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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 29 Pages
Author: Johannes Prokop
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Leben, Götter, Sten, Nadolnys, Roman, Gott, Frechheit, Licht, Poetik-Vorlesungen
Year: 2005
Pages: 29
Grade: 1
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-46277-8
File size: 241 KB
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Excerpt (computer-generated)
LMU München, Institut für Deutsche Philologie
HS Mythenrezeption in der deutschen
Gegenwartsliteratur Leben wie die Götter
6. Semester, SS 2005
Leben wie die Götter. Sten Nadolnys Roman
′Ein Gott der Frechheit′ im Licht seiner Poetik-Vorlesungen
von: Johannes Prokop
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 1
1.1 Fragestellung 1
1.2 Warum der Vergleich? 2
2. Autor und Erzähler 5
2.1 Die Person des Erzählers 5
2.2 Eine Frage des Blickwinkels 7
2.3 Die Doppelstruktur im Roman 8
2.4 Der Unterschied zwischen Autor und Erzähler 9
3. Narrativierung 11
3.1 Nadolnys Überlegungen 11
3.2 Herstellen eines Zusammenhangs 13
3.3 Identität 15
4. Erzählen vom Erzählen 17
4.1 Peilmarken 18
4.2 Die Krise 19
5. Die Verselbständigung des Erzählens 20
5.1 Loslösung vom Schöpfer 21
5.2 Ein Bilderbuchende 24
6. Leben als Erzählung 25
Literaturverzeichnis
1. Einführung
1.1 Fragestellung
Seit es Erzählungen gibt, gibt es auch Überlegungen zum „Wie“ des Erzählens – man denke nur an die „Poetik“ des Aristoteles. Doch auch heutzutage gibt es immer wieder Autoren, die sich nicht damit zufrieden stellen, Prosa zu verfassen, sondern sich auch Gedanken darüber machen, wie diese entsteht. Sten Nadolny ist einer dieser Schriftsteller, die ihr literarisches Tun beständig reflektieren. Neben zwei Vorlesungszyklen (München 1990 und Göttingen 2000) sind es noch einige kleinere Aufsätze bzw. Vorträge, die Nadolnys Überlegungen zur Poetik beinhalten. In dieser Arbeit soll Sten Nadolnys Roman „Ein Gott der Frechheit“ im Hinblick auf die von ihm in seinen Münchner Poetik-Vorlesungen formulierten Überlegungen zum Schreiben untersucht werden.
Zuerst soll die Funktion des Erzählers näher untersucht werden; da die Romanheldin Helga Herdhitze ihre Geschichte von Hermes nicht aufschreibt, sondern nur in Gedanken ausspinnt, ist es dazu nötig, die Figur des Erzählers vom schreibenden Autor abzugrenzen. Anschließend soll der Vorgang der Narrativierung beleuchtet werden, dem Nadolny lebenswichtige Bedeutung für jeden Menschen zuweist. In diesem Zusammenhang werde ich außerdem auf die Rolle der Biografie eingehen, die bereits in den Münchener Poetik-Vorlesungen einen breiten Raum einnimmt. Die Entstehung eines Textes wird immer miterzählt – auf diese These soll eingegangen werden, bevor schließlich der Entkoppelungsprozess der Binnengeschichte im Fortschreiten der Handlung aufgezeigt werden soll; besonders das achte Kapitel von „Ein Gott der Frechheit“ unterscheidet sich in dieser Hinsicht massiv vom Rest des Romans und ist letztlich nur in Hinblick auf Nadolnys poetologische Überlegungen erklärbar.
