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Aspekte des nationalen Konflikts in Bosnien-Herzegowina von 1878 bis 1945

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 38 Pages
Author: Dr. phil. Michael Portmann
Subject: History - Non-German

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 38
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 121  Entries
Language: German
Archive No.: V49721
ISBN (E-book): 978-3-638-46096-5
ISBN (Book): 978-3-638-66050-1
File size: 246 KB

Abstract

In der folgenden Arbeit soll es darum gehen, die wichtigsten Aspekte des nationalen/religiösen Konflikts in Bosnien-Herzegowina von 1878 bis 1945 aufzuzeichnen. Dabei werde ich versuchen, der schwierigen Position der bosnischen Muslime zwischen den Serben und Kroaten besondere Beachtung zu schenken. Aus diesem Grunde stelle ich dieser Arbeit eine ausführliche Beschreibung der nationalen Entwicklung der bosnischen Muslime voran, in der Hoffnung, die komplizierten Vorgänge in Bosnien während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verständlicher erscheinen zu lassen. Im Hauptteil befasse ich mich mit den Ereignissen zwischen 1914 und 1945, wobei der Schwerpunkt dabei weniger bei der politischen Entwicklung, als vielmehr bei der Darstellung der mannigfaltigen ethnischen, religiösen und sozialen Spannungen in Bosnien-Herzegowina liegen soll.


Excerpt (computer-generated)

Aspekte des nationalen Konflikts in
Bosnien-Herzegowina von 1878 bis 1945

von: Michael Portmann

 


INHALT

A. Einleitung 2

B. Begriffsbestimmung und nationale Entwicklung der bosnischen Muslime 4

C. Bosnien unter österreichisch-ungarischer Verwaltung 9

D. Bosnien im Ersten Weltkrieg 12

E. Die Zwischenkriegszeit in Bosnien 16

E.1 Die "wilde" Zeit 1918-1920
E.2 Nationale Frage und Politik zwischen den beiden Kriegen

F. Bosnien im Zweiten Weltkrieg 23

F.1 Bosnien im Rahmen des „Unabhängigen Staates Kroatien“
F.2 Der Bürgerkrieg in Bosnien

G. Schlussüberlegungen 30

H. Literatur 31
 



 

A. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll es darum gehen, die wichtigsten Aspekte des nationalen/religiösen Konflikts in Bosnien-Herzegowina von 1878 bis 1945 aufzuzeichnen. Dabei werde ich versuchen, der schwierigen Position der bosnischen Muslime zwischen den Serben und Kroaten besondere Beachtung zu schenken. Aus diesem Grunde stelle ich dieser Arbeit eine ausführliche Beschreibung der nationalen Entwicklung der bosnischen Muslime voran, in der Hoffnung, die komplizierten Vorgänge in Bosnien während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verständlicher erscheinen zu lassen. Im Hauptteil befasse ich mich mit den Ereignissen zwischen 1914 und 1945, wobei der Schwerpunkt dabei weniger bei der politischen Entwicklung, als vielmehr bei der Darstellung der mannigfaltigen ethnischen, religiösen und sozialen Spannungen in Bosnien-Herzegowina liegen soll.

