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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 31 Pages
Author: Dr. phil. Michael Portmann
Subject: History - Non-German
Details
Tags: Kirche, Kroatien, Erzbischof, Stepinac, Zweiten, Weltkriegs
Year: 2002
Pages: 31
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 29 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-46095-8
ISBN (Book): 978-3-638-66049-5
File size: 475 KB
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Abstract
In dieser Arbeit soll zunächst auf die Rolle des Vatikans und des kroatischen Klerus im so genannten Unabhängingen Staat Kroatien (NDH) eingegangen werden. Im Hauptteil richte ich den Blick auf den Kampf der katholischen Kirche gegen den neuen jugoslawischen Staat, wobei der Fall des Erzbischofs Alojzije Stepinac stellvertretend für zahlreiche andere Prozesse gegen Geistliche und Ordensangehörige stehen soll. In den abschliessenden Bemerkungen lasse ich mich auf eine vorsichtige und sehr allgemeine Bewertung der kommunistischen Massnahmen gegenüber Kollaborateuren und «Verrätern» ein, nicht ohne schon jetzt darauf hinzuweisen, dass ein bestimmteres und aussagekräftigeres Verdikt erst nach noch zu erfolgendem eingehendereren Studium mit der Thematik gesprochen werden darf.
Excerpt (computer-generated)
Die katholische Kirche in Kroatien und Erzbischof Stepinac
während des Zweiten Weltkriegs und danach
von: Michael Portmann
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 2
2. DIE KATHOLISCHE KIRCHE UND ERZBISCHOF STEPINAC IM NDH 5
3. DIE LAGE DER KATHOLISCHEN KIRCHE IN JUGOSLAWIEN BZW. DER VR KROATIEN 8
3.1 Biographische Anmerkungen zu Alojzije Stepinac
3.2 Der Kampf der katholischen Kirche mit den kommunistischen Machthabern
3.3 Der Fall Stepinac
4. SCHLUSSBEMERKUNGEN 24
5. LITERATUR 25
1. EINLEITUNG
Die «Abrechnung» und Vergeltung der neuen kommunistischen Machthaber in Jugoslawien noch während und unmittelbar nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs mit tatsächlichen und vermeintlichen Kollaborateuren, «Verrätern und Staatsfeinden», wozu in Slowenien und Kroatien auch Würdenträger der katholischen Kirche gehörten, stellt eines der noch wenig untersuchten Gebiete der neuesten jugoslawischen, resp. slowenischen, kroatischen, bosnischen und serbischen Geschichte dar, sieht man von dem zumindest von der deutschsprachigen Forschung gut aufgearbeiteten Thema des Schicksals der Jugoslawiendeutschen ab. Zwei Gründe sollen an dieser Stelle als Erklärung für dieses Defizit angeführt werden: Zum einen war die kommunistische Führung an der Aufdeckung ihrer Verbrechen und Vergehen nicht interessiert und verhinderte die Veröffentlichung diesbezüglicher Arbeiten. Zum anderen werden wesentliche Archivbestände, namentlich die des damaligen Geheimdienstes OZNA bzw. UDBA, bis heute unter Verschluss gehalten. 1
Während jedoch in den letzten zehn Jahren in erster Linie in Slowenien, aber auch in Kroatien an die Erforschung der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte meist ohne ideologische Verblendung – dafür bisweilen aus einem engen nationalen bis nationalistischen Blickwinkel – mutig herangegangen wurde, konnte sich in Jugoslawien bzw. Serbien und Montenegro die Wissenschaft erst nach dem Sturz Milo (?)evics ernsthaft mit den oft schrecklichen Ereignissen nach dem Krieg befassen. 2
Die religiösen Institutionen im neuen sozialistischen Jugoslawien im allgemeinen, besonders aber die katholische Kirche und Ordensgemeinschaften in Slowenien und Kroatien waren in den ersten Nachkriegsjahren aus verschiedenen Gründen zahlreichen Repressionsmassnahmen seitens der kommunistischen Behörden ausgesetzt, die schliesslich zu ihrer fast vollständigen Ausschaltung führten. Diese Massnahmen reichten von «wilden» Ermordungen von Priestern und Ordensangehörigen unmittelbar nach dem Kriege durch Geheimdienst und Militär über Konfiskation des kirchlichen Besitzes bis hin zu Schauprozesse gegen Würdenträger, die vermeintlich oder tatsächlich mit dem Feinde zusammengearbeitet hatten. Der hochrangigste Vertreter der katholischen Kirche der von einem kommunistischen Gericht verurteilt wurde war Erzbischof Alojzije Stepinac, der erst nach seiner Schuldigsprechung durch Papst Pius XII. im Jahre 1953 zum Kardinal erhoben wurde. Am Beispiel dieses Prozess soll in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt werden, wie die neuen Machthaber mit Kollaborateuren und «Volksfeinden» umgegangen sind und tatsächliche oder vermeintliche Vergehen und Verbrechen unliebsamer Personen während des Krieges geschickt heranzogen, um sich ihrer zu entledigen. Dieses harte Vorgehen trug wesentlich zur Machtsicherung der KP Jugoslawiens bei und mündete schliesslich Ende der 1940er Jahre nahtlos in die Ausschaltung der innerparteilichen Opposition.
