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Autor: Dieter Boller
Fach: Psychologie - Sozialpsychologie
Details
Tags: Musikgeschmack, Identität, Soziale, Konsequenzen, Musikpräferenzen
Jahr: 2006
Seiten: 28
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 50 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 266 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-46590-8
Textauszug (computergeneriert)
Universität Zürich
Psychologisches Institut
WS 2005/2006
Musikgeschmack und Identität –
Soziale Konsequenzen von Musikpräferenzen
von: Dieter Boller
Inhalt
1. EINLEITUNG 32
2. JUGENDLICHE UND MUSIK 4
3. GESCHMACKSKULTUREN 6
3.1 Gemeinsamkeiten geschmacklich Gleichgesinnter 6
3.2 Wahrnehmung der Hörer unterschiedlicher Musikgenres 7
4. MUSIK UND IDENTITÄT 9
4.1 Sozialer Kontakt 9
4.1.1 Bedürfnis nach Freundschaft 9
4.1.2 Bedürfnis nach Zugehörigkeit 12
4.2 Ausdruck der Identität 12
4.2.1 Musikgeschmack und Badge-Funktion 13
4.2.2 Gruppenmitgliedschaft und soziale Identität 16
4.2.3 Sozialer Einfluss 19
5. KONKLUSION 23
5.1 Zusammenfassung 23
5.2 Abschliessende Bemerkungen 24
6. LITERATUR 25
1. Einleitung
Im Zuge der Verbreitung elektronischer Medien in Form von Schallplatten, Kassetten und CDs und der massenmedialen Streuung von Inhalten über Radio, Fernsehen und Internet, ergeben sich vermehrt Möglichkeiten, sich der Musik auszusetzen. Betrug der jährliche Verkauf der amerikanischen Musikindustrie 1967 erstmals mehr als eine Milliarde US-Dollar, so durchbrach er 1973 die Schranke von zwei Milliarden Dollar und machte 1994 bereits über zwölf Milliarden Dollar aus (Zillmann & Gan, 1997, S. 161). Der Stellenwert der Musik ist aber nicht nur in kommerzieller Hinsicht stark gestiegen, sondern hat auch im Leben der Hörer einen wichtigen Platz erobert. Unter diversen Funktionen, die Musik im Alltag des Menschen erfüllt, befasst sich die vorliegende Arbeit mit der Frage, wie sie von Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität genutzt wird. Aus sozialpsychologischer Perspektive betrachtet soll untersucht werden, wie der Konsum von Musik und die damit verbundene Einordnung in ein System unterschiedlicher Geschmackskulturen, als Mittel zur Definition des Selbstkonzeptes eingesetzt werden können. Es soll gezeigt werden, inwiefern der eigene Musikgeschmack zum Ausdruck der Persönlichkeit verwendet werden kann.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist es wichtig, eine eindeutige Begrifflichkeit für die Neigung zu bestimmter Musik zu verwenden. Über unterschiedlichste Studien hinweg betrachtet, ist sie aber nicht einheitlich und kann deshalb zu Missverständnissen führen (Behne, 2002, S. 339). Behne führt hierzu den Vorschlag Abeles’ (1980) an, zwischen aktuellen Entscheidungen (preferences / Präferenzen) und langfristigen Orientierungen (taste / Geschmack) zu unterscheiden (ebenda). „Der umgangssprachliche und sehr diffuse Begriff des Musikgeschmacks könnte demnach sinnvoll global für den Gesamtkomplex verwendet werden, Musikpräferenz hingegen für das Entscheidungsverhalten in definierten, konkreten Situationen“ (ebenda, Hervorhebungen D.B.). Diese Begrifflichkeit soll auch für die vorliegende Arbeit verwendet werden. Es gibt aber auch „Autoren, die unter Musikpräferenz ein ‚gewachsenes, langfristig relativ stabiles System von durch Erfahrung erworbene[n] Wertorientierungen’ ... verstehen“ (z.B. Jost, 1982, S. 246; zit. nach Behne, 2002, S. 340). „Konkreter definiert als der Geschmacksbegriff ist hingegen der aus der Sozialpsychologie stammende ... Terminus der (musikalischen) Einstellung“ (Behne, 2002, S. 340, Hervorhebung D.B.). Hierbei handelt es sich um einen „seelische[n] und nervliche[n] Bereitschaftszustand, der, durch Erfahrung organisiert, einen richtenden oder dynamischen Einfluss auf die Reaktion des Individuums ... ausübt“ (Kloppenburg, 1987, S. 188; zit. nach Behne, 2002, S. 340).
