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'Scheidung ist die Zukunftsform von Heirat' - Ein integrativer Ansatz zur Erklärung des Phänomens Scheidung

Autoren: Christian Vandrey, Florian Popp
Fach: Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

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Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 52
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 35  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 323 KB
Archivnummer: V50828
ISBN (E-Book): 978-3-638-46956-2
ISBN (Buch): 978-3-638-70879-1

Zusammenfassung / Abstract

Das Anliegen dieser Arbeit soll es sein, die Scheidungsrate, die wie bereits erwähnt, ständig ansteigt, aus soziologischer Sichtweise zu erklären und dabei die Scheidung mit ihren Ursachen analysieren zu können. Die Besonderheit liegt dabei in der theoretischen Betrachtungsweise des ökonomischen Standpunktes. Denn wie wir ökonomisches Denken in allen anderen gesellschaftlichen Handlungsweisen erkennen können, hat Wirtschaftlichkeit auch nicht Halt gemacht vor gesellschaftlichen Phänomenen, wie dem der Scheidung, denen man in jüngerer Vergangenheit nur wenig ökonomische Berührungspunkte zugeschrieben hätte. Den Kern unserer theoretischen Forschungsarbeit bildet eine fundierte Fragestellung bezüglich eines integrativen Ansatzes zur Lösung diametraler Einzelperspektiven der soziologischen und ökonomischen Forschungsrichtung. Um die Differenz zwischen der ökonomischen und traditionell soziologischen Grundlage erkennen zu können, verdeutlichen wir zunächst die zentralen Determinanten der Ökonomie und der Soziologie. Die Mitbegründer ökonomischer und soziologischer Scheidungsforschung, Becker und Esser, zeigen mit dem Modell des haushaltsökonomischen Ansatzes beziehungsweise dem Modell-der-Frame-Selektion die Integrationsfähigkeit des Phänomens der Scheidung in ökonomische und soziologische Sichtweisen. Ausgehend von deren Prämissen beschreiben wir die theoretische Grundlage der Modelle und betrachten diese im Zusammenhang mit dem Scheidungsrisiko. Im Folgenden versuchen wir anhand der soziologischen Erklärungslogik ein eigenes theoretisches Modell zu entwerfen, das eine Aufwertung in dem Sinne erfährt, als dass wir die Mesoebene, die Perspektive der Familie, einführen und somit nicht nur die Scheidungsrate auf die Gesellschaft bezogen schematisch darstellen, sondern auch Auswirkungen der Scheidung innerhalb der Familien beleuchten können. Unser Versuch der theoretischen Modellierung der Schidungsrate in einer von uns entwickelten grafischen Darstellung soll nicht den Anspruch alleiniger Gültigkeit und Richtigkeit erheben, sondern ausschließlich eine Möglichkeit einer weiteren Herangehensweise an das Thema Scheidung aufzeigen. Abschließend enden wir mit einer kritischen Reflexion unserer Ausführungen und schließen die Arbeit mit der Beantwortung der zu Beginn erhobenen Fragestellung.

Textauszug (computergeneriert)

„Scheidung ist die Zukunftsform von Heirat“ –
Ein integrativer Ansatz zur Erklärung
des Phänomens Scheidung

von: Christian Vandrey und Florian Popp

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einführung 1-3

2. Divergierende Erkenntnisprogramme < Ökonomie vs. Soziologie> 3-6

3. Untersuchungsinteresse 6

4. Haushaltsökonomisches Modell (Gary S. Becker) 7-10

4.1 Theoretische Modellierung des ‚Haushaltsökonomischen Ansatzes’ 10-15
4.2 Anwendung des theoretischen Modells auf den Ehegewinn 16-18
4.3 Anwendung des theoretischen Modells auf das Phänomen der Scheidung 18-22
4.4 Exkurs ‚Scheidungsrecht’ 22-24

5. Beschreibung des ‚Modells der Frame -Selektion’ (Hartmut Esser) 24

5.1 Vorannahmen des Modells 24-25
5.2 Theoretische Modellierung des Ansatzes der ‚Frame-Selektion’ 25-29
5.3 Anwendung des theoretischen Modells auf das Phänomen der Scheidung 29-34

6. Die Metatheorie des ‚soziologischen Erklärungsschemas’ <ein integrativer Ansatz> 34-36

7. Eigene Modifikation des ‚soziologischen Erklärungsschemas’ 37-45

8. Schlussbemerkung 45-47



 

