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Al Qaida - Netz des Terrors - Entstehungs- und Funktionsweise transnationaler Terrorismus-Netzwerke anhand des Fallbeispiels al Qaida

Research Paper, 2005, 46 Pages
Author: Robert van de Pol
Subject: Politics - International Politics - Topic: Peace and Conflict Studies, Security

Details

Category: Research Paper
Year: 2005
Pages: 46
Grade: gut
Bibliography: ~ 100  Entries
Language: German
Archive No.: V47674
ISBN (E-book): 978-3-638-44564-1
ISBN (Book): 978-3-638-70816-6
File size: 352 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Faktoren und Strukturen beigetragen haben, dass ein Netzwerk wie die al Qaida entstehen und sich im Laufe der Jahre grenzüberschreitend entfalten konnte. Zudem wird untersucht, welche Organisations- und Handlungslogik dem al Qaida-Netzwerk zugrunde liegt. Ausgangspunkt bildet die These, dass das Ende des Kalten Krieges die ideologische, politische und ökonomische Neuausrichtung vormals staatlich geförderter militanter Vereinigungen, wie die in Afghanistan kämpfende, multinationale Mudschahedin-Truppe, wesentlich gefördert hat, indem es die Gruppierungen zur Erschliessung neuer politischer und ökonomischer Betätigungsfelder zwang. Im Zuge dieser Transformation emanzipierten sich die ehemals staatlich abhängigen Gruppen von ihren Geldgebern, um fortan als autonome, gewissermassen "privatisierte" politische Akteure in Erscheinung zu treten, wobei die in diesem Abkoppelungsprozess dazugewonnene Handlungsautonomie als Machtgewinn begriffen werden muss, da nun eigene Ressourcen für eigene politische Ziele eingesetzt werden konnten. Die al Qaida gilt diesbezüglich als Musterbeispiel einer solchen Transformation. Speziell an der al Qaida ist jedoch der Umstand, dass sie im besonderen Masse von den strukturellen Veränderungen, die seit den 1990er Jahren in gesteigerter Form in Bereichen des globalen Warenhandels und der internationalen Finanzarchitektur, sowie in den Informations- und Kommunikationstechnologien ablaufen, profitieren konnte. So entwickelte sich die al Qaida im Verlauf der 1990er Jahre schrittweise von einer kleinen Gruppe loyaler bin Laden-Anhänger zu einem weit verzweigten, dezentral aufgebauten, transnationalen terroristischen Netzwerk. Diese transnationale Netzwerkstruktur ermöglicht es ihr, an verschiedenen Orten gleichzeitig aktiv zu sein, ohne dabei Gefahr laufen zu müssen, entdeckt und zerschlagen zu werden. Kommt noch hinzu, dass das durch die Jihad-Ideologie zusammengeschweisste al Qaida-Netzwerk viel dynamischer, flexibler und unsichtbarer arbeitet als das mehrstimmige Konzert der Nationalstaaten, das durch Interessendivergenzen auf nationaler und internationaler Ebene in seiner Handlungsfähigkeit gelähmt wird. Ferner ist das transnationale al Qaida-Netzwerk nicht direkt territorial gebunden, was es schwer lokalisier- und fassbar macht, wohingegen der Staat aufgrund seines territorial fixierten und legitimierten Gewaltmonopols als träge angesehen werden muss.


Excerpt (computer-generated)

Forschungsarbeit
Universität Zürich Institut für Politikwissenschaften Abt. Internationale Beziehungen

Al Qaida - Netz des Terrors Entstehungs- und Funktionsweise transnationaler Terrorismus-Netzwerke anhand des Fallbeispiels al Qaida

Robert van de Pol
2005

 