2. Jugendliche und Musik
Bisherige Studien, welche die Musikrezeption und seine identitätsdefinierende Funktion untersucht haben, fokussierten fast ausschliesslich auf die Jugend. Kein anderer Lebensabschnitt scheint stärker vom Bedürfnis nach Musik eingenommen zu sein. „In diese Zeit fällt ein deutlich erhöhter Musikkonsum, der stark emotionalisiert und in der jugendlichen Gleichaltrigenkultur fest verankert ist“ (Dollase, 1997, S. 257). Erstaunlich ist vor allem der rasante Anstieg des Musikinteresses um die Zeit der Pubertät herum und der ebenso schnelle Abfall in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts (ebenda). In der Jugend wird mehr gehört, mehr über Musik geredet, mehr an Informationen über Musik gesucht und mehr über Musik diskutiert als beim Durchschnittsmenschen in fortgeschritteneren Lebensjahren. Von einer regelrechten „Musikphase“ oder einem „Musikalter“ könne man hier reden, meint Dollase (1997, S. 257), wobei nahezu jeder Jugendliche in der einen oder anderen Form davon erfasst werde. Die Pubertät ist die Zeit, in der Gruppen Gleichaltriger (Peergroups) neben den Eltern eine wachsende Bedeutung bekommen. „Gerade in Bereichen der Ich-Findung und der Bewältigung emotionaler Inanspruchnahme spielen Freundinnen und Freunde eine wesentliche Rolle“ (Baacke, 1997a, S. 14). So sind es denn auch die Peergroups, in denen nun vorwiegend Musik gehört wird. Baacke sieht in diesem Lebensabschnitt die „sensiblen Jahre, in denen das soziale Beziehungsgeflecht sich neu strukturiert“, und genau hier sei es „die Musik, die in verstärktem Masse nicht nur Situationen klanglich grundiert, sondern emotionale Stimuli oder auch emotionale Verarbeitungshilfen bietet“ (ebenda). So könne sich etwa eine Schülerin nach Stress in der Schule in die Klangwelt des Pop zurückziehen. Musik ist laut Baacke für Jugendliche ein „Bestandteil ihrer Existenzerfahrung“ (ebenda). Sie wird erfahren als „ein ganzheitliches, lebensweltübergreifendes Spektrum, in dessen Brechungen die Suche nach dem Ich ihre Orientierungsmuster wählt“ (ebenda).
Die Intensität, mit der sich Jugendliche bestimmten Musikarten zuwenden, ist „ein Zeichen für die Tiefe ihres Erlebnishungers und zugleich ein Zeichen für den Mangel an Erlebnismöglichkeiten in unserer realen Welt“ (Jerrentrup, 1997, S. 88). Jerrentrup zieht hier eine Parallele zum Interesse an Freizeitaktivitäten wie „Free Climbing“, „Bungee Jumping“ oder „River- Rafting“. Man könnte auch sagen, Musik fungiere in dieser Zeit als „Ventil oder Kompensation gegenüber Frustrationen, die aus Eingrenzungen von Lebensmöglichkeiten resultieren“ (ebenda, S. 89). Dies wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass Mitte zwanzig1 das Interesse an Musik nachlässt, denn Erwachsene, die fest sozialisiert sind und in diesem System ihren Platz errungen haben, werden dieses Gefühl so nicht mehr nachempfinden können. In diesem Zusammenhang spricht Dollase von der „Abschwungphase“ (Dollase, 1997, S. 360) junger Menschen und ist zur Erklärung um verschiedene Thesen bemüht:
− Der junge Erwachsene etabliert sich im Beruf, er gründet eine Familie, hat andere Ziele und findet schliesslich nicht mehr so viel Zeit und Gelegenheit, am Musikbetrieb derart intensiv teilzunehmen wie früher.
− Er erkennt, dass die symbolischen und, je nach Schicht, anderen Funktionen, die er in der Jugend der Musik zugeschrieben hat – als Ausdruck seiner Lebenshaltung, zur Erleichterung seiner Probleme, zur Findung der Individualität oder auch nur zur Entspannung und Unterhaltung et cetera – den nun einsetzenden Sachzwängen eines etablierten Erwachsenenlebens nicht gewachsen sind. Musik erhält einen weniger bedeutsamen Stellenwert – sie hilft ihm im Leben nicht mehr mit dergleichen Intensität wie früher.
− Er fühlt sich in der nachwachsenden Jugend deplatziert, er gerät als Älterer an den Rand der Altersverteilung und empfindet den Zwang, sich anders zu verhalten und neue Formen des Musik- und Kulturkonsums für sich zu finden.
− Das Leben in einer homogenen Gleichaltrigenkultur wird mit der beruflichen und familiären Etablierung und Mobilität unmöglich – ein wichtiger Stützfaktor entfällt. Es ist keineswegs zwingend anzunehmen, dass die emotionale, soziale und geistige Bereicherung durch Teilhabe an der Musikkultur im Erwachsenenalter naturgegeben nachlässt, sondern eher, dass ein wichtiger Bereich der personalen Selbstverwirklichung durch andere Ursachen beiseite gedrängt wird.
Die „Alterstheorie“ (Mende, 1991) geht demgegenüber davon aus, dass musikalische Präferenzen sich in Abhängigkeit vom Alter verschieben. So wird meistens nach der Jugend von der Rock- und Popmusik zum Schlager übergewechselt, weil Musik nur noch nebenbei gehört wird. „Selbst von Angehörigen der ‚Beat-Generation’ sowie nachfolgender jüngerer Generationen wird jenseits des Jugendalters der Schlager ... präferiert“ (Mende, 1991; zit. nach Müller, 1994, S. 72). Dieser Zusammenhang gilt aber offenbar nur für Menschen, bei denen es auch in der Jugend auf die Musik selbst nicht besonders ankam, solche, die in der Jugend Musik hörten, weil Musik zum „Jugendlichendasein“ dazugehörte (ebenda) und nicht in starkem Masse der Identitätspräsentation und Selbstbildung diente (Müller, 1994, S. 72). Anders scheint es sich nämlich zu verhalten bei Menschen, die sich in ihrer Jugend für Musik besonders interessieren und bei denen eine sehr intensive und kenntnisreiche Beziehung zur Musik besteht. „Sie bleiben über das Jugendalter hinaus so an Musik interessiert, dass sie neue Entwicklungen des von ihnen präferierten Genres mit Interesse verfolgen. Ihre Beziehung zur Musik ist als eher unabhängig vom Alter anzusehen“ (ebenda).
3. Geschmackskulturen
3.1 Gemeinsamkeiten geschmacklich Gleichgesinnter
[...]
1 Die Zuordnung bestimmter Altersangaben muss flexibel gedacht werden. Eine erhebliche Schwankung ist möglich.
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