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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 19 Pages
Author: Tanja Ludwig
Subject: Art - Graphics / Illustration / Print
Details
Institution/College: University of Vienna
Tags: Selbstporträt, Eine, Untersuchung, Beispielen, Käthe, Kollwitz, Horst, Janssen, Kunst, Zeichnung
Year: 2004
Pages: 19
Grade: 2
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-45071-3
File size: 184 KB
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Excerpt (computer-generated)
Universität Wien
Oberseminar: Die Kunst der Zeichnung
Im Wintersemester 2004/ 05
Seminararbeit zum Thema:
Das gezeichnete Selbstporträt als unmittelbare Äußerung –
Eine Untersuchung an Beispielen von Käthe Kollwitz und Horst Janssen
Verfasserin:
Tanja Ludwig
(Hauptfach: Kunstgeschichte, Nebenfächer: Kunstpädagogik und Philosophie; Siebtes Fachsemester)
Inhalt
1. Einleitende Gedanken S. 1 - 5
1.1. Zur Epoche der Abstraktion S. 1, 2
1.2. Selbstbildnis als möglicher Weg zur Selbsterkenntnis? S. 2 - 5
1.2.1. Zur Entstehung der Bildnisse S. 2, 3
1.2.2. Von der Außensicht zur Innensicht? S. 3 - 5
2. Käthe Kollwitz S. 5 - 9
2.1. Das Blatt Selbstbildnis zeichnend 1933 S. 5 - 7
2.1.1.Linienführung S. 5, 6
2.1.2. Einordnung in das Gesamtwerk S. 6, 7
2.2. Künstlerisches Selbstverständnis? S. 7, 8
2.3.Rezeption S. 8, 9
3. Horst Janssen S. 9 - 14
3.1. Das Blatt Selbst 14.7.71 S. 9 - 11
3.1.1. Linienführung S. 9 - 11
3.2. Sind Janssens Selbstbildnisse Seelenbilder? S. 11, 12
3.3. Künstlermensch vs. Kunstmensch S. 12 - 14
4. Zur Wahl der Mittel S. 14 - 16
4.1. Käthe Kollwitz und die weichen Zeichenmittel S. 14, 15
4.2. Horst Janssen und der harte Strich S. 15, 16
5. Zur Unmittelbarkeit S. 16, 17
1. Einleitende Gedanken
1.1. Zur Epoche der Abstraktion
„The pictorial conquest of the external visual world had been completed and refined many times and in different ways during the previous half millennium. The more adventurous and original artists had grown bored with painting facts. By a common and powerful impulse they were driven to abandon the imitation of natural appearance.”1 Alfred H. Barr diagnostiziert hier den Künstlern des 20. Jahrhunderts eine Art Überdruss an naturalistischer Darstellung. Zugespitzt formuliert er: „die wagemutigeren und originelleren langweilte es, Tatsachen zu malen.“
Was sich bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts leise andeutet, hat sich in Rückblick auf das vergangene Jahrhundert längst vollzogen – ja sich selbst beinahe schon wieder überholt: die Hinwendung zur Abstraktion. Ich möchte das Wort „abstrakt“ oder „Abstraktion“ hier im Sinne von Abwendung vom Naturalistischen, Realistischen und vor allem dem Menschen als dem jahrhundertealten zentralen Thema verwenden und in dieser Hinsicht kurz untersuchen 2. Die Abwendung vom Menschen hat gerade im zwanzigsten Jahrhundert viele mögliche Ursachen, die auch außerhalb der Kunstgeschichte zu suchen sind. Einige möchte ich näher beleuchten.
Auch wenn der Mensch in vielen Kunstrichtungen der klassischen Moderne und des 20. Jahrhunderts noch als Ursprung oder Kürzel auftaucht, als (einziges) Sujet in seiner reinen realistisch abgebildeten Form eignete er sich nicht mehr, etwas vollkommen Neues zu schaffen. So formuliert Jose Ortega Y Gasset in seiner 1925 erstmals erschienen Schrift „Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst“: „Ein gut Teil dessen, was ich „Entmenschlichung“ und Ekel vor der lebenden Form nannte, rührt von dieser Abneigung gegen die traditionelle Interpretation des Wirklichen her.“3 Dieser „Ekel vor der lebenden Form“, den Ortega Y Gasset hier in den Raum stellt, möchte ich auf folgenden Aspekt ausweiten: Es liegt durchaus auf der Hand, dass sich der Mensch in einem Zeitalter der Kriege, der grausamen Diktaturen und der unsagbaren Verbrechen, die von Menschenhand begangen wurden, von deren „Verursacher“, also dem Menschen selbst abwenden muss – sozusagen um seines eigenen Seelenheil willens. Während vor der Zeit des Zweiten Weltkriegs die menschliche Darstellung allenfalls als rückschrittlich und zu akademisch angesehen wurde, bekam sie mit der Propaganda-Maschinerie des Nazi-Regimes eine zusätzliche Färbung, die man in den folgenden Jahren um jeden Preis vermeiden wollte. So bekam die Abstraktion ungewollt einen weiteren Schub nach vorn.
