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"Trainspotting" - eine groteske Variante der heldischen Bewährungsprobe

Autor: Florian Scharr
Fach: Filmwissenschaft

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Details

Veranstaltung: Humor im Film
Institution/Hochschule: Universität Mannheim (Moderne Germanistik)
Tags: Trainspotting, Erziehungsroman, Bewährungsprobe, Drogen, Sex, Groteske
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2001
Seiten: 40
Note: 1,7
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 231 KB
Archivnummer: V4867
ISBN (E-Book): 978-3-638-12969-5
ISBN (Buch): 978-3-638-63876-0
Anmerkungen :
Die Hausarbeit untersucht die alternativen Lebensentwürfe im Film Trainspotting (Drogen, Sex, Freundschaft) und kommt zu dem Schluß, daß der Film eine moderne, groteske Variante der heldischen Bewährungsprobe aus dem Sagenbereich darstellt.
192 KB

Zusammenfassung / Abstract

Das Werk analysiert den Kultfilm "Trainspotting", untersucht die alternativen Lebensentwürfe im Film (Drogen, Sex, Freundschaft) und kommt zu dem Schluß, daß der Film eine moderne, groteske Variante der heldischen Bewährungsprobe aus dem Sagenbereich darstellt. Eine gute Lektüre vor der Wochenendparty, Inspiration für Filmschaffende oder für Studenten, die selbst etwas zum Film verfassen wollen.

Textauszug (computergeneriert)

Trainspotting - eine groteske Variante der heldischen Bewährungsprobe

von Florian Scharr


INHALT

I. EINLEITUNG

II. DIE GLIEDERUNG DES FILMS- "VORHER" UND "NACHHER"

III. DIE ALTE WELT

III.I. Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug,
Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch…

III.II. Alternative Lebensentwürfe

IV. DER ÜBERGANG - DIE ERZIEHUNG

V. DIE NEUE WELT

V.I. Ein Yuppie in der Großstadt

V.II. Der Tag, an dem ich sterbe - carpe diem!

VI. SCHLUß

VI.I. Die Bewährungsprobe

VI.II Eine weiterführende Überlegung - Drogenverherrlichung in "Trainspotting"?

Literatur


I. EINLEITUNG

1994 erschien der provozierende Roman "Trainspotting" des Schotten Irvine Welsh. Zwei Jahre später wurde der als "unverfilmbar" geltende Beststeller auf die Leinwand gebracht, und zum großen Erstaunen der Produzenten, des Regisseurs und der Autoren lief der schottische Independent-Film weltweit mit großem Erfolg in den Kinos.
"Trainspotting" erzählt aus der Ich-Perspektive die Entwicklung des jungen Mark Renton. In der ersten Hälfte des Films werden die Erlebnisse des arbeitslosen, kriminellen, heroinsüchtigen Jugendlichen in Edinburgh in einer Gruppe von Junkies und ihrer Freunde dargestellt, in einem Wechsel von Drogenrausch und nicht allzu ernsthaft unternommenen Versuchen, "clean" zu werden, kriminellen Aktivitäten sowie spaßigen und entsetzlichen Ereignissen in der Clique.
Der zweite Teil des Films beginnt, nachdem Renton an einer Überdosis Heroin fast gestorben wäre. Daraufhin zwingen ihn seine Eltern endlich zum Entzug. Nach seiner "Menschwerdung" zieht er nach London und arbeitet dort erfolgreich als Immobilienmakler, doch dann holt ihn seine Vergangenheit wieder ein: die alten Freunde kommen ihn besuchen, nutzen ihn schamlos aus, sorgen dafür, daß er seine Arbeit verliert und zwingen ihn wieder zurück nach Edinburgh, zu Kriminalität und Heroininjektionen. Renton revanchiert sich, indem er ihnen eine durch gemeinsamen Drogenverkauf verdiente gewaltige Geldsumme stiehlt und sich auf den Weg zum Hafen macht, um das alte Milieu nun endgültig hinter sich zu lassen.
Der Film endet mit einem freudestrahlenden Mark Renton auf dem Weg fort von den Britischen Inseln, der dem Zuschauer sinngemäß mitteilt: "Bald werde ich genauso sein wie ihr!"

Ziel meiner Hausarbeit ist es, nachzuweisen, daß auch der überaus moderne Film "Trainspotting", der sich auf den ersten Blick in gar kein Schema einzuordnen lassen scheint, von nichts anderem handelt als von dem uralten literarischen Motiv der heldischen Bewährungsprobe. Spezifischer: "Trainspotting" ist ein Erziehungsroman, bei dem die Bewährungsprobe des Helden im Mittelpunkt steht.

Ein Erziehungsroman behandelt die geistige Entwicklung der Hauptgestalt, meist eines jungen Menschen, von einer sich selbst noch unbewußten Jugend zu einer gereiften Persönlichkeit, die ihre Aufgabe in der Gemeinschaft bejaht und erfüllt.
Dieser Bildungsgang führt über Erlebnisse der Freundschaft und Liebe, über Krisen und Kämpfe mit den Realitäten der Welt zur Entfaltung der natürlichen geistigen Anlagen. Jugendjahre - Wanderjahre - Läuterung Anerkennung und Einordnung in die Welt.

