Autor: Claudia Kollschen
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Institution/Hochschule: Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Jahr: 2001
Seiten: 32
Note: Sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 22 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 278 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-44519-1
ISBN (Buch): 978-3-638-69281-6
Zusammenfassung / Abstract
Gotthold Ephraim Lessing gilt als Schöpfer einer dramatischen Gattung der deutschen Aufklärung: dem bürgerlichen Trauerspiel. Auch wenn „Miß Sara Sampson“ (1755) das erste Werk ist, so kommt „Emilia Galotti“ (1772) doch eine besondere Bedeutung zu. Mit ihr wird der Typus des empfindsamen bürgerlichen Trauerspiels abgelöst. An ihr orientieren sich nachfolgende Stückeschreiber, so auch Friedrich Schiller, dessen „Kabale und Liebe“ (1784) als ein Höhepunkt der Gattung im Sturm und Drang gilt. Das Bürgerliche wird nicht allein durch den sozialen Stand des Personals bestimmt, sondern durch die Wert- und Moralvorstellungen der Protagonisten (Tugend und Vernunft als leitende Prinzipien), die Lebenssphäre der bürgerlichen Kleinfamilie, ihre Beziehungen und Konflikte (Familienkonvention und Ich-Autonomie als Pole) - namentlich in der Gattenwahl der Tochter als freie Entscheidung. Grundlegend handelt es sich oft um einen Vater-Tochter-Konflikt in Form eines dominanten Vaters und einer gefährdeten Tochter. Darin, dass das Private Gegenstand der Tragödie ist, liegt das Bürgerliche der Gattung. Die Geschäftswelt, als zweite Sphäre des Bürgertums, bleibt ausgeklammert. Später rückt der Konflikt der Stände – oft durch Liebesbeziehungen zwischen den Ständen ausgelöst – in den Mittelpunkt, für die beide behandelten Dramen Beispiele sind. Die politischen Konflikte des hohen Adels werden durch private Konflikte von niederem Adel und Bürgertum abgelöst. Im Sturm und Drang erhält das bürgerliche Trauerspiel zudem eine offen gesellschaftskritische Tendenz. In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit einem Vergleich dieser beiden Klassiker des deutschen Dramas und lege den besonderen Schwerpunkt auf die weiblichen Hauptfiguren Emilia Galotti und Luise Millerin. Dreiteilig gestaltet sich die Arbeit. Zunächst geht es um einen direkten Vergleich der beiden jungen Frauen unter verschiedenen Aspekten, danach um interpersonelle Strukturen und in einem abschließenden allgemeineren Teil um Ähnlichkeiten und Unterschiede in den behandelten Trauerspielen.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Hannover
Seminar für deutsche Literatur und Sprache
Theorie und Praxis des bürgerlichen Trauerspiels:
Gotthold Ephraim Lessings „Emilia Galotti“
WS 2000/2001, 5. Semester
Emilia Galotti und Luise Millerin - ′Emilia Galotti′ und
′Kabale und Liebe′ im Vergleich ihrer Protagonistinnen
von: Claudia Kollschen
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: S. 3
II. Vergleich von Emilia Galotti und Luise Millerin
1. Das Bürgertum, das Milieu und die jeweilige Stellung der Familie S. 4
2. Einbettung in die Familie und Erziehung S. 5
3.Vermittelte Werte und die christliche Religion S. 6
4. Frauenbild S. 8
5. Handlungen und Handlungsfähigkeit S. 9
6. Charakterzeichnung S. 11
7. Tod S. 12
III. Interpersonelle Strukturen
1. Vater und Tochter S. 14
2. Mutter und Tochter S. 17
3. Emilia und Appiani bzw. Prinz sowie Luise und Ferdinand S. 19
IV. Ähnlichkeiten und Unterschiede der Trauerspiele
1. Schillers Anlehnung an Lessings Stück S. 23
2. Unterschiede
2.1 Epoche (Aufklärung bzw. Sturm und Drang) und Zeit (1772 und 1784) S. 25
2.2 Persönlicher Stil S. 26
2.3 Persönliche Anschauung S. 27
2.4 Wirkungsabsicht und politische Bedeutung S. 28
V. Abschließende Bemerkung S. 30
VI. Literaturverzeichnis S. 31
I. Einleitung
Gotthold Ephraim Lessing gilt als Schöpfer einer dramatischen Gattung der deutschen Aufklärung: dem bürgerlichen Trauerspiel. Auch wenn „Miß Sara Sampson“ (1755) das erste Werk ist, so kommt „Emilia Galotti“ (1772) doch eine besondere Bedeutung zu. Mit ihr wird der Typus des empfindsamen bürgerlichen Trauerspiels abgelöst. An ihr orientieren sich nachfolgende Stückeschreiber, so auch Friedrich Schiller, dessen „Kabale und Liebe“ (1784) als ein Höhepunkt der Gattung im Sturm und Drang gilt.
