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Thesis (M.A.), 2004, 104 Pages
Author: Magister Artium Thorsten Beck
Subject: Jewish Studies
Details
Tags: Hofjude, Joseph, Oppenheimer, Rezeption, Gestalt, Weimarer, Republik, Arbeiten, Selma, Sterns, Curt, Elwenspoeks, Lion, Feuchtwangers, Paul, Kornfelds
Year: 2004
Pages: 104
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 82 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-47979-0
File size: 549 KB
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Excerpt (computer-generated)
Freie Universität Berlin
Institut für Judaistik
Der Hofjude Joseph Süß Oppenheimer:
Die politisierte Rezeption einer historischen Gestalt in der Weimarer Republik –
Die Arbeiten Selma Sterns, Curt Elwenspoeks, Lion Feuchtwangers, Paul Kornfelds.
Freie wissenschaftliche Arbeit
zur Erlangung des Grades eines
Magister Artium am Fachbereich
Geschichts- und Kulturwissenschaften
eingereicht von: Thorsten Beck
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 4
1. Zwischen Mythos und Versachlichung ... 11
1.1 Herkunft und Identität ... 12
1.1.1 Oppenheimers esoterisches Judentum (Stern) ... 12
1.1.2 Der ritterliche Jude (Elwenspoek) ... 17
1.1.3 Der Jude als Emporkömmling (Kornfeld) ... 20
1.2 Der „dämonische Charakter“ ... 23
1.2.1 Die Rache des Sündenbocks (Feuchtwanger) ... 24
1.2.2 Von der Schuld des Handelnden (Stern) ... 25
2. Erotik und Exotik ... 27
2.1 Maskerade und Attraktion: Die Suche nach dem wahren Gesicht ... 28
2.1.1 Die „verkapselte“ Lichtgestalt (Feuchtwanger) ... 29
2.1.2 Deutungsversuche der Historiographie ... 33
2.1.2.1 Die „psychologische Phantasie“ (Elwenspoek) ... 33
2.1.2.2 Entzauberung der Legende (Stern) ... 34
2.2 Die „Schönheit des Bösen“ ... 37
2.2.1 Begierde und Ambivalenz (Feuchtwanger) ... 39
2.2.2 Eine homoerotische Freundschaft (Kornfeld) ... 44
2.2.3 Oppenheimer als Kind des Barock (Stern) ... 46
2.2.4 „Der galante Abenteurer“ (Elwenspoek) ... 48
2.3 Orient und Okzident (der Weg des Juden zwischen Ost und West) ... 50
2.3.1 Von der Macht zum Verzicht (Feuchtwanger) ... 50
2.3.2 Der Dualismus der Seele (Stern) ... 55
3. Zwischenbemerkung ... 57
4. Die Darstellung von Fremdheit ... 59
4.1 Entfremdung und Annäherung: Oppenheimer und die Juden ... 63
4.1.1. Entfremdung als äußerer Schein (Stern) ... 63
4.1.2. Die Grablegung des „Messias“ (Feuchtwanger) ... 65
4.1.3. Juden als Bittsteller (Kornfeld) ... 68
4.2 Die Funktion des „Fremden“ in der christlichen Gesellschaft ... 69
4.2.1 Der höfische Agent (Feuchtwanger) ... 69
4.2.2 Judenhass als Herrschaftsmittel (Kornfeld) ... 72
4.2.3 Oppenheimers unpopuläre Politik (Stern) ... 74 ′
4.3 Fremdheit und Bewegung ... 76
5. Der Kampf um ein Symbol ... 80
5.1 Theoretische Überlegungen zum Symbolbegriff ... 81
5.2 Der Hofjude im Kontext jüdischer Symbolik ... 83
5.3 Ein politischer Mensch als Politikum: Walther Rathenau als Vorbild der Oppenheimer-Literatur ... 88
5.4 Ein Exorzismus des Antisemitismus? ... 94
6. Schlusswort ... 96
Literatur ... 100
Einleitung
