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Die Pathosformel und die kulturellen Archive

Hauptseminararbeit, 2005, 18 Seiten
Autor: Nils Wiegand
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 18
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 29  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V49698
ISBN (E-Book): 978-3-638-46080-4

Dateigröße: 230 KB
Anmerkungen :
Die Arbeit problematisiert Aby Warburgs Konzeption der Pathosformeln als "Nachleben der Antike" in den Bildprogrammen der Renaissance, analysiert dies auf der Folie der Theorie "kultureller Gedächtnisse" und stellt die Ergebnisse dieser Analysen in den Horizont der allgemein rhetorischen Pathos-Forschung.



Textauszug (computergeneriert)

Eberhard – Karls – Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik/ Deutsches Seminar
HS: Passionen, SS 2005
6. Fachsemester

Die Pathosformel und die kulturellen Archive

von: Nils Wiegand

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Themenanalyse Seite 3

2. Aby Warburgs Konzept des Nachlebens der Antike Seite 3

2.1. Pathosformeln Seite 4
2.2. Mnemosyne, Sophrosyne und Energetische Inversion Seite 7
2.3. Das Kollektivgedächtnis: vom Linearen zum Zyklischen Seite 9

3. Memoria: vom kollektiven Unbewussten zum kulturellen Gedächtnis Seite 10

3.1. memoria und das kollektive Gedächtnis Seite 10
3.2. Kulturelle Speichermedien als Archive Seite 12

4. Schlussbetrachtung Seite 14

5. Literaturverzeichnis Seite 16




 

1. Einleitende Themenanalyse

Der Neologismus „Pathosformel“, den Aby Warburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägt, verweist bereits namentlich auf zwei wichtige Strukturmerkmale. Pathos ist in der rhetorischen Theorie ein Komplex, der „ein dialektisches Spannungsverhältnis zwischen passiver Seelenerfahrung und aktiver Gefühlsäußerung“1 ergibt. Hinsichtlich des ersten Strukturmerkmals wird Pathos mit einer Semantik aufgeladen, die wir unter dem Begriff der Passion fassen können, der „ursprünglich einen Seelenzustand, in dem man sich passiv leidend und nicht aktiv wirkend vorfindet“2 meint und den Analysekern bezüglich der Pathosformel entsprechend fokussiert. Das zweite Merkmal verweist demnach auf eine Codierung der passiven Leidenssemantik, d. h.: „Es handelt sich nicht um eine unvermittelte, gleichsam natürwüchsige Artikulation von Affekten und Leidenschaften, sondern um eine kulturell überformte und codierte Inszenierung derselben (…).“3 Als Codierung wird Pathos also als Mittel zur Ausdruckssteigerung verwandt und für Aby Warburg bildet dies den Kern antiker Kunst, deren formale Eigenschaften in der Renaissancekunst wieder auftauchen, indem spezielle Ausdrucksgebärden nach antikem Muster vergleichsweise heftiger werden und demnach einen entgrenzteren Leidenscode aufgreifen. Warburgs kunsthistorische Frage besteht daher in der Bedeutung des antiken Einflusses in der Renaissance, den diese Arbeit nach Warburg analysiert und darüber hinaus sein psychologisch konnotiertes Pathos-Konzept hinsichtlich seiner Beurteilung der Affekte konturiert.

