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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 26 Pages
Author: Silvia Bannenberg
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Aspekte, Schreibens, Lyrik, Mascha, Kalékos
Year: 2004
Pages: 26
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 22 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-46553-3
File size: 204 KB
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Excerpt (computer-generated)
Philipps-Universität Marburg
Fachbereich 09, Institut für Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminar: Alphabetisierung des Gefühls. Liebesbrief
und Liebesgedicht als literarische Genres
Wintersemester 2003/04
5. Fachsemester
Aspekte weiblichen Schreibens in der
frühen Lyrik Mascha Kalékos
von: Silvia Bannenberg
Inhalt
Vorbemerkung 2
1. Was meint ‘weibliches Schreiben’? 3
1.1 Das Phänomen ‘Weiblichkeit’ 3
1.2 Zur Annahme einer „weiblichen Ästhetik“ 4
1.3 Überblick der Theorien 5
1.4 Definition 7
2. Mascha Kaléko 8
2.1 Biographisches 8
2.2 Selbstwahrnehmung und -darstellung 10
2.3 Kalékos (frühe) Lyrik in zeitgeschichtlichem und literarischem Kontext 12
3. ‘Weibliches Schreiben’ und Kalékos frühe Lyrik 15
3.1 Aspekten ‘weiblichen Schreibens’ auf der Spur 15
3.2 Eine Abwägung 19
Versuch eines Fazits 23
Bibliographische Angaben 24
Vorbemerkung
„Eher eine epigone als eine moderne Art von Dichtung“, die in der romantischen Tradition Heines stehe – so lautet Herman Hesses Urteil zum lyrischen Frühwerk Mascha Kalékos in den Neuen Deutschen Büchern 1935-1936 (76): Aber diese kleinen Dichtungen haben dennoch einen echten Liebreiz, sie sind auf eine graziöse und sympathische Weise verspielt und tändelnd, sie sind von echter Jugendlichkeit, uns so sind sie uns willkommen in ihrer Anmut und Schlichtheit, hinter der soviel Traurigkeit und Sehnsucht nach einem echteren und edleren Leben steckt. Lassen sich wohl in einer Lyrik, von männlicher Intellektualität als „kleine Dichtung“ bezeichnet und mit dem Prädikat „von echtem Liebreiz“ versehen, Aspekte ‘weiblichen Schreibens’ entdecken? Die vorliegende Arbeit wird versuchen, dieser Frage auf den Grund zu gehen.
In einem ersten Teil wird deshalb eine Annäherung an den Begriff ‘weibliches Schreiben’ zu unternehmen sein; hier soll eine Grundlage für die nachfolgende Untersuchung von Gedichten aus Kalékos ersten beiden Lyrikbänden, Das lyrische Stenogrammheft und Kleines Lesebuch für Große, geschaffen werden.1 Gedichte, die nach Kalékos Emigration entstanden sind, können im Rahmen dieser Arbeit leider nicht mit berücksichtigt werden. Die Person und Dichterin Mascha Kaléko wird in einem zweiten Teil dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen. Da nicht unbedingt von einer detaillierten Kenntnis der Vita der Autorin ausgegangen werden kann, erscheint eine etwas umfangreichere Darstellung ihrer Biographie sinnvoll. Leben und Sozialisation Kalékos, ihr weibliches (Selbst-) Bewusstsein, stellen zudem eine wichtige Grundlage für die zu untersuchenden Aspekte ‘weiblichen Schreibens’ dar. Ein letzter Teil dieser Arbeit wird sich schlussendlich mit der Zusammenführung der zuvor herausgearbeiteten Erkenntnisse zu beschäftigen haben: einer detaillierteren Untersuchung von frühen Gedichten Mascha Kalékos hinsichtlich Aspekten ‘weiblichen Schreibens’. Angesichts einer sich teilweise sehr differierend präsentierenden feministischen Literaturwissenschaft und einer wenig umfangreichen Forschungsliteratur zu Werk und Person Mascha Kalékos sei darauf hingewiesen, dass diese Arbeit nicht mehr leisten kann als den Versuch, das genannte Thema in den Blick zu nehmen.
1. Was meint ‘weibliches Schreiben’?
In diesem Kapitel soll eine Annäherung an den Begriff des ‘weiblichen Schreibens’ unternommen werden. Dabei wird zunächst das Phänomen ‘Weiblichkeit’ zu betrachten und die Frage zu stellen sein, ob die Annahme einer spezifischen ‘weiblichen Ästhetik’ gerechtfertigt ist. Des Weiteren sollen verschiedene Theorien ‘weiblichen Schreibens’ vorgestellt werden um anschließend eine Begriffsklärung vornehmen zu können, auf deren Grundlage endlich in Kapitel 3 die frühe Lyrik Mascha Kalékos untersucht werden soll.
