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Erziehung und Ausbildung in Wolframs Parzival im Lichte gegenwärtiger Erziehungsideen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 30 Pages
Author: B.A. Yvonne Hoock
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 30
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 45  Entries
Language: German
Archive No.: V51197
ISBN (E-book): 978-3-638-47228-9

File size: 277 KB


Excerpt (computer-generated)

Erziehung und Ausbildung in Wolframs Parzival
im Lichte gegenwärtiger Erziehungsideen

von: Yvonne Hoock

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Erziehung und Ausbildung 2

2.1 Selbstständiges Denken und Freiheit der Entwicklung 4

3. Erziehung und Ausbildung im Parzival 8

3.1 Herzeloyde: Anti-Erziehung 8

3.1.1 Das Resultat: die erste Begegnung mit Jeschute 11

3.2 Gurnemanz: höfische Erziehung 12

3.2.1 Das Resultat: die versäumte Frage 17
3.2.2 Vergleich zur konventionellen Ausbildung am Hofe 18

3.3 Trevrizent: religiöse Erziehung 20

3.3.1 Das Resultat: die Gralsberufung 23

4. Zusammenfassung 25

5. Literaturangaben 26




 

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich eine Verbindung zwischen den Erziehungsmethoden und Erziehungsinhalten im Mittelalter im Allgemeinen und der Erziehung in Wolframs Parzival im Speziellen und modernen gegenwärtigen Erziehungsideen herstellen. Dazu werde ich zuerst den Untersuchungsgegenstand, nämlich die Erziehung – in ihrer Abgrenzung und Vereinbarkeit mit der Bildung und Ausbildung - näher erläutern, d. h. ihre Voraussetzungen, Ziele und Methoden beleuchten.

Danach möchte ich auf moderne pädagogische Konzepte der Unterrichtsführung und Erziehung eingehen. Im Hinblick auf die Problematik der Erziehung im Parzival habe ich mich für einige Aspekte der Ausführungen von Martin Buber, Johann Friedrich Herbart, Maria Montessori und Alexander Sutherland Neill entschieden. Diese werde ich diskursiv erläutern. Da im Parzival kein klares Erziehungs- oder Ausbildungskonzept zu erkennen ist - Parzival wird an verschiedenen Stellen von den unterschiedlichsten Menschen und auch durch das Leben an sich geprägt - werde ich diese äußeren Einwirkungen auf Parzival und seine Identitätsfindung besonders differenziert und detailgenau analysieren und mit den eben erwähnten Pädagogiken vergleichen. Dabei möchte ich zeigen, dass es für Parzival, der vorrangig nicht sich selbst sucht, sondern den Gral, besonders auf Gemeinschaftsfähigkeit und Sittlichkeit als Ziel der Erziehung ankommt, die natürlich nur durch eine gefestigte Identität erreicht werden kann. Parzivals Erziehung und Ausbildung werde ich anhand drei verschiedener Entwicklungsstufen mit je verschiedenen Lehrern darlegen: seine Kindheit in Soltane mit der Erziehung durch seine Mutter Herzeloyde, die Ritterlehre bei Gurnemanz und die religiösen Unterweisungen bei Trevrizent. Diese entsprechen den drei Phasen in der Identitätsgenese von Parzival: tumpheit, Artusritterschaft, Gralsritterschaft. Ausgehend von der Erziehung Parzivals durch Herzeloyde soll die fehlende soziale und intellektuelle Bildung des jungen Helden erläutert werden. Diese mangelnde Erziehung und die daraus resultierende tumpheit soll im Folgenden durch eine ritterliche und religiöse Erziehung bei Gurnemanz und Trevrizent in der sozialen Dimension ausgeglichen werden. Ich wende mich in diesem Kapitel besonders eingehend der Ritterlehre des Gurnemanz zu, um zu zeigen, dass diese zur konventionellen höfischen Erziehung des Ritters am Hofe im Mittelalter weitgehend kompatibel ist. Den Vergleich zur modernen Pädagogik werde ich dabei zu allen drei Entwicklungsstufen anführen. Bei der Deutung der Erziehungsinhalte im Parzival werde ich mich sowohl auf die klassischen Interpretationsansätze (z. B. Bumke, Ranke, Kolb) als auch auf neuere Studien (z. B. Russ, Cessari, Strässle und Sosna) berufen, um der Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten und somit auch der Vielschichtigkeit des Textes gerecht zu werden.

