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Examination Thesis, 2005, 131 Pages
Author: Katja Bergmann
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Wahnsinnsmotiv, Nachtstücken, Hoffmanns
Year: 2005
Pages: 131
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 70 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-45499-5
ISBN (Book): 978-3-638-70846-3
File size: 944 KB
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Abstract
Der Leser betritt mit der Lektüre der 1816 und 1818 entstandenen „Nachtstücke“, einem späten Erzählband E.T.A. Hoffmanns, die Welt des Seltsamen, des Verbrechens, des Dämonischen und des Übernatürlichen. Der romantische Dichter widmet sich in seinen acht Erzählungen der Psyche des Menschen sowie den Abgründen der Krankheit. Dabei liefert Hoffmann in facettenreicher Ausgestaltung ein verzerrtes groteskes Bild, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Mehr als die früheren Märchen und Erzählungen, eröffnen die Nachtstücke einen Blick auf die Seiten des Lebens, die dem aufgeklärten Verstand schrecklich und rätselhaft erscheinen. Das „Nächtliche“ beschränkt E.T.A. Hoffmann jedoch nicht allein auf den Raum der Nacht, sondern bettet es in das reale alltägliche Umfeld seiner Zeit. Die acht Erzählungen kennzeichnen den Aufbruchcharakter der Spätromantik. Hoffmann hält als begabter und kritischer Beobachter jedes Details seines gesellschaftlichen Umfeldes fest. Subjektivität bestimmt das Wesen seiner Erzählungen. In der folgenden Arbeit sollen nicht die Person E.T.A. Hoffmann und deren Gesamtwerk im Vordergrund stehen, sondern die Sammlung der „Nachtstücke“ unter besonderer Berücksichtigung des Wahnsinnsmotivs. Die analytische Arbeit umfasst aufgrund des Umfangs der Sammlung lediglich eine Auswahl der Nachstücke. „Der Sandmann“, „Das öde Haus“ und „Das Gelübde“ sollen hinsichtlich ihrer thematischen Ausgestaltung sowie ihrer strukturellen und sprachlich-stilistischen Eigenheiten untersucht werden. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse der Analyseschwerpunkte verglichen und ausgewertet. Die Arbeit versucht Einsichten in das Hoffmann’sche Erzählen zu gewinnen und Grundtendenzen zu erarbeiten. Dabei soll herausgestellt werden, welche dichterischen Mittel nutzt, um das Wahnsinnsmotiv vielschichtig verarbeiten.
Excerpt (computer-generated)
Schriftliche Hausarbeit
im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für Gymnasium Institut für Germanistik Neuere deutsche Literatur - 19./20. Jahrhundert
Das Wahnsinnsmotiv in den Nachstücken E.T.A. Hoffmanns
vorgelegt von Katja Bergmann
2005
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung ... 1-3
1. Epoche der Romantik
1.1. Historische Hintergründe ... 4 - 5
1.2. Der Einfluss der Romantischen Philosophie und Medizin auf die Literarische Strömung ... 5 - 14
2. E.T.A. Hoffmann und sein literarisches Werk
2.1. Der Autor
2.1.1. Biografische Zäsuren ... 14 -19
2.1.2. Ein vielseitiger Künstler ... 19 - 20
2.2. Literarisches Werk
2.2.1. Poetisches Schaffen ... 20 - 22
2.2.2. Rezeption ... 22 - 24
2.2.3. Poetologischer Standpunkt ... 24 - 27
2.2.4. Gestaltungsprinzipien ... 27 - 29
2.2.5. Nachtstücke
2.2.5.1. Begriffsbestimmung ... 29 - 31
2.2.5.2. Thematische Aspekte ... 31 - 35
2.2.5.3. Strukturelle Organisation ... 35 - 37
2.2.5.4. Sprachliche Schwerpunkte ... 37 - 39
2.2.6. Motiv des Wahnsinns
2.2.6.1. Arten des Wahnsinns ... 39 - 41
2.2.6.2. Die vom Wahnsinn betroffenen Figuren ... 42 - 43
2.2.6.3. Die den Wahnsinn auslösenden Figuren ... 44 - 45
3. Einzelanalyse ausgewählter Nachtstücke
