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Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles (Nikomachische Ethik, Buch VIII und IX)

Hausarbeit, 2004, 18 Seiten
Autor: Vera Ohlendorf
Fach: Philosophie - Philosophie der Antike

Details

Institution/Hochschule: Universität Leipzig
Tags: Begriff, Freundschaft, Aristoteles, Ethik, Buch, VIII
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 18
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 10  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V47768
ISBN (E-Book): 978-3-638-44643-3
ISBN (Buch): 978-3-640-23799-9
Dateigröße: 191 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Nikomachische Ethik gilt als der wichtigste Text der aristotelischen Ethikkonzeption. Im Gegensatz zur fragmentarisch überlieferten Eudemischen Ethik und zur Magna Moralia, deren Authentizität umstritten ist, handelt es sich hierbei um ein in sich kohärentes, abgeschlossenes Buch mit systematisch-logischem Aufbau. Das inhaltlich dichte und komplexe Werk beeinflusste signifikant die Philosophiegeschichte des Abendlandes und scheint bis heute kaum an Aktualität eingebüßt zu haben. Zunächst definiert Aristoteles das Endziel des Strebens nach einem guten Leben als Glück (eudaimonia) und schließt daran eine ausführliche Untersuchung der ethischen und dianoethischen Tugenden an. Die Untersuchung der Freundschaft (Buch VIII und IX) bildet den Höhepunkt gegen Ende des Buches, da hier Bedingung und Konsequenz des moralisch- glücklichen Lebens (das Zusammenleben in der Gemeinschaft) aufgezeigt werden. Auffällig ist, dass der aristotelische Freundschaftsbegriff ein weiteres Feld menschlicher Beziehungen umfasst als die Freundschaft in der (post-)postmodernen Welt und darüber hinaus auch von politischer Relevanz ist, ohne dabei den Privatmenschen und seine Bedürfnisse auszuklammern. Die heute selbstverständliche und tiefgreifende Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem/politischen Leben war zur Zeit der hellenistischen Monarchien geradezu unbekannt. Für Aristoteles ist ein glückliches und gelungenes Leben untrennbar mit politischer Aktivität als Polisbürger verbunden. Dabei spielt Freundschaft (philia) eine besondere Rolle, deren Bedeutung weit über privates, innerliches Glücksgefühl (oder die sinnliche Liebe- aphrodisia) hinausreicht. Im Folgenden werde ich die verschiedenen Aspekte der Freundschaft (ihre Erscheinungsformen, verschiedene Beziehungen zu den Mitmenschen, Selbstliebe und die Konsequenzen für das Polisleben) darstellen und in einen Zusammenhang bringen, der zeigt, dass Aristoteles vor ca. 2300 Jahren (unabhängig von christlichem Einfluss) eine Theorie des ganzen Menschen entwarf, in der alle Seelenteile1 und Aspekte des Lebens von Vernunft und Selbstbeherrschung vereint und integriert werden, um so ein glückliches Leben anstreben und verwirklichen zu können.


Textauszug (computergeneriert)

Universität Leipzig
Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie
ProS Aristoteles- Nikomachische Ethik
Fachsemester: 2., SS 2004

Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles
(Nikomachische Ethik, Buch VIII und IX)

von: Vera Ohlendorf

 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1. Nutzen und Erscheinungsformen der Freundschaft 4

1.1.Freundschaft als Tugend der Gemeinschaft 4
1.2.Drei Arten der Freundschaft 5

2. Individuelle/ private Freundschaftsbeziehungen und ihr Verhältnis zum öffentlichen Gemeinwesen 7

2.1.Freundschaft und Recht 7
2.2.Staatsformen und gleichartige familiäre Beziehungen 9
2.3.Die Einheit von privater Beziehung und öffentlicher Institution am Beispiel der Ehe 10

3. Freundschaft mit sich selbst 12

3.1.Das Selbst und seine Verdoppelung im Anderen 12
3.2.Selbstopferung und das Paradoxon des Glücklichen 14
3.3.Das tätige Leben als wertvolles Gut an sich 15

Schluss 16



 