Der Bruch mit den Traditionen hatte System und das zeigte sich nicht nur in der Kunst. Über Jahrhunderte hinweg war der Mensch Mittelpunkt künstlerischer Darstellung gewesen. Aber auch in der Wissenschaft, der Medizin und der Psychoanalyse war der Mensch wie nie zuvor Objekt jeglicher Forschung.4 Das Zeitalter der Industrialisierung rückt andere Erscheinungsformen des täglichen Lebens wie Großstädte, Verkehr, Autos, Maschinen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und somit auch der Künstler.5
Mit der neuen Entwicklungen auch auf dem Gebiet der Technik findet auch die Fotografie Einzug in das moderne Leben. Hier tritt der Mensch als Motiv noch einmal kurz in den Vordergrund. Doch durch die anfangs sehr langen Belichtungszeiten kommt das Posieren vor einem Fotografen bald wieder dem Modellstehen gleich, welches ebenso akademisch und damit überholt ist. Die Porträtfotografie wird schnell dem Handwerk zugeschrieben. Die künstlerische Fotografie wendet sich anderen Motiven wie der Landschaft, der Großstadt oder der Natur im Detail zu.
Dies alles sind gesellschaftliche Faktoren, welche die Übersättigung und den Interessenverlust am Menschen spür- und nachvollziehbar werden lassen. Die Kunst hatte zwar ein ihr immanentes Streben nach Abstraktion, doch dieses Streben wurde durch die gesellschaftlichen Bewegungen sicher gestützt und verstärkt.
Ich möchte mir nach diesem kurzen Exkurs nun die umgekehrte Frage stellen. Nicht: Was bedeutet Abstraktion und wie konnte sie entstehen? Sondern: Wie kommt es, dass sich Künstler in dieser Epoche der Abstraktion mit all ihren nur kurz und sicher nicht in aller Vollständigkeit angeleuchteten Ursachen ganz bewusst den so geschmähten Menschen als Sujet wählen, ja sogar in seiner reinsten Form, dem Porträt und dem Selbstporträt?
1.2. Selbstbildnis als möglicher Weg zur Selbsterkenntnis?
1.2.1. Zur Entstehung der Bildnisse
Gottfried Boehm sucht in seinem Buch „Bildnis und Individuum“ nach möglichen Entstehungsursachen des Bildnisses auch außerhalb der Kunstgeschichte. So setzt er die Voraussetzung zur Entstehung selbständiger Porträts in die Epoche des Nominalismus um 1300 und der damit einhergehenden „Privatisierung der Erinnerung“. 6
[....]
1 Barr 1974, S.11.
2 ohne mich auf eine Infragestellung der Verwendung des Begriffes „abstrakt“ einzulassen, wie es Alfred H. Barr in seiner Schrift tut. Barr 1974, S.11f.
3 Ortega Y Gasset 1964, S.32.
4 Und sogar diese Gebiete wenden sich neuen Aufgaben zu, wie Werner Hofmann in seinem Essayband „Die gespaltene Moderne“ treffend zusammenfasst: „Denn alle die sich denkend, forschend und gestaltend um das innere und äußere Gefüge der Welt bemühen sind zu neuen Räumen aufgebrochen: zu neuen Wirklichkeiten, die ihnen ebenso viel bedeuten, wie jene, die sie zurückließen.“ Hofmann 2004, S.21.
5 Allen voran natürlich die der futuristische Bewegung.
6 „Die Privatisierung der Erinnerung ist ein Indiz für die epochenmachenden Änderungen, die zu einer individualisierten Erfahrung Gottes führen. Worin besteht nun die Funktion des spätmittelalterlichen Nominalismus für die Entwicklung des Porträts? Er ermöglicht Individualität am Beispiel des Menschen zu verstehen, ja in zunehmendem Ausmaße ausschließlich an ihm.“ Boehm 1985, S.16.
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