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Die Funktion und die Entwicklung der Vaterrolle Sir William Sampsons in G.E. Lessings 'Miß Sara Sampson'

Hauptseminararbeit, 2003, 25 Seiten
Autor: Sirinya Pakditawan
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Väter und Töchter. Über Konstellationen des bürgerlichen Trauerspiels
Institution/Hochschule: Universität Hamburg (Institut für Germanistik II)
Tags: Funktion, Entwicklung, Vaterrolle, William, Sampsons, Lessings, Sara, Sampson, Väter, Töchter, Konstellationen, Trauerspiels
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2003
Seiten: 25
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 15  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V47379
ISBN (E-Book): 978-3-638-44341-8
ISBN (Buch): 978-3-638-65938-3
Dateigröße: 203 KB

Zusammenfassung / Abstract

G.E. Lessings Drama „Miß Sara Sampson“ (1755) gilt gattungstypologisch als das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel. In diesem frühen empfindsamen Trauerspiel ist der zentrale Konflikt, im Gegensatz zur höfisch klassizistischen Tragödie, in die Familie verlagert. Dabei erhält eine familiäre Zweierbindung, die Vater-Tochter-Beziehung, als Ort und Medium des tragischen Konflikts, eine zentrale Bedeutung. Diese Wendung auf die private Sphäre spiegelt die Mentalität des Bürgertums, dem die gefühlsgetragenen häuslichen Lebensbeziehungen als Mittelpunkt der Existenz erschienen. Hierbei kommt es der zentralen Autoritätsfigur des Vaters zu, die Ordnung, und damit die familiäre Gemeinschaft, aufrechtzuerhalten. Dies impliziert, dass der Vaterfigur eine tragende Rolle zukommt, so dass es berechtigt erscheint, „Miß Sara Sampson“ ein „Vater – Spiel(e)“ zu nennen. Diese Tatsache setzt darüber hinaus den Bezug dieses Dramas auf das patriarchalische - familiale Wertsystem der Zeit voraus. Die Betrachtung der Vaterfigur ist also grundlegend für die Erschließung des zentralen Konflikts in diesem Trauerspiel. Deshalb soll in der folgenden Analyse die Funktion der Vaterrolle Sir William Sampsons in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierbei soll es zunächst um Sir Williams Beziehung zu seiner Tochter Sara sowie um die Entwicklung seines Verständnisses von der Vaterrolle gehen. Dabei soll einerseits verdeutlicht werden, wie Sir William als Vater versucht, die familiäre Ordnung zu restituieren. Andererseits soll analysiert werden, wie er mit dem patriarchalischen Herrschaftsanspruch umgeht. Interessant ist dabei vor allem, dass Sir William im Laufe der Handlung einen Erkenntnisprozess durchläuft. Hierbei wandelt er sich vom strengen, empfindsamen Vater, der primär eigennützige Ziele verfolgt, zum vergebenden, großmütigen Vater, der seine Vaterrolle auf altruistische Gefühle gründet. In einem weiteren Schritt wird dann untersucht werden, welche Verhaltenserwartungen seine Tochter Sara und die Umwelt an Sir William als Vater stellen. Es wird dabei zu zeigen sein, dass der mit dem traditionellen Patriarchalismus gegebene Spielraum der Vaterrolle zwischen Liebe und strafender Machtausübung Verwirrung und Fehleinschätzung auslöst und somit die tragische Handlung im Wesentlichen motiviert.


Textauszug (computergeneriert)

Die Funktion und die Entwicklung der Vaterrolle Sir William
Sampsons in G.E. Lessings ′Miß Sara Sampson′

von: Sirinya Pakditawan

 


Inhalt

0. Einleitung 3

1. „Zärtlicher Vater“ und „zärtliche Tochter“ (III, 3): Sir Williams Beziehung zu seiner Tochter Sara und die Entwicklung seines Verständnisses von der Vaterrolle in G.E. Lessings „Miß Sara Sampson“ 6

1.1. Der strenge, empfindsame Vater: Sir Williams Vaterrolle zwischen aufrichtiger Zuneigung zu seiner Tochter und Eigennützigkeit 6
1.2. Der vergebende, großmütige Vater: Sir Williams Zurücknähme des Eigennutzes zur Wiederherstellung der emotionalen Beziehung zur Tochter sowie die Läuterung seines Gefühls gegenüber der Tochter 11

2. „Ist das von einem Vater zu verlangen?“ (III, 3): Sir Williams Vaterrolle und die Verhaltenserwartungen an ihn vonseiten seiner Tochter Sara und der Umwelt in G.E. Lessings „Miß Sara Sampson“ 14

Zusammenfassung 18

Anmerkungen 21

Literaturverzeichnis 24



 

