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Erklären und Verstehen in den Sozialwissenschaften

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 22 Pages
Author: M.A. Nicole Nieraad
Subject: Sociology - Methodology and Methods

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 22
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 28  Entries
Language: German
Archive No.: V50613
ISBN (E-book): 978-3-638-46804-6
ISBN (Book): 978-3-638-66113-3
File size: 201 KB

Abstract

Nach Hartmut Esser verfügte die Soziologie, anders als beispielsweise Teile der Naturwissenschaften, nie über einen einheitlichen, gemeinsam akzeptierten Theoriekern. Es gab (und gibt noch) zahlreiche wissenschaftliche Kontroversen über beispielsweise das Verhältnis zwischen Theorie und wissenschaftlicher Praxis, über das Vorziehen der „erklärenden“ oder „verstehenden“ Methode und damit einhergehend über die Angemessenheit qualitativer und quantitativer Methoden. Seit über 100 Jahren besonders die Debatte um zwei Haupttraditionen der Sozialwissenschaft zu einem Gebiet von Unstimmigkeiten. Diese beiden Positionen werden von Wilhelm von Wright die „galileische“ und die „aristotelische“ Tradition genannt. Bei dieser Kontroverse stehen sich verkürzt die „erklärende“ Sozialwissenschaft mit einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise und die „verstehende“ Sozialwissenschaft mit einer „philosophisch-hermeneutischen“ Herangehensweise gegenüber. Während die „galileische“ Tradition nach einer kausalen, allgemeinen Gesetzen entsprechenden Erklärung des Verhaltens sucht, stellt die „aristotelische“ Tradition die Motive des menschlichen Verhaltens in den Vordergrund. Als Ausgangspunkt dieser „Erklären“-„Verstehen“-Debatte kann u.a. Wilhelm Diltheys „Einleitung in die Geisteswissenschaft“ aus dem Jahr 1883 genannt werden. Daraufhin wurden die sich gerade entwickelnden Sozialwissenschaften zum Austragungsort für die Grundsatzdebatte der zwei oben genannten Denktraditionen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat die Kontroverse mehrere Phasen durchlaufen, die im Folgenden untersucht werden sollen. Dabei wird in diesem Zusammenhang auch auf einige wichtige wissenschaftliche Vertreter der jeweiligen Positionen eingegangen werden. So werden Wilhelm Diltheys und Max Webers Konzepte ebenso behandelt wie der „Kritische Rationalismus“. Hierbei ist vor allem das sogenannte „Hempel-Oppenheim-Schema“ zu nennen. Außerdem wird Wilhelm von Wrights Veröffentlichung „Erklären und Verstehen“ zur Sprache kommen. Schließlich steht gegen Ende der Untersuchung die Frage, ob mittlerweile doch, beispielsweise durch das Modell der „soziologischen Erklärung“, eine Art Verknüpfung von „Erklären“ und „Verstehen“ in den Sozialwissenschaften möglich ist.


Excerpt (computer-generated)

Philipps-Universität Marburg, Soziologisches Institut
Vorlesung: Methoden der empirischen Sozialforschung
SS 2005, 8. Semester

Erklären und Verstehen in den Sozialwissenschaften

von: Nicole Nieraad

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einführung S. 1

2. Der „Positivismus“ des 19. Jahrhunderts S. 2

3. Die Entwicklung einer hermeneutischen Sozialwissenschaft

3.1 Abgrenzung von den Naturwissenschaften S. 3
3.2 Max Webers Konzept einer „verstehenden Soziologie“ S. 5

4. Die „neo-positivistische“ These der Einheitsmethodologie

4.1 Die „Degradierung“ des Verstehens S. 7
4.2 Das „Hempel-Oppenheim-Schema“ S. 9

5. Wilhelm von Wrights „praktischer Syllogismus“ S. 10

6. Alternative „soziologische Erklärung“

6.1 Verbindung von „subjektivem“ Sinn und „objektiven“ Methoden S. 12
6.2 Das Grundmodell der „soziologischen Erklärung“ S. 14

7. Zusammenfassung und Ausblick S. 16

Literatur S. 17



 

1. Einführung

Nach Hartmut Esser verfügte die Soziologie, anders als beispielsweise Teile der Naturwissenschaften, nie über einen einheitlichen, gemeinsam akzeptierten Theoriekern. 1 Es gab (und gibt noch) zahlreiche wissenschaftliche Kontroversen über beispielsweise das Verhältnis zwischen Theorie und wissenschaftlicher Praxis, über das Vorziehen der „erklärenden“ oder „verstehenden“ Methode und damit einhergehend über die Angemessenheit qualitativer und quantitativer Methoden.2 Viele Soziologen scheinen diesen „multiparadigmatischen“ Charakter des Faches unvermeidlich oder zum Teil sogar wünschenswert zu finden. Andere Wissenschaftler hingegen sind nach Esser der Auffassung, dass die theoretische Vielfalt eher für einen Mangel an Professionalisierung spricht, die in anderen Wissenschaftsdisziplinen gegeben ist.3

