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Der Kindheitsbegriff im Mittelalter und die These der elterlichen Gleichgültigkeit

Subtitle: Zum Wandel des Bildes der Realgeschichte der Kindheit seit Ariès

Termpaper, 2004, 26 Pages
Author: Lena Ahlborn
Subject: Pedagogy - History of Pedagogy

Details

Event: „Rousseau- Entdecker der Kindheit“?, WS 2003/2004, Uni Lüneburg
Institution/College: University of Lüneburg (Institut für Pädagogik)
Tags: Kindheitsbegriff, Mittelalter, These, Gleichgültigkeit, Entdecker, Kindheit“, Lüneburg
Category: Termpaper
Year: 2004
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V47528
ISBN (E-book): 978-3-638-44459-0
ISBN (Book): 978-3-638-68010-3
File size: 206 KB
Notes :
Kindheit im Mittelalter war nicht so "düster", wie sie oft dargestellt wird. Die Arbeit zeigt, wie sich die Interpretation der geschichtlichen Quellen hinsichtlich des Kindheitsbildes und der Einstellung zum Kind in den letzten 30 Jahre verändert hat, weg von einer sehr düsteren Darstellung der mittelalterlichen Kindheitsgeschichte, hin zu einem revidierten Bild, welches wesentlich menschlichere Lebensumstände der Kinder annimmt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Eltern-Kind Beziehung.


Abstract

Beschäftigt man sich mit der Realgeschichte der Kindheit im Mittelalter in Westeuropa, so stößt man auf zweierlei Auffälligkeiten: Erstens fällt auf, dass die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema sehr oft, wenn nicht immer, auf das Werk des Franzosen Philippe Ariès Bezug nimmt, weshalb sich die vorliegende Arbeit ebenfalls an den Thesen dieses Autors orientiert. Zweitens wird deutlich, dass die Meinungen der Autoren was die Lebensumstände der Kinder im Mittelalter anbetrifft in einigen Punkten stark divergieren. Zwei Punkte werden in dieser Arbeit genauer behandelt: Das Kindheitsbild, bzw. die damalige Einstellung zur Kindheit, welche besonders die historische Forschung der 60er und 70er Jahre als sehr negativ darstellt und zweitens die Frage nach der Eltern-Kind Beziehung, wobei der von einigen Autoren vertretenen These der elterlichen Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Kindern, bzw. der fehlenden Mutterliebe des Mittelalters nachgegangen wird. Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, wie sich die Interpretation der geschichtlichen Quellen hinsichtlich des Kindheitsbildes und der Einstellung zum Kind in der historischen Forschung der letzten 30 Jahre verändert hat, weg von einer sehr düsteren Darstellung der mittelalterlichen Kindheitsgeschichte, hin zu einem revidierten Bild, welches wesentlich menschlichere Lebensumstände der Kinder annimmt. Im ersten Teil der Arbeit (Kapitel 1) wird die Quellenlage und die und die verwendete Literatur beschrieben, sowie eine kurze Einführung zum Mittelalter und den Lebensumständen der damaligen Zeit gegeben. Es folgt die eigentliche Diskussion des Kindheitsbegriffes und der Einstellung zum Kind (Kapitel 2), bzw. der Eltern-Kind-Beziehung (Kapitel 3) mit anschließendem Fazit (Kapitel 4).