In dieser Arbeit soll zuerst auf die Rolle des Vatikans und des kroatischen Klerus im NDH eingegangen werden. Es versteht sich von selbst, dass ohne genauen Kenntnisse der Vorgänge während des Krieges die Bestrafungs- und Vergeltungsmassnahmen der Kommunisten nur unzulänglich verstanden und bewertet werden können. Im Hauptteil gehe ich näher auf den Kampf der Kirche mit dem Staat ein, wobei der Fall Stepinac stellvertretend für zahlreiche andere Prozesse gegen Geistliche und Ordensangehörige stehen soll. In den abschliessenden Bemerkungen lasse ich mich auf eine vorsichtige und sehr allgemeine Bewertung der kommunistischen Massnahmen gegenüber Kollaborateuren und «Verrätern» ein, nicht ohne schon jetzt darauf hinzuweisen, dass ein bestimmteres und aussagekräftigeres Verdikt erst nach noch zu erfolgendem eingehendereren Studium mit der Thematik gesprochen werden darf.
2. DIE KATHOLISCHE KIRCHE UND ERZBISCHOF STEPINAC IM NDH
Ohne Zweifel steht fest, dass zahlreiche katholische Geistliche - vom Theologiestudenten bis zum Bischof - zur Zeit des NDH eine unrühmliche und moralisch mehr als fragwürdige Rolle gespielt haben. Die zumindest anfängliche Sympathie des Hl. Stuhls und des Klerus in Kroatien für den neugegründeten Staat war offensichtlich. Der Vatikan anerkannte den NDH entgegen den Empfehlungen Stepinac’ zwar nicht de jure, aber mit dem Empfang von Pavelic, obwohl offziell nur als Privatperson und nicht in seiner Funktion als Staatschef im Mai 1941 bei Papst Pius XII. und der Entsendung des päpstlichen Delegaten Msgr. Ramito Marcone am 3. August des gleichen Jahres nach Zagreb wurde er von ihm de facto anerkannt. Obwohl der Hl. Stuhl über die kirchlichen und politischen Angelegenheiten im NDH gut informiert gewesen war, protestierte er nie öffentlich bei den kroatischen Behörden gegen die Verfolgungsmassnahmen gegen Serben und die serbische orthodoxe Kirche, genauso wie auch die katholische Kirche Kroatiens dies nie tat.3 Angehörige klerikaler Vereinigungen (Klerofaschisten) zählten u.a. zu den Trägerschichten und Sympathisanten des Regimes. In der von Pavelic propagierten engen Verbindung von Kroatentum und Katholizismus lag einer der Gründe für die aktive Kollaboration eines Teils der katholischen Geistlichkeit mit den usta(?)e.4 Das Organ des Za greber Erzbistums und Erzbischof Stepinac persönlich begrüssten vorbehaltlos die Schaffung des kroatischen Staates, wünschten ihm Gottes Segen und hielten die Priesterschaft um Unterstützung für den jungen Staat an. 5
[...]
1 Bezüglich der Archivbestände des jugoslawischen Geheimdienstes (OZNA, ab Frühjahr 1946 UDBA) habe ich im März 2002 von einem serbischen Historiker erfahren, dass offensichtlich während der Bombardierung Belgrads durch die NATO Dokumente aus der Nachkriegszeit zerstört wurden.
2 Da ich mich im Rahmen meiner Diplomarbeit mit «Abrechnung» und Vergeltung nach dem Zweiten Weltkrieg in Jugosalwien befasse, seien an dieser Stelle einige der neuesten Publikationen dazu angeführt. Für Slowenien wäre zu nennen: Jancar, Drago, Temna stran meseca. Kratka zgodovina totalitarizma v Sloveniji 1945-1990, Ljubljana 1998. Für Kroatien: Völkl, Ekkehard, Abrechnungsfuror in Kroatien, in: Klaus-Dietmar Henke und Woller, Hans (eds.), Politische Säuberungen in Europa. Die Abrechnung mit dem Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg, München 1991; Kisic-Kolanovic, Nada, Vrijeme politicke represije: «veliki sudski proces» u Hrvatskoj 1945.-1948., in: Casopis za suvremenu povijest 25 (1993), S. 1-23. Prcela, John; Guldescu, Stanko, Operation Slaughterhouse. Eyewitness Accounts of Postwar Massacres in Yugoslavia, Philadelphia 1970; Marevic, Jozo, (ed.), Od Bleiburga do na(?)ih dana. Zbornik radova o Bleiburgu i kriznom putu s drugog medunarodnog znanstvenog simpozija u Zagrebu 14. i 15. svibnja 1994, Zagreb 1994. Für Serbien und Montenegro existiert meines Wissens noch keine neuere Gesamtdarstellung. Ein Team von Historikern und Sozialwissenschaftern wertete jedoch diesbezüglich vor kurzem die Materialien des Archiv Jugoslawiens und einiger anderer regionaler Archive aus. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse steht noch bevor. Zum Schicksal der Magyaren in der Vojvodina: Kasa(?), Aleksandar, Madari u Vojvodini 1941-1946, Novi Sad 1996. Zu den Albanern im Kosovo: Vidacic, Rajko, Obracuni sa balistima: 1944-1952. Prilozi za istoriografiju Kosova i Metohije, Beograd 1990.
3 Vgl. Tomasevich, Jozo, War and Revolution in Yugoslavia, 1941-1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001, S. 533 f.
4 Die gescheiterte Konkordatspolitik in den 1930er-Jahren muss an dieser Stelle - neben den aus kroatischnationalistischer Sicht in der Zwischenkriegszeit als «Zwangskonvertierung» empfundene Konfessionswechsel von rund 200′000 Katholiken zum serbisch-orthodoxen Glauben - ebenfalls als Ursache für die teils nur anfängliche, teils lang anhaltende Begeisterung angeführt werden.
5 Vgl. Hory, Ladislav/Broszat, Martin, Der kroatische Ustascha-Staat 1941-1945, Stuttgart 1964, S. 72.
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