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Scholary Paper (Seminar), 2003, 23 Pages
Author: Vera Zischke
Subject: Sociology - Classics, Basics and Theoretical Directions
Details
Institution/College: University of Dusseldorf "Heinrich Heine" (Sozialwissenschaftliches Institut)
Tags: Schüler, Schock, Milgram-Experiment, Sozialwissenschaften, Methodenseminar, Klassische, Studien
Year: 2003
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 8 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-44797-3
File size: 449 KB
Kaum ein Experiment wurde so kontrovers diskutiert wie das Milgram-Experiment. Die Arbeit betrachtet Durchführung und historischen Kontext der Studie sowie den bis heute andauernden Einfluss auf die scientific community.
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Excerpt (computer-generated)
„Der Schüler bittet um Schock“ –
Das Milgram-Experiment in den Sozialwissenschaften
von: Vera Zischke
SoSe 2003, 8. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
1 Die konstante Kontroverse - eine Einleitung 3
2 Alles zu seiner Zeit - Einbettung in einen sensiblen historischen Kontext 3
3 Vom Pionier zum Klassiker - Methodik und Ergebnisse 5
3.1 Das Experiment in den Sozialwissenschaften 5
3.2 Versuchsaufbau und Ergebnisse 6
3.2.1 Das Grundexperiment 7
3.2.2 Die Variationen 10
3.2.3 Milgrams Bewertung der Ergebnisse 12
3.3 Methodenkritik 14
3.4 Das Milgram-Experiment als methodischer Klassiker 16
4 Zwischen zwei Polen - Milgram und die Scientific Community 18
5. Und die Moral von der Geschicht - Fazit und Ausblick 21
6. Literaturverzeichnis 23
1. Die konstante Kontroverse – eine Einleitung
Kaum ein sozialwissenschaftliches Experiment wurde in so unterschiedlichen Facetten betrachtet wie das Milgram-Experiment. Und selten wurde eine Studie zum Ankerpunkt in derart vielen Grundsatzdebatten. Bis heute steht Stanley Milgrams, Anfang der Sechziger Jahre entwickelte, Studie zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität im Kern der Debatte um allgemein gültige ethische Grundsätze in der Wissenschaft. Und noch immer initiiert sie Meinungsbildungsprozesse zur Adäquatheit des Laborexperiments als Forschungsmethode. Aber auch die konkreten Ergebnisse und die spezifischen Schlussfolgerungen Milgrams finden in gleich bleibender Aktualität Beachtung. Kaum eine Studie erlangte, auch über wissenschaftliche Fachkreise hinaus, eine derart große Berühmtheit wie das Milgram-Experiment. Im Folgenden sollen nun die Gründe für diese Entwicklung nachvollzogen werden. Im Kern der Betrachtung steht dabei die Methodik der Untersuchung, wobei auch einige Nachfolgeuntersuchungen sowie der generelle Einfluss auf die so genannte scientific community näher beleuchtet werden. Zunächst jedoch fällt das Augenmerk auf die zeitgeschic htliche Einbettung des Milgram-Experiments, welche maßgeblich die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit sicherte.
2. Alles zu seiner Zeit – Einbettung in einen sensiblen historischen Kontext
Als Stanley Milgram im Jahr 1963 erste Auszüge seines Experiments zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität im Journal of Abnormal and Social Psychology veröffentlichte, zog er darin eine Parallele die Aufsehen erregte. Er schrieb: „Obedience, as a determinant of behavior, is of particular relevance to our time. It has been reliably established that from 1933-45 millions of innocent persons were systematically slaughtered on command… These inhumane policies may have originated in the mind of a single person, but they could only be carried out on a massive scale if a very large number of persons obeyed orders”.1 Mit diesem kurzen Verweis gab Milgram seinem Werk nicht nur einen Bedeutungshorizont, der ihm eine enorme Aufmerksamkeit und Kritikfähigkeit einbrachte. Er vollzog zudem eine zeitgeschichtliche Verankerung seines Experiments zu einer Zeit, in der sich die Wissenschaft einmal mehr fragte, wie viel Autorität und Folgebereitschaft für das Funktionieren einer stabilen sozialen Ordnung notwendig sind. Um die Tragweite des Milgram-Experiments erfassen zu können, ist es daher unverzichtbar, zwei verschiedene Komponenten in die Betrachtung einzubeziehen: zum einen den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist jener Nachkriegsjahre und zum anderen die daran anknüpfende Entwicklung der Sozialpsychologie als wissenschaftliche Disziplin.
