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Magisterarbeit, 2001, 83 Seiten
Autor: M.A. Stefan Farber
Fach: Kulturwissenschaft
Details
Tags: Verborgene, Welten, Bedeutung, Oral, History, Volkskunde
Jahr: 2001
Seiten: 83
Note: Sehr gut (1,0)
Literaturverzeichnis: ~ 241 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-45111-6
Dateigröße: 742 KB
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Verborgene Welten
Zur Bedeutung der Oral-History für die Volkskunde
eingereicht von:
Stefan Farber
2001
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Oral History und biographische Methode: Ursprung, Entwicklung und Bestandsaufnahme ... 5
3. Die Anwendung der Oral History im volkskundlichen Feld: Beispielhaft dargestellt und kritisch betrachtet anhand eines Projektes zur Arbeit in der Dürener Papierindustrie ... 20
3.1. Hintergrund ... 20
3.2. Durchführung ... 23
3.3. Auswertung ... 39
3.4. Museale Verwendung ... 53
4. Zusammenfassende Schlußbemerkung ... 62
1. Einleitung
Oral History liegt im Trend der Zeit. Nachrichtensendungen informieren nicht mehr nur indirekt vom Ort des Geschehens, sondern lassen Augenzeugen vor der Kamera von ihren Erlebnissen berichten. «Zeitzeugenbörsen» vermitteln ihre Informanten an Universitäten, Schulen und Museen,1 und selbst der deutsche Außenminister Joschka Fischer wird unfreiwillig zum Zeitzeugen für eine ganze Nation, wenn er sich vor dem Bundestag zu seiner linksradikalen Vergangenheit äußern muß.
Wie bedeutsam die «oral histories» von Zeitzeugen, ihre Auswertung und das damit verbundene Erkenntnispotential für die Volkskunde sind, wird Inhalt dieser Arbeit sein. Dabei soll der Schwerpunkt nicht auf an anderer Stelle schon ausführlich diskutierten Einzelaspekten der Oral History liegen, sondern vielmehr auf einer kritischen Bestandsaufnahme der mit einer exemplarischen Oral History-Untersuchung verbundenen Probleme und Möglichkeiten. Eine am Papiermuseum Düren durchgeführte Oral History-Erhebung und die entsprechende Präsentation in der aktuellen Dauerausstellung des Museums bilden die Basis dieser Arbeit. So wird sichergestellt, daß nicht nur das theoretische Potential der Oral History, sondern vor allem auch die praktische Umsetzung im Feld kritisch beleuchtet wird. Angesprochen werden dabei auch ethische, rechtliche und technische Aspekte der Oral History, die in der wissenschaftlichen Diskussion bisher kaum Niederschlag gefunden haben.
Nach einer anschließenden Erläuterung der Literaturlage wird im folgenden Kapitel einführend der fachgeschichtliche Hintergrund der Oral History und der biographischen Methode skizziert. Anschließend dient das am Papiermuseum Düren (nachfolgend PMD genannt) durchgeführte Oral History-Projekt als exemplarische Bewertungsgrundlage für die Bedeutung der Oral History im abschließenden Kapitel dieser Arbeit.
Zur Literaturlage: Während für den anglo-amerikanischen Raum schon ab 1973 mit der Oral History Review ein interdisziplinäres Publikationsorgan der Oral History existierte, bildeten im deutschsprachigen Raum vor der endgültigen Etablierung der Oral History in den späten 1970er Jahren (siehe Kapitel 2.) Fachzeitschriften verschiedenster Disziplinen das Sprachrohr der noch im Entstehen begriffenen Forschung. So erschienen entsprechende Artikel vor allem in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, in Literatur & Erfahrung, dem Journal für Geschichte, der Zeitschrift für Volkskunde, sowie etwas interdisziplinärer in Fabula - Zeitschrift für Erzählforschung oder der englischsprachigen Ethnologia Europaea. Mit dem fachübergreifenden Durchbruch der Oral History entstanden dann auch themenzentrierte Publikationsorgane. Seit 1983 berichtete die Zeitschrift Geschichtswerkstätten von Projekten der gleichnamigen Bewegung. Mit BIOS - Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History existiert seit 1988 dann schließlich ein auch international anerkanntes Fachorgan, dessen interdisziplinäre Ausrichtung sich schon in dessen Herausgeberschaft wiederspiegelt.