Abstract

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Faktoren und Strukturen dazu beigetragen haben, dass ein terroristisches Netzwerk wie die al Qaida entstehen und sich im Laufe der Jahre grenzüberschreitend entfalten konnte. Zudem wird untersucht, welche Organisations- und Handlungslogik dem al Qaida-Netzwerk zugrunde liegt.
Ausgangspunkt bildet die These, dass das Ende des Kalten Krieges die ideologische, politische und ökonomische Neuausrichtung vormals staatlich geförderter militanter Vereinigungen, wie die in Afghanistan kämpfende, multinationale Mudschahedin-Truppe, wesentlich gefördert hat, indem es die Gruppierungen zur Erschliessung neuer politischer und ökonomischer Betätigungsfelder zwang. Im Zuge dieser Transformation emanzipierten sich die ehemals staatlich abhängigen Gruppen von ihren Geldgebern, um fortan als autonome, gewissermassen «privatisierte» politische Akteure in Erscheinung zu treten, wobei die in diesem Abkoppelungsprozess dazugewonnene Handlungsautonomie als Machtzugewinn begriffen werden muss, da nun eigene Ressourcen für eigene politische Ziele eingesetzt werden konnten.
Die al Qaida gilt diesbezüglich als Musterbeispiel einer solchen Transformation. Speziell an der al Qaida ist jedoch der Umstand, dass sie im besonderen Masse von den strukturellen Veränderungen, die seit den 1990er Jahren in gesteigerter Form in Bereichen des globalen Warenhandels und der internationalen Finanzarchitektur, sowie in den Informations- und Kommunikationstechnologien ablaufen, profitieren konnte. So entwickelte sich die al Qaida im Verlauf der 1990er Jahren schrittweise von einer kleinen Gruppe loyaler bin Laden-Anhänger zu einem weit verzweigten, dezentral aufgebauten, transnationalen terroristischen Netzwerk. Diese transnationale Netzwerkstruktur ermöglicht es ihr heute, an verschiedenen Orten gleichzeitig aktiv zu sein, ohne dabei Gefahr laufen zu müssen, entdeckt und zerschlagen zu werden. Kommt noch hinzu, dass das durch die Jihad-Ideologie zusammengeschweisste al Qaida-Netzwerk viel dynamischer, flexibler und unsichtbarer arbeitet als das mehrstimmige Konzert der Nationalstaaten, das durch Interessendivergenzen auf nationaler und internationaler Ebene in seiner Handlungsfähigkeit gelähmt wird. Ferner ist das transnationale al Qaida-Netzwerk nicht direkt territorial gebunden, was es schwer lokalisier- und fassbar macht, wohingegen der Staat aufgrund seines territorial fixierten und legitimierten Gewaltmonopols als träge angesehen werden muss.

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung ins Thema ... 3

2. Ziel der Arbeit und Fragestellung ...  5

3. Thesen ...  6

4. Die Restrukturierung des politischen Raumes ...  7
4.1. Globalisierung, Entgrenzung, Denationalisierung ...  7
4.2. Transnationalisierung von Problemlagen ...  10
4.3. Ursachen der Gewalttransnationalisierung ...  13
4.3.1. Mangelnde staatliche Unterstützung ...  14
4.3.2. Verändertes Feindbild ...  14
4.3.3. Neue Möglichkeiten ...  15
4.3.3.1. Veränderungen in der internationalen Finanzarchitektur ...  15
4.3.3.2. Veränderungen in der globalen Wirtschaftsstruktur ...  16
4.3.3.3. Technologische Entwicklungen ...  16

5. Funktionsweise von Netzwerken ...  18
5.1. Definition und Charakteristika ...  18
5.2. Netzwerktypologie ...  19
5.3. Die Frage der Macht ...  21
5.3.1. Machtverteilung innerhalb von Netzwerken ...  21
5.3.2. Macht von Netzwerken ...  21
5.3.2.1. Die Macht transnationaler terroristischer Netzwerke ...  23

6. Al Qaida ...  25
6.1. Phase 1: Geburtsstunde der al Qaida ...  25
6.2. Phase 2: Netzwerkaufbau und Zielfokussierung ...  27
6.3. Phase 3: Al Qaida als Netzwerk der Netzwerke ...  28
6.4. Phase 4: 2001 bis heute ...  30
6.4.2. Die unerschöpflichen Geldquellen der al Qaida ...  31

7. Schlussfolgerungen und Ausblick ...  33

8. Anmerkungen ...  35

9. Literaturverzeichnis ...  41

 

1. Einführung ins Thema


«Marx sagte: Ein Gespenst geht um in Europa, es ist das Gespenst des Kommunismus. Heute können wir sagen: Ein Gespenst geht um in der globalen Weltordnung, es ist der Terrorismus» (Baudrillard, 2002: 63).