3.1. Methode ... 45
3.2. Der Sandmann
3.2.1. Inhaltliche Analyse
3.2.1.1. Handlungsverlauf ... 46 - 48
3.2.1.2. Art des Wahnsinns ... 48 - 54
3.2.1.3. Wahnsinnsfiguren ... 55 - 59
3.2.1.4. Motivik ... 59 - 61
3.2.2. Strukturelle Analyse ... 62 - 64
3.2.3. Sprachlich-formale Analyse ... 65 - 68
3.3. Das öde Haus
3.3.1. Inhaltliche Analyse
3.3.1.1. Handlungsverlauf ... 69 - 71
3.3.1.2. Art des Wahnsinns ... 72 - 78
3.3.1.3. Wahnsinnsfiguren ... 79 - 82
3.3.1.4. Motivik ... 83 - 85
3.3.2. Strukturelle Analyse ... 85 - 87
3.3.3. Sprachlich-stilistische Analyse ... 88 - 90
3.4. Das Gelübde
3.4.1. Inhaltliche Analyse
3.4.1.1. Handlungsverlauf ... 90 - 92
3.4.1.2. Art des Wahnsinns ... 92 - 96
3.4.1.3. Wahnsinnsfiguren ... 97 - 99
3.4.1.4. Motivik ... 100-101
3.4.2. Strukturale Analyse ... 101-103
3.4.3. Sprachlich-stilistische Analyse ... 104-105
4. Auswertung der Analyse
4.1. Thematische Ausgestaltung des Wahnsinnsmotiv in den ausgewählten Erzählungen ... 106-113
4.2. Strukturelle Einbindung des Wahnsinnsmotivs ... 114-116
4.3. E.T.A. Hoffmanns sprachlich-formale Unsetzung ... 116-119
4.4. Ergebnisse der Analyse ... 119-122
5. Schlussbetrachtung ... 123
6. Literaturverzeichnis ... 124-127
7. Abbildungsverzeichnis ... 128
8. Anhang ... 129
0. Einleitung
In dieser Federzeichnung E.T.A. Hoffmanns kommt die Charakteristik der zwischen 1816 und 1818 entstandenen „Nachtstücke“ umfassend zum Ausdruck. Der Leser betritt mit der Lektüre dieses späten Erzählbandes die Welt des Seltsamen, des Verbrechens des Dämonischen und des Übernatürlichen. Der romantische Dichter widmet sich in seinen acht Erzählungen der Psyche des Menschen sowie den Abgründen der Krankheit. Dabei liefert Hoffmann in facettenreicher Ausgestaltung ein verzerrtes
groteskes Bild, das sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht.
Abb.1 in Downloaddatei enthalten
Abb. 1: Zeichnung E.T.A. Hoffmann
Mehr als die früheren Märchen und Erzählungen, eröffnen die Nachtstücke einen Blick auf die Seiten des Lebens, die dem aufgeklärten Verstand schrecklich und rätselhaft erscheinen. Das „Nächtliche“ beschränkt E.T.A. Hoffmann jedoch nicht allein auf den Raum der Nacht, sondern bettet es in das reale alltägliche Umfeld seiner Zeit. Die acht Erzählungen kennzeichnen den Aufbruchcharakter der Spätromantik. Die alten Schlossgespenster werden durch das Grauen der Moderne beziehungsweise durch die individuellen Erfahrungen mit dem Wahnsinn verdrängt. Hoffmann hält als begabter und kritischer Beobachter jedes Details seines gesellschaftlichen Umfeldes fest. Subjektivität bestimmt das Wesen seiner Erzählungen. Die literarische Umsetzung seiner Sicht der Welt führte nicht nur um die Jahrhundertwende zu einem zwiespältigen Urteil über dessen dichterisches Werk. Während ihm im Frankreich seiner Zeit große Bewunderung entgegen gebracht wurde, stand man dem „Gespenster-Hoffmann“ im Deutschland der Kaiserzeit ablehnen gegenüber. Bis heute erfährt die Rezeption differente Zugänge. Im Gegensatz zu den Fantasiestücken oder den Serapionsbrüdern, leidet der Erzählband der Nachstücke, außer der Sandmann, noch immer unter mangelnder Beachtung. In der folgenden Arbeit soll nicht die Person E.T.A. Hoffmann und deren Gesamtwerk im Vordergrund stehen, sondern die Sammlung der „Nachtstücke“ unter besonderer Berücksichtigung des Wahnsinnsmotivs. Ende des 18. Jahrhunderts wird das zeitgenössische Gesamtbild zum Wahnsinn von der neuen medizinischen Disziplin bestimmt aber auch von den Erkenntnissen der romantischen Philosophie. Hoffmanns