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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 27 Pages
Author: Moritz Deutschmann
Subject: History - Early and Ancient History
Details
Institution/College: University of Freiburg (Seminar für Alte Geschichte)
Tags: Alkibiades, Griechenland, Theater, Drama, Komödie, Dramentheorie, Aristophanes, Ritual, Kulturgeschichte, Tragödie, Aristoteles, Orestie, Opfer, Übergangsriten, Festspiele, Dionysos, Turner, Victor, Frösche, Vögel, Ethnologie, Gennep
Year: 2005
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 101 (inkl. Bibliographie) Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-43559-8
ISBN (Book): 978-3-638-65867-6
File size: 257 KB
Die Arbeit setzt sich relativ umfassend mit verschiedenen neuen historischen, ethnologischen und literaturwissenschaflichen Interpretationsansätzen für das Genre der Alten Komödie auseinander. Am Ende der Arbeit befindet sich ein Literaturverzeichnis und eine umfassende Bibliographie mit ca. 60 Titeln.
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Abstract
Wer einmal Komödien des Aristophanes gelesen hat, wird schnell merken, dass sie für sich genommen, als reine Kunstwerke, nur schwer verständlich sind. Zu zahlreich sind die zeitgebundenen Anspielungen und zu fremd erscheint die in den Stücken geschilderte Lebenswelt. Was aus aufführungstechnischer Sicht bedauernswert sein mag, macht die Komödie aber gerade für Historiker besonders interessant. So kam schon in den 40er Jahren Victor Ehrenberg auf die Idee, auf der Grundlage der Komödien des Aristophanes eine sozialgeschichtliche Arbeit über die athenische Gesellschaft des 5. Jahrhunderts zu schreiben. Gerade weil die Komödie nicht wie die Tragödie auf dem Mythos, sondern auf dem Alltagsleben der Bürger in Athen aufbaut, schien sie ihm für eine solche Arbeit besonders geeignet. Wenn man sich jedoch auf diesen Gedanken einlässt und die Komödie nicht mehr als zeitloses Kunstwerk sieht, sondern als ein in vielfacher Hinsicht historisch bedingtes Phänomen, stellt sich die Frage, was die Komödie im Athen des 5. Jahrhunderts eigentlich gewesen ist. Offensichtlich ist es irreführend, sie in Kategorien des heutigen Theaters, etwa als Freizeitvergnügen, zu beschreiben. Um die Frage zu beantworten, ist es naheliegend, die Komödie in ihren historischen Kontext, nämlich ihre Aufführung bei kultischen Festspielen, zurückzuversetzen und sie als ein mit Ritualen, Kulten und Festen verbundenes Phänomen zu sehen. Diese Interpretationsrichtung ist für das Drama insgesamt vor allem seit den Studien von Gilbert Murray und Francis Cornford in den unterschiedlichsten Variationen verfolgt und dabei immer wieder heftig diskutiert worden. Während dabei am Anfang die Kritik überwog, gibt es seit den 80er Jahren unter dem Einfluss von Ideen aus der vergleichenden Religionswissenschaft und der Ethnologie wieder Arbeiten, die den rituellen Charakter der Komödie stärker hervorheben. In dieser Hausarbeit soll gerade anhand dieser neueren Arbeiten geklärt werden, in welchem Maße die alte Komödie in einem ethnologischen Sinn als ein Ritual verstanden werden kann.
Excerpt (computer-generated)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Seminar für alte Geschichte
Sommersemester 2005
Seminar: Alkibiades - historische Gestalt und philosophisches Problem
RITUELLE UND KULTISCHE ELEMENTE IN
DER ARISTOPHANISCHEN KOMÖDIE
von
Moritz Deutschmann
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG ... 1
II. AUFFÜHRUNGSKONTEXT UND URSPRUNG DER ALTEN KOMÖDIE ... 2
A. LÄNDLICHE DIONYSIEN, LENÄEN, GROßE DIONYSIEN ... 2
B. DER GOTT DIONYSOS ... 4
C. ARISTOTELES ÜBERLEGUNGEN ZU DEN URSPRÜNGEN DER ALTEN KOMÖDIE ... 6
III. RITUELLE ASPEKTE DER KOMÖDIE ... 7
A. RITUAL UND PERFORMATIVITÄT ... 7
1. Die Begriffe ... 7
2. Die performative Rolle des Chores in der Komödie ... 9
B. KOMÖDIE UND ”RITES DE PASSAGE” ... 12
1. Was sind ”rites de passage”? ... 12
2. Die Ephebie und das Drama ... 13
3. Andere Übergangsriten in der Komödie ... 15
C. DIE SOZIALE TYPENKOMÖDIE UND DAS LACHEN IN DER KOMÖDIE ... 17
IV. ZUSAMMENFASSUNG ... 19
V. LITERATUR ... 22
A. QUELLEN ... 22
B. SEKUNDÄRLITERATUR ... 22
I. Einleitung
Wer einmal Komödien des Aristophanes gelesen hat, wird schnell merken, dass sie für sich genommen, als reine Kunstwerke, nur schwer verständlich sind. Zu zahlreich sind die zeitgebundenen Anspielungen und zu fremd erscheint die in den Stücken geschilderte Lebenswelt. Was aus aufführungstechnischer Sicht bedauernswert sein mag, macht die Komödie aber gerade für Historiker besonders interessant. So kam schon in den 40er Jahren Victor Ehrenberg auf die Idee, auf der Grundlage der Komödien des Aristophanes eine sozialgeschichtliche Arbeit über die athenische Gesellschaft des 5. Jahrhunderts zu schreiben.1 Gerade weil die Komödie nicht wie die Tragödie auf dem Mythos, sondern auf dem Alltagsleben der Bürger in Athen aufbaut, schien sie ihm für eine solche Arbeit besonders geeignet.2
Wenn man sich jedoch auf diesen Gedanken einlässt und die Komödie nicht mehr als zeitloses Kunstwerk sieht, sondern als ein in vielfacher Hinsicht historisch bedingtes Phänomen, stellt sich die Frage, was die Komödie im Athen des 5. Jahrhunderts eigentlich gewesen ist. Offensichtlich ist es irreführend, sie in Kategorien des heutigen Theaters, etwa als Freizeitvergnügen, zu beschreiben. Um die Frage zu beantworten, ist es naheliegend, die Komödie in ihren historischen Kontext, nämlich ihre Aufführung bei kultischen Festspielen, zurückzuversetzen und sie als ein mit Ritualen, Kulten und Festen verbundenes Phänomen zu sehen. Diese Interpretationsrichtung ist für das Drama insgesamt vor allem seit den Studien von Gilbert Murray3 und Francis Cornford4 in den unterschiedlichsten Variationen verfolgt und dabei immer wieder heftig diskutiert worden.5 Während dabei am Anfang die Kritik überwog, gibt es seit den 80er Jahren unter dem Einfluss von Ideen aus der vergleichenden Religionswissenschaft und der Ethnologie wieder Arbeiten, die den rituellen Charakter der Komödie stärker hervorheben. In dieser Hausarbeit soll gerade anhand dieser neueren Arbeiten geklärt werden, in welchem Maße die alte Komödie als Ritual verstanden werden kann.