Die terroristischen Attentate vom 11. September 2001 in New York und Washington, vom 11. März 2004 in Madrid und 7. Juli 2005 in London haben der medial vernetzten Weltöffentlichkeit nicht nur das destruktive Potenzial einiger gut organisierter religiöser Extremisten vor Augen geführt, sondern zeitgleich machten diese Attacken auch auf die Verletzlich- und Verwundbarkeit des globalen, interdependenten politischen und ökonomischen Systems aufmerksam. Die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gehegte Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, der durch den Wegfall der ideologischen Macht- und Grabenkämpfe auf dem Boden grenzüberschreitender ökonomischer Beziehungen gedeihen sollte (Fukuyama, 1989), mutierte auf einen Schlag zur naiven Illusion, die der inszenierten Apokalypse und dem vermeintlich globalen Kulturkampf (Huntington, 1993) weichen musste. Seither bestimmt der global agierende Terrorismus wie kaum ein anderes Thema die Agenden der nationalen und internationalen Sicherheits- und Aussenpolitik. So wurde nicht nur die Operation «Enduring Freedom» als unmittelbare Antwort auf den 11.09. vom Zaun gerissen, sondern auch der Irakfeldzug mit dem Hinweis auf den global vernetzten Terrorismus zu begründen und legitimieren versucht (vd Pol, 2004).
All diese politischen und militärischen Aktionen wurden/werden als Reaktion auf ein Phänomen unternommen, dessen Ausprägungen unter den Begriff Terrorismus subsumiert werden. Geschichtsgewahre Personen sind sich allerdings bewusst, dass terroristische Organisationen schon seit geraumer Zeit ihr Unwesen treiben und in der Vergangenheit bereits unzählige Attentate verübt haben. Neu am derzeit ins (mediale) Blickfeld gerückten Terrorismus militant islamistischer Provenienz ist im Gegensatz zu traditionellen Terrorformen und Terrororganisationen seine transnationale Dimension, sowohl in Bezug auf die Organisationsstruktur als auch die Handlungsziele. Konnten in den 1970er und -80er Jahren terroristische Organisationen noch mehr oder minder lokal verortet und gemäss ihrer politisch-ideologischen Ausrichtung einem Land - oder einer ideologischen Landkarte - zugeordnet werden, verschwand diese Bestimmbarkeit nach dem Ende des Kalten Krieges in zunehmendem Masse. Dabei fällt auf, dass sich die von den beiden Grossmächten geförderten terroristischen Organisationen von ihrer staatlichen Abhängigkeit sowohl in finanzieller als auch militärisch-taktischer Hinsicht abzulösen und sich zu autonomen Organisationen zu entwickeln begannen; sie wandelten sich von staatlich abhängigen politischen Organen, die nach Belieben instrumentalisiert werden konnten, zu eigenständigen, z.T. transnationalen Akteuren, die auf der nationalen und internationalen Politbühne aktiv wurden. Als Paradebeispiel eines solchen Loslösungsprozesses kann der Übergang der staatlich unterstützten Mudschahedin-Truppe, die für den Kampf gegen die sowjetische Okkupation und Expansion in Afghanistan vom pakistanischen Geheimdienst - und der verdeckt agierenden CIA - aufgebaut und unterstützt worden war, hin zu jenem transnational agierenden, terroristischen Netzwerk angesehen werden, das heute unter dem Namen al Qaida figuriert.
Interessant an der al Qaida ist nicht nur ihre Entstehungsgeschichte, sondern insbesondere die netzwerkartige Organisationsstruktur, die ihr zugrunde liegt. Dank diesem verästelten und dezentralen Organisationsprinzip konnte sie in fast 60 Ländern Fuss fassen, ohne dabei einen festen, d.h. permanenten Hauptsitz zu haben (Jenkins, 2002: 12; Malzahn, 2003). Zudem ist sie aufgrund dieses netzwerkartigen Organisationsaufbaus schwer lokalisier- und fassbar. Nichtsdestotrotz tritt die al Qaida als politischer Akteur in Erscheinung, der mit seinen Aktionen konkrete politische Ziele verfolgt und staatliches Handeln zu beeinflussen sucht. Dabei werden verschiedene Medientypen zu Propagandazwecken eingesetzt und neue Technologien der Informationsverarbeitung und -verbreitung gezielt genutzt. Zudem hat die Organisation ein hohes Mass an finanzieller und politischer Unabhängigkeit erreicht, was sowohl auf die beträchtlichen finanziellen Ressourcen Osama bin Ladens, als auch auf die geschickte Erschliessung, Ausnutzung und Verwaltung anderer Einnahmequellen zurückgeführt werden kann.
Doch die al Qaida hätte sich wohl kaum zum transnationalen Netzwerk entwickeln können, wenn nicht strukturelle Veränderungen in Bereichen der internationalen Finanzarchitektur und des globalen Warenhandels stattgefunden hätten. Ferner dürfen auch die Quantensprünge in der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht ausser Acht gelassen werden, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass sich die al Qaida in verschiedenen Ländern festsetzen und grenzüberschreitend aktiv werden konnte.
In Anbetracht der weiterhin bestehenden, ungebremsten Zerstörungswut und der potenziellen Gefahr, die vom al Qaida-Netzwerk ausgeht - wobei diese Gefahr nicht nur als Angst westlicher Nationen vor weiteren terroristischen Anschlägen verstanden werden sollte, sondern auch in Bezug auf die destabilisierende Wirkung des al Qaida-Netzwerks auf schwache Staaten - erstaunt es, dass Thomas Risse in einem Aufsatz in der Zeitschrift für Internationale Beziehungen diagnostiziert, dass ein Manko bezüglich einer theoriegeleiteten Analyse von transnationalen Terrornetzwerken besteht. Die Ursachen für dieses Defizit macht Risse an den subjektiven Einstellungen und Präferenzen der Forscherinnen und Forschern selbst fest, indem er konstatiert, dass sich «diese Forscher/-innen bisher kaum mit der dunklen Seite von Transnationalisierung und Entgrenzung beschäftigt haben» (Risse, 2004: 16f.). Diese Seminararbeit soll einen Beitrag dazu leisten, etwas mehr Licht in diese dunklen Ecken der Transnationalisierung und Entgrenzung zu bringen.