1. Einführung

Die „Zahl der Ehescheidungen steigt auf fast 214000 im Jahr 2003“1 an, so betitelt das Statistische Bundesamt eine Pressemitteilung vom 13.August 2004. Im Vergleich zum Vorjahr sei die Zahl der Ehescheidungen um 4,8% gestiegen, was in Zahlen ausgedrückt bedeutet, „dass im Jahr 2003 von 1000 bestehenden Ehen elf geschieden wurden“.2 Auch sei ein kontinuierliches Ansteigen von Ehescheidungen seit 1993 zu erkennen, welches 2003 einen neuen Höchststand erreichte. Weiterhin weist das Statistische Bundesamt darauf hin, dass etwa 38% aller Ehen wieder geschieden werden – die meisten davon bereits nach 5 bis 9 Jahren. Aufgrund dieses nicht zu vernachlässigenden Sachverhaltes der Scheidung als kollektives Phänomen mit höchster Brisanz (vgl. Anstieg der jährlichen Scheidungszahlen), ist es uns ein Anliegen, bei der Betrachtung der Scheidungsraten nicht nur die Zahlenmaterialien heranzuziehen, wie das Statistische Bundesamt , sondern auch gesellschaftliche und individuelle Determinanten anzuführen, die die Vielzahl der Eheauflösungen erklären sollen. Im Vorfeld unserer Recherchen fiel auf, dass das Thema Scheidung bereits in mannigfachen Untersuchungen zentraler Forschungsgegenstand war, wie zum Beispiel eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung3 zeigt. Diese sieht das Phänomen der Ehescheidung in den verschiedenen Arbeitszeitmodellen begründet, durch die die private Zeit nur noch schwer zu planen sei und unter denen die Familien leiden würden. Stress und Unzufriedenheit führten u.a. zu Brüchen des traditionellen Lebens.4

Der von der Ökonomie in Vertretung von Gary S. Becker und der Soziologie durch Hartmut Esser unternommene Versuch, die Scheidung als ehelichen Prozess zu beschreiben, der von variierenden Strukturen oder neuen Anreizen, die durch eine erneute Heirat oder dem ‚Alleinbleiben` entstehen, gekennzeichnet ist, möchten wir in der folgenden Arbeit darstellen. Deutlich zu erkennen und somit charakteristisch für die Analyse von Ehe und Scheidungsursachen bei Becker, ist dessen ökonomischer Denkansatz, den er auf die Familie als Konsum- bzw. Produktionsgemeinschaft bezieht. Hierbei verwendet er die für den ‚Produktionsprozess einer Familie´ typischen Begriffe wie Ehegewinn, Ressourcenknappheit oder Produktionsgüter. Demnach funktioniert die eheliche Gemeinschaft nur solange der Ehegewinn noch ´lohnenswert erscheint´. Darin kommt zum einen die ´industrielle Rationalität´, aber auch die für die Beschreibung und Bewertung einer Ehe subjektive Betrachtungsweise zum Ausdruck, die durch Gefühlsausdrücke geprägt wird. Eine andere Herangehensweise wählt Hartmut Esser, dessen Theorie durch die Rahmung des sozialen Handelns der Akteure gestützt wird. Ausgehend von anfänglichen subjektiven Vorstellungen bezüglich des Verheiratetseins entsteht ein ´Frame´, durch den der Akteur seinen Partner wählt und in die eheliche Gemeinschaft eingeht. Ist diese Vorstellung mit der Realität des täglichen Ehelebens komgruent, so bleibt die eheliche Bindung bestehen und gewinnt mit Dauer ihrer Beständigkeit an Stabilität. Im Gegenteil dazu lösen Ehekrisen eine ´Disharmonie´ aus, die im weiteren Verlauf den anfänglichen Rahmen oder die Vorstellungen, die der Akteur zu Beginn seiner Ehe hatte, beeinflussen und verändern. Es entsteht eine neue Rahmung, die, laut Esser, die Scheidung bereits wahrscheinlicher werden lässt. Das Anliegen dieser Arbeit soll es sein, die Scheidungsrate, die wie bereits erwähnt, ständig ansteigt, aus soziologischer Sichtweise zu erklären und dabei die Scheidung mit ihren Ursachen analysieren zu können. Die Besonderheit liegt dabei in der theoretischen Betrachtungsweise des ökonomischen Standpunktes. Denn wie wir ökonomisches Denken in allen anderen gesellschaftlichen Handlungsweisen erkennen können, hat Wirtschaftlichkeit auch nicht Halt gemacht vor gesellschaftlichen Phänomenen, wie dem der Scheidung, denen man in jüngerer Vergangenheit nur wenig ökonomische Berührungspunkte zugeschrieben hätte.

