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Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens 'Our Mutual Friend'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 30 Pages
Author: Sirinya Pakditawan
Subject: English Language and Literature Studies - Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 30
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V47376
ISBN (E-book): 978-3-638-44338-8
ISBN (Book): 978-3-638-65876-8
File size: 424 KB

Abstract

Charles Dickens' "Our Mutual Friend" (1864-65) gehört zu seinem Spätwerk, in dem er eine Fülle von Symbolbeziehungen herstellt. Insbesondere das Grundsymbol des Flusses scheint den Roman erst zu einer Einheit zu machen. Dabei wird die Themse zum Schauplatz der Handlung. Obwohl die Themse in "Our Mutual Friend" als ein zum Abwasserkanal verkommener Fluss dargestellt wird, ist sie das wesentliche verbindende Element, durch das die zentralen Handlungsstränge aufeinander bezogen werden. Die beiden Handlungsstränge ordnen sich dabei zu zwei Figurengruppen, um John Harmon, Bella Wilfer und den Boffins sowie um Lizzie Hexam, Eugene Wrayburn und Bradley Headstone. Aus diesem Grund erscheint die Themse, die das Schicksal, Leben und Tod, der Figuren bestimmt, als ihr „gemeinsamer Freund“. Es ist also die außermenschliche Erscheinung Fluss, die zwischen den Figuren eine Verbindung herstellt. Die Betrachtung der Bedeutung des Flusses, der Themse, ist grundlegend für das Verständnis des Romans "Our Mutual Friend", zumal der Fluss eine Verbindung zwischen den Figuren und den Handlungssträngen herstellt. Auf diese Weise macht der Fluss als Symbol den Roman erst zu einem kohärenten Gefüge. Aus diesem Grund soll in der folgenden Analyse die Funktion des Flusses als antinomisches Element in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierzu erscheint es notwendig, zunächst auf die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als widersprüchlichen, da Leben spendenden und Leben vernichtenden Elementen einzugehen. Dabei soll auch Dickens' Beziehung zum Motiv Wasser angesprochen werden, da sich auf diese Weise sein Rückgriff auf bestimmte, mit dem Wasser verbundene Leitgedanken erklären lässt. Anschließend soll zum einen die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes, zum anderen als Leben spendendes Element in Dickens’ "Our Mutual Friend" untersucht werden.


Excerpt (computer-generated)

Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in
Charles Dickens ′Our Mutual Friend′

von: Sirinya Pakditawan

 


Inhalt

0. Einleitung 3

1. Die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als antinomische Elemente im Zusammenhang mit Charles Dickens’ eigener Beziehung zum Wasser 5

2. Die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes Element in Charles Dickens’ Our Mutual Friend 8

2.1 Die Bedeutung des Flusses als Kloake der Stadt und Todesort der moralisch depravierten Figuren Gaffer Hexam, Rogue Riderhood und Bradley Headstone 8
2.2 Die Bedeutung des Flusses als Zufluchts- und Todesort sowie als Spiegel der menschlichen Existenz am Beispiel des Todes Betty Higdens 14

3. Die Funktion des Flusses als Leben spendendes Element im Zusammenhang mit den regenerierenden Taufen John Harmons und Eugene Wrayburns für die Entwicklung ihrer neuen Identitäten in Charles Dickens’ Our Mutual Friend 17

Zusammenfassung 23

Anmerkungen 26

Literaturverzeichnis 29



 

0. Einleitung

„The river (...) is a symbol of death and rebirth, and of the way (...) life and death are inextricably related." 1 Charles Dickens′ Our Mutual Friend (1864 - 65) wird von der Kritik gemeinsam mit seinem vorhergehenden Roman Great Expectations (1860 -61) und dem nachfolgenden Fragment The Mystery of Edwin Drood (1870) als sein Spätwerk angesehen2. Diese Werke der Reifezeit sind so genannte „Gegenwartsromane", die sich nach Ludwig Borinskis3 Ansicht vor allem durch Dickens′ ernsthafte und durchdachte Auseinandersetzung mit politischen und sozialen „Gegenwartsfragen" auszeichnen. Diese Meinung gehört zur jüngeren Forschung, die den sozialkritischen Aspekt in Dickens′ Romanen in seiner Bedeutung und Tragweite anerkennt. Nach Borinski verfügen diese Romane darüber hinaus über eine äußerst sorgfältige Handlungsführung sowie über eine reife sprachliche Ausgestaltung, die mit Dickens′ Bekundung eines neuen Menschenbildes verbunden ist. Dickens, der zu dieser Zeit überaus unzufrieden mit den sozialen Verhältnissen gewesen ist, entwirft in diesen späten Romanen im Allgemeinen ein weit gehend negatives Bild des gesellschaftlichen Zustandes4.

