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Details

Veranstaltung: Konsum und Theorie (Proseminar)
Institution/Hochschule: Universität Potsdam (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftl. Institut)
Tags: Einkaufszentren, Orte, Konsum, Theorie
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 22
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 30  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 183 KB
Archivnummer: V51129
ISBN (E-Book): 978-3-638-47178-7
ISBN (Buch): 978-3-638-66148-5

Zusammenfassung / Abstract

Einkaufszentren sind sakrale Orte, weil sie als in Stein gehauene Tempel eine „heilige Ordnung“ repräsentieren, der sich nicht entziehen darf, wer zu dieser Ordnung dazugehören will. Sie erfüllen Funktionen, die noch vor etwa 150 Jahren vornehmlich den Kirchen und staatlichen Institutionen zugeschrieben wurden. Waren es in archaischer Zeit die Heiligtümer und noch im Mittelalter die Klöster, um die herum sich städtisches Leben zu entwickeln begann, so sind es heute die Shopping Center, Einkaufs-Passagen und Malls mit ihrer Gigantomanie des konzentrierten Einzelhandels, die v.a. in Nordamerika so genannte Suburbs erklären. Diese Center waren indes nirgends und niemals als reine Verkaufsmaschinen angelegt worden, sondern übernahmen als öffentliche Räume immer auch soziale Funktionen. Mittlerweile stellen sie ein nicht mehr wegzudenkendes Element der postmodernen Konsumkultur dar, einen Gegenpool quasi zur Unsicherheit des täglichen Lebens, einen Ort zur Selbstverwirklichung und eine freizeitliche Gegenwelt zum „tristen“ Alltag. Sie sind in dem Maße zu Heiligtümern geworden, in dem das Einkaufen, das Shopping, zum Erlebnis wurde. Sie sind die „Kathedralen des Konsums“, die „Konsumtempel“, die „pleasure domes“, und ihre religiös gefärbte Titulatur ist nicht übertrieben, denn sie stellen Orte „eines Glaubensbekenntnisses“ dar, „in dem die Innerlichkeit säkularisiert und in den Bann des glitzernden Tauschwerts gerissen wurde“ (Strohmeyer). Im Folgenden soll sich diesem Phänomen gewidmet und untersucht werden, was genau Einkaufszentrum zu sakralen Orten macht. Dabei sind verschiedene Blickwinkel zu berücksichtigen, deren erster eine allgemeine Definition des sakralen Ortes darstellt, der nur in Abgrenzung zum Pro-fanum zu einem solchen werden kann (Durkheim) und über moderne Mythen und Rituale Rechtfertigung erfährt. Über eine kurze Betrachtung der Warenhäuser des 19. und 20. Jahrhunderts sollen Muster einer v.a. architektonischen „Sakralisierung des Konsums“ herausgestellt werden, bevor sich eine Charakterisierung des modernen „Konsumtempels“ anschließt. Des besseren Verständnisses muss zudem eine Einschätzung des postmodernen Konsums erfolgen und die Klärung der Frage, inwiefern dieser religiöse Züge gewonnen hat bzw. schon immer besaß. Abschließend wird ein (freilich sehr extremes) Beispiel des „perfekten sakralen Ortes“ gegeben: Heritage Village in den USA.

Textauszug (computergeneriert)

Einkaufszentren als sakrale Orte

von: Dominik Jesse

 


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 03

1. Definitionen 04

1.1 Definition vom sakralen Ort: Zur Unterscheidung von sakral und profan 04
1.2 Definition von Mythos und Ritual 06

2 Das Einkaufszentrum als sakraler Ort 07

3 Die Architektur des sakralen Ortes 09

3.1 Warenhäuser des 19. und frühen 20. Jahrhunderts 09
3.2 Die Architektur der Einkaufszentren 11

4. Der postmoderne „Konsumtempel „ 11

5 Konsum als Religion? 14

6. Heritage Village als Perfektion des sakralen Ortes 16

Schlussfolgerungen 18

Literaturverzeichnis 21




 

Einleitung

“Someday it is possible – if it isn’t already – to be born, get from preschool through college, get a job, date, marry, have children, foul around, get a divorce, advance through a career or two, receive your medical care, even get arrested, tried, and jailed; live a relatively full life of culture and entertainment, and eventually die and be given funeral rites without ever leaving a particular mall complex – because every one of these possibilities exists now in some shopping center somewhere.” Anhand Kowinskis (1985: 21f) ironischer Beschreibung lässt sich bereits erkennen, wie groß die Rolle von Einkaufszentren im Leben geworden ist und wie sehr sie Funktionen erfüllen, die noch vor etwa 150 Jahren vornehmlich den Kirchen und staatlichen Institutionen zugeschrieben wurden. Waren es in archaischer Zeit die Heiligtümer und noch im Mittelalter die Klöster, um die herum sich städtisches Leben zu entwickeln begann, so sind es heute die Shopping Center, Einkaufs-Passagen und Malls mit ihrer Gigantomanie des konzentrierten Einzelhandels, die v.a. in Nordamerika so genannte Suburbs erklären. Allein in den USA gab es zu Beginn des Jahres 2000 44.367 Shopping Center, besucht von durchschnittlich 188 Mio. Menschen pro Monat (Hahn 2002: 10). Diese Center waren indes nirgends und niemals als reine Verkaufsmaschinen angelegt worden, sondern übernahmen als öffentliche Räume immer auch soziale Funktionen. Mittlerweile stellen sie ein nicht mehr wegzudenkendes Element der postmodernen1 Konsumkultur dar, einen Gegenpool quasi zur Unsicherheit des täglichen Lebens, einen Ort zur Selbstverwirklichung und eine freizeitliche Gegenwelt zum „tristen“ Alltag. Diese Einkaufszentren2 sind in dem Maße zu Heiligtümern geworden, in dem das Einkaufen, das Shopping, zum Erlebnis wurde. Sie sind die „Kathedralen des Konsums“, die „Konsumtempel“, die „pleasure domes“, und ihre religiös gefärbte Titulatur ist nicht übertrieben, denn sie stellen Orte „eines Glaubensbekenntnisses [...], in dem die Innerlichkeit säkularisiert und in den Bann des glitzernden Tauschwerts gerissen wurde“, dar (Strohmeyer 1980: 79). Einkaufszentren sind sakrale Orte. Dies lässt sich nicht nur daran erkennen, dass in vielen (amerikanischen) Kirchenräume integriert sind, die ein „reibungsloses Nebeneinander von Gebet, Freizeit und Konsum“ ermöglichen (Haubl 1998: 202), oder daran, dass – v.a. an den früheren Warenhäusern – eindeutige Parallelen zum Kathedralbau abgelesen werden können (Strohmeyer 1980: 101ff), sondern v.a. an dem Warenfetischismus der Einkaufszentren, der dem Besuch „kultische Züge“ verleiht (Haubl 1998: 202). Auch deren ritueller Charakter und grundlegende Aspekte (wie die prinzipiell kulturübergreifende Bedeutung des Zentrums als Ort „sakraler“ Handlungen) deuten darauf hin (Zepp 1986).