1.1 Das Phänomen ‘Weiblichkeit’
‘Weiblichkeit’ konnotiert zunächst eine anatomische Zugehörigkeit zum Geschlecht ‘Frau’ – in Abgrenzung zu ‘Männlichkeit’ und einer Zugehörigkeit zum anatomischen Geschlecht ‘Mann’. Diese geschlechtliche Differenzierung zwischen Männern und Frauen, so Hof (96), ist „eine Unterscheidung, die in allen Gesellschaften vorgenommen wird [...]. Die Frage, warum eine solche Klassifizierung erfolgt, erscheint angesichts der Natürlichkeit dieses Vorgehens überflüssig zu sein.“ Wird das Attribut ‘weiblich’ mit dem anatomischen Geschlecht ‘Frau’ gleichgesetzt, so mutet eine Verknüpfung von Kategorien wie ‘weibliche Ästhetik’ oder ‘weibliches Schreiben’ mit der Kategorie Geschlechterdifferenz nur plausibel und folgerichtig an. Allerdings wirft eine solche Verknüpfung auch die Frage auf, ob allein die anatomische Zugehörigkeit zum Geschlecht ‘Frau’ bestimmte Erfahrungen, ein spezifisches Wahrnehmungsvermögen und eine besondere Ausdrucksweise generiert (vgl. Kanz : 26). Hier gibt Kanz (32) die diskursive beziehungsweise rhetorische Verfasstheit der Kategorien ‘Weiblichkeit’ und ‘Männlichkeit’ zu bedenken: Weil die „Materialität des biologischen Geschlechts“, also all das, was einmal als natürlich, „angeboren“ und „authentisch“ galt, im Laufe der Jahre immer mehr als Produkt „ritualisierter Wiederholung von Normen“ erkannt worden ist, müssen die Kategorien ‘Mann’ oder ‘Frau’ letztlich als kulturelle Konstruktionen betrachtet werden, die auf ihre Entstehung und ihre Funktionsweise innerhalb (politischer, kultureller, historischer, sozialer, literarischer) Machtsysteme hin zu befragen sind.
Osinski (135) unterstreicht die Existenz eines „sozialen Geschlechts“ und seine Verwobenheit mit der biologischen Zweigeschlechtlichkeit, deren „Verbindung in den Zuweisungen von Männlichkeit und Weiblichkeit jedoch nicht zwangsläufig, sondern vielfach bedingt ist. [...] Auch sex, der Geschlechtskörper, wird nicht ‘an sich’, sondern vermittelt erfahren.“ Diesen Ansätzen folgend, kann ‘Weiblichkeit’ nicht aus dem biologischen Geschlecht ‘Frau’ abgeleitet werden, sondern ist, im Sinne von gender2, als konstruiert – als historisch, psychologisch, sozial und kulturell bedingt – zu verstehen (vgl. Osinski : 132).
1.2 Zur Annahme einer ‘weiblichen Ästhetik’
Kulturell wird gender durch Sprache vermittelt und aufgefasst – und somit durch Literatur als „kulturelle Form symbolischer Kommunikation“ sowohl produziert als auch reproduziert (vgl. Osinski : 133): Denn weder historisch noch systematisch kann Literatur von Frauen als Ausdruck ihres „eigentlichen“ sozialen Geschlechts, gender, analysiert werden, ohne daß zugleich die soziokulturelle Überformung der Geschlechtsidentität im Patriarchat mitgedacht werden müßte. [...] Einerseits, so die Annahme, gestalten Frauen sich schreibend als Subjekte selbst, autonom, unabhängig von männlichen Projektionen, andererseits haben sie patriarchale Geschlechtszuschreibungen verinnerlicht. (ebd. : 132) (Nicht nur) die abendländische Kultur mit ihren Traditionen und Maßstäben ist vorwiegend männlich geprägt; Frauen hatten wenig Anteil an ihrer Errichtung und können sich nicht, wie Männer, auf (eigene) Traditionen berufen. Bestimmend für das seltene Erscheinen von Frauen in der Geschichte und für fehlende weibliche Autorität bezüglich Traditionsbildungsprozessen ist auch hier eine androzentrische symbolische Ordnung, die Frauen als naturhaft und infolgedessen als zeitlos und privat klassifiziert und im gleichen Zuge die Beiträge von Frauen zu Zivilisation, Kultur, Wissenschaft und Politik als nicht überlieferungswürdig ausschaltet. (Günter : 36)
[...]
1 Seitenangaben hinter Gedichttiteln oder -auszügen beziehen sich im Folgenden, soweit nicht anders angegeben, auf: Kaléko, Mascha: Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große, Hamburg: 272003. In einem Band finden sich dort bis S. 71 die Gedichte des Lyrischen Stenogrammhefts, ab S. 73 die des Kleinen Lesebuchs für Große.
2 Zum gender-Begriff vgl. Haraway und Maihofer. In den 1970er Jahren kam in der feministischen Theorie und Politik eine – unter anderem „durch Aneignung von Marx, einen durch Lacan gelesenen Freud und den Strukturalismus von Lévi-Strauss“ (ebd. : 411) beeinflusste – Trennung zwischen sex (dem „biologischen“ Geschlecht) und gender (dem „sozialen“ und konstruierten Geschlecht) auf. Selbige ist nicht nur aufgrund ihrer Reproduktion des binären Natur/Kultur-Gegensatzes oder ihres Suggerierens eines jenseits von Konstruktion bestehenden Körpers umstritten. In dieser Arbeit soll der Begriff gender dennoch verwendet werden, um auf die generelle Konstruiertheit von Geschlecht und Geschlechterdifferenz hinzuweisen.
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