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Venedig als Décadence-Symbol in 'Der Tod in Venedig' von Thomas Mann

Autor: Lisa Sumski
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Veranstaltung: Proseminar II: Das literarische Venedig
Institution/Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 15
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 16  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 206 KB
Archivnummer: V49620
ISBN (E-Book): 978-3-638-46018-7

Textauszug (computergeneriert)

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Proseminar II: Das literarische Venedig: Motiv und Mythos
Sommersemester 2004

Venedig als Décadence-Symbol in ′Der Tod in Venedig′
von Thomas Mann

von: Lisa Sumski

 


Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort  2

II. Die Verfalls-Thematik der literarischen Décadence  2

III. Venedig als Symbol der Décadence  4

IV. Venedig als Folie für das Schicksal Aschenbachs  7

V. Schluss  11

VI. Literaturverzeichnis  13

a. Quellen  13
b. Darstellungen  13



 

I. Vorwort

„Die Atmosphäre der Stadt, diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn so sehr gedrängt hatte, - er atmete ihn jetzt in tiefen, zärtlichen schmerzlichen Zügen. War es möglich, dass er nicht gewusst, nicht bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing?“1 fragt sich Gustav Aschenbach in Thomas Manns „Tod in Venedig“. Und hat er wenig vorher festgestellt, dass „diese Stadt ihm [...] höchst schädlich war“ (43), dass sie ihn krank macht, so siegt im „Streitfall zwischen seelischer Neigung und körperlichem Vermögen“ (46) schnell die innerliche Anziehung über die Vernunft. Damit aber wird Venedig nicht nur zur Endstation seiner Reise, sondern auch zur Endstation seines Lebens.

Thomas Mann benutzt Venedig als Folie für den Untergang seines Künstlers, dessen Verfall an einen dionysischen Gott und damit fortschreitender eigener Verfall Zentrum der Novelle stehen2. Der Autor greift dabei auf ein Motiv zurück, das um die Jahrhundertwende in der Literatur der Décadence erscheint. Es ist das Bild der „décadenten Stadt Venedig“. Um aber Venedig als Décadence-Symbol zu verstehen, muss man zumindest die Grundmuster der literarischen Décadence kennen. Daher werde ich zunächst einen kurzen Überblick über die literarische Décadence als Literatur des „Verfalls“ geben. Danach werde ich auf die Verwendung Venedigs als literarisches Motiv der „décadenten Stadt“ eingehen und dann überprüfen, wie Thomas Mann das Décadence-Symbol Venedig in seiner Novelle literarisch nutzt. Abschließend werde ich mich der Frage zuwenden, inwieweit dieses literarische Venedig der Décadence der Realität entspricht.

II. Die Verfalls-Thematik der literarischen Décadence

Nach Erwin Koppen ist die „Décadence-Literatur [...] nichts anderes als eine literarische Reaktion, eine ästhetische Opposition gegen die bürgerliche Industriegesellschaft der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Als Komplementärbegriff zu dem des Fortschritts (in seinem bürgerlich-technokratischen Verständnis) bezeichnet der Terminus eine Literatur, die Verhaltensweisen, Ideale und Leitbilder aufzeigt, die denen des zeitgenössischen Bourgeois ins Gesicht schlagen“3.

Doch damit ist ein wesentliches Charaktermerkmal der literarischen Décadence noch nicht erfasst4: die Lust an der „Darstellung des Verfalls und Untergangs in allen Spielarten und Differenzierungen“5. Diese Verfalls-Thematik wird, dem Gefühl des Lebensüberdrusses und der allgemeinen Niedergangsstimmung entsprechend, zu einem Modethema der Literatur der Jahrhundertwende,6 dem ein eigener Motivkomplex aus Symptomen und Anzeichen zugeordnet ist. Der „Verfall“ von Staaten spiegelt sich beispielsweise in „Lockerung und Auflösungsmomenten der politisch-sozialen Ordnung“, während sich der „Verfall“ von Individuen oder Familien in einem Vitalitätsverlust, einer größeren Handlungshemmung in Gesellschaft und Arbeitswelt, einer Willensschwächung sowie einer gesteigerten Sensibilität äußert.7 Die deutsche Literatur der Décadence wurde vor allem von der „Verfalls-Psychologie“ Nietzsches beeinflusst.8 Nach diesem bezeichnet „Verfall“ auf den Menschen angewandt9 gleichzeitig zwei entgegengesetzte Entwicklungen: einerseits zunehmende „Ermüdungs- und Erschöpfungszustände“ 10, einen „biologische[n] Verfall“11 also, der sich in Krankheit und Tod äußert.

