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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 24 Pages
Author: Katrin Gutberlet
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Frauenbilder, Konstruktion, Weiblichen, Frank, Wedekinds, Lulu, Irmgard, Keuns, Mädchen
Year: 2004
Pages: 24
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 18 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-45421-6
File size: 272 KB
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Excerpt (computer-generated)
Universität Konstanz, Philosophische Fakultät
Seminar: Lulu und ihre Schwestern. Zur Konstruktion
des Weiblichen um 1900 auf dem Theater, in Literatur und Film
Sommersemester 2004
Frauenbilder - zur Konstruktion des Weiblichen in
Frank Wedekinds ′Lulu′ und Irmgard Keuns
′Das kunstseidene Mädchen′
von: Katrin Gutberlet
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung Seite 1
1. Entstehung und Veröffentlichung Seite 3
2. Das Frauenbild der Jahrhundertwende Seite 3
3. Die ‚Neue Frau‘ Seite 5
4. Femmes fatales oder Opfer ihrer Zeit? Seite 8
5. Doris als Femme Fatale? Seite 11
6. Doris und die ‚Neue Frau‘ Seite 13
7. Lulu als ‚Neue Frau‘? Seite 16
8. Pierrot-Kostüm versus Feh - eine abschließende Betrachtung Seite 18
Bibliographie Seite 21
0. Einleitung
Zwischen Frank Wedekinds Drama Lulu und Irmgard Keuns Roman Das kunstseidene Mädchen liegt vor allem ein historisches Ereignis: der erste Weltkrieg. Für die Frauen der Zeit brachte dieser Krieg unter anderem eine Veränderung der gesamten Arbeitssituation mit sich. Sie mussten die Männer nun ersetzen und so eröffnete sich für sie zum ersten Mal der Weg in männliche Arbeitsfelder. Nach dem Krieg wurde von den Frauen erwartet, die Arbeitsplätze wieder für die Männer frei zu machen. Die meisten Arbeitnehmerinnen fügten sich, gingen dem ‚Beruf‘ Ehefrau nach oder suchten sich eine Anstellung in den Bereichen, für die Frauen als besonders geeignet angesehen wurden. Dazu gehörten eher schlecht bezahlte Tätigkeiten wie Haus- oder Kindermädchen, Büroangestellte und andere.1
Doch natürlich liegt zwischen den beiden Werken mehr als Zeit und historische Ereignisse. Die Hauptfiguren Lulu und Doris stehen nicht nur für unterschiedliche Weiblichkeitskonzeptionen, sie entstammen auch verschiedenen literarischen Gattungen, dem Drama und dem Roman. Während Keun dem Rezipienten Aufschluss über das Innenleben der Protagonistin ermöglicht, die Psychologie der Figur beschreibt, bleibt Lulu selbst für den Leser immer eine Bühnenfigur, die ihre Innenansicht verweigert. Lulu erscheint zunächst als die stärkere und unabhängigere Persönlichkeit, die sich ihrer Sexualität wesentlich bewusster ist und diese auch radikaler auslebt als Doris. Dennoch geht sie ihrem Abstieg unaufhaltsam entgegen, hat sich zuvor durch (fast) alle sozialen Stufen ihrer Zeit bewegt. Doris hingegen verbleibt immer auf der Ebene der Angestellten bzw. der Arbeiter. Zwar macht sie Ausflüge in das bürgerliche und großbürgerliche Milieu, doch bleibt sie sich der Differenz immer bewusst und scheitert auch daran.