Noch während des Ersten Weltkrieges kam es in Bosnien-Herzegowina zu teils schweren Übergriffen in erster Linie seitens bosnischer Muslime innerhalb der österreichischungarischen Armee gegen tatsächlich oder vermeintlich staatsfeindliche bosnische Serben. Aus Angst vor konspirativer Tätigkeiten wurden serbische Familien vertrieben, Verdächtige in Konzentrationslager geschickt und zu Tode verurteilt. Obwohl die Verantwortung dieser Kriegsverbrechen ohne Zweifel bei der österreichisch-ungarischen Verwaltung lag, sind die serbischen Angriffe in den ersten Monaten nach Kriegsende gegen muslimische Bauern u.a. als Rache für die Kollaboration der Muslime mit den von den Serben verhassten Österreicher zu verstehen. Daneben aber dürften handfeste wirtschaftliche, soziale und psychologische Motive ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Grundlage für ein konstruktives Zusammenleben im neuen jugoslawischen Staat war während des Ersten Weltkrieges und unmittelbar danach stark beschädigt worden. In der Zwischenkriegszeit gelang es zwar dank der geschickten Politik Mehmed Spahos, der Vorsitzende der "Jugoslawischen Muslimischen Organisation" (JMO), Bosnien bis zur Einführung der Königsdiktatur im Jahre 1929 als territoriale Einheit zu erhalten, die nationalen und religiösen Gegensätze zwischen Serben und Kroaten einerseits und zwischen bosnischen Serben und bosnischen Muslimen andrerseits wurden jedoch zunehmend grösser. Wie verheerend sich der Umstand auswirkte, dass im ersten Jugoslawien die nationale Frage nie gelöst wurde, zeigte sich an den grausamen Bürgerkriegen insbesondere in Bosnien während des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Sieg der kommunistischen Partisanen über Deutschland ebenso wie über die anderen jugoslawischen Kriegsparteien (Usta(?)e, Cetnici, muslimische Hand(?)ar-SS) entstand das sozialistische Jugoslawien, das zu Beginn der 90er-Jahre wegen der Einparteiherrschaft des Bundes der Kommunisten, wegen unbewältigter Vergangenheit, ideologischer Lügen, wirtschaftlicher Unvernunft und wegen ungelöster nationaler Probleme in bis anhin vier mehr oder weniger schrecklichen Bürgerkriegen auseinanderbrach. Besonders in Bosnien-Herzegowina, wo Muslime, Serben und Kroaten gemeinsam lebten und noch immer leben, hinterliess der ethnisch-religiöse Kampf des 20. Jahrhunderts offene Wunden, die noch lange nicht geheilt sind.

Im folgenden sollen die historischen Hintergründe des Bürgerkrieges zwischen 1992 und 1995 näher beleuchtet werden. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen die Wurzeln der noch immer andauernden Konflikte auf dem Balkan im allgemeinen und in Bosnien im speziellen.

B. Begriffsbestimmung1 und nationale Entwicklung der bosnischen Muslime

Bei einer Arbeit über nationale Konflikte in Bosnien und der Herzegowina ist es unerlässlich, die im folgenden verwendeten Bezeichnungen zu definieren, um etwaigen Missverständnissen Einhalt zu gebieten. Damit verbunden sei auch gleich ein Überblick über die nationale Entwicklung der bosnischen Muslime bis zum heutigen Tag. Der Einfachheit halber werde ich in dieser Arbeit die heutigen gebräuchlichen Begriffe verwenden, auch wenn diese zum Teil anachronistisch sein sollten. 2 Als Bosnier(Bosanac ,Plural: Bosanci) wird heute vom staatsrechtlichen Standpunkt her jeder Bürger von Bosnien-Herzegowina bezeichnet, unabhängig davon, in welcher Teilrepublik er wohnt und welche ethnische, religiöse oder konfessionelle Zugehörigkeit er für sich selbst reklamiert. Ebenfalls als historischer Begriff bezeichnet „Bosnier“ in der Regel ein Einwohner Bosniens und wird im folgenden auch in diesem Sinne verwendet, falls die Religion oder ethnische Zugehörigkeit nicht relevant ist.

Als Bosniake (Bo(?)njak, Plural: Bo(?)njaci) wird heute explizit ein bosnisch (serbokroatisch) sprechender Bürger von Bosnien-Herzegowina genannt, der sich zum muslimischen Glauben bekennt, im Gegensatz zu einem bosnischen Kroaten oder einem bosnischen Serben, der der katholischen, respektive der serbisch-orthodoxen Konfession angehört. Als Synonym für Bosniake wird allgemein, und in der Literatur auch häufiger, der Begriff «bosnischer Muslime» oder im Kontext nur «Muslime» verwendet, so auch in dieser Arbeit.3 Als bosnische Sprache (bosanski jezik4) bezeichnet man heute die Sprache der bosnischen Muslime, die die jekavische Variante des (?)tokavischen zur Grundlage hat und sich besonders durch zahlreiche Turzismen auszeichnet.5 Bosnische Kroaten und Serben sprechen heutzutage mehr aus politischen, den aus sprachwissenschaftlich nachvollziehbaren Gründen kroatisch resp. serbisch und sind demnach bestrebt, ihre frühere bosnische Sprache der kroatischen bzw. serbischen anzupassen. 6

[...]