2. Erziehung und Ausbildung

In der vorliegenden Hausarbeit geht es um die Erziehung von Parzival: die Erziehungsinhalte und die Erziehungsmethoden. Es gibt in der Pädagogik und Erziehungswissenschaft unzählige Erziehungsbegriffe, auf die ich hier im Einzelnen nicht eingehen kann. Ich möchte nur kurz erläutern, was Erziehung generell sein kann, was ihre Ziele, ihre Methoden und ihre Voraussetzungen sind - immer schon im Hinblick auf die Erziehung Parzivals.

Herbart formuliert in seinen Diktaten zur Pädagogik die Notwendigkeit von Erziehung: „Die Erziehung muß geschehen […] Niemand kann sich selbst unmittelbar erziehen. Denn er kann weder […] absolut neuen Stoff, noch […] absolut höhere Grade seiner Gedanken und Empfindungen in sich hervorbringen. So ist jeder in den Schranken seiner Individualität“1. Der Mensch muss also von außen eine Vervollkommnung seiner selbst erfahren, um seinen Charakter zu bilden und sich in die Gesellschaft einfügen zu können.

Die Voraussetzung der Erziehung formuliert Bernfeld am treffendsten. Es ist für ihn die biologische Tatsache – das heranwachsende Kind – und die soziale Tatsache – dass dieses Heranwachsen in der Gesellschaft2 abläuft. Somit lässt sich sagen, dass Erziehung nur in Gesellschaft möglich ist, nicht in der Isolation. Dem stimmt im Übrigen auch Montessori zu. Sie erachtet es für das Kind als essentiell, außerhalb der vertrauten Umgebung die Umwelt so viel wie möglich – und so schnell wie möglich – mit den Eltern zu erkunden, um zu einem Gesamtüberblick zu gelangen3. Margit Heissenberger4 weist der Erziehung drei Hauptaufgaben zu: die Hilfe zur Identitätsfindung, Selbstbestimmung und Gemeinschaftsfähigkeit. Um dies zu erreichen, muss dem Zögling ein Grundstock an Werten und Normen vermittelt werden, die im bei der Orientierung in der Welt behilflich sind. Hier entsteht allerdings schon die erste Schwierigkeit, denn Werte und Normen ändern sich von Zeit zu Zeit und somit muss sich die Erziehung auch diesen Veränderungen anpassen. „Eine Norm und feste Maxime der Erziehung gibt es nicht und hat es nie gegeben. Was man so nennt, war stets nur die Norm einer Kultur, einer Gesellschaft, einer Kirche, eines Zeitalters“5. Dessen sollte man sich bewusst sein, vor allen Dingen bei der Interpretation mittelalterlicher Texte.