Obwohl Dickens′ Spätwerk in der neueren Forschung, seit dem Zweiten Weltkrieg, ein relativ hohes Ansehen genießt, ist zu beachten, dass die ältere Forschung diese Werke durchaus stark kritisiert hat. Beispielsweise vertrat Wilhelm Dibelius 1916 die Ansicht, dass Dickens′ Schaffenskraft mit A Tale of Two Cities (1859) „die letzte große Frucht gezeitigt"5 hat. Auch der junge Henry James urteilte bereits 1865 ähnlich, denn er hielt insbesondere Our Mutual Friend für den oberflächlichsten Roman von Dickens, für ein zu wenig gefühltes und ein zu intensiv geschriebenes Werk. Er ging sogar soweit, dem Roman jeglichen Realitätsbezug abzusprechen: „Our Mutual Friend is, to our perception, the poorest of Mr. Dickens′ s works(...) [it] is dug out as with a spade and pickaxe (...). What a world were this world if the world of Our Mutual Friend were an honest reflection of it!" 6 In dieser vernichtenden Rezension wirft James Dickens die Oberflächlichkeit vor, die dieser gerade als Charakteristikum der Gesellschaft bloßzustellen versucht. James war aber offensichtlich auch von Dickens′ Gebrauch der Symbolik irritiert. In der Tat ist Dickens′ Neigung zur Symbolik in Our Mutual Friend auch noch später von Interpreten kritisiert worden. Beispielsweise spricht Horst Oppel sogar davon, dass Dickens eine große Unsicherheit zeigt, sich offenbar auf seine Symbole nicht mehr verlassen kann und deshalb „Zuflucht zur Symbolhäufung“ nimmt 7. Er ist außerdem der Ansicht, dass sich die Fülle der Symbolbeziehungen in Our Mutual Friend ausschließlich aus dem Defizit einer inneren Einheit im Welt- und Menschenbild Dickens′ erklären lässt. Oppel kritisiert also primär die Unverbundenheit der Elemente sowie die mangelnde Kohärenz in der Entwicklung der Handlung 8.

Dennoch scheinen die Symbole, insbesondere das Grundsymbol Fluss, Dickens′ Our Mutual Friend erst zu einer Einheit zu machen. Dabei wird die Themse in diesem Werk, wie in allen Romanen der Reifezeit, in denen London Ort des Geschehens ist, zum Schauplatz der Handlung 9. Obwohl die Themse in Our Mutual Friend als ein zum Abwasserkanal verkommener Fluss dargestellt wird, ist sie das wesentliche verbindende Element, durch das die zentralen Handlungsstränge aufeinander bezogen werden. Die beiden Handlungsstränge ordnen sich dabei zu zwei Figurengruppen, um John Harmon, Bella Wilfer und den Boffins sowie um Lizzie Hexam, Eugene Wrayburn und Bradley Headstone. Aus diesem Grund erscheint die Themse, die das Schicksal, Leben und Tod, der Figuren bestimmt, als ihr „gemeinsamer Freund“ 10. Es ist also die außermenschliche Erscheinung Fluss, die zwischen den Figuren eine Verbindung herstellt. Die Betrachtung der Bedeutung des Flusses, der Themse, ist grundlegend für das Verständnis des Romans Our Mutual Friend, zumal der Fluss eine Verbindung zwi schen den Figuren und den Handlungssträngen herstellt. Auf diese Weise macht der Fluss als Symbol den Roman erst zu einem kohärenten Gefüge. Aus diesem Grund soll in der folgenden Analyse die Funktion des Flusses als antinomisches Element in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierzu erscheint es notwendig, zunächst auf die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als widersprüchlichen, da Leben spendenden und Leben vernichtenden Elementen einzugehen. Dabei soll auch Dickens′ Beziehung zum Motiv Wasser angesprochen werden, da sich auf diese Weise sein Rückgriff auf bestimmte, mit dem Wasser verbundene Leitgedanken erklären lässt. Anschließend soll zum einen die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes, zum anderen als Leben spendendes Element in Dickens’ Our Mutual Friend untersucht werden.