literarische Umsetzung des Wahnsinns ist letztlich auch stark von seinen eigen persönlichen Erfahrungen abhängig. Die Einschränkung macht deutlich, dass nur das damalige Verständnis des psychischen Leidens berücksichtigt werden kann. Moderne psychopathologische Theorien sollen demnach außer Acht gelassen werden, da sie in die dichterische Verarbeitung natürlich noch nicht einbezogen werden konnten. Die Vielschichtigkeit der Thematik bedingt die Fülle verschiedenster literaturwissenschaftlicher Zugänge. Einige gattungsspezifische Arbeiten versuchen den Erzählband als eigenständige Gattung zu manifestieren. Miller sieht in den Nachtstücken beispielsweise das Phantastische.1 Kayser ordnet stattdessen den Erzählungen die Groteske zu.2 Geistesgeschichtliche Ansätze, wie der von Pikulik suchen nach der Beziehung zwischen dem romantischen Motiv und der bürgerlichen Ideologie.3 Mit wirkungsästhetischen Ansätzen, wie Bohrers „Ästhetik des Schreckens“ 4, wird der Versuch unternommen, die Funktion der Dichtung darzulegen und dabei das gesellschaftliche Umfeld mit einzubeziehen. Die motivgeschichtlichen Betrachtungsweisen der Zwanziger stellen einzelne Motive in den Mittelpunkt, ohne dabei deren Entwicklung herzuleiten.5 Letztendlich widmen sich die Vertreter des strukturalistischen Ansatzes mit den Erzählstrukturen und Erzählweisen der Nachtstücke.6
Da die Ausgestaltung des literarischen Motivs im Zentrum der Arbeit stehen soll, bietet sich die motivgeschichtliche Ausrichtung der Arbeit an. Das Wahnsinnsmotiv in den Nachstücken E.T.A. Hoffmanns setzt zwar eine thematische Schwerpunktlegung voraus, doch würde deren Ausschließlichkeit kein vollständiges Bild des Hoffmann’schen Erzählens liefern. Aus diesem Grund sollen stilistische und sprachliche sowie strukturale Eigenheiten mit einbezogen werden, um ein Gesamtbild der literarischen Umsetzung des Wahnsinns, von allen Perspektiven her, zu erhalten. Die folgende Arbeit verfolgt demnach einen analytischen Ansatz. Thematisch liegt der Fokus auf den Motivkreisen, den handelnden Figuren und der Ausprägung des Krankheitsbildes. Des weiteren soll beleuchtet werden, wie das Motiv durch die Handlungsstruktur bestimmt wird und wie sprachliche Eigenheiten den Wahnsinn ausgestalten. Die zeitgenössische Aktualität des Themas macht es erforderlich, den gesellschaftlichen Kontext einzubeziehen. Deshalb soll zunächst die Darstellung der historischen Hintergründe und vor allem der Einfluss romantischer Medizin und Literatur auf die literarische Epoche dargelegt werden. In diese grundlegenden Ausführungen müssen ebenso biografische Zäsuren des Dichters einbezogen werden, da diese sich nicht nur in seinem Weltbild wiederspiegeln, sondern auch in seinem Werk zum Ausdruck kommen. In einem zweiten Teil erfolgt das Hinführen zu Hoffmanns Grundprinzipien des poetischen Schaffens, wobei hier bereits der Fokus auf den Nachstücken und dem Motiv des Wahnsinns liegt. Die analytische Arbeit umfasst aufgrund des Umfangs der Sammlung lediglich eine Auswahl der Nachstücke. „Der Sandmann“, „Das öde Haus“ und „Das Gelübde“ sollen hinsichtlich ihrer thematischen Ausgestaltung sowie ihrer strukturellen und sprachlich-stilistischen Eigenheiten untersucht werden. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse der Analyseschwerpunkte verglichen und ausgewertet. Die Arbeit versucht Einsichten in das Hoffmann’sche Erzählen zu gewinnen und Grundtendenzen zu erarbeiten. Dabei soll herausgestellt werden, welche dichterischen Mittel nutzt, um das Wahnsinnsmotiv vielschichtig verarbeiten.