Weitergehend lässt sich der Erziehungsbegriff noch etwas differenzierter betrachten, nämlich in seiner Abgrenzung zur Bildung oder Ausbildung. Erziehung bezeichnet in dieser Hinsicht das zwischenmenschliche Können, Bildung das sachliche Wissen und Können, d. h. Erziehung ist mehr auf Sittlichkeit und Sozialisation (bei Parzival das Erlernen von Demut6 und gesellschaftlichem Verhalten), Bildung und Ausbildung sind mehr auf Sachlichkeit (bei Parzival z. B. das Erlernen von Reiten, Vers 173, 27-174, 5) ausgelegt. „Wir stehen in einer Tradition, welche „Erziehung“ primär als Lebenshilfe für die Selbstentfaltung der freien Persönlichkeit und für ihre rechte Einfügung in die Gemeinschaft […] begreift“7. Im Parzival steht der letztere Aspekt, das Gemeinschaftliche, im Vordergrund: die komplette Lehre von Trevrizent steht unter diesem Vorsatz. Es geht also bei Erziehung im Speziellen darum, verschiedene charakterliche Kompetenzen, z. B. im sozialen oder emotionalen Bereich zu erwerben, wohingegen die Ausbildung auf die intellektuellen oder auch körperlichen Fähigkeiten abzielt. Um diese Erziehungsziele umzusetzen, gibt es zum einen diverse Methoden der Aneignung auf der Schülerseite und verschiedene pädagogische Konzepte zur Vermittlung auf der Lehrerseite. Auf Letztere möchte ich im Folgenden etwas näher eingehen. In der Pädagogik der heutigen Zeit scheint man sich größtenteils einig zu sein, dass eine aktive Einbeziehung des Kindes für den Erfolg der Erziehung unumgänglich ist. Montessori hat das schon 1952 in ihrem Werk Das kreative Kind auf den Punkt gebracht: „Das verbreitetste Vorurteil in der normalen Erziehung besagt, daß alles durch Belehrung erreicht werden kann, das heißt, indem man sich an das Gehör des Kindes wendet oder indem man sich selbst zur Nachahmung als Beispiel hinstellt (eine Art visueller Erziehung): Die Personalität kann jedoch nur durch selbsttätige Übungen entwickelt werden“8. Dabei sollte man das Interesse des Kindes so stark wecken, dass es sich aktiv einer Sache hingibt. Die Kommunikation (Mimik, Gestik und Haltung mit einbezogen) ist dabei das Bindeglied zwischen Lehrer und Schüler, durch sie „erwirbt das Individuum seine soziale Identität“9, seine Selbsttätigkeit. Monologische Handlungsmuster, d. h. Vormachen oder Vortragen, sollten also ein Ausnahme bleiben, da sie durch eine hohe Aktivität des Lehrers, aber nur eine rezeptive Haltung des Schülers gekennzeichnet sind.

[...]


1 Müßener, Gerhard (Hg.): Johann Friedrich Herbart (1776 – 1841). In: Lost, Christine/ Ritzi, Christian (Hrsg.): Basiswissen Pädagogik. Historische Pädagogik. Band 4. Stuttgart 2002. S. 164.

2 Vgl. die Erziehung in Soltane.

3 Oswald, P./ Schulz-Benesch, G. (Hrsg.): Montessori für Eltern. Eine Auswahl aus dem Werk Maria Montessoris. In: Ravensburger Elternbücher. Band 53/54. Ravensburg 1974. S. 154.

4 Heissenberger, Margit: Erziehung und Identität. Zur Identitätsfindung im pädagogischen Handlungsfeld. In: Schöler, Walter (Hg.): Aspekte pädagogischer Innovation. Band 17. Frankfurt am Main 1987. S. 7-10.

5 Kemper, Herwart: Erziehung als Dialog. Anfragen an Janusz Korczak und Platon-Sokrates. Weinheim/ München 1990. S. 151.

6 Herbart bezeichnet nur den Demütigen als wirklich sittlich. Vgl. dazu: Müßener (2002). S. 107.

7 Fink, Eugen: Metaphysik der Erziehung im Weltverständnis von Plato und Aristoteles. Frankfurt am Main 1970. S. 138.

8 Oswald/ Schulz-Benesch (1974). S. 190, 197.

9 Pätzold, Günter: Lehrmethoden in der beruflichen Bildung. In: Zielinski, Johannes/ Friede, Christian K. (Hrsg.): Schriftenreihe Moderne Berufsbildung. Band 15. Heidelberg 1993. S. 53.


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