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Literatur und Moral in Rosseau's erster Abhandlung

Essay, 2002, 14 Pages
Author: Kai Lehmann
Subject: Philosophy - Philosophy of the 17th and 18th Centuries

Details

Category: Essay
Year: 2002
Pages: 14
Grade: 2.0
Language: German
Archive No.: V47312
ISBN (E-book): 978-3-638-44287-9
ISBN (Book): 978-3-638-75082-0
File size: 172 KB
Notes :
Ohne Sekundärliteratur


Abstract

Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen? Das ist die Frage, welche Jean Jacques Rousseau in seiner ersten Abhandlung im Jahre 1750 zu beantworten sucht. In dem vorliegenden Text wird erstens versucht, die Problemlage und die Situation nachzuzeichnen, welche Rousseau als Hintergrund seiner Kritik an den Wissenschaften und den Künsten aufzeigt, um in einem zweiten Schritt auf die zentralen Argumente und deren Stichhaltigkeit näher einzugehen. Es wird sich erweisen müssen, ob Rousseau's Kritik in ihrer allgemeinen Form wirklich berechtigt ist und vor allem, inwiefern seine Grundgedanken auch in unserer heutigen gesellschaftlichen Situation als kritische Sichtweise auf Wissenschaften und Künste Relevanz besitzen. Ziel dieser Arbeit ist es, verschiedene Differenzierungen innerhalb dieser kritischen Sichtweise vorzuschlagen, um die Argumente Rosseaus in aktuellem Licht plausibler zu machen.


Excerpt (computer-generated)

Literatur und Moral in Rosseau′s erster Abhandlung

von: Kai Lehmann
 


 

Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen? Das ist die Frage, welche Jean Jacques Rousseau in seiner ersten Abhandlung im Jahre 1750 zu beantworten sucht. Ich werde versuchen, die Problemlage und die Situation nachzuzeichnen, die Rousseau als Hintergrund seiner Kritik an den Wissenschaften und den Künsten aufzeigt, um anschließend auf die zentralen Argumente und deren Stichhaltigkeit näher einzugehen und es wird sich erweisen müssen, ob Rousseaus Kritik in ihrer allgemeinen Form berechtigt ist und vor allem, inwieweit seine Grundgedanken auch in unserer heutigen gesellschaftlichen Situation als kritische Sichtweise auf Wissenschaften und Künste zu bewerten sind.

Um den Ausgangspunkt seiner verneinenden Antwort auf die vorgelegte Frage der Akademie von Dijon richtig zu verstehen, will ich zunächst eine Charakterisierung seines zentralen Begriffes der Tugend beziehungsweise der Sittlichkeit vornehmen. Er versteht darunter einen moralischen Verhaltenskodex, dessen Einhaltung eine positive Bewertung von Lebensführung erlaubt. Im engeren Sinne beschreibt Rousseau seine Vorstellung von Tugend mit menschlichen Einstellungen wie Liebe zur Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, Mäßigung im Umgang mit materiellen Dingen, Vaterlandsliebe im Sinne eines Gedankens an eine Heimat und deren Schutz, sowie Eigenschaften wie Tapferkeit, Mut und Pflichtbewusstsein. Oft verwendet er auch zur Verdeutlichung seines dem Tugendbegriff zugrundeliegenden Menschenbildes Worte wie einfach, natürlich oder bäurisch und versteht darunter ein hartes, aber naturverbundenes, ehrliches und auch freundschaftlich- geselliges Landleben. Mag man dies auch für eine etwas romantische Sichtweise halten, unbestritten bildet jedoch diese Art gesellschaftlichen Zusammenseins einen scharfen Kontrast zum gewöhnlichen Umgang und kulturell-sozialen Austausch der Menschen seiner Zeit, und es ist nicht übertrieben, diesen Kontrast auch in unserer Zeit zu betrachten. Doch warum besteht für Rousseau ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen einem menschlich-moralischen Verfall und einer hohen Wertschätzung kultureller Errungenschaften wie Wissenschaften und Künste? Um diese Frage beantworten zu können, ist es sinnvoll, den Kunst- beziehungsweise Wissenschaftsbegriff von Rousseau einer näheren Bestimmung zu unterziehen. Denn um nachvollziehen zu können, wieso Rousseau in literarisch mitreißender Form die gegenwärtigen Wissenschaften und Künste verwirft, muss man verstehen, was er mit diesem Begriff eigentlich meint. Hier ist zunächst augenfällig, das die Literatur in seinem Kunstverständnis eine zentrale Rolle einnimmt, er spricht in diesem Zusammenhang von einer Vereinigung der „Kunst zu denken“ mit der „Kunst zu schreiben“ und ordnet richtigerweise auch das philosophische Wirken in der Geschichte in diesen Gesichtspunkt mit ein. Mit der Charakterisierung der Ursachen von Wissenschaft und Kunst, nämlich Müßiggang, Aberglaube, Hass, Stolz, eitle Neugierde und dergleichen mehr stellt Rousseau eine erste zentrale These auf. Er behauptet also, die Entstehung der Wissenschaften und Künste in der menschlichen Entwicklungsgeschichte sei den Lastern von Menschen zu verdanken. Neben der Plausibilität des Argumentes, das ein Mensch Zeit haben muss und damit eine gewisse Freiheit vom täglichen Überlebenskampf, um nachdenken zu können und dadurch kulturelle Fortschritte zu ermöglichen, ist jedoch wenig Grund anzunehmen, das diese Laster irgendwie den Wissenschaften und Künsten vorausgegangen sein sollten, zumindest nicht in dem Wortsinn, wie wir ihn heute verstehen. Wie sollte man beispielsweise einfach stolz sein, um dann etwas wie Kunst oder Moral hervorzubringen, oder ist es nicht vielmehr so, dass man stolz auf etwas ist, das schon in irgendeiner Form vorhanden sein muss, wenn auch möglicherweise nur eingebildet?

Davon unberührt bleibt jedoch sicherlich die richtige Einschätzung von Rousseau im Bezug auf eine gegenseitige Bedingtheit von Lastern und Müßiggang. Es ist jedoch zu ungenau, die Bedingung für eine Entwicklung von Wissenschaften und Künsten, das Zeit zur Verfügung haben, mit Müßiggang gleichzusetzen, es sei denn man behauptet alles neben dem täglichen Kampf um Essen und Schlafstätte sei per se Müßiggang. Richtig hingegen beschreibt Rousseau auch verschiedene Wirkungen von Kunst und Wissenschaft, beispielsweise die verführende und verschleiernde Wirkung zu unmoralischen Einstellungen oder die Verwendung als reinen Zeitvertreib oder bloßer Unterhaltung, welche mit einer Abwendung von Übungen in tugendhaftem Leben einhergeht. Sind jedoch dadurch alle Beschreibungen beziehungsweise Charakterisierungen von Wissenschaften und Künsten schon erschöpft?

[...]


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