Und andererseits eine gesteigerte „intellektuell-seelische Verfeinerung“12 ins Künstlerische 13. Daher wird die eigentliche Bedeutung von „Verfall“ („Verfall“ leitet sich von dem Verb „verfallen“ ab und das wiederum bedeutet „baufällig werden; seine Kraft verlieren; wertlos, ungültig werden“14) im Denken der literarischen Décadence um ein gesteigertes seelisches Empfinden erweitert, das mit dem der Definition entsprechenden biologisch-physiologische Vitalitätsverlust einhergeht. Die definitorisch rein negative Bedeutung von „Verfall“ wird somit relativiert. Auch die Verbindung, die Nietzsche in „Der Fall Wagner“ zwischen Krankheit und Décadence zieht 15, hat ein großes literarisches Echo zur Folge. Bald erscheinen in der Literatur sensible und kranke Künstlernaturen, die sich als Personifikationen des „Verfalls“ aus der Gesellschaft in die Welt der Kunst zurückziehen. 16 Wobei festzuhalten ist, dass „Verfall“ dabei durchaus nicht immer negativ gesehen wird, wie es Nietzsche in „Der Fall Wagner“ proklamiert, sondern als Möglichkeit, in der Kunst oder im Tod die Härte der trivialen Welt der Gesunden und Starken zu überwinden. 17 Dabei sind die décadenten Künstler immer auf der Suche nach Schönheit, weil diese über der als hart erfahrenen Realität steht. Welche Stadt könnte einen Verfechter der Décadence also mehr anziehen als das gleichzeitig schöne und morbide Venedig?

III. Venedig als Symbol der Décadence

[...]


1 Thomas Mann. Der Tod in Venedig. S. 45f. Im Folgenden werden Zitate aus „Der Tod in Venedig“ durch in Klammern gesetzte Seitenangaben gekennzeichnet.

2 Vgl. Dieter Borchmeyer und Viktor Zmegac: Die Rolle des Romans. S. 360f.

3 Erwin Koppen: Dekadenter Wagnerismus. Berlin 1973. S. 66.

4 Vgl. Wolfdietrich Rasch: Die literarische Décadence um 1900. S. 13 sowie S. 21.

5 Wolfdietrich Rasch: Die literarische Décadence um 1900. S. 21.

6 Vgl.: Helmut Koopmann: Thomas Mann. Buddenbrooks. S. 8.

7 Vgl. Wolfdietrich Rasch: Die literarische Décadence um 1900. S. 21.

8 Vgl. Christiane Schenk: Venedig im Spiegel der Décadence-Literatur des Fin de siècle. S. 73f.

9 Vgl. Wolfdietrich Rasch: Die literarische Décadence um 1900. S. 38: Der „Verfall“ wird in der literarischen Décadence meistens anhand von Einzelschicksalen realisiert und nicht durch die Beschreibung des Niedergangs einer geschichtlichen Epoche.

10 Helmut Koopmann: Thomas Mann. Buddenbrooks. S. 13.

11 Ernst Keller: Das Problem „Verfall“. In: BB-HB. S. 157.

12 Ebd. S. 157.

13 Vgl. auch: Helmut Koopmann: Die Entwicklung des „intellektualen Romans“ bei Thomas Mann. S. 108.

14 Vgl. Duden. Etymologie. Artikel „fallen ® verfallen“. S. 174.

15 Vgl. Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. In: Nietzsche Werke. Sechste Abteilung Band 3. S. 15-17. Nietzsche bezeichnet Wagner als „typische[n] décadent“, als „une névrose“, dessen Musik als Musik des Décadents schlechthin krank sei und krank mache.

16 Vgl. Helmut Koopmann: Thomas Mann. Buddenbrooks. S. 8.

17 Vgl. ebd. S. 38f.

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