1 Die Begriffsbestimmung zu diesem Thema gestaltet sich einigermassen schwierig, dies aus verschiedenen Gründen: Was grundsätzlich für alle Namen gilt, die sich über Jahrhunderte zu halten vermochten, trifft insbesondere für die Bezeichnungen "Bosnier" und "Bosniake" zu: Seine Bedeutung veränderte sich im Laufe der Zeit, da keine objektiven Kriterien festgelegt wurden, die auf diese Bezeichnung genau zutreffen müssen. Die Gefahr besteht nur allzuoft, dass man sich bei einer "genaueren" Bestimmung eines Namens, als in der Quelle angegeben, in Anachronismen verliert. Zudem stösst man selbst bei einem den Rahmen dieser Arbeit sprengenden Quellenstudium auf zahlreiche Übersetzungsschwierigkeiten. So gibt es für das deutsche Wort "Bosnier" mehrere südslawische Varianten (z.b.: Bo(?)njan, Bosnak, Bosnav, Bosanac), die dann zwangsläufig ungenau übersetzt werden. Umgekehrt gibt es für das serbokroatische Wort "Bo(?)njak" bzw. seine adjektivische Form "bo(?)njacki" eine deutsche Entsprechung (Bosniake bzw. bosniakisch), die aber oft mit Bosnier bzw. bosnisch nicht genau übersetzt wird. Erschwerend kommt hinzu, dass ungefähr ab dem 17. Jh. der Begriffsinhalt und die Bezeichnung "Bosnier" oder "Bosniake" zunehmend nur auf den muslimischen Bevölkerungsteil Bosniens eingeengt wurde und man im nachhinein nicht immer eindeutig festlegen kann, ob nun alle Bewohner Bosniens oder nur die muslimische Bevölkerung damit gemeint ist.

2 So gibt es z.B. für die Bezeichnung "Bo(?)njak" vom 15. Jh. an Belege und man kann davon ausgehen, dass damals nicht explizit die schon in geringer Zahl vorhandene muslimische Bevölkerung Bosniens gemeint war, sondern vielmehr alle Einwohner Bosniens. Vgl. Had(?)ijahic, Muhamed, Die Anfänge der nationalen Entwicklung in Bosnien und der Herzegowina, in: Südost-Forschungen, Bd. XXI, München 1962, S. 178.

3 Zur komplizierten Geschichte der verschiedenen historischen Bezeichnungen für die Bewohner Bosniens sei empfohlen: ebd. S. 168-193. Ebenfalls eine kurze Einführung zu dieser Problematik findet sich in: Imamovic, Mustafa, Historija Bo(?)njaka (Geschichte der Bosniaken), Sarajevo 1998, S. 11-17.

4 Neben dem Begriff der "bosanski jezik" gibt es auch die Bezeichnung "bo(?)niacki jezik", die als von den bosnischen Serben und Kroaten verwendete Fremdbezeichnung für die Sprache der bosnischen Muslime (bosanski jezik) verwendet wird. Vgl. Neweklowsky, Gerhard, mündlicher Kommentar anlässlich eines Vortrages von Milo(?) Okuka, gehalten am 16.5.2001 in Wien.

5 Eine "bosnische Sprache" gab es bereits offiziell von 1890 bis 1907, nachdem das höchste Organ des Landes, das bosnische Parlament, diese Bezeichnung anstelle der "serbokroatischen Sprache" setzte. Vgl. Okuka, Milo(?), Eine Sprache viele Erben, Sprachpolitik als Nationalisierungsinstrument in Ex-Jugoslawien, Klagenfurt 1998, S. 95. Zudem wurde während der fünfhundertjährigen Herrschaft der Osmanen die in Bosnien gesprochene Sprache als "bosnakca, d.h. bosnisch, bezeichnet. Vgl. Ba lic, Smail, Bosniakentum als nationales Bekenntnis, in: Österreichische Osthefte, Jahrgang 33, 1991, Wien 1991, S. 155.

6 Näheres zur Sprachentwicklung und Sprachenproblematik findet man in: Okuka, Milo(?), Eine Sprache viele Erben, Sprachpolitik als Nationalisierungsinstrument. Einen Überblick über die Sprachentwicklung der 1990er Jahre bieten: Bugarski, Ranko, Jezik od mira do rata [Die Sprache vom Frieden zum Krieg], Beograd 1997. Neweklowsky, Gerhard, Die bosnisch-herzegowinischen Muslime. Geschichte, Bräuche, Alltagskultur, Klagenfurt/Salzburg 1996, S.26.


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