2. Aby Warburgs Konzept des Nachlebens der Antike

Aby Warburgs kunsthistorische Fragestellung ist ikonologisch, d. h. er untersucht die Frage, „ (…) warum ein bestimmtes Thema von einer bestimmten Person (Künstler oder Auftraggeber) an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit gewählt wurde und warum dieses Thema auf eine bestimmte Art und Weise dargestellt wurde. (…) Bei dieser Annäherungsweise erscheint das Kunstwerk somit als Dokument seiner Zeit.“4 Methodisch geht er jedoch zunächst ikonographisch vor und untersucht demnach die im Werk expliziten, also die vom Künstler intendierten Bedeutungen. Diese fasst er ebenso kulturwissenschaftlich und erweitert ihre Brisanz in der ikonologischen Interpretation zum kulturellen Symbol, zur tieferen Bedeutung, „die vom Künstler nicht explizit gemeint, aber dennoch in seinem Werk enthalten ist.“5 In seiner Dissertation zu Botticelli (1893) münden diese Untersuchungen in der Feststellung des Bildthemas von Botticellis „Primavera“ als einer „Mischung aus antiken und zeitgenössischen Quellen.“6 Das Aufgreifen der Venus, sowie der Nymphen und des Merkur sowie ihre Realisierung macht Warburg zum Anlass der Frage nach dem Einfluss der Antike generell, wobei er insbesondere dem „bewegten Beiwerk“ ihre antike Konstitution attestiert.7 Insgesamt sind nicht nur in der Kunst des Quattrocento, sondern auch im zeitgenössischen kulturellen Diskurs der Renaissance die Rekurrenzen zur Antike auszumachen, so dass im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit traditionelle und pagane Strömungen „kompatibel“ werden. 8 Rebel klassifiziert daher den Reiz von Dürers Werk wie folgt:

„Antike Mythologie und christliche Andachtsmotivik, Naturschilderung und literarischer Witz, sakrale und profane Sphären, solch immer wieder anders inszeniertes, anspielungsreiches Mischprogramm begeisterte den Geschmack des humanistisch gebildeten Publikums in den Städten Europas.“9 Das Prinzip der Kompabilität wird von Warburg zum Kern seiner Untersuchung gemacht: indem er bspw. in der von Domenico Ghirlandaio gestalteten Grabkammer des Kaufmanns Francesco Sassetti ein Altarbild analysiert, das die Geburt Christi inmitten römischer Ruinen inszeniert, wird die Antike „nicht aus der Kirche verbannt. Sie erhält vielmehr in dem typologischen Geschichtsbild einen genau bestimmten Platz zugewiesen.“10 Allgemein hat er damit das Nachleben der Antike festgestellt, jedoch erweitert er diesen Gegenstand um die Frage nach ihrer Strukturbeschaffenheit, d .h. um die ikonologische Fragestellung nach der Motivation der Renaissancekünstler, die sich an antiken Darstellungskonventionen orientieren.

2.1 Pathosformeln

[...]


1 Bär, J. A.: Pathos. In Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 6. Hg. v. Gert Ueding. Tübingen 2003. S. 689-717. Hier: S. 690.

2 Luhmann, Niklas: Liebe als Passion. Frankfurt am Main 1982. S. 73.

3 Port, Ulrich: „Pathosformeln“ 1906-1933 – Zur Theatralität starker Affekte. In: Theatralität und die Krisen der Repräsentation. Hg. v. Erika Fischer-Lichte. Stuttgart; Weimar 2001. S. 226-251. Hier: S. 229.

4 Von Straten, Roloef: Einführung in die Ikonographie. 3. Aufl. Berlin 2004. S. 24f.

5 Ebd.: S. 28 (Vgl.: von Straten, S. 15-34. Von Straten unterteilt die Ikonographie in Anlehnung an Panofsky in drei Phasen: prä-ikonographische Beschreibung, ikonographische Beschreibung und ikonographische Interpretation. Die Ikonologie macht konstituiert zwar ein eigenes Feld. Als vierte Phase kann sie aber an den ikonographischen Dreischritt als Frage nach den symbolischen Bedeutungen ergänzen.).

6 Bredekamp, Horst: Sandro Botticelli – Primavera. Berlin 2002. S. 24.

7 Warburg, Aby M.: Sandro Botticellis „Geburt der Venus“ und „Frühling“ (1893). In: Aby Warburg - Ausgewählte Schriften und Würdigungen. Hg. v. Dieter Wuttke. 3. Aufl. Baden-Baden 1992. S. 11-64. Hier: S. 13.

8 Vgl.: Gombrich, Ernst H.: Aby Warburg – Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt am Main 1984. S. 214.

9 Rebel, Ernst: Druckgrafik. Stuttgart 2003. S. 32f.

10 Aby Warburg – Eine intellektuelle Biographie, S. 226.


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