Excerpt (computer-generated)

Der Kindheitsbegriff des Mittelalters und die These der
elterlichen Gleichgültigkeit-Zum Wandel der Bildes
der Realgeschichte der Kindheit seit Ariès

von: Lena Ahlborn

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einführung 3

1.1 Intention und Vorgehen 3
1.2 Zur Quellenlage  3
1.3 Zur Forschungslage und verwendeten Literatur  4
1.4 Zum Mittelalter  6

2. Der Kindheitsbegriff und die Einstellung zur Kindheit  7

2.1 Eingrenzung der Lebensphase Kindheit 7
2.2. Was ist das Kind: Zum Kinderbild des Mittelalters  10

2.2.1 Das Kind als Sünder  10
2.2.2 Das reine, göttliche Kind  11
2.2.3 Das Bewusstsein für das Kindliche  12

3. Ungeliebte Kinder? Zur Eltern-Kind-Beziehung  14

3.1 Familienleben und Lebensumfeld der Kinder  14
3.2 Erziehung  15
3.3 Kindersterblichkeit, Aussetzung, Tötung 16
3.4 Gleichgültige Eltern?  19
3.5 Elternliebe  20

4. Fazit  24

Literaturliste  26




 

1. Einführung

1.1 Intention und Vorgehen

Beschäftigt man sich mit der Realgeschichte der Kindheit im Mittelalter in Westeuropa, so stößt man auf zweierlei Auffälligkeiten: Erstens fällt auf, dass die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema sehr oft, wenn nicht immer, auf das Werk des Franzosen Philippe Ariès Bezug nimmt, weshalb sich die vorliegende Arbeit ebenfalls an den Thesen dieses Autors orientiert. Zweitens wird deutlich, dass die Meinungen der Autoren was die Lebensumstände der Kinder im Mittelalter anbetrifft in einigen Punkten stark divergieren. Zwei Punkte werden im Folgenden genauer behandelt: Das Kindheitsbild, bzw. die damalige Einstellung zur Kindheit, welche besonders die historische Forschung der 60er und 70er Jahre als sehr negativ darstellt und zweitens die Frage nach der Eltern-Kind Beziehung, wobei der von einigen Autoren vertretenen These der elterlichen Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Kindern, bzw. der fehlenden Mutterliebe des Mittelalters nachgegangen wird. Ziel meiner Ausführungen ist es aufzuzeigen, wie sich die Interpretation der geschichtlichen Quellen hinsichtlich des Kindheitsbildes und der Einstellung zum Kind in der historischen Forschung der letzten 30 Jahre verändert hat, weg von einer sehr düsteren Darstellung der mittelalterlichen Kindheitsgeschichte, hin zu einem revidierten Bild, welches wesentlich menschlichere Lebensumstände der Kinder annimmt. Im ersten Teil der Arbeit (Gliederungspunkt 1) wird die Quellenlage und die und die verwendete Literatur beschrieben, sowie eine kurze Einführung zum Mittelalter und den Lebensumständen der damaligen Zeit gegeben. Es folgt die eigentliche Diskussion des Kindheitsbegriffes und der Einstellung zum Kind (2), bzw. der Eltern-Kind-Beziehung (3) mit anschließendem Fazit (4).

1.2 Zur Quellenlage

Es ist anzumerken, dass das Feld „Kindheit im Mittelalter“ bis in die 60er Jahre hinein kaum Beachtung in der Forschung fand, also ein eher junges Forschungsfeld darstellt. Zudem wird die Forschung erschwert durch eine schwierige, oft auf Indizien gestützte Quellenlage: Die wenigen des Schreibens kundigen Zeitgenossen des Mittelalters haben uns nicht viel zu diesem Thema hinterlassen. So resümiert Gudjohns noch Ende der 90er Jahre über die „Wirklichkeit der Kinder“: „Im Gegensatz zur Geschichte großer Ideen und der Bildungsinstitutionen wissen wir über die Real- und Sozialgeschichte der Erziehung immer noch recht wenig“ (Gudjohns, 1999, S. 80).

