einheit des Begriffs sucht, sondern die vielmehr die Differenzen mit in sich aufnimmt, ist die systemtheoretische Sichtweise. Anhand der systemtheoretischen Konzeption wird deutlich, dass unter den Bedingungen der Moderne es nicht mehr möglich und auch nicht mehr nötig ist, die "Öffentlichkeiten" zu der "einen" Öffentlichkeit zu integrieren. Öffentlichkeit, die hier verstanden wird als systeminterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme und zwar der Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, etc. oder auch der Organisationen und den gesellschaftlichen Interaktionen, bildet keine Einheit. Dadurch, dass kein System, gerade auch nicht die Politik, in diesem Sinne die Möglichkeit hat, exklusiven Anspruch auf öffentliche Kommunikation zu erheben, wird jedoch Aufmerksamkeit zum Problem. Wenn jeder sagen kann, was er will, hört niemand mehr zu.
Ziel dieser Arbeit ist es, den systemtheoretischen Begriff von Öffentlichkeit bei Niklas Luhmann darzustellen, um damit die Voraussetzungen angeben zu können, die für eine sinnvolle Systematisierung der unterschiedlichen "Öffentlichkeiten" nötig wären. Es wird dabei zu zeigen sein, wie Öffentlichkeit bei ihm als ein Medium zu verstehen ist, mit dessen Hilfe trotz hoher Unwahrscheinlichkeit dennoch Aufmerksamkeit und damit Anschlusskommunikation für die öffentliche Kommunikation der jeweiligen Teilsysteme der Gesellschaft sichergestellt wird.
Durch die Massenmedien wird das Medium voraussetzbar. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es vorhergehende Kommunikation voraussetzt und gleichzeitig Bedingung für darauf folgende Kommunikation ist. Anhand dieser Konzeption wird deutlich, wie die Gesellschaft ein Medium verwendet, das ihrer eigenen Selbstbeobachtung dient. Und gerade darin liegt die Modernität der Gesellschaft. Anhand des Mediums Öffentlichkeit setzt sie sich in die Lage, sich selbst zu beobachten.
Um Luhmanns Konzeption der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, werde ich in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Funktion der Massenmedien und der öffentlichen Meinung eingehen. Die Selbstbeobachtung der Politik erfolgt durch die öffentliche Meinung. Sie ist ein Medium, bestehend aus Elementen, welche wie andere Medien auch, durch die Massenmedien zu Formen umgewandelt und wieder aufgelöst werden, womit das Medium sich selbst reproduziert. Die Massenmedien benötigen die Politik, da hier ständig neue Nachrichten nachgeliefert werden, und umgekehrt benötigt die Politik die Massenmedien, da diese das Aufmerksamkeitspotential bereitstellen. Die Funktion der öffentlichen Meinung als Selbstbeschreibung der Politik ist letztlich die Bereitstellung von Aufmerksamkeit für bestimmte Themen.
Anhand dieser Konzeption der Öffentlichkeit als systeminterne Umwelt der sozialen Systeme lassen sich dann auch Prämissen angeben, unter denen die Selbstbeobachtung der Gesellschaft erfolgt, womit Begriffsverwirrungen in Bezug auf das, was jeweils mit „Öffentlichkeit“ gemeint ist, geklärt werden können.
[....]
1 Auch wenn es dadurch zu einem Verschweigen der Meinung komme, welche sonst die „Mehrheitsmeinung“ hätte sein können. Dazu: Elisabeth Noelle-Neumann 2001, Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. 6. erw. Neuauflage, München Langen Müller Verlag.
2 Vergleiche dazu Jürgen Habermas 1990. Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt am Main. Suhrkamp.
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