1. Die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als antinomische Elemente im Zusammenhang mit Charles Dickens′ eigener Beziehung zum Wasser

Da der Fluss das zentrale Symbol in Our Mutual Friend darstellt, erscheint es sinnvoll, zunächst auf die grundlegende Bedeutung von Fluss und Wasser einzugehen. Auf diese Weise kann der Verweisungsbereich umrissen werden, aus dem Dickens schöpft, wenn er das Wasser im Hintergrund einzelner Szenen in Our Mutual Friend gegenwärtig sein lässt. Das Wasser enthält im Allgemeinen eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten, die teilweise auf archaische, aus mythischem Denken gespeiste Vorstellungen zurückgehen. Die lebenserhaltende Kraft der Gewässer hinterließ nämlich bereits Spuren in Mythen und Erzählungen von Meeresgottheiten 11. Das Wasser ist deshalb ein archetypisches Symbol, ein Urbild. Schon in der Antike galt das Wasser aufgrund seines fluiden, beweglichen Charakters als Symbol des Antinomischen und Paradoxen.

[...]


1. Kenneth Muir, “Image and Structure in ′Our Mutual Friend’ “, Essays and Studies, 19 (1966), 98.

2. Diese Informationen stammen aus Horst Oppel, “Charles Dickens: Our Mutual Friend." In Horst Oppel, Hrsg. Der moderne englische Roman. Interpretationen. 2., überarbeitete Auflage (Berlin, 1971), 15.

3. Ludwig Borinski, “Dickens’ Spätstil.“ In Heinz Reinhold, Hrsg. Charles Dickens. Sein Werk im Lichte neuer deutscher Forschung (Heidelberg, 1969), 134f. Our Mutual Friend ist insofern ein „Gegenwartsroman“, als dass er zu Dickens′ Zeit, d.h. im Viktorianischen Zeitalter, spielt. Jedoch hat Dickens die Handlung des Romans nicht im Erscheinungsjahr 1865 angesiedelt, um Identifizierungen mit zeitgenössischen Vorkommnissen und Personen zu verhindern (vgl. Borinski, S. 135f.).

4. Obwohl Our Mutual Friend eine literarische Gestaltung der Zeit der höchsten wirtschaftlichen Blüte der englischen Geschichte ist, wird die Gesellschaft in diesem Roman von Habgier und Betrug geprägt. Dickens geht es darum, zu verdeutlichen, dass das wahre Glück des Daseins nur aus dem Guten erwachsen kann, das aber in einseitiger materieller Prosperität leicht verkümmert (vgl. Borinski, S. 137f.). Siehe hierzu auch Paul Goetsch, Dickens (München /Zürich, 1986), 112-121.

5. Oppel. S. 15 zitiert aus Wilhelm Dibelius, Charles Dickens (Berlin, 1916), 335.

6. Henry James, “The Limitations of Dickens.” In George H. Ford & Lauriat Lane. Jr., Hrsg. The Dickens Critics (Ithaca/New York, 1961), 48, 51.

7. Oppel, S. 31. Von einer Symbolhäufung in Our Mutual Friend sprechen auch Borinski, S. 149 und Bernd-Peter Lange, “Typen des Charakterwandels in Our Mutual Friend′′ In Das Problem der Charakterentwicklung in den Romanen von Charles Dickens. Diss. Phil. (Berlin, 1969), 217. Lange betont vor allem, dass die Häufung der Symbole Wasser, Erbschaft und Abfallhaufen das überindividuell Gültige an den Schicksalen der Figuren vermittelt.

8. vgl. Oppel, S. 31. Auf den Vorwurf, Our Mutual Friend zeige einen mangelnden Zusammenhang in der Handlungsentwicklung, weist auch Muir, S. 93 hin.

9. vgl. Annegret Maack, Der Raum im Spätwerk von Charles Dickens. Diss. Phil. (Marburg, 1970), 185.

10. vgl. Oppel. S. 17.

11. Die Informationen zur Bedeutung des Wassers als Symbol stammen aus Hans - Dieter Gelfert, Die Symbolik im Romanwerk von Charles Dickens (Stuttgart, 1974), 146f. und aus Gerhard Hoffmann, Raum,. Situation, erzählte Wirklichkeit. Poetolagische und historische Studien zum englischen und amerikanischen Roman (Stuttgart. 1978), 340ff. Zur Bedeutung des Wassers, der See und des Meeres in den Mythen und in der abendländischen Literatur siehe Horst S. & Ingrid Daemmrich, Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch (Tübingen, 1987). 279ff.


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