Autor: Nico Czaja
Fach: Ethnologie / Volkskunde
Details
Jahr: 2005
Seiten: 124
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 85 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 1577 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-43893-3
Die Arbeit beschreibt den Verlauf eines brasilianischen Entwicklungsprojektes, an dem der Autor beteiligt war: Sieben indigene Gruppen im Nordosten des Landes wurden mit Internetzugängen und einer Webpräsenz ausgestattet. Dabei stehen die kulturellen Besonderheiten des Umgangs der Indianer mit der neuen Technologie im Mittelpunk. Die Beobachtungen werden in allgemeine Kontexte von Ethnizität und Globalisierung, Tradition und Moderne eingebettet.
Textauszug (computergeneriert)
Philipps-Universität Marburg
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie
Magisterarbeit im Fach Völkerkunde
„Índio esclarecido não é índio?“
Indigene Ethnizität und moderne
Kommunikationstechnologien im Nordosten Brasiliens
eingereicht von:
Nico Czaja
August 2005
INHALT
Prolog ... 6
Einführung ... 10
„Índio esclarecido não é índio?“ ... 10
Indigene ... 12
Ethnizität ... 13
und moderne Kommunikationstechnologien ... 14
im Nordosten Brasiliens ... 16
erster teil: **IM VORFELD** ... 19
I - IN BÜCHERN ... 20
1. Kapitel In dem eine Indianergeschichte erzählt wird ... 20
2. Kapitel In dem Begriffe erklärt werden, die für das Verständnis der Arbeit notwendig sind ... 30
Globalisierung ... 30
Ethnizität ... 31
Kulturalismus ... 33
3. Kapitel In dem Blicke auf indigene Medienproduktionen geworfen werden ... 37
Medienanthropologie ... 38
Beispiele ... 48
Internet ... 50
II - IN SALVADOR 54
1. Kapitel In dem von der Organisation die Rede ist, in der der Forscher arbeitete ... 54
2. Kapitel In dem von den Projekten die Rede ist, in denen der Forscher arbeitete ... 56
3. Kapitel In dem von der Natur der Arbeit die Rede ist, die der Forscher leistete ... 59
zweiter teil: **IM FELD** ... 64
I - IN XUCURU-KARIRI ... 65
1. Kapitel: In dem ein Überblick über das vom Forscher besuchte Reservat der Xucuru-Kariri gegeben werden soll ... 65
Reservat ... 65
Wirtschaft ... 67
Ouricuri ... 68
Medien ... 70
2. Kapitel: In dem beschrieben wird, wie die Xucuru-Kariri den Maßgaben des Projektes der Thydêwá begegneten ... 72
Akteure ... 72
Mein Platz ... 75
Bilder ... 76
II - IN PATAXÓ-HÃHÃHÃE ... 81
1. Kapitel In dem ein Überblick über das vom Forscher ebenfalls besuchte Reservat der Pataxó-Hãhãhãe gegeben wird ... 82
Reservat ... 82
Wirtschaft ... 85
Gemeinsames ... 86
Medien ... 87
2. Kapitel In dem beschrieben wird, wie die Pataxó-Hãhãhãe sich nur mäßig für die Maßgaben des Projektes der Thydêwá interessierten ... 88
Akteure ... 88
Mein Platz ... 91
Bilder ... 93
III - IM VIRTUELLEN RAUM ... 96
1. Kapitel In dem Indianer sich im virtuellen Raum austauschen ... 96
2. Kapitel In dem Indianer zumindest theoretisch zum Rest der Welt sprechen ... 101
Xucuru-Kariri ... 101
Pataxó-Hãhãhãe ... 106
letzter teil: **AM SCHLUSS** ... 114
LITERATUR ... 118
Ethnology is in the sadly ludicrous, not to say tragic, position, that at the very moment when it begins to put its workshop in order, to forge its proper tools, to start ready for work on its appointed task, the material of its study melts away with hopeless rapidity. Just now, when the methods and aims of scientific field ethnology have taken shape, when men fully trained for the work have begun to travel into savage countries and study their inhabitants - these die away under our very eyes.1
Also sollten wir den zögerlichen ethnographischen Berichten über die indigenen Völker etwas Aufmerksamkeit widmen, die sich sowohl zu verschwinden weigern, als auch so zu werden wie wir. Denn es fällt auf, dass diese Gesellschaften nicht nur schon vor einem Jahrhundert zu Beginn der Anthropologie verschwanden, sie verschwinden immer noch – und werden ewig im Verschwinden begriffen sein. Das kleine Initiationsritual, dem wir die Studenten des ersten Jahres der Postgraduierung in Anthropologie unterziehen, sie auffordernd, zu reisen und exotische Gesellschaften zu studieren, solang sie noch da sind, wiederholt sich alljährlich seit Generationen.2
PROLOG
I. IN DER FREMDE GEDACHT
Der tropische Regen stürzte unnachgiebig aus dem Himmel wie ein besonders großflächiger Wasserfall und verwandelte jedes Gefälle in einen Fluss. Die grauen Wolken hingen so tief, dass man fast ihr Gewicht auf den Schultern spüren konnte. Mühsam rumpelte der Wagen über die schlammige Piste und trug einen weitgereisten Forscher geduldig seinem Ziel entgegen.
Soweit also nichts Neues. So oder ähnlich haben ethnologische Feldforschungen zu beginnen, wenn man sich an die Maßgaben der Klassiker des Genres halten möchte, und so begann auch die meine.
Allerdings war in meinem Fall der Regen bald vorbei, der mühsam rumpelnde Wagen ein Taxi und die schlammige Piste höchstens fünfzig Meter lang, das letzte Stück des Weges, eine Hauseinfahrt zwischen asphaltierten Straßen in Itapuã, einem populären Strandviertel von Salvador da Bahia: Klischees, die eingelöst werden und doch wieder nicht.