Diese Abhandlung nun will sich diesem angedeuteten Aspekt widmen und darstellen, was das moderne Phänomen Einkaufszentrum zu einem sakralen Ort macht. Dabei sind verschiedene Blickwinkel zu berücksichtigen, deren erster eine allgemeine Definition des sakralen Ortes darstellt, der nur in Abgrenzung zum Pro-fanum zu einem solchen werden kann und über moderne Mythen und Rituale Rechtfertigung erfährt. Weiterhin soll eine kurze Betrachtung der Warenhäuser des 19. und 20. Jahrhunderts vorgenommen werden, an denen sich v.a. Muster einer architektonischen „Sakralisierung des Konsums“ ausmachen lassen. An diese Ausführungen schließt sich eine Charakterisierung des modernen „Konsumtempels“ an, bevor, des besseren Verständnisses wegen, auch eine Einschätzung des postmodernen Konsums folgt und die Klärung der Frage, inwiefern dieser religiöse Züge gewonnen hat bzw. schon immer besaß. Abschließend wird ein (freilich sehr extremes) Beispiel des „perfekten sakralen Ortes“ angefügt: Heritage Village.

1 Definitionen

1.1 Definition vom sakralen Ort: Zur Unterscheidung von sakral und profan

Aufbauend auf Durkheims Religionstheorie soll in diesem Kapitel der Begriff sakral definiert und in scharfer Abgrenzung dem Profanen gegenübergestellt werden, wobei das letzte Augenmerk auf einer verbindlichen Darstellung dessen liegt, was in folgender Abhandlung unter einem „sakralen Ort“ zu verstehen ist.

„Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören“ (1981: 75). Lt. Durkheim gehen alle religiösen Überzeugungen von der strikten, sich gegenseitig radikal ausschließenden Zweiteilung der Welt in eine heilige (sacré) und eine profane Sphäre aus (1981: 62). Der Begriff sakral (german. heilig, altnord. heilagr) leitet sich aus dem lateinischen Wort sacer bzw. sancire her. Letzteres bedeutet in seiner Übersetzung „abtrennen“, womit das Lateinische die scharfe Abtrennung des der Gottheit gehörigen heiligen Tempelbezirkes (fanum) dem Davorliegenden (pro-fanum), dem allen Menschlichen Zugänglichen, dem Weltlichen also, bezeichnet (Lanczkowski 1990: 7). Um den Unterschied zwischen beiden Bereichen zu erklären, reicht eine allgemein hierarchische Differenzierung nicht aus, die sakrale Dinge lediglich als würdiger und mächtiger der profanen Ebene gegenüber denkt. Vielmehr sieht Durkheim ihre Unterscheidung in ihrer absoluten Andersartigkeit begründet (1981: 63ff); beide Bereiche werden als tief verschieden, einander entgegengesetzt und sogar feindlich gedacht. Das wird schon aus seiner Charakterisierung dieser Bereiche deutlich: So sind heilige Dinge jene, die von Verboten geschützt und isoliert werden, und profane jene, auf welche sich diese Verbote beziehen und die von den heiligen Dingen Abstand halten müssen (1981: 67). Damit der profane in den sakralen Bereich eindringen kann, wird eine Metamorphose verlangt (über Initiationsriten wie Weihe, Taufe u.a.), welche aus der profanen Welt in die heilige führt. Gemäß Durkheim kann dem einen Bereich nur angehören, wer den anderen zuvor verlassen hat, denn das heilige Ding darf und kann vom profanen nicht ungestraft berührt werden. Beide Gattungen können sich einander nicht nähern und zur gleichen Zeit ihre eigene Natur bewahren, was bedeutet, dass das Profane nur dann zum Heiligen in Verbindung treten darf, wenn es seinen spezifischen Charakter verliert und dergestalt selbst in bestimmten Maße heilig wird (1981: 65f). „[J]edes Ding kann ein heiliges sein“, (Durkheim 1981: 62) wobei alles Heilige dem Ziel dient, Gruppen von Individuen sozial zu organisieren.

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