Kernpunkt dieses Romans ist die Bewährungsprobe, ein Motiv, das sich seit den ersten Romanen des Mittelalters wie ein Leitfaden bis zum heutigen Tage und wohl auch in Zukunft durch alle Heldengeschichten zieht: Im Kaiserreich handelte davon "Siegfried der Drachentöter", in der Weimarer Republik "Emil und die Detektive", im Dritten Reich die Kriegsliteratur, in unserer Zeit dann "Die unendliche Geschichte", um nur einige von unzähligen literarischen Varianten des Themas zu nennen. Der Protagonist verläßt seine Heimat, in der er wohlbehütet aufgewachsen ist, um sich in der Fremde zu bewähren. Durch dieses Meistern einer schwierigen Situation gewinnt er neue Fähigkeiten dazu und kann sich als Held beweisen.

Die Entwicklung eines kriminellen Jugendlichen, der schließlich doch zu einem verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft werden will und dieses Ziel über eine Bewährungsprobe erreicht, wird in diesem Film mit einer gewaltigen Portion Zynismus und somit als eine Groteske vorgetragen.

Groteske (ital. Grottesco = wunderlich, verzerrt) : Der groteske Stil ist dadurch gekennzeichnet, daß er scheinbar Unvereinbares miteinander verbindet, Seltsam-Abartiges dem Närrisch-Lustigen zugesellt und in dem paradoxen Nebeneinander heterogener Bereiche die Form ins Formlose umschlagen läßt, die Gestalt ins Maßlose übersteigert und ihr teils humoristisch-karikiierende, meist eher schaurige und sogar dämonische Züge verleiht.
Die phantastische Verzerrung und Entstellung verdrängt vielfach das spielerische Moment und wird so zum Ausdruck einer im ganzen entfremdeten Welt, eine Darstellung des gesteigert Grauenvollen, das zugleich als Lächerlich erscheint. Dementsprechend findet sich das Groteske vor allem in Epochen, in denen das überkommene Bild einer heilen Welt angesichts der veränderten Wirklichkeit seine Verbindlichkeit verloren hat, in denen die Welt unfaßbar, der Vernunft unzugänglich und von unversöhnlichen Widersprüchen beherrscht scheint.

Diese Beschreibung macht bereits deutlich, daß es sich bei "Trainspotting" nicht um eine konventionelle Bewährungsgeschichte handeln wird. Die Groteske zeichnet sich dadurch aus, daß sie uns durch eine bisweilen durchaus als "abartig" zu bezeichnende Art von Humor sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken bringen will. Dies wird erreicht, indem die bestehende Welt mit ihrer Moral und ihrem jeweiligen Gewissen durch Verdrehungen und Entstellungen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Selbst die eigentliche Bewährungsprobe in "Trainspotting" findet auf eine auf den ersten Blick kriminell und geradezu lächerlich einfach anmutende Art und Weise statt. Ich will aufzeigen, daß dem nur auf den ersten Blick so ist und es sich bei der im Film ausgeführten Bewährungsprobe wahrhaftig um eine solche handelt, um eine Tat, die dem Helden einiges an Mut und Entscheidungskraft abverlangt.
Hierzu muß unter der Oberfläche der Groteske nachgeforscht werden. Ich will die Verwirrungen geraderücken, die die Darstellung einer Groteske auszeichen, um so die eigentliche, hinter der abartigen Fassade versteckte Aussage des Films deutlich zu machen und zu beweisen, daß die Handlung nichts anderes darstellt als eine moderne Variante der heldischen Bewährungsprobe.

II. DIE GLIEDERUNG DES FILMS- "VORHER" UND "NACHHER"

So wenig "Trainspotting" dem traditionellen narrativen Kino verhaftet ist, ja sogar mit Formen traditionellen Filmerzählens zu brechen scheint, ist dies aber nur ein erster Eindruck. Es ist eher die Fremdheit der Bildgestaltung, die Ungewohnheit der Szenen und die Eigenheit der Formulierungen des Erzählers, die Irritationen verursachen, nicht die Bauweise des Films. Tatsächlich ist die Erzählung sehr konventionell, es handelt sich um eine biographische Erzählung, die in ein Vorher und ein Nachher gegliedert ist. Der Film verfügt ganz konventionell über eine Exposition, einen Plot Point 1 und 2 und ein glückliches Ende. Verwirrend wirkt neben der grotesk verdrehten Handlung die ebenso groteske Unterteilung der einzelnen Abschnitte von "Trainspotting". Die Exposition, die der Konvention nach in allerspätestens zehn Filmminuten abgehandelt sein sollte, nimmt fast zwei Drittel des Films in Anspruch, der Plot Point 2, gemeinhin das große Finale, wird mit solch lapidarer Einfachheit ausgeführt, daß seine Bedeutung zunächst kaum auffällt.

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