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Das russische Prostorecie

Seminararbeit, 2005, 15 Seiten
Autor: Uljana Vyshnyakov
Fach: Russistik / Slavistik

Details

Veranstaltung: Seminar
Institution/Hochschule: Universität Wien
Tags: Prostorecie, Seminar
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 15
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 9  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V47851
ISBN (E-Book): 978-3-638-44704-1

Dateigröße: 247 KB

Zusammenfassung / Abstract

Das Prostorečie gehört zu den relativ wenig erforschten Varietäten des russischen Substandards. Das hängt zu einem großen Teil mit der Ideologie der Sowjetzeit zusammen – denn die Erscheinung einer sprachlichen Varietät, die an sogenannte niedrigere Schichten gekoppelt sein müsste, widersprach der Vorstellung von der Homogenität der sowjetischen Gesellschaft. Erst in den letzten Jahrzehnten begann man sich damit verstärkt zu beschäftigen, doch gibt es immer noch viele Fragen zu klären, wie es aus der vorliegenden Arbeit ersichtlich wird. Diese soll einen Überblick über das Thema und den bis heute erreichten Forschungsstand bieten. Das erste Kapitel beschäftigt sich dabei mit der diachronen Betrachtung des Begriffs „Prostorečie“; im zweiten wird diese Varietät vom heutigen Standpunkt aus betrachtet. Das dritte Kapitel zeigt schließlich die verschiedenen, typischen für das Prostorečie Abweichungen von der Standardsprache – und zwar in den Bereichen der Phonetik, Morphologie, Lexik und Syntax. Ein Kriterium für die Auswahl der verwendeten Quellenwerke war ihre Aktualität – so findet sich kein Artikel im Literaturverzeichnis, das älter als 23 Jahre ist.


Textauszug (computergeneriert)

Universität Wien, Institut für Slawistik
Sprachwissenschaftliches Proseminar für Russisten (B)
SS 2005

Das russische Prostorecie

von: Uljana Vyshnyakov

 


0. Einleitung 2

1. Historischer Abriss der Entstehung und Bedeutung des Begriffs „Prostorečie“ 2

2. Prostorečie aus heutiger Sicht 4

2.1 Definition des Prostorečie und seine Einordnung ins Sprachsystem 4
2.2 Der Prostorečie-Sprecher 6

3. Merkmale des Prostorečie 8

3.1 Phonetik 9
3.2 Morphologie 9
3.3 Lexik 10
3.4 Syntax 12

4. Zusammenfassung und Ausblick 13

5. Literaturverzeichnis 14



 

0 . E i n l e i t u n g

Das Prostorečie gehört zu den relativ wenig erforschten Varietäten des russischen Substandards. Das hängt zu einem großen Teil mit der Ideologie der Sowjetzeit zusammen – denn die Erscheinung einer sprachlichen Varietät, die an sogenannte niedrigere Schichten gekoppelt sein müsste, widersprach der Vorstellung von der Homogenität der sowjetischen Gesellschaft. Erst in den letzten Jahrzehnten begann man sich damit verstärkt zu beschäftigen, doch gibt es immer noch viele Fragen zu klären, wie es aus der vorliegenden Arbeit ersichtlich wird. Diese soll einen Überblick über das Thema und den bis heute erreichten Forschungsstand bieten, wenngleich sie natürlich aufgrund ihres Umfangs als Proseminararbeit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Das erste Kapitel beschäftigt sich dabei mit der diachronen Betrachtung des Begriffs „Prostorečie“; im zweiten wird diese Varietät vom heutigen Standpunkt aus betrachtet. Das dritte Kapitel zeigt schließlich die verschiedenen, typischen für das Prostorečie Abweichungen von der Standardsprache – und zwar in den Bereichen der Phonetik, Morphologie, Lexik und Syntax. Ein Kriterium für die Auswahl der verwendeten Quellenwerke war für mich neben ihrer Erreichbarkeit in Wien auch ihre Aktualität – so findet sich kein Artikel im Literaturverzeichnis, das älter als 23 Jahre ist. Da die Sprache – und ganz besonders die mündliche – ein lebendiges und einem ständigen Wandel unterworfenes System ist, sollte man bei linguistischen Untersuchungen dieser Art insbesondere darauf achten, nicht allzu überholte Quellen heranzuziehen.