Das Bürgerliche wird nicht allein durch den sozialen Stand des Personals bestimmt, sondern durch die Moralvorstellungen der Protagonisten, die Beziehungen zwischen den Hauptpersonen, die im Stück problematisiert werden, die Lebenssphäre und die Themen wie familiäre Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, voreheliche Liebesprobleme von Töchtern und Söhnen, innere und äußere Hindernisse auf dem Weg zur Gründung einer neuen Familie wie die Gattenwahl der Tochter als freie Entscheidung, aber mit der Einschränkung, dass Tugend und Vernunft leitende Prinzipien darstellen. Grundlegend handelt es sich oft um einen Vater-Tochter-Konflikt in Form eines dominanten Vaters und einer gefährdeten Tochter. Darin, dass das Private Gegenstand der Tragödie ist, liegt das Bürgerliche der Gattung. 1 In Deutschland kreisen die Stücke inhaltlich um die bürgerliche Kleinfamilie mit ihren Wert- und Moralvorstellungen und ihren Konflikten („Familienkonvention“ und „Ichautonomie“ als Pole2), die Geschäftswelt, als zweite Sphäre des Bürgertums, bleibt ausgeklammert. Später rückt der Konflikt der Stände – oft durch Liebesbeziehungen zwischen den Ständen ausgelöst – in den Mittelpunkt, für die beide behandelten Dramen Beispiele sind. Die politischen Konflikte des hohen Adels werden durch private Konflikte von niederem Adel und Bürgertum abgelöst. Im Sturm und Drang erhält das bürgerliche Trauerspiel zudem eine offen gesellschaftskritische Tendenz. In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit einem Vergleich dieser beiden Klassiker des deutschen Dramas und möchte den besonderen Schwerpunkt auf die weiblichen Hauptfiguren Emilia Galotti und Luise Millerin legen. Dreiteilig gestaltet sich die Arbeit. Zunächst geht es um einen direkten Vergleich der beiden jungen Frauen unter verschiedenen Aspekten, danach um interpersonelle Strukturen und in einem abschließenden, allgemeineren Teil um Ähnlichkeiten und Unterschiede in den genannten Trauerspielen.
II. Vergleich von Emilia Galotti und Luise Millerin
1. Das Bürgertum, das Milieu und die jeweilige Stellung der Familie
Sowohl die Galottis als auch die Millers sind bürgerliche Kleinfamilien, mit deren Form die der großen Haushaltsfamilie abgelöst wird. Beide bestehen lediglich aus Eltern und einer Tochter. Die Einheit von Arbeits- und Wohnbereich ist aufgehoben, was weitreichende Folgen für Familienleben und Kindererziehung hat, denn die Kinder werden nicht mehr im Zusammenhang der Arbeitswelt aufgezogen, sondern in der Familie, primär von der anwesenden Mutter, wobei der Vater als Patriarch die Grundsätze der Erziehung bestimmt.3
Zu unterscheiden sind das Milieu und die Stellung der Familie innerhalb des uneinheitlichen Bürgertums, in dem die Genannten angesiedelt sind. Während Odoardo Galotti den Rang eines Oberst innehat, offenbar von den Erträgen des Landgutes und sonstigem Vermögen lebt, sich vom Hof fern hält und doch von dem Prinzen anerkannt wird, ist Miller eher kleinbürgerlich, ein „Stadtmusikant oder, wie man sie an einigen Orten nennt, Kunstpfeifer“4. Er gehört dem ständischen Bürgertum an, im Gegensatz zu der späteren liberalen Schicht der „Bürgerlichen“ (Verleger, Manufakturisten, Fabrikherren, Beamte, Intellektuelle), und ist für sämtliche in der Stadt vorkommenden Musiken zuständig. Die Arbeit für den Hof ist somit nur ein Teil der Aufgaben, Musikunterricht, wie ihn Ferdinand erhält, ist selbstverständlicher Bestandteil. 5 Bereits durch Beruf, aber auch durch Verhalten und Sprache sowie Bildung lässt sich festhalten, dass die Millers einem niedrigeren Milieu angehören als die Galottis. So ist die Sprache der Erstgenannten sehr viel derber, mit Flüchen und Beschimpfungen versehen, weniger Hochdeutsch als sehr oft Schwäbisch. Die untereinander gesprochene Umgangssprache wird bemüht verändert, sobald Leute der Hofwelt anwesend sind, was unnatürlich und leicht gezwungen klingt. Die Tendenz Odoardos, auf dem Lande leben zu wollen, die einem Rückzug ins Private gleichkommt, bedeutet eine deutliche Distanzierung vom Hof, gekennzeichnet von Familie, Wärme, Liebe, humanen Sittlichkeits- und Moralnormen. 6 Die Vorteile des Wohnorts sind ihm wichtiger als seine Kontakte zum Hof, was er sich offenbar auch leisten kann. Ganz anders Miller, der eine viel größere Abhängigkeit aufweist und mit dem Geld, das er verdient, zwar seine Familie ernähren, nicht aber „große Sprünge“ machen kann. So verhält er sich geradezu närrisch, als er über die Großzügigkeit Ferdinands (V, 5) entzückt und erfreut ist und sich kaum zu lassen weiß. Materielle Wünsche treten zutage, die er zunächst auf sich, dann auf die Tochter projiziert.
2. Einbettung in die Familie und Erziehung
[...]
1 Vgl. Hermann: Friedrich Schiller. Kabale und Liebe. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. S. 9f., 12.
2 Vgl. ebd. S. 13.
3 Vgl. Hermann: Friedrich Schiller. Kabale und Liebe. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. S. 16-18.
4 Schiller: Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel. S. 3.
5 Vgl. Hermann: Friedrich Schiller. Kabale und Liebe. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. S. 25.
6 Vgl. Scholz: Widersprüche im bürgerlichen Frauenbild. Zur ästhetischen Reflexion und poetischen Praxis bei Lessing, Friedrich Schlegel und Schiller. S. 72.
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