 

2. Ziel der Arbeit und Fragestellung

Ziel dieser Arbeit ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Entstehungs- und Funktionsweise transnationaler Netzwerke, fokussiert auf den sicherheitspolitisch relevanten Bereich des transnationalen Terrorismus. Dabei sollen zunächst theoretische Konzepte wie die Restrukturierung des politischen Raumes, die Transnationalisierung von Problemlagen und die Gewaltprivatisierung im Kontext der politikwissenschaftlichen Globalisierungsdebatte eingeführt und thematisch eingebettet werden. Danach werden gängige netzwerktheoretische Konzepte und Begriffe etwas näher beleuchtet und in Zusammenhang mit dem transnationalen Terrorismus gebracht. Anhand der Entstehungsgeschichte und des Aufbaus des al Qaida-Netzwerks soll in einem dritten Schritt aufgezeigt werden, unter welchen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen sich ein terroristisches Netzwerk konkret bilden und ausbreiten kann. Aufgrund dieser Überlegungen sollen im Laufe der Arbeit folgende Fragen behandelt werden:

  • Welche Faktoren und Strukturen haben in einem globalen Kontext dazu beigetragen, dass sich ein terroristisches Netzwerk wie die al Qaida formieren und transnational entfalten konnte?
  • Welche Organisations- und Handlungslogik liegt dem al Qaida-Netzwerk zugrunde?

Faktoren sind in diesem Zusammenhang politische, ökonomische, historische und soziokulturelle Einflussgrössen, die bei der transnationalen Netzwerkformierung mitgewirkt haben.
Unter Strukturen verstehe ich Muster, die zu einer gegebenen Zeitperiode als historische Momentaufnahme durch ökonomische, politische, technologische und soziokulturelle Prozesse hervorgebracht werden und die für eine Transnationalisierung terroristischer Netzwerke förderlich oder hinderlich sein können.
Der Begriff transnational zielt sowohl auf den Aufbau als auch die operative Tätigkeit einer Organisation ab, «wenn sie mehrere Standorte hat und in mehreren Ländern gleichzeitig sowie im Verbund zwischen diesen Ländern und den einzelnen Standorten vernetzt tätig ist» (Behr, 2004: 125; sowie Mann, 2003: 136).
Als terroristisch wird eine Gruppe oder ein Netzwerk dann eingestuft, wenn es durch Gewaltakte oder Gewaltandrohungen ein Klima der Angst und des Schreckens zu installieren versucht und explizit politische Ziele verfolgt (Hoffman, 1998: 15; Ettlinger/Bosco, 2004: 251f.; Eppler, 2003: 24).
Die Organisations- und Handlungslogik eines Netzwerks muss begriffen werden als die Art und Weise, wie ein Netzwerk intern aufgebaut ist und nach welchen Motiven und Mustern es als politischer Makroakteur handelt.

[...]


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