BIOS erscheint am Institut für Geschichte und Biographie in Lüdenscheid, das darüber hinaus den Sitz der 1996 begründeten International Oral History Association (IOHA) bildet. Mittlerweile hat die Literatur zu Oral History und Biographieforschung eine hohe thematische Vielfalt und ein kaum mehr zu überblickendes quantitatives Ausmaß angenommen.2 Forschungspraktische Einführungswerke in die Oral History sind jedoch selten, was angesichts der in den folgenden Kapiteln noch zu zeigenden Vielschichtigkeit der Oral History und den damit verbundenen Problemen nicht überrascht. Eine positive Ausnahme stellt die dreibändige Einführung in die Oral History von Franz-Josef Brüggemeier und Dorothee Wierling dar, die explizit auf die Praxis der Oral History abzielt.3 Während Albrecht Lehmanns 1986 erschienenes Werk Gefangenschaft und Heimkehr,4 das das Leben und Leiden deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion und deren Probleme nach der Rückkehr in die «Heimat» thematisiert und als Prototyp der auf Oral History basierenden volkskundlichen Studie gilt, die theoretischen Hintergründe seiner Untersuchung noch weitestgehend außen vor läßt, reflektieren die volkskundlichen Forschungsvorhaben der folgenden Jahre diese schon mehr.5 Besonders ab den frühen 1990er Jahren ist eine stark ansteigende Anzahl diesbezüglicher Titel zu verzeichnen. Die 1981 in Freiburg stattfindende DGV-Tagung Lebenslauf und Lebenszusammenhang 6 ist wie der 1989 in Göttingen veranstaltete 27. Deutsche Volkskundekongreß mit dem Thema Erinnern und Vergessen 7 ein deutlicher Indikator dieser neuen, kritischen Auseinandersetzung mit erzählten Lebensgeschichten oder Teilen daraus. Die beschriebene Literaturvielfalt belegen vor allem Bibliographien. Diese liegen mittlerweile selbst für thematische oder theoretische Einzelaspekte der Oral History und der biographischen Forschung vor.
Von Monika Hinner stammt beispielsweise eine Bibliographie zur Bedeutung der Oral History in der Frauenforschung zum Nationalsozialismus.8 Winfried Marotzki gibt in mittlerweile dritter Auflage die Magdeburger Bibliographie zur Biographieforschung heraus, die trotz eines deutlichen Schwerpunkts auf der Erziehungswissenschaft auch durchaus Aspekte der qualitativen Sozialforschung im Allgemeinen berücksichtigt.9 Der in der ersten BIOSAusgabe erschienene Literaturüberblick von Charlotte Heinritz ist zwar schon etwas älter, verdeutlicht aber mit mehr als 800 thematisch sehr vielfältigen Einträgen gut die schon Ende der 1980er Jahre vorhandene Bandbreite der Oral History.10 Die volkskundliche Literatur zur Oral History stellt zwar quantitativ gesehen nur einen verschwindend geringen Anteil am gesamten Literaturaufkommen dar, ist aber spätestens seit den 1990er Jahren meist durch ein hohes Maß an theoretischer Diskussion gekennzeichnet, die ihren Niederschlag auch in einer Erörterung relevanter Schlüsselbegriffe der Oral History und Biographieforschung in der Enzyklopädie des Märchens (EDM) gefunden hat. Eine «übergreifende, zusammenhängende Methodenlehre» existiert jedoch bis heute nicht.11
[...]
1 Stidinger, Tanja: Geburtsstunde des Haarsprays miterlebt. Zeitzeugenbörse sammelt Lebensgeschichten. Berliner Zeitung vom 09.01.1996.
2 Vgl. auch Schröder, Hans-Joachim: Die gestohlenen Jahre. Erzählgeschichten und Geschichtserzählung im Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht ehemaliger Mannschaftssoldaten. Habilitation (=Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur; 37). Tübingen 1992, S. 11.
3 Brüggemeier, Franz-Josef / Dorothee Wierling: Einführung in die Oral History. Kurseinheiten 1-3. Hagen 1986.
4 Lehmann, Albrecht: Gefangenschaft und Heimkehr. Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion. München 1986.
5 So beispielsweise Schuhladen, Hans / Georg R. Schroubek: Nahe am Wasser. Eine Frau aus dem Schönhengstgau erzählt aus ihrem Leben. Eine Dokumentation zur volkskundlichen Biographieforschung (=Münchener Beiträge zur Volkskunde; 9). München 1989.
6 Brednich, Rolf Wilhelm / Hannjost Lixfeld / Dietz-Rüdiger Moser et al. (Hg.): Lebenslauf und Lebenszusammenhang. Autobiographische Materialien in der volkskundlichen Forschung. Vorträge der Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Freiburg i. Br. vom 16.-18. März 1981. Freiburg 1982.
7 Bönisch-Brednich, Brigitte / Rolf Wilhelm Brednich / Helge Gerndt (Hg.): Erinnern und Vergessen. Vorträge des 27. Deutschen Volkskundekongresses Göttingen 1989 (=Schriftenreihe der Volkskundlichen Kommission für Niedersachsen e.V.; 6). Göttingen 1991.
8 Hinner, Monika: Oral History als Instrument der Frauenforschung zum Nationalsozialismus. Eine kommentierte Auswahlbibliographie 1990-1996 (=Extra- Info; 20). Berlin 1996.
9 Marotzki, Winfried (Hg.): Magdeburger Bibliographie zur Biographieforschung. 3. Auflage. Magdeburg 1998.
10 Heinritz, Charlotte: BIOLIT. Literaturüberblick aus der Biographieforschung und der Oral History 1978 – 1988. In: BIOS 1/1 (1988), S. 121-167 und BIOS 1/2 (1988), S. 103-138.
11 Geppert, Alexander: Forschungstechnik oder historische Disziplin? Methodische Probleme der Oral History. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 5 (1994), S.319-323, hier S. 303.
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