In dieser Arbeit möchte ich der Fragestellung nachgehen, in welcher Hinsicht Lulu und Doris als Verkörperung der Frauenbilder ihrer Zeit zu betrachten sind. Unumgänglich bei dieser Vorgehensweise ist die Frage: Wer fragt?2 Auch wenn in der Literaturtheorie der Funktion des Autors eine strittige Funktion einnimmt, so scheint es bei dem Vergleich dieser beiden Werke erwähnenswert, dass Lulu der Feder eines Mannes entstammt, und zwar eines Autors, dessen Werk von der Literatur Strindbergs und Nietzsches beeinflusst war. Wie viele andere Schriftsteller der Zeit inszenierte Wedekind die Frau als lasterhaftes Wesen, als Dämon, als vernichtende Nymphomanin. „Doris“ wurde von einer Frau kreiert, die weibliche Mitstreiterinnen gefunden hatte wie Gabriele Tergit, Vicki Baum oder Mascha Kaléko. Sie gehörten mit ihren Werken zu einer neuen kulturellen Strömung, der Neuen Sachlichkeit, die für sich vor allem Charakterisierungen wie Neutralität und Objektivität beanspruchte. Der Blick auf Lulu ist ein männlicher Blick, der das Frauenbild der Zeit prägte; darum kommt es bei Lulu nicht zu der Introspektion, die Doris ihren Leserinnen ermöglicht. Die Leserschaft des kunstseidenen Mädchens war überwiegend weiblich. Der Roman reihte sich in eine Summe von Medien ein, die den Frauen der Zeit ein neues Bild über sich selbst verschaffen sollten. An diesem Bild arbeiteten in den zwanziger Jahren vor allem Zeitschriften und Werbung. Eine notwendige Ergänzung waren die Romane der Zeit, zumal sie in den jungen Frauen lesehungrige Konsumentinnen fanden, die Romane im gleichen Maße für Realität hielten wie viele Jugendliche heute die daily soaps. Keun zeigt mit ihrem Roman die andere, von den übrigen Medien meist ausgeklammerte, Seite, die auf einen Mangel hinsichtlich der bis dahin erreichten Emanzipation hinweist. Hinter allen Errungenschaften und größeren Freiräumen für die Frauen steht doch noch immer die unübersehbare Anhängigkeit vom Mann. Es wird also in dieser Arbeit nicht nur um die Frauenbilder unterschiedlicher Zeiten gehen; es wird auch Thema sein, den weiblichen Blick auf die Frau so weit wie möglich vom männlichen zu unterscheiden. Dabei bedingt ein Aspekt den anderen: während die Jahrhundertwende gekennzeichnet ist von der Frage: „Was ist das: Die Frau?“3, die mit verschiedenen Bildern von männlichen Weiblichkeitsentwürfen beantwortet wird, wird in den zwanziger Jahren der Weimarer Republik das Frauenbild stark durch Medien konzipiert, die Frau wird als zuverlässige Konsumentin entdeckt. Außerdem taucht die Idee auf, dass auch Frauen an der Konzeption ihres eigenen Bildes beteiligt sein könnten.
1. Entstehung und Veröffentlichung
Ab 1892 arbeitete Frank Wedekind an dem Drama Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragödie. Buchdrama. Diesem zunächst klassisch fünfaktig angelegten Stück fügte er 1895 einen weiteren Akt hinzu, nahm die letzten beiden Akte weg und ließ den so entstandenen Vierakter unter dem Titel Erdgeist drucken. Den beiden weggenommen Akten fügte er einen neu geschriebenen Akt hinzu und gab diesem so entstandenen Stück den ursprünglichen Titel Die Büchse der Pandora. Der Inhalt dieses Werkes erregte so viel Aufsehen, dass über Änderungen und Verbote in drei gerichtlichen Instanzen entschieden wurde. 1913 wurden beide Teile zu dem Doppeldrama Lulu zusammengefasst. Die Uraufführung des Erdgeists fand am 25. Februar 1898 in Leipzig statt, allerdings wagte man sich nur, den ersten Akt aufzuführen. Irmgard Keuns zweiter Roman Das kunstseidene Mädchen wurde erstmals 1931 im Universitas- Verlag publiziert und wurde ein Bestseller. Er zählt zum Genre der Neuen Sachlichkeit.
2. Das Frauenbild der Jahrhundertwende
[...]
1 Vgl. Walser, Karin, Dienstmädchen: Frauenarbeit und Weiblichkeitsbilder um 1900, Frankfurt am Main 1985: „Mein Mann war in de Straßenbahn Fahrer. Der wurde dann eingezogen und dann bin ich an die Straßenbahn gegangen. [...] ich hatte ja meinen Haushalt und hatte meinen Mann und das Kind. Mein Mann [...] hatte ja wieder seine Arbeit [bei der Straßenbahn]. Und der war zufrieden, wenn er Arbeit hatte.“ (S. 123-124)
2 Vgl. Drescher, Barbara, „Die ‚Neue Frau‘“, In: Fähnders, Walter / Karrenbrock, Helga (Hg.), Autorinnen der Weimarer Republik , Bielefeld 2003, S. 163-186, dort S. 173
3 Vgl.: Gutjahr, Ortrud, „Lulu als Prinzip. Verführte und Verführerin in der Literatur um 1900.“, In: Roebling, Irmgard: Lulu, Lilith, Mona Lisa...: Frauenbilder um die Jahrhundertwende, Pfaffenweiler 1988, S. 45-76, dort S. 45
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