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Autor: Thomas Heim
Fach: Romanistik - Französisch - Literatur
Details
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut für Romanische Philologie)
Tags: Publikumsstruktur, Molières, Komödienaufführungen, Hauptseminar, Molière, Commedie
Jahr: 2005
Seiten: 25
Note: 1-2
Literaturverzeichnis: ~ 22 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 1559 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-45268-7
ISBN (Buch): 978-3-638-65983-3
Zusammenfassung / Abstract
Die Arbeit betrachtet die gesellschaftliche Zusammensetzung des Publikums bei Molières Komödienaufführungen. Die feststehende Formel für die literarische Öffentlichkeit des 17. Jahrhunderts "la cour et la ville" wird erweitert durch eine dritte Komponente: "le parterre". Darüber hinaus wird der Einfluss des Publikums, inwieweit sich Molière dem Publikum anpasst und es seiner Karriere dienlich macht, sowie der Zusammenhang zwischen den Komponenten des Publikums und den Formen der molièreschen Komödie untersucht.
Textauszug (computergeneriert)
LMU MÜNCHEN
Institut für Romanische Philologie
HS Molière und die Commedia dell’arte
Sommersemester 2005
La cour et la ville. Zur Publikumsstruktur bei Molières
Komödienaufführungen
von: Thomas Heim
Gliederung
1. La cour et la ville: Bezeichnungen für das Publikum im 17. Jahrhundert 3
2. Die Publikumsstruktur bei Molières Komödienaufführungen 3
2.1 La cour: königliche Familie und Hofadel 4
2.2 La ville: Großbürgertum und oberes mittleres Bürgertum 5
2.3 Le parterre: wenig gebildetes, gewerbetreibendes Bürgertum 7
2.4 Blick in Molières Theater im Palais Royal: Sitzplan und Zuschauerschaft 9
2.5 Drei Komponenten des Publikums – drei Formen des Theaters? 12
2.6 Réussite und succès: Molières publikumsorientierte Karrierestrategien 18
3. Zusammenfassung der Ergebnisse 23
4. Bibliographie 24
1. La cour et la ville: Bezeichnungen für das Publikum im 17. Jahrhundert
Etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts kommt zu den allgemeineren Bezeichnungen für das Lese- und Theaterpublikum – lecteurs, spectateurs, auditeurs, assemblée, peuple, public1 – und eher veralteten Begriffspaaren wie le peuple et la cour, le courtisan et le bourgeois, le noble et le bourgeois, Paris et la cour die Bezeichnung la cour et la ville hinzu und wird zu einer „feststehende[n], allgemein verbindliche[n] Formel zur Bezeichnung der literarisch-gesellschaftlichen Öffentlichkeit“ (Grimm 2002: 39, cf. auch Auerbach 1951: 13 ff. und Lough 1978: 154 f. ). So taucht la cour et la ville etwa in Molières 1666 uraufgeführtem Misanthrope auf (Molière 1965b: 26; Sz. I, 1); Boileau, ein Freund Molières, schreibt 1674 in seinem ein Jahr nach Molières Tod veröffentlichten Art poétique, dass sich ein Komödiendichter mit Vertretern von la cour und la ville beschäftigen soll (cf. Boileau 1966: 178); und auch Chappuzeaus im selben Jahr veröffentlichtes Buch Le théâtre françois enthält das Begriffspaar: Chappuzeau lobt darin den Menschen Molière, der bei la cour wie bei la ville beliebt war (cf. Chappuzeau 1875: 126).
Auf welche Gesellschaftsschichten aber bezieht sich la cour et la ville genau? Im Folgenden soll die Zusammensetzung des molièreschen Publikums eingehend beleuchtet und die Charakterisierung der Publikumsstruktur durch la cour und la ville um eine dritte Komponente erweitert werden: le parterre. Außerdem soll der Einfluss des Publikums, inwieweit sich Molière dem Publikum anpasst und es seiner Karriere dienlich macht, sowie der Zusammenhang zwischen den Komponenten des Publikums und den Formen der molièreschen Komödie untersucht werden.
2. Die Publikumsstruktur bei Molières Komödienaufführungen
Untersucht man das molièresche Publikum, das mit la cour et la ville umschrieben wurde, hinsichtlich seiner Soziologie genauer, fällt eine soziale Mehrschichtigkeit auf, die besser mit einer Dreiteilung beschrieben wird: das Publikum setzt sich aus la cour, la ville und le parterre zusammen.