Zunächst werde ich dabei auf den Aufführungskontext der alten Komödie und das griechische Dionysos-Bild eingehen, die für sehr viele ritualistische Interpretationen den Ausgangspunkt gebildet haben. Dabei werde ich, um nicht der Gefahr allzu modernisierender Deutungsmuster zu erliegen, kurz auf die antiken Vorstellungen vom Ursprung der alten Komödie eingehen. Anschließend wird es zunächst theoretisch um den Ritual-Begriff gehen, mit dem dann die Rolle des Chores in der Komödie beleuchtet werden soll. Dabei soll auch der Begriff der Performativität, der in der Forschungsdiskussion der letzten Jahre immer wieder aufgetaucht ist, erläutert werden. Im dritten Kapitel geht es um ein weiteres in der Religionswissenschaft und Ethnologie zentrales Konzept, nämlich das der Passagerituale, das für das Verständnis zum Beispiel der Ephebie große Bedeutung gewonnen hat. Dabei soll wiederum anhand einiger Beispiele, ohne dass auf die Diskussion zu einzelnen Stücken allzu genau eingegangen werden kann, deutlich werden, wie man einige Komödien des Aristophanes anhand des Konzepts der Passagerituale verstehen kann. Schließlich werde ich anhand einer Arbeit von Isolde Stark die Grenzen des Ritual-Konzeptes für das Verständnis der alten Komödie aufzuzeigen versuchen.
Wenn in der Arbeit von der ”alten Komödie” die Rede ist, bezieht sich das in der Regel auf die Stücke des Aristophanes. Schon aufgrund der Überlieferung stehen seine Werke im Mittelpunkt des Interesses, auch wenn dadurch manche Verkürzungen nicht zu vermeiden sind.
II. Aufführungskontext und Ursprung der alten Komödie
A. Ländliche Dionysien, Lenäen, große Dionysien
Die ländlichen Dionysien, die Lenäen und die großen Dionysien sind die Anlässe gewesen, zu denen in Athen im fünften Jahrhundert Komödien aufgeführt wurden. Das Fest der ländlichen Dionysien fand im Monat Poseidon, also ungefähr in unserem Dezember, statt.6 Man geht davon aus, dass das von Aristophanes in den ”Acharnern” geschilderte Fest nach dem Vorbild der ländlichen Dionysien gestaltet ist und hat versucht, daraus den Ablauf der Feierlichkeiten zu rekonstruieren. So war ein wesentlicher Bestandteil des Festes offensichtlich ein Umzug über die Felder, bei dem ein Phallos mitgeführt wurde, was die Fruchtbarkeit des gerade ausgesäten Getreides fördern sollte.7 Außerdem fanden dramatische Wettkämpfe statt, deren Ursprung jedoch unklar ist. Man weiß auch nicht, ab wann das Fest mit Dionysos in Zusammenhang gebracht wurde.8
Im Unterschied zu den anderen Festen lag die Organisation der ländlichen Dionysien bei den einzelnen Demen, die dadurch die Chance bekamen, die Praktiken der Polis im Kleinen nachzuahmen, also auch Wettkämpfe zu veranstalten und Preise zu vergeben.9
[....]
1 Ehrenberg, Victor: The People of Aristophanes, London 1949.
2 Ebd., S. 37.
3 Murray, Gilbert: Excursus on the Ritual Forms Preserved in Greek Tragedy, in: J.E. Harrison, Themis. A Study of the Social Origins of Greek Religion, Cambridge 1912.
4 Cornford, F.M.: The Origin of Attic Comedy, hrsg. von Theodor Gaster und Jeffrey Henderson, Ann Arbor 1993 (=Neuauflage der ersten Ausgabe von 1912).
5 Für einen Überblick über die Forschungsgeschichte des ritualistischen Ansatzes vgl. Henderson, Jeffrey: Introduction, in: Cornford, Attic Comedy, a.a.O., S. xi-xxxii.
6 Pickard-Cambridge, Arthur: The Dramatic Festivals of Athens, Oxford 21988, S. 42.
7 Ebd., S. 43.
8 Ebd., S. 42.
9 Ebd, S. 51.
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