Wie bereits angesprochen, gehört seit über 100 Jahren besonders die Debatte um zwei Haupttraditionen der Sozialwissenschaft zu einem Gebiet von Unstimmigkeiten. Diese beiden Positionen werden von Wilhelm von Wright die „galileische“ und die „aristotelische“ Tradition genannt.4 Bei dieser Kontroverse stehen sich verkürzt die „erklärende“ Sozialwissenschaft mit einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise und die „verstehende“ Sozialwissenschaft mit einer „philosophisch-hermeneutischen“ Herangehensweise gegenüber. Während die „galileische“ Tradition nach einer kausalen, allgemeinen Gesetzen entsprechenden Erklärung des Verhaltens sucht, stellt die „aristotelische“ Tradition die Motive des menschlichen Verhaltens in den Vordergrund.5 Als Ausgangspunkt dieser „Erklären“-„Verstehen“-Debatte kann u.a. Wilhelm Diltheys „Einleitung in die Geisteswissenschaft“ aus dem Jahr 1883 genannt werden.6 Daraufhin wurden die sich gerade entwickelnden Sozialwissenschaften zum Austragungsort für die Grundsatzdebatte der zwei oben genannten Denktraditionen.7 Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat die Kontroverse mehrere Phasen durchlaufen, die im Folgenden untersucht werden sollen. Die Arbeit ist daher chronologisch aufgebaut, um den erhofften „besseren Überblick“ zu erreichen. Dabei wird in diesem Zusammenhang auch auf einige wichtige wissenschaftliche Vertreter der jeweiligen Positionen eingegangen werden. So werden Wilhelm Diltheys und Max Webers Konzepte ebenso Teil der Arbeit sein wie der „Kritische Rationalismus“. Hierbei ist vor allem das sogenannte „Hempel-Oppenheim-Schema“ zu nennen. Außerdem wird Wilhelm von Wrights Veröffentlichung „Erklären und Verstehen“ zur Sprache kommen. Schließlich steht gegen Ende der Untersuchung die Frage, ob mittlerweile doch, beispielsweise durch das Modell der „soziologischen Erklärung“, eine Art „Verknüpfung“ von „Erklären“ und „Verstehen“ in den Sozialwissenschaften möglich ist.

2. Der „Positivismus“ des 19. Jahrhunderts

Das „große Erwachen“ der Humanwissenschaften im 19. Jahrhundert wird u.a. durch Arbeiten von Ranke und Mommsen in der Geschichtsschreibung, Wilhelm von Humboldt und Jacob Grimm in der Sprachwissenschaft und Tylor in der Sozialanthropologie ausgelöst. Die systematische Erforschung des Menschen mitsamt seiner Geschichte, seiner Sprachen, Sitten und sozialen Institutionen steht im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Zu dieser Zeit haben sich die Naturwissenschaften in der Gesellschaft schon seit der Zeit der Renaissance und des Barock, d.h. seit zwei bis drei Jahrhunderten, etabliert. Aus der Beziehung dieser zwei Hauptzweige empirischer Forschung entwickelt sich eine der zentralen Streitfragen bezüglich Methodologie und Wissenschaftstheorie. Die Position, die sich auf die Naturwissenschaften bezieht und daher von Wilhelm von Wright die „galileische“ Tradition genannt wird, wird hauptsächlich von Auguste Comte und John Stuart Mill repräsentiert. Comte prägt den Begriff „Positivismus“ für die wissenschaftliche Idee einer Einheit aller Wissenschaften trotz der Unterschiedlichkeit des zu untersuchenden Gegenstandes („methodologischer Monismus“). Naturwissenschaftliche Methoden, insbesondere die mathematische Physik, sollen universell auf alle Wissenschaften anwendbar sein, einschließlich der Humanwissenschaften. 8 Jegliche Form der Erklärung soll kausal und mechanistisch sein, Erklärungen für den Positivismus bestehen „konkreter gesagt in der Subsumption individueller Sachverhalte unter hypothetisch angenommene allgemeine Naturgesetze, einschließlich Gesetze der ‚menschlichen Natur’“9. Aus empirischen Beobachtungen sollen schließlich allgemeingültige Gesetze gebildet werden. Mit diesen drei charakteristischen Grundannahmen, „Betonung der methodischen Einheit, des mathematischen Idealtypus einer Wissenschaft sowie der Bedeutung allgemeiner Gesetze für Erklärungen“10, steht der Positivismus somit in der von Wilhelm von Wright genannten galileischen Tradition.

3. Die Entwicklung einer hermeneutischen Sozialwissenschaft

3.1 Abgrenzung von den Naturwissenschaften

[...]


1 Vgl.: H. Esser: Alltagshandeln und Verstehen. S. 1.

2 Vgl.: K.-H. Hillmann: Wörterbuch der Soziologie. S. 550.

3 Vgl.: H. Esser: Alltagshandeln und Verstehen. S. 1.

4 Vgl.: W. v. Wright : Erklären und Verstehen. S. 17.

5 Vgl.: R. Tuome la: Erklären und Verstehen menschlichen Verhaltens. S. 30.

6 Vgl.: K.-O. Apel: Vorwort. S. 3.

7 Vgl.: N. Konegen: Wissenschaftstheorie für Sozialwissenschaftler. S. 65.

8 Vgl.: W. v. Wright : Erklären und Verstehen. S. 17f.

9 Ebd. S. 18.

10 Ebd.


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