2.1 La cour: königliche Familie und Hofadel
La cour steht zu Molières Zeiten für Versailles und bezieht sich auf die königliche Familie und den Hofadel2, im Grunde auf die gesamte Umgebung des Königs (die nicht immer adligen, sondern bisweilen auch großbürgerlichen Ursprungs ist, wie Auerbach (1951: 14) und Elias (2003: 369) anmerken). Der Großteil des Hofes Ludwigs XIV. 3 ist aber adlig: Zwar liegt die eigentliche politische Macht in den Händen von wenigen Beamten meist bürgerlichen Ursprungs; aber die gesellschaftliche Atmosphäre des Hofes bestimmt der sich dort zusammenfindende Adel“ (Auerbach 1951: 35). Dieser ist „ein Stand ohne Funktion, der aber trotzdem als privilegierter Stand anerkannt wird“ (Auerbach 1951: 40). Elias (2003: 254) berichtet: Aus dem über das ganze Land hin verstreuten Adel wuchs als Zentrum und maßgebende Macht der um den König zentrierte höfische Adel heraus, […] [der] in einem Ort, in Paris, und in einem sozialen Organ, dem Königshof, [sein] maßgebendes Zentrum [findet].
Für den Adel typisch ist die „traditionelle Geringschätzung geschäftlichen Gelderwerbs“, so Elias (2003: 168).4 Es ist ihm sogar per Gesetz verboten, sich an irgendwelchen kommerziellen Unternehmungen zu beteiligen. Auf diese Weise sein Einkommen zu vermehren, gilt als unehrenhaft und hat den Verlust des Titels und des Ranges zur Folge (Elias 2003: 119). Die Bezeichnung la cour darf aber nicht zur Annahme verleiten, der König und seine Umgebung würden nicht auch in den Theatern der Stadt auftauchen, im Hôtel de Bourgogne, dem Petit-Bourbon5 oder dem Palais Royal (cf. Duchêne 1998: 184 f., 306). Unbestritten ist der Hof aber ein wichtiges intellektuelles Zentrum: Die höfische Gesellschaft wurde im 16. und 17. Jahrhundert in vielen Ländern langsam zu einer maßgebenden Kultur, weil die höfische Gesellschaft, besonders in Frankreich, im Zuge der zunehmenden Zentralisierung des Staatsgefüges zur maßgebenden gesellschaftlichen Eliteformation des Landes wurde (Elias 2003: 318). Innerhalb dieser höfischen Gesellschaft um Ludwig den XIV. fand Molière ein begeistertes Publikum. Caldicott (1998: 84 ff.) errechnet bis zu 344 Aufführungen am Hof (und vermutet, dass diese Zahl noch viel zu niedrig ist), was etwa einem Viertel der molièreschen Gesamtproduktion für la ville entspricht.
2.2 La ville: Großbürgertum und oberes mittleres Bürgertum
[...]
1 Zur Verwendung von public cf. Auerbach (1951: 12 f. und 1965: 3 ff.). Einen umfassenden Überblick über die Bedeutungsdimension von public im Frankreich des 17. Jahrhunderts gibt Merlin (1994).
2 Bis zum Regierungsantritt Ludwigs XIV. 1661 ist der Adel ein politisch einflussreicher Hochadel, der danach jedoch zum funktions- und einflusslosen Hofadel absinkt (cf. Grimm 2002: 39). Diese Entwicklung zeige sich bereits seit dem 14. Jahrhundert (cf. Auerbach 1951: 35-40).
3 Ein ungefähres Bild von der Größe des Hofes gibt Elias (2003: 139): „Die genau Zahl der Menschen, die im Schloß von Versailles wohnten oder wohnen konnten, ist schwer zu ermitteln. Immerhin wird uns berichtet, dass im Jahre 1744 – die Dienerschaft mit eingerechnet – etwa 10 000 Personen im Schloß untergebracht waren […].“
4 Die Geringschätzung ist vielleicht auch darin begründet, dass ein Erwerbstätiger, „qui fera fortune par le commerce ou la banque, se servira de sa puissance monétaire pour acquérir un titre, c’est-à-dire pour entrer dans l’état aristocratique“ (Russo 2002: 7).
5 Innerhalb des Louvre gelegenes Theater.
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