1.2 Warum der Vergleich?
Warum macht es Sinn, gerade Sten Nadolnys vierten Roman einmal in Hinblick auf die von ihm gehaltenen Poetik-Vorlesungen zu untersuchen? Der Vergleich (besser: das Miteinander-in-Bezug-Setzen) bietet sich an, da Nadolny seine Werke nicht isoliert sieht, sondern in einem werkübergreifenden Zusammenhang: „Der Autor bewegt sich nicht nur innerhalb der Erzählung, sondern auch von Werk zu Werk weiter. (…) Der Erzähler erzählt sich selbst immer mit, sagte ich. Er muß sich auch nach dem Ende des Buches selbst weitererzählen. (…) Und schon deshalb kommen poetik-ähnliche Überlegungen an der Lebensnavigation eines Schriftstellers nicht vorbei – oder jedenfalls bei mir nicht.“1
Es ist also zu vermuten, dass sich Nadolnys Überlegungen zum Handwerk des Schriftstellers auf alle seine Werke anwenden lassen bzw. die poetologischen Grundsätze 2 die Summe der Erfahrungen darstellen, die Nadolny während seiner schriftstellerischen Tätigkeit gemacht hat. Was aber gerade „Ein Gott der Frechheit“ dazu prädestiniert, in Hinblick auf die von Nadolny geäußerten Thesen untersucht zu werden, ist zum einen die zeitliche Analogie bei der Entstehung von Vorlesung und Roman: „Ein Gott der Frechheit“ wurde 1994 gedruckt und in den Handel gebracht. Anlässlich der Vorlesungen 1990 entwarf Nadolny einen fiktiven Übungsroman namens „Glashütte bis Hautflügler“. Zur Begründung dieses Vorgehens führt er unter anderem an: „Zweitens fühle ich mich auch nicht stark genug, mein derzeitiges Romanprojekt öffentlich zu erörtern. Das geht nicht, ich würde dabei eine Art Freundschaft mit ihm aufs Spiel setzen, was rasch schief gehen kann. Die Quellen der Inspiration sind durch Geschwätz leicht zu verstopfen, vor allem durch mein eigenes.“3
Zu dem Zeitpunkt, als Nadolny die Poetik-Vorlesungen in München hielt, war „Ein Gott der Frechheit“ offensichtlich gerade im Entstehen. Auch wenn man vorsichtig damit sein sollte, vorschnell biographische Übereinstimmungen anzunehmen, wo vielleicht keine sind, liegt die Vermutung nahe, dass in die Vorlesung viele Überlegungen eingeflossen sind, die gerade beim aktuellen Projekt eine wichtige Rolle spielten. Nadolny zeigt in der Vorlesung auch, dass die Figur des Hermes für ihn untrennbar mit der Person des Erzählers verbunden ist: „Sie [die erzählerische Schriftstellerei] scheint mir also nicht so sehr zum himmlischen Orchester des Apollon zu gehören, sondern mehr zur etwas staubigen, aber ausdauernden Begleitung des Hermes, des Gottes der Reisenden, der Kaufleute und Diebe, der Ringer und Redner, des glücklich gefundenen Weges, des glücklichen Fundes überhaupt. Und dann ist er auch noch Götterbote, Kommunikationsgott schlechthin (…) Diesen Hermes also empfinde ich als den für Romanschriftsteller meiner Sorte zuständigen Spezialgott.“4
Außerdem lassen sich zwischen dem fiktiven Übungsroman und dem tatsächlichen Roman „Ein Gott der Frechheit“ einige Parallelen und Übereinstimmungen feststellen. In der Poetik-Vorlesung entwirft Sten Nadolny einen fiktiven Autor, den er mit einer sehr individuellen Biografie ausstattet. Anhand dieses Autors, den er später durch die Autorin Vera (die einen anderen biografischen Hintergrund, aber auch eine andere Herangehensweise hat) ersetzt, erklärt Nadolny anschaulich den Entstehungsprozess eines Romans. So erläutert er ausgehend von der ersten Idee (einen Lexikonroman mit dem Titel „Glashütte bis Hautflügler“ zu schreiben) über weitere konzeptionelle Überlegungen (das Buch wird eine Art Fortsetzung von Thomas Manns „Zauberberg“; der Romanheld liegt im Krankenhaus und liest Lexikonartikel, um sich abzulenken) bis hin zum fertigen Roman (nur noch weniges erinnert daran, was der Roman ursprünglich hätte sein sollen) seine poetologischen Überlegungen zum Erzählen und Schreiben.
[...]
1 Sten Nadolny. Das Erzählen und die guten Ideen. Die Göttinger und Münchener Poetik- Vorlesungen. München: Piper, 2001. S. 158. Der Titel wird im Folgenden mit „Poetik“ abgekürzt.
2 „Grundsätze“ nur insofern, als Nadolny sie lediglich für sich selbst verbindlich sieht: „Bitte, ich rede von mir. Es gibt vielerlei Erzähler, und sie schaffen es auf vielerlei Weise. Wenn es hier irgendwann einmal apodiktisch klingen sollte, nehmen Sie es bitte nicht ernst. Ich schreibe selbstverständlich niemandem vor, wie er erzählen soll, wehre mich nach Möglichkeiten nur gegen andere, die mir etwas vorschreiben wollen.“ (Sten Nadolny, Poetik. S. 106)
3 Sten Nadolny, Poetik. S. 78
4 Ebd., S.128.
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