Geschichtliche Quellen bergen immer ein gewisses Risiko der Fehlinterpretation. Textquellen wie beispielsweise alte Urkunden und Akten, Kirchenbücher, Familienchroniken, biographische Texte, medizinische Abhandlungen und Erziehungsratgeber stellen immer eine subjektive und daher oft verzerrte Reflexion des Autors dar und ihre Erstellung verfolgte einen bestimmten Zweck. Bei vielen Texten, die auf den ersten Blick bestechend erscheinen, ist zudem ungewiss, ob sie damals überhaupt gelesen und ihr Wissen verbreitet wurde, oder ob sie die Jahrhunderte ungelesen in den Kellern eines Klosters überdauerten. Allgemein ist anzumerken, dass Texte aus dem Mittelalter in der Regel von Angehörigen der literarisch gebildeten Oberschicht verfasst wurden und daher wenig über das reale Leben der einfachen Bevölkerung aussagen können. Beim Thema Kindheit kommt hinzu, dass die Verfasser fast ausnahmslos Männer und fast nie Väter waren, da es sich meist um Mönche handelte, die ihre eigene Kindheit im Kloster verbracht hatten und wenig über das Kinderleben wussten (vgl. Arnold, 1980b, S. 444). Besonders auf dem Gebiet der historischen Kindheitsforschung sind Quellen nicht sehr reich gesät sind und haben oft nur Indiziencharakter: Als Indizien für die damaligen Zustände dienen historische Sachüberreste wie Spielzeug oder Kleidung von Kindern, aber auch menschliche Überreste, die bei Ausgrabungen von Gräbern gefunden werden. Eine Interpretationsquelle, der in der Vergangenheit oft fälschlicherweise zu viel Gewicht gegeben wurde, ist die mittelalterliche Kunst und Malerei. Heute ist man sich der Tatsache bewusst, dass künstlerische Abbildungen uns nur wenig über die realen Lebensumstände der Kinder aussagen können, da die Kunst der damaligen Zeit nicht die Intention hatte, ein Abbild der Wirklichkeit zu schaffen. Die Motive sind vielmehr unter religiösen und moralischen Gesichtspunkten zu betrachten.

1.3 Zur Forschungslage und verwendeten Literatur

Studien über Kindheit und Familie sind heute keine Forschungslücke mehr. Zwischen 1971 und 1976 sind allein in den USA 900 Publikationen zu diesem Thema erschienen. Für den deutschsprachigen Raum offeriert die „Bibliographie zur Geschichte der Kindheit, Jugend und Familie“ fast 2.500 Titel allein bis zum Jahr 19781. Auslöser eines Booms an Büchern zur Kindheit vor allem in den 70er Jahren aber war das Werk des oben erwähnten Franzosen Ariès, der sich als erster Autor mit dem lange vernachlässigten Thema der Kindheit ausführlich auseinandersetze. So wurde sein 1960 veröffentlichtes Buch „L’enfa nt et la vie familiale sous l’ancien regime“ (im Deutschen erst 1975 erschienen als „Die Geschichte der Kindheit“) zur Grundlage der weiteren Kindheitsforschung und Ausgangspunkt einer eifrigen Diskussion. Ariès vertritt darin die These, die Gesellschaft des Mittelalters habe keinen Begriff von Kindheit gehabt. Kindheit und Erwachsensein seien nicht voneinander getrennt gewesen, Kinder seien vielmehr als „kleine Erwachsene“ wahrgenommen worden (vgl. Ariès, 1975, S. 209 ff). Allerdings habe die Zugehörigkeit zur Sphäre der Erwachsenen, so Ariès, keineswegs bedeutet, dass Kinder im Mittelalter auf Zuwendung und Sozialkontakte hätten verzichten müssen, im Gegenteil: Die Lebenswelt der Kinder sei weiter und ungezwungener gewesen. Freunde, Nachbarn, Herren und Diener, Kinder und Greise hätten ein Milieu gebildet, das viel offener gewesen sei als die um die Kinder zentrierte Kernfamilie, wie sie seit dem Ende des 16. Jahrhunderts entstand.

[...]


1 Ohlendorf, Jann Gerrit: Das Bild vom Kind: Kinderkörper im 16. Jahrhundert. http://www.sfn.unimuenchen. de/forschung/koerper/jgoarb_de.html


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