Den Kern unserer theoretischen Forschungsarbeit bildet eine fundierte Fragestellung bezüglich eines integrativen Ansatzes zur Lösung diametraler Einzelperspektiven der soziologischen und ökonomischen Forschungsrichtung. Um die Differenz zwischen der ökonomischen und traditionell soziologischen Grundlage erkennen zu können, verdeutlichen wir zunächst die zentralen Determinanten der Ökonomie und der Soziologie. Die Mitbegründer ökonomischer und soziologischer Scheidungsforschung, Becker und Esser, zeigen mit dem Modell des haushaltsökonomischen Ansatzes beziehungsweise dem Modellder- Frame-Selektion die Integrationsfähigkeit des Phänomens der Scheidung in ökonomische und soziologische Sichtweisen. Ausgehend von deren Prämissen beschreiben wir die theoretische Grundlage der Modelle und betrachten diese im Zusammenhang mit dem Scheidungsrisiko. Im Folgenden versuchen wir anhand der soziologischen Erklärungslogik ein eigenes theoretisches Modell zu entwerfen, das eine Aufwertung in dem Sinne erfährt, als dass wir die Mesoebene, die Perspektive der Familie, einführen und somit nicht nur die Scheidungsrate auf die Gesellschaft bezogen schematisch darstellen, sondern auch Auswirkungen der Scheidung innerhalb der Familien beleuchten können. Unser Versuch der theoretischen Modellierung der Schidungsrate in einer von uns entwickelten grafischen Darstellung soll nicht den Anspruch alleiniger Gültigkeit und Richtigkeit erheben, sondern ausschließlich eine Möglichkeit einer weiteren Herangehensweise an das Thema Scheidung aufzeigen. Abschließend enden wir mit einer kritischen Reflexion unserer Ausführungen und schließen die Arbeit mit der Beantwortung der zu Beginn erhobenen Fragestellung.

1. Divergierende Erkenntnisprogramme < Ökonomie vs. Soziologie>

Da die Forschungsrichtungen der Ökonomie und der Soziologie Unterschiede in ihren Prämissen und Grundvorstellungen aufweisen, sollen im Folgenden Differenzen aber auch mögliche Übereinstimmungen beider Erkenntnisprogramme herausgestellt werden. Diese Differenzierung beider Begriffe ist es auch, die im weiteren Verlauf der Arbeit in Bezug auf die von uns zu beantwortende Fragestellung als Vorwissen vorhanden sein muss. Zunächst verweisen wir auf allgemein gültige, den beiden Forschungsrichtungen zugrunde liegende Vorannahmen, die diese jeweils charakterisieren. Der „haushaltsökonomische Ansatz“ nach Gary S. Becker bedient sich, wie bereits aus seiner Bezeichnung ersichtlich wird, der Ökonomie, die „als die Wissenschaft von der Allokation materieller Güter zur Befriedigung materieller Wünsche“, 5 definiert wird. Hierbei liegt das Hauptaugenmerk in der Allokation von Gütern, die so aufgeteilt werden, dass der einzelne Akteur seine subjektiven Absichten zu verfolgen versucht. Wirtschaft und wirtschaftliches Handeln gehen aus dem Begriff der `Ökonomie` hervor. Albert Reiss benennt die Ökonomie als „die Sozialwissenschaft, die sich mit den Mitteln und Wegen befasst, durch die Menschen und Gesellschaften versuchen, ihre materiellen Bedürfnisse und Wünsche [zu] erfüllen.“6 Die Ökonomie legt ihren Forschungsschwerpunkt in Erklärungsansäzte ökonomisch-rationalen Charakters und bezieht alles menschliche Verhalten als deren Fo rschungsgegenstand mit ein. Nach Becker zählen die Wahl eines Partners, Entscheidungen über die gewünschte Kinderzahl, soziale Interaktionen, Kriminalität oder politisches Verhalten u.a. zu den untersuchten Thematiken7. Das zugrunde liegende Denken der ökonomischen Betrachtungsweise liegt im Verhältnis knapper Mittel und konkurrierender Ziele. Dabei wird das Vorhandensein von Ressourcenknappheit vorausgesetzt. Aus dieser Situation heraus versucht der rational handelnde Akteur mit möglichst geringem Kostenaufwand eine hohe Wahrscheinlichkeit tatsächlichen Nutzens zu erzielen. Unter die Betrachtungsweise ökonomischer Denkansätze fallen nicht nur Einzelakteure, sondern auch kollektive Akteure, wie Becker in seinen Forschungen am Beispiel der Familie zeigt. Weiterhin werden bei eben genannten Personen oder Gruppen klare Präferenzordnungen angenommen.

[...]


1 www.destatis.de

2 ebd.

3 www.boeckler.de

4 www.destatis.de

5 Becker, 1993, S. 223

6 Reiss, 1968, S. 624

7 Becker, 1993

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