Ich war auf dem Weg zu Sebastian Gerlic, Präsident der Nichtregierungsorganisation Thydêwá, der während der Monate meines Praktikums mein Vorgesetzter sein sollte. Sein Haus am Ende der schlammigen Piste war gleichzeitig der offizielle Sitz der Organisation, und von hier aus sollte ich meine Arbeit beginnen.
Statt Gerlic empfingen mich allerdings die Indianer, zwei Männer, drei Frauen und ein Baby. „Die Indianer“ klingt undifferenziert – besser differenzieren konnte ich zunächst aber nicht. Dass es sich um Indianer handelte, wusste ich nur bei zweien von ihnen gleich, den beiden Männern: Ein bemaltes Gesicht kann da sehr aussagekräftig sein. Die Frauen hätte ich von allein nicht als Indigene erkannt: Hellhäutig, wenig typische Gesichtszüge und Kleidung wie andere Brasilianer auch.
Zwar teilte mir jeder von ihnen bei der Vorstellung Namen und Ethnie mit, und das mit einer Selbstverständlichkeit, die es mir fast merkwürdig vorkommen ließ, dass ich nur „Nico, Deutscher“ sagen konnte – aber die schwierig klingenden Wörter hatte ich gleich wieder vergessen und fühlte mich nicht gerade wie ein guter Ethnologe. Gerlic war verreist, würde aber „gleich“, „bald“ oder „noch heute“ wiederkommen, teilte man mir mit. „Bald“ traf es am Ende wohl am ehesten, denn ich verbrachte drei Tage mit den Indianern in Gerlics Haus, bis ich meinen Vorgesetzten kennenlernte.
Diese Zeit reichte aus, um doch noch Namen und Herkunft meiner Gastgeber aussprechen zu lernen; es handelte sich um Vertreter der Kariri-Xocó und der Xucuru- Kariri aus Alagoas und der Tupinambá aus Bahia.
„Ach, Anthropologe? Vielleicht kommst du dann ja auch mal in unser Dorf zum Forschen.“ Tagebucheintrag vom 31. Juli 2004
Ich gab mir große Mühe, das Indianersein meiner Mitbewohner zu beobachten: Ah, sie fegen, wenn der Boden schmutzig ist! Ah, sie singen gern und begleiten sich dabei auf der Rassel! Ah, sie finden interessant, dass ich Ethnologe bin und laden mich in ihr Dorf zu forschen ein! Ah, wenn ihnen langweilig ist, legen sie sich hin und schlafen! Jedes Mal, wenn einer von ihnen etwas sagte, dass ich irgendwie ethnologisch interessant fand – zum Beispiel „Ritual“ -, ärgerte ich mich, dass ich ihn nicht dabei gefilmt hatte, und außerdem darüber, dass ich mich darüber ärgerte.
In Gerlics Haus gab es auch einen Computer mit Internetzugang, der besonders von den drei Damen gerne genutzt wurde. Weil das Projekt, in dem ich arbeiten sollte, ja eines war, in dessen Rahmen indianische Dörfer ans World Wide Web angeschlossen wurden, hatte ich besonders viel Aufmerksamkeit übrig für den Umgang der Indianer mit dieser Technologie: Ah, im Chat mit Bekannten in den Dörfern verabschiedet man sich mit „Ich gehe jetzt Toré tanzen“ oder „Tupã erleuchte dich“! Traditionelle Kommunikationsformen setzen sich im neuen Medium fort!
Das Buch der Kariri-Xocó3, eine Broschüre, die ebenfalls aus dem Projekt hervorgegangen war, drückte mir Ayrá, einer der Männer, stolz mit folgenden Worten in die Hand: „Die Fotos und Texte hat alle der Indianer gemacht!“ Indianische Selbstdarstellung in neuen Medien also – das gefiel mir, genau das hatte mich interessiert, zu einem solchen Projekt wollte ich gerne beitragen. Dass alles tatsächlich viel komplexer war, hätte mich nicht überraschen sollen. Aber, auch auf die Gefahr hin, ein wenig zu abgegriffen zu klingen: Ich musste erst meine mitgebrachten Romantismen erkennen und relativieren.
Am nächsten Tag malte mir einer der Kariri-Xocó mit Jenipapo-Tinte4 ein Symbol auf den Arm. Den indigenen Namen des Zeichners, Anánomy, konnte ich mir erst viel später merken, als ich ihn schon fast gar nicht mehr brauchte, weil wir inzwischen gute Freunde geworden waren, unter denen man sich mit Taufnamen anzureden pflegt. Bezüglich des Symbols sagte er mir, dass es „Kraft“ bedeute.
[...]
1 Malinowski [1922]1972:xv.
2 „Portanto, devemos prestar alguma atenção aos hesitantes relatos etnográficos sobre povos indígenas que se recusavam tanto a desaparecer quanto a se tornar como nós. Pois acontece que essas sociedades não estavam simplesmente desaparecendo há um século atrás, no início da antropologia: elas ainda estão desaparecendo - e estarão sempre desaparecendo. O pequeno ritual de iniciação a que submetemos os estudantes do primeiro ano de pós-graduação em antropologia, exortando-os a viajar e estudar as sociedades exóticas enquanto elas ainda estão lá, repete-se anualmente há gerações.” (Sahlins 1997a:53, Übers. NC).
3 Comunidade Kariri-Xocó 1999.
4 Jenipapo ist eine Frucht, aus deren Saft sich eine kräftige schwarze Tinte herstellen lässt. Mit Jenipapo- Tinte auf die Haut aufgebrachte Zeichnungen halten etwa zwei Wochen, bevor sie verblassen.
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