0. Einleitung

G.E. Lessings Drama „Miß Sara Sampson“ (1755) gilt gattungstypologisch als das erste deutsche bürgerliche Trauerspiel 1. In diesem frühen empfindsamen Trauerspiel ist der zentrale Konflikt, im Gegensatz zur höfisch klassizistischen Tragödie, in die Familie verlagert 2. Dabei erhält eine familiäre Zweierbindung, die Vater-Tochter-Beziehung, als Ort und Medium des tragischen Konflikts, eine zentrale Bedeutung 3. Bei den bürgerlichen Trauerspielen handelt es sich generell um Familiendramen, denn stets nimmt die Auseinandersetzung ihren Ausgangspunkt in einer von der Tochter verursachten Störung der familialen Ordnung. Diese Wendung auf die private Sphäre spiegelt nach Badstübner 4 die Mentalität des Bürgertums, dem die gefühlsgetragenen häuslichen Lebensbeziehungen als Mittelpunkt der Existenz erschienen. Hierbei kommt es der zentralen Autoritätsfigur des Vaters zu, die Ordnung, und damit die familiäre Gemeinschaft, aufrechtzuerhalten. Dies impliziert, dass der Vaterfigur eine tragende Rolle zukommt, so dass es berechtigt erscheint, „Miß Sara Sampson“ ein „Vater – Spiel(e)“ 5 zu nennen. Diese Tatsache setzt darüber hinaus den Bezug dieses Dramas auf das patriarchalische - familiale Wertsystem der Zeit voraus.

In der Tat scheint die Frage nach der idealen Vatergestalt das Epochenthema der Literatur des 18. Jahrhunderts zu sein. In diesem Zusammenhang spricht beispielsweise Neumann 6 von einer „Patriarchen-Galerie“ in der Literatur der Aufklärungszeit, denn es tritt eine Vielzahl von unterschiedlichen Vatertypen auf. Nach Neumann findet man neben gerechten und zornigen, auch schwache und biedere Väter, Haus - und Familienväter sowie auch einige Landesväter 7. Obwohl auch die Mutterrolle im bürgerlichen Trauerspiel in unterschiedlichen Variationen thematisiert wird 8, dominiert die Vaterfigur die patriarchalisch geprägte Familie. Die patriarchalische Herrschaftsform bedeutet generell, dass das zwischenmenschliche Verhalten nach festen Rollenmustern vorgeschrieben wird. Der Hausvater hat dabei die Aufgabe, Ordnung zu schaffen, indem er die Herrschaftsbeziehungen zwischen den Hausangehörigen koordiniert. Dem Vater kommt also die Pflicht der Fürsorge und des Schutzes der Hausangehörigen zu, weshalb die patriarchalische Vaterrolle nicht nur eine Form der Machtausübung darstellt. Mit anderen Worten, erst in der Verbundenheit von Strenge und Milde verwirklichte sich im Sinne des traditionellen Patriarchalismus die ideale Vatergestalt 9.

Obwohl die patriarchalische Herrschaftsform die Gesellschaft zu Lessings Zeiten beherrschte, hat er sich lediglich in den dramatischen Dichtungen ausführlich zu diesem Thema geäußert. Sørensen 10 bemerkt jedoch, dass Lessings Briefe an den Vater Hinweise darauf geben, dass er die patriarchalischen Wertvorstellungen vorbehaltlos anerkannt hat. Dennoch hat Lessing die Möglichkeiten erkannt, die die patriarchalische Dualität von Machtausübung und Liebe für die Darstellung von verschiedenen Vatertypen offen ließ. Aus diesem Grund forderte Lessing Väter, die sich entwickeln, d.h. „Väter von verschiedenen Grundsätzen“ 11. Lessing mag zwar Väter mit gegensätzlichen Eigenschaften einführen, um Einseitigkeit zu vermeiden, doch wird durchaus deutlich, dass er der Ansicht war, dass der Patriarchalismus an sich eine Vielfalt von väterlichen Verhaltensweisen erlaubt: „Welcher Vater glaubt nicht zu wissen, wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle; wir verlangen nur, dann und wann vor den Abwe gen zu beiden Seiten gewarnet zu werden“ 12. Lessing differenziert hier zwischen dem Vater in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und der Vorstellung, „wie ein Vater sein soll“. Hierbei wird auch sichtbar, dass er die Vielfalt der Vatertypen durchaus im Rahmen der Doppelheit des Patriarchalismus sieht.