Einleitung

Die Nikomachische Ethik gilt als der wichtigste Text der aristotelischen Ethikkonzeption. Im Gegensatz zur fragmentarisch überlieferten Eudemischen Ethik und zur Magna Moralia, deren Authentizität umstritten ist, handelt es sich hierbei um ein in sich kohärentes, abgeschlossenes Buch mit systematisch-logischem Aufbau. Das inhaltlich dichte und komplexe Werk beeinflusste signifikant die Philosophiegeschichte des Abendlandes und scheint bis heute kaum an Aktualität eingebüßt zu haben. Zunächst definiert Aristoteles das Endziel des Strebens nach einem guten Leben als Glück (eudaimonia) und schließt daran eine ausführliche Untersuchung der ethischen und dianoethischen Tugenden an. Die Untersuchung der Freundschaft (Buch VIII und IX) bildet den Höhepunkt gegen Ende des Buches, da hier Bedingung und Konsequenz des moralisch- glücklichen Lebens (das Zusammenleben in der Gemeinschaft) aufgezeigt werden. Auffällig ist, dass der aristotelische Freundschaftsbegriff ein weiteres Feld menschlicher Beziehungen umfasst als die Freundschaft in der (post-)postmodernen Welt und darüber hinaus auch von politischer Relevanz ist, ohne dabei den Privatmenschen und seine Bedürfnisse auszuklammern.

Die heute selbstverständliche und tiefgreifende Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem/politischen Leben war zur Zeit der hellenistischen Monarchien geradezu unbekannt. Für Aristoteles ist ein glückliches und gelungenes Leben untrennbar mit politischer Aktivität als Polisbürger verbunden. Dabei spielt Freundschaft (philia) eine besondere Rolle, deren Bedeutung weit über privates, innerliches Glücksgefühl (oder die sinnliche Liebe- aphrodisia) hinausreicht. Im Folgenden werde ich die verschiedenen Aspekte der Freundschaft (ihre Erscheinungsformen, verschiedene Beziehungen zu den Mitmenschen, Selbstliebe und die Konsequenzen für das Polisleben) darstellen und in einen Zusammenhang bringen, der zeigt, dass Aristoteles vor ca. 2300 Jahren (unabhängig von christlichem Einfluss) eine Theorie des ganzen Menschen entwarf, in der alle Seelenteile1 und Aspekte des Lebens von Vernunft und Selbstbeherrschung vereint und integriert werden, um so ein glückliches Leben anstreben und verwirklichen zu können.

1. Nutzen und Erscheinunsformen der Freundschaft

Einführend verortet Aristoteles die Freundschaft im Bereich der Tugenden und gibt einen ersten Überblick über ihren Zweck und ihre Erscheinungsformen. Dabei spielt die bewährte Methode der endoxa eine große Rolle: zuerst werden die üblichen Ansichten in der Mehrheit gesammelt und dargestellt, bevor sich Aristoteles deren systematischer Untersuchung und Integration in seine Ethikkonzeption widmet.

1.1. Freundschaft als Tugend der Gemeinschaft

Aristoteles beginnt seine Untersuchung, indem er die Freundschaft (philia) als eine der Trefflichkeiten (Tugenden) des menschlichen Lebens bzw. als eine mit dieser eng verbundenen Erscheinung beschreibt2. Danach folgt eine einleitende Aufzählung der verschiedenen Zwecke der philia, die später eingehender untersucht werden. Zunächst ist sie unabdingbares Grundprinzip jedes Gemeinschaftslebens: niemand möchte ohne Freunde leben, sei es, weil ihr Vorhandensein Möglichkeiten für die Wohlhabenden eröffnet, Gutes zu tun, bzw. den eigenen Wohlstand zu schützen, oder sei es, da sie Hilfe und Zuflucht für die Armen gewähren können. An dieser Stelle wird bereits angedeutet, dass die Freundschaft selbst auch Ansporn zu tugendhaftem Handeln sein kann und somit zur Bedingung des glücklichen Lebens wird.

Obwohl freundschaftliche Verhältnisse auch bei anderen Lebewesen auftreten, liegt die Freundschaft (bzw. Menschenliebe) in der besonderen Natur des Menschen und sorgt für das Zusammengehörigkeitsgefühl: „Die Erfahrung lehrt auch, daß Freundschaft die Polisgemeinden zusammenhält[...]“3. Selbst Gesetzgeber bemühen sich mehr um Freundschaft als um Gerechtigkeit, denn wo Eintracht stiftende Freundschaft in den Beziehungen herrscht, braucht man keine Gerechtigkeit mehr, aber das Vorhandensein von (abstrakt- arithmetischer) Gerechtigkeit4 verlangt nach der Ergänzung durch philia, da die höchste Form der Gerechtigkeit nur so erreicht werden kann.

[...]


1 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, (im Folgenden NE), Anmerkungen zu Buch I, S. 309

2 NE, S.213 (1155a3-4)

3 NE, S.213 (1155a23-24)

4 Vgl. NE, Buch V


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