1 . H i s t o r i s c h e r A b r i s s d e r E n t s t e h u n g u n d B e d e u t u n g d e s B e g r i f f s „ P r o s t o r e č i e “ 1

Zum Zeitpunkt der Christianisierung (998) gab es wahrscheinlich kein allgemeines, überregionales Altrussisch, sondern nur zahlreiche Dialekte. Das erleichterte natürlich die Übernahme, Durchsetzung und allgemeine Verbreitung des (Alt)Kirchenslawischen als Schriftsprache. Andererseits dürfte sich wiederum die Existenz des Kirchenslawischen als jener Sprachform, der das höchste soziale Prestige zukam, negativ auf die Herausbildung einer gemeinrussischen und einheitlichen Verkehrssprache ausgewirkt haben; nicht einmal in der Zeit der Moskauer Rus´ scheint es sie gegeben zu haben. Der endgültige Zusammenfluss verschiedener einzelner bis dahin vorherrschender Stadtdialekte zu einer relativ homogenen überregionalen Umgangssprache müsste erst in der zweiten Hälfte des 17 Jh. erfolgt sein. Es war aber wohl zu spät (oder in gewisser Weise zu früh) als dass diese Umgangssprache das Kirchenslawische als Schriftsprache verdrängen könnte. Protopop AVVAKUM (Diakon, 1620 – 1684) schreibt in seiner Autobiografie daher eine folgende Aufforderung:

...и вы, господа ради, чтущии и слышащии, не позазрите просторечию нашему, понеже люблю свой русской природной язык...2 Das Interessante an dieser Stelle ist, dass hier das Wort Prostorečie zum ersten Mal belegt ist und ziemlich eindeutig den Gebrauch dessen bezeichnet, was AVVAKUM „русской природной язык“ nennt. Also stand Prostorečie ursprünglich für die damalige „normale“, deutlich vom Kirchenslawischen unterschiedene Umgangssprache. Auf dieselbe Art und Weise verwendet auch Lomonosow dieses Wort in seiner „Rossijskaja grammatika“ von 1775.

Somit war Prostorečie bis etwa Mitte des 18 Jh. ein Name für jenes „einfache“ Russisch, das in mehr oder weniger einheitlicher Form von solchen Bevölkerungsschichten gesprochen wurde, die zur „normalen“ mündlichen Kommunikation keinen klar als solchen erkennbaren, regional begrenzten Dialekt mehr benutzten. Das Prostorečie hatte damals also eine Funktion als „общая разговорная речь“ und einen relativ hohen Stellenwert im sozial-kommunikativen System. Doch diesen Stellenwert verlor es schon wenig später, und zwar mit der Herausbildung jener neuen Varietät, die üblicherweise „современный русский язык“genannt wird. Die Auslöser für diese Herausbildung waren zu einem großen Ausmaß die Petrinischen Reformen im 18 Jh., die zu einer Westeuropäisierung der Aristokratie führten. Sie bildeten für sich nach dem Vorbild der westlichen Kultursprachen eine neue Umgangssprache heraus, die nach ihren Vorstellungen dem Französischen an Glanz, Biegsamkeit und Eleganz in nichts nachstehen sollte. Prostorečie konnte eigentlich nur das Rohmaterial zu dieser Sprache bilden. Zur Schaffung der neuen „modernen“ Umgangssprache sollte die alte in wesentlichen Teilen verändert, ergänzt und nach dem westlichen Geschmack zurechtgestutzt werden. Das geschah durch einfache Entlehnungen aus den westlichen Hochsprachen, Lehnübersetzungen aus diesen oder Anleihen beim Kirchenslawischen.

[...]


1 Vgl. Raecke 1982, S. 159-167

2 Zitiert nach Raecke 1982, S. 161


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