Da die beabsichtigte Wirkung des bürgerlichen Trauerspiels vor allem die Sensibilisierung des Zuschauers war, erscheint es nahe liegend, dass in diesen Stücken dem Gefühlsaspekt der Vaterrolle eine entscheidende Bedeutung zukommt und der patriarchalische Machtanspruch des Vaters entsprechend reduziert wird. Außerdem stellt sich die Frage, ob der Herrschaftsanspruch des Vaters dadurch nur zurückgedrängt oder gar aufgehoben wird. In diesem Kontext ist jedoch bereits zu bemerken, dass die Empfindsamkeit des Vaters durchaus einen Teil des Patriarchalismus darstellt. Aus diesem Grund kann auch ein empfindsamer, milder Vater patriarchalisch sein 13. Da die Vaterfigur gegensätzliche Verhaltensweisen in sich vereinen kann, ist sie jedoch generell ein vielschichtiger und komplexer Charakter. Die Betrachtung der Vaterfigur ist grundlegend für die Erschließung des zentralen Konflikts in Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Miß Sara Sampson“. Deshalb soll in der folgenden Analyse die Funktion der Vaterrolle Sir William Sampsons in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierbei soll es zunächst um Sir Williams Beziehung zu seiner Tochter Sara sowie um die Entwicklung seines Verständnisses von der Vaterrolle gehen. Dabei soll einerseits verdeutlicht werden, wie Sir William als Vater versucht, die familiäre Ordnung zu restituieren. Andererseits soll analysiert werden, wie er mit dem patriarchalischen Herrschaftsanspruch umgeht. Interessant ist dabei vor allem, dass Sir William im Laufe der Handlung einen Erkenntnisprozess durchläuft. Hierbei wandelt er sich vom strengen, empfindsamen Vater, der primär eigennützige Ziele verfolgt, zum vergebenden, großmütigen Vater, der seine Vaterrolle auf altruistische Gefühle gründet. In einem weiteren Schritt wird dann untersucht werden, welche Verhaltenserwartungen seine Tochter Sara und die Umwelt an Sir William als Vater stellen. Es wird dabei zu zeigen sein, dass der mit dem traditionellen Patriarchalismus gegebene Spielraum der Vaterrolle zwischen Liebe und strafender Machtausübung Verwirrung und Fehleinschätzung auslöst und somit die tragische Handlung im Wesentlichen motiviert.

1. „Zärtlicher Vater" und „zärtliche Tochter" (III. 3): Sir Williams Beziehung zu seiner Tochter Sara und die Entwicklung seines Verständnisses von der Vaterrolle in G.E. Lessings „Miß Sara Sampson"

1.1. Der strenge, empfindsame Vater: Sir Williams Vaterrolle zwischen aufrichtiger Zuneigung zu seiner Tochter und Eigennützigkeit

[...]


1. Zur Bedeutung von „Miß Sara Sampson“ als erstem bürgerlichen Trauerspiel siehe Wolfgang Albrecht: Gotthold Ephraim Lessing. Stuttgart 1997. S. 19 und Volker Badstübner: Miß Sara Sampson. In: Lessing: Epoche-Werk-Wirkung. 5.Aufl. Hrsg. von Wilfried Barner & Gunter E. Grimm. München 1987. S. 166-169.

2. Die hohe Tragödie thematisiert nicht, wie das bürgerliche Trauerspiel, die persönlichen Probleme von Privatleuten, sondern handelt von öffentlic hen „Haupt - und Staatsaktionen“ (vgl. Albrecht, S. 19).

3. Auf die Bedeutung der Vater-Tochter-Konstellation im bürgerlichen Trauerspiel weisen vor allem Sibylle Späth: Väter und Töchter oder die Lehre von der ehelichen Liebe in Gellerts Lustspielen. In: „Ein Lehrer der ganzen Nation“. Leben und Werk Christian Fürchtegott Gellerts. Hrsg. von Bernd Witte. München 1990. S. 53 und Gerlinde Anna Wosgien: „Miß Sara Sampson" (1755). In: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang: Ihre Entwicklung unter dem Einfluß Rousseaus. Frankfurt am Main 1999. S. 180f. hin.

4. vgl. Badstübner, S. 167ff.

5. Wosgien, S. 180 zitiert aus Renate Möhrmann: Die vergessenen Mütter. Zur Asymmetrie der Herzen im bürgerlichen Trauerspiel. In: Verklärt, verkitscht, vergessen: Die Mutter als ästhetische Figur. Stuttgart/Weimar 1996. S. 76.

6. Peter Horst Neumann: Der Preis der Mündigkeit. Über Lessings Dramen. Anhang: Über Fanny Hill. Stuttgart 1977. S. 9.

7. Ibid.

8. Zur Funktion der Mutterrolle(n) in „Miß Sara Sampson“ siehe Wosgie n, S. 177 - 180.

9. Die Informationen zum Wesen der patriarchalischen Herrschaftsform stammen aus Bengt Algot Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. Jahrhundert. München 1984. S. 15f., 34-37.

10. vgl. Sørensen, S, 65.

11. Sørensen, S. 74 zitiert aus Lessings Hamburgischer Dramaturgie, 86. Stück.

12. Ibid. Siehe hierzu auch Neumann, S. 15.

13. vgl. Sørensen, S. 74.


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