1. Epoche der Romantik
1.1. Historische Hintergründe
Am Ende des 18. Jahrhunderts zerstört Napoleon, der neue Kaiser der Franzosen, alte Strukturen, wie das Heilige Römische Reich und errichtet neue staatliche Gebilde. Im Verlauf der Koalitionskriege (1804 – 1815) versucht Napoleon I. Europa unter Frankreichs Herrschaft zu bringen. In insgesamt fünf kriegerischen Auseinandersetzungen bilden Großbritannien, Russland, Preußen, Österreich, Spanien und Schweden eine Koalition gegen Napoleon. Die Zeit ist von starker Zersplitterung und unüberschaubaren Machtallianzen geprägt. Innerhalb der mehr als dreihundert Kleinstaaten ändern sich territoriale Strukturen ständig. Die französische Expansionspolitik hat die Auflösung des Deutschen Reiches zur Folge. Am 6. 8. 1806 tritt Kaiser Franz II. zurück. Im Rheinbund begeben sich zehn Staaten unter das Protektorat Napoleons und übernehmen dessen Verwaltungsstrukturen. 1813 erwacht in Deutschland die nationale Begeisterung für den Befreiungskrieg, den Russland, Großbritannien, Preußen und später auch Österreich führen. Diese Tendenz findet auch in der romantischen Kunst ihren Ausdruck. Vor allem die Gruppe der Frühromantiker kennzeichnet sich durch „antifranzösischen Chauvinismus“7 , „ideologische Ausgrenzung des Fremden“8 sowie „Überstilisierung des Eigenen“ 9. Die französischen Truppen sind nach dem Winterfeldzug von 1812 so geschwächt, dass die Koalition bei der Völkerschlacht in Leipzig einen entscheidenden Sieg erringen kann. Mit der Schlacht bei Waterloo endet die napoleonische Herrschaft in Europa.10
Die Phase vom Wiener Kongress 1815 bis hin zur bürgerlichen Revolution im März 1848 ist vor allem durch den Prozess der „Restauration“ geprägtt. Die Zeit weist unterschiedliche Strömungen auf. Der unpolitischen Kultur des Biedermeier stehen revolutionäre Kräfte gegenüber, welche die Zerschlagung des herrschenden Systems anstreben. Der österreichische Staatskanzler Metternich setzt auf dem Wiener Kongress die Neuordnung Europas, im Sinn eines wiedererstarkten fürstlichen Absolutismus, durch. Der entstehende Deutsche Bund verfügt nicht über eine einheitliche politische Linie. Anstatt der erhofften gesamtdeutschen Verfassung und nationaler Einheit, etabliert sich nach 1815 die erzkonservative Heilige Allianz. Das Bürgertum hat zu dieser Zeit kaum die Möglichkeit, sich politisch zu betätigen und ist von jeder Beteiligung an der Macht ausgeschlossen. Freiheitliche Bewegungen, wie die Burschenschaften, werden verfolgt und deren Mitglieder inhaftiert. Ein ausgebauter Polizei- und Beamtenapparat ermöglich nicht nur Fortschritte in der Verwaltung, sondern ebenso Spionagewesen und Zensur, welche in der Aufhebung der Pressefreiheit sowie der Auflösung der Burschenschaften ihren Höhepunkt finden.11
[...]
1 Vgl. Miller, Nobert: Das Phantastische – Innenansicht, Außenansicht. Nachtstücke und Märchen bei E.T.A. Hoffmann. In: Phaicon. Almanach der phantastischen Literatur. Band. 17. 1978.
2 Vgl. Kayser, Wolfgang: Das Groteske. Oldenburg. 1957.
3 Vgl. Pikulik, Lothar: E.T.A. Hoffmann als Erzähler. Ein Kommentar zu den „Serapions- Brüdern“.Göttingen. 1987.
4 Vgl. Bohrer, Karl Heinz : Ästhetik des Schreckens. München, Wien. 1978.
5 Vgl. Janßen, Brunhilde: Spuk und Wahnsinn. Zur Genese und Charakteristik phantastischer Literatur in der Romantik, aufgezeigt an den „Nachtstücken“ von E.T.A. Hoffmann. Frankfurt am Main, Bern, New York. 1986. S.11ff
6 Vgl. Kanzog, Klaus: Berlin- Code, Kommunikation und Erzählstruktur. Zu E.T.A. Hoffmann, Das öde Haus’ und zum Typus „Berlinische Geschichte“. In: Zeitschrift für deutsche Philologie. Sonderheft 5.1976.
7 Kremer, Detlef: Romantik. Lehrbuch der Germanistik. Stuttgart, Weimar. 2001. S. 12
8 a. O. S. 12
9 a. O. S. 12
10 Vgl. a. O. S. 8ff
11 Vgl a. O. S. 21ff
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