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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 35 Pages
Author: Katharina Krings
Subject: Romance Languages - French Literature
Details
Institution/College: Ruhr-University of Bochum (Romanisches Institut)
Tags: Horace, Corneille, Figur, Camille, Richelieu, Theaterstück, Staatskritik, Tragödie, Macht, Jahrhundert
Year: 2004
Pages: 35
Grade: 1
Bibliography: ~ 47 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-44911-3
ISBN (Book): 978-3-638-68187-2
File size: 462 KB
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Abstract
Ab 1635 bezog Corneille die Politik in seine Stücke mit ein. Während er im „Cid“ noch den nur an seinem Glück interessierten und aufsässigen Rodrique das vom König - und wie auch im wahren Leben von Richelieu - nicht erwünschte Duell abhalten ließ, schien „Horace“ vier Jahre später die Allmacht des Staates und die damit einhergehende absolute Sich-Unterwerfung dieser Macht zu zelebrieren. Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, dass „Horace“, mit der darin von Camille nicht gerade sparsam geäußerten Staatskritik, Richelieu nicht nur gewidmet, sondern von diesem die Aufführung auch genehmigt wurde. Die für den Leser unserer Zeit logische Denk- und Handlungsweise der Camille wird nämlich kaum vom Freispruch für Horace am Ende des Stückes anders gewertet als zu Beginn. Versetzt man sich allerdings in die Entstehungszeit des Stückes und betrachtet man die politischen sowie gesellschaftlichen Tugenden und Richtlinien vor dem geschichtlichen Hintergrund, so ist es gut möglich, dass eine abschreckende Schlussszene Camilles Wortgewalt zunichte macht. Nach eingehender Beschäftigung mit „Horace“ wird aber deutlich, dass sich Corneille anhand der Figur der Camille durchaus ein kritisches Sprachrohr geschaffen hat, das auch auf entsprechendes Gehör stoßen konnte. Dazu ist es besonders wichtig, nicht nur die historischen und politischen Hintergründe zu erforschen, sondern auch die Zuschauerperspektive zu definieren. Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass die Meinungen über die Aussage des Stückes gespalten sind. So sieht Jaques Maurens in Corneille einen getreuen Ideologen Richelieus und dessen Staatsidee. Dementgegen stufen Werner Krauss und Bernard Dort Corneille als einen Vertreter des Bürgertums ein, da er deren politische Wünsche und Vorstellungen in seinen Stücken thematisiert. Nach Serge Doubrovsky schreibt Corneille ein théâtre réactionnaire. Zwar lassen sich für jeden der genannten Interpretationsansätze geeignete Textstellen finden, jedoch soll auf denen von Wolfgang Iser aufgebaut werden, wo festgehalten wird, dass in Corneilles Stücken von einem Zusammenhang zwischen Fiktion und Wirklichkeit auszugehen sei.
Excerpt (computer-generated)
„Horace“ - Wie Corneille anhand der Figur der Camille in
einem Richelieu gewidmeten Theaterstück
Staatskritik üben konnte
von: Katharina Krings
WS 2003/04, 9. Fachsemester
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Le XVIIème siècle - Zeitliche Situierung 5
2.1. Das politische Geschehen um 1640 5
2.2. Die Auswirkungen der Politik auf die französische Literatur 5
2.3. Die doctrine classique 7
2.4. Das politische Geschehen in „Horace“ in einem vergleichenden Bezug zur Realität 9
3. Der Begriff der Staatsräson im Vergleich zu „Horace“ 10
4. Zum Begriff des Stoizismus 14
4.1. Im Allgemeinen 14
4.2. Der Stoizismus zu Corneilles Zeit 15
5. „Horace“ - Ein Resumée 16
6. Ist diese Tragödie wirklich tragisch? 18
7. Die Position der Camille 20
7.1. Ein Überblick 20
7.2. Camilles Taktik 22
7.3. Die Fortschrittlichkeit von Camilles Denkweise 24
8. Zur Rezeptionsperspektive 25
9. Schlussfolgerungen 28
9.1. Wie konnte die Staatskritik verschleiert werden? 29
10. Literaturverzeichnis 32
1. Einleitung
Ab 1635 bezog Corneille die Politik in seine Stücke mit ein.1 Während er im „Cid“2 noch den nur an seinem Glück interessierten und aufsässigen Rodrique das vom König - und wie auch im wahren Leben von Richelieu - nicht erwünschte Duell abhalten ließ3, schien „Horace“4 vier Jahre später die Allmacht des Staates und die damit einhergehende absolute Sich-Unterwerfung dieser Macht zu zelebrieren. Freundschaft, Liebe, Moral, Gerechtigkeit, freies Denken und die Ehre des Helden sind der pouvoir untergeordnet. Warum es zu dieser Änderung in Corneilles Werk kommt, wieso es am Schluss „Vis pour servir l´État“5 heißt und wie dies schließlich gedeutet werden kann, das soll in dieser Arbeit herausgearbeitet werden.
Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, dass „Horace“, mit der darin von Camille nicht gerade sparsam geäußerten Staatskritik, Richelieu nicht nur gewidmet6, sondern von diesem die Aufführung auch genehmigt wurde. Die für den Leser unserer Zeit logische Denk- und Handlungsweise der Camille wird nämlich kaum vom Freispruch für Horace am Ende des Stückes anders gewertet als zu Beginn. Versetzt man sich allerdings in die Entstehungszeit des Stückes und betrachtet man die politischen sowie gesellschaftlichen Tugenden und Richtlinien vor dem geschichtlichen Hintergrund, so ist es gut möglich, dass eine abschreckende Schlussszene Camilles Wortgewalt zunichte macht.7 Nach eingehender Beschäftigung mit „Horace“ wird aber deutlich, dass sich Corneille anhand der Figur der Camille durchaus ein kritisches Sprachrohr geschaffen hat, das auch auf entsprechendes Gehör stoßen konnte. Dazu ist es besonders wichtig, nicht nur die historischen und politischen Hintergründe zu erforschen, sondern auch die Zuschauerperspektive zu definieren.
Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass die Meinungen über die Aussage des Stückes gespalten sind. So sieht Jaques Maurens in Corneille einen getreuen Ideologen Richelieus und dessen Staatsidee.8 Dementgegen stufen Werner Krauss und Bernard Dort Corneille als einen Vertreter des Bürgertums ein, da er deren politische Wünsche und Vorstellungen in seinen Stücken thematisiert.9 Nach Serge Doubrovsky schreibt Corneille ein „théâtre réactionnaire“.10 Zwar lassen sich für jeden der genannten Interpretationsansätze geeignete Textstellen finden, jedoch soll auf denen von Wolfgang Iser aufgebaut werden, wo festgehalten wird, dass in Corneilles Stücken von einem Zusammenhang zwischen Fiktion und Wirklichkeit auszugehen sei.11 Nach Iser reagieren fiktionale Texte immer auf ein Defizit „lebensweltlicher Sinnsysteme“12. Dass zu Corneilles Zeit herrschende defizitäre System war das der Politik. Die Monarchie wuchs quasi über die Köpfe des Volkes hinaus, was bedeutete, dass das Volk nicht mehr aktiver Mitträger des Staates war - so wurde aus dem Schwert- der Hofadel. Das hieß, dass der Adel nicht mehr auf die gewohnte Art der gloire seiner selbst würdig werden konnte. Er wurde sich seiner Stellung und seines Prestiges unsicher, da an Stelle des Konkurrenz-kampfes die Gunst des Königs trat. Im Zusammenhang mit dem Funktionsverlust des Adels kann auch insofern auf die in Corneilles späteren Stücken auffällige Dominanz der Frauen verwiesen werden, als sie nun heroische Züge aufweisen.13 Dass dies auch bei Camille der Fall ist, wird im Laufe der vorliegenden Arbeit deutlich.
2. Le XVIIème siècle - Zeitliche Situierung
2.1. Das politische Geschehen um 1640
[...]
1 Gaillard, Pol: Corneille. Horace, Paris 1641, S.20.
2 1636/37 entstanden, Text s. z.B.: Corneille. (?)vres complètes. Bd. I. Textes établis, présentés et annotés par Georges Couton. Bibliothèque de la Pléiade. Editions Gallimard, Paris 1980, S. 689-829.
3 Richelieu ist gegen das Duell, da das „Recht der Selbsthilfe [...] nicht nur der mühsam erkämpften Oberhoheit des Staates [widersprach], sondern [auch] den Adel [schwächte] und [...] ihn von seinen militärischen Aufgaben [ablenkte].“ (Krauss, Werner: Corneille als politischer Dichter, Marburg 1936, S. 15f.)
4 1640 entstanden, Text s. z.B.: Corneille. (?)vres complètes, a.O., S. 831-901.
5“Horace“, Akt V, Szene III, V. 1763, s. z.B.: ebda.
6Widmungsbrief s. z.B.: ebda., S. 833ff.
7 Es sein denn, der staatstreue Zuschauer des 17. Jahrhunderts ist nicht schon während des ganzen Stückes von Camilles Verhalten empört und wartet nur auf die Bestrafung der Fervlerin.
8 vgl. Maurens, Jacques: La Tragédie Sans Tragique - Le néo-stoïcisme dans l´(?)uvre de Pierre Corneille, Paris 1966, bes. S. 198ff.
9 vgl. Krauss, a.a.O., bes. S. 8ff, und Dort, Bernard: Corneille dramaturge, Paris 1957, bes. S. 7ff, 138f.
10 vgl. Doubrovsky, Serge: Corneille et la dialectique du héros, Paris 1963, S. 96.
11 vgl. Iser, Wolfgang: Die Appellstruktur der Texte - Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa, Konstanz 1974 (Konstanzer Universitätsreden).
12 Mazat, Wolfgang: Dramenstruktur und Zuschauerrolle. Theater in der französischen Klassik, München 1982, S. 133.
13 vgl. ders., 134 und Doubrovsky, a.O., S. 292, 355ff, 425. Hier prägt Doubrovsky den in diesem Zusammenhang gebräuchlichen Begriff der „inversion des sexes“. Außerdem sei angemerkt, dass in „Cinna“ (1641 entstanden, Text s. z.B.: Corneille. (?)vres complètes, a.a.O., S. 903- 969) die Staatsraison „ihre männliche Schroffheit [verliert]. [...] Diese neue Ordnung beruht auf der Anerkennung des Frauentums, dessen mittegebende Geltung Corneille im gesellschaftlichen Umkreis der Marquise von Rambouillet erfahren hatte.“ (Krauss, a.a.O., S. 36.)
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