Erst unter Einbeziehung beider Aspekte erschließt sich der besondere Stellenwert des Milgram-Experiments in den Sozialwissenschaften. Denn die Untersuchung des Gehorsams als menschliche Charaktereigenschaft war durchaus kein Phänomen, dem Milgram als Erster Beachtung schenkte. So hatte es zum Beispiel schon im Jahr 1944 eine Gehorsams-Studie von Jerome Franks gegeben. Er maß Gehorsam in der Bereitschaft von Versuchspersonen, auf Geheiß des Versuchsleiters und unabhängig vom eigenen Hungergefühl, große Mengen von Gebäck zu sich zu nehmen2. Zudem hatte bereits Theodor Adorno in seinen Studien zur autoritären Persönlichkeit aus dem Jahr 1950 versucht, das Phänomen der nationalsozialistischen Massenbewegung wissenschaftlich zu untersuchen. Er vertrat die Hypothese, dass Antisemitismus oder auch die Anfälligkeit für nationalsozialistische Propaganda im Allgemeinen, auf eine empirisch feststellbare Charakterstruktur zurück zu führen sei3. Hauptsächlich aber fand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in der Untersuchung einzelner Biografien ihren Niederschlag. Angelehnt an die gesellschaftliche wie auch politische Verarbeitungsleistung jener Zeit ging es in erster Linie darum, Täter ausfindig zu machen und Dienstwege wie Abläufe zu rekonstruieren. Zu einer Zeit, als eine gesamte Weltöffentlichkeit fassungslos danach fragte, wie es zu den Gräueltaten des Holocaust kommen konnte, tendierte sie gleichermaßen dazu, „die an diesen Verbrechen Beteiligten als `Monster´ zu bezeichnen, ihnen jede Vergleichbarkeit mit der eigenen Existenz, den eigenen Haltungen und Überzeugungen absprechen zu wollen“4. Stanley Milgram widersprach all dem. Er stellte die Behauptung auf, dass der Holocaust nicht auf bewusst handelnde, sadistische Ausnahmepersönlichkeiten zurückzuführen sei, sondern auf die grundsätzliche menschliche Eigenschaft, den Anweisungen von Autoritäten Folge zu leisten. Eine bedeutende zeitgeschichtliche Parallele, in der Milgram seine Erkenntnisse bestätigt sah, war der vielbeachtete Eichmann-Prozess aus dem Jahr 1961. Adolf Eichmann, im Dritten Reich Leiter der Gestapoabteilung IV, galt als Hauptorganisator der Judendeportationen und zuständig für die so genannte Endlösung5. Eichmann wurde zum Paradebeispiel für den reuelosen Schreibtischtäter. Nicht nur, weil er bis zuletzt keinerlei Verantwortung für seine Taten übernahm und sich dadurch rechtfertigte, dass er lediglich Befehle erhalten und weiter geleitet habe. Zudem empfand er eine große Distanz zu seinem Handeln, da es nie zu einer direkten Konfrontation mit seinen Opfern kam6. Stanley Milgram erwähnt selbst in seinem 1974 erschienenen Werk, dass er hier eine Parallele zwischen der Persönlichkeit Eichmanns und der Gehorsamsbereitschaft seiner Versuchspersonen vermutete. Er behauptete, dass es eben nicht jene „brutale, perverse, sadistische“ Persönlichkeiten waren, die zu NS-Verbrechern wurden, sondern zum Gehorsam erzogene „Durchschnittsmenschen“7.
[...]
1 Milgram, „Behavioral Study of Obedience“ in: „The Obedience Experiments“, Miller 1986: 4
2 vgl. Miller 1986: 15
3 vgl. Schurz in: Huemer/Schurz 1990: 50
4 ebd.: 35
5 vgl. ebd.: 41
6 vgl. Mulisch 2002: 78
7 Milgram 1974: 2
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