Ein Schabkunstblatt aus dem Jahr 1738, das die Gestalt des im selben Jahr in Stuttgart hingerichteten Finanzexperten Joseph Süß Oppenheimer gleich doppelt abbildet, fasst dessen Bedeutung für seine Zeit aus christlicher Perspektive zusammen. Gezeigt wird auf der einen Seite der ehemalige Hofjude in Dreispitz, Galanteriedegen und Schoßrock. In Schnallenschuhen und mit Spazierstock repräsentiert er das modische Bild des Hochadels, seine Haltung strahlt Selbstbewusstsein und amtliche Würde aus. Eine Bildüberschrift verziert das Blatt mit einer Aufzählung seiner Titel des Jahres 1736, zeichnet ihn aus als gewesenen „Württembergischen Geheimen Rath, Cabinets-Minister und Financien-Directorie“.1 Diesem „Glücksstand“ steht auf der anderen Seite der „Unglücksstand“ entgegen, dem fürstlichen Titel des ersten Bildes entspricht hier eine Kurzfassung des Todesurteils. Die Haltung Joseph Oppenheimers drückt Ratlosigkeit aus, seine Kleidung verrät nichts mehr von der vergangenen Würde, ein dunkler Bart wächst an seinem Kinn und die Hände sind ihm als Zeichen der Hilflosigkeit vor der Brust gefesselt. Wo er sich auf der einen Seite noch auf ebenem Palastboden präsentiert, steht er auf der anderen in der Natur, ein verwachsener Baumstumpf drängt sich rechts aus dem Bild, als flöhe dieser vor dem Anblick des durch das Urteil Gezeichneten. Die Bildunterschrift erzählt schließlich die Moral der Geschichte und richtet sich direkt an die Juden Württembergs:
„Ihr Juden die Ihr Euch müßt meinetwegen schämen. Ihr könet jetzt an mir ein guts Exempel nehmen. Betriegt ihr Land und leut, und mischt euch in den Staat, so wider fähret euch auch eine solche That.“2
Die ausführliche Beschreibung seines ehemals wohlhabenden, nun aber jeden Reichtums beraubten Lebens kann die Schadenfreude nicht verheimlichen, die sozialen Neid und lange unterdrückte Rachegefühle offenbart. Die Hinrichtung des Stuttgarter Hofjuden ist gemessen an den Möglichkeiten der Zeit ein mediales Ereignis, jedenfalls zieht sie eine große Menge Schaulustiger an, die den „Juden Süß“ sterben sehen will. Die gefeierte Exekution kennzeichnet aber nicht das Ende der Beschäftigung mit einer Person, die das öffentliche Bewusstsein der Zeit wie kaum eine andere beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit dem spektakulären Fall, der die Phantasie der Zeitgenossen und Nachgeborenen in Atem hält, bricht nicht ab und reicht in der Tat bis zum heutigen Tag.3 Dabei ist es nicht nur der umstrittene Rechtsfall, der die Gemüter beschäftigt, sondern die Gestalt des Verurteilten selber, dessen unbekannte Jugend und steiler Aufstieg, sowie sein sagenumwobenes Leben in Luxus und Genusssucht, was die Gemüter zu immer neuen Spekulationen und Interpretationen reizt. Der überwiegende Teil aller literarischen und auch wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema konnte und kann sich der mythenumwobenen Kraft dieser Figur nicht entziehen.
Joseph Süß Oppenheimer4 (vermutlich 1692 oder 1698-1738) ist in eine Zeit geboren, als das jüdische Leben in Deutschland erst beginnt sich äußerlich sichtbar dem Leben der christlichen Gesellschaft anzunähern. Zwar gab es schon vor seiner Zeit Handel treibende Juden, die es durch besonderes Talent und Fleiß bis zu den Höfen brachten, aber die Konsequenz, mit der er seine jüdische Sozialisation in den Hintergrund spielt und die Sitten und Gebräuche des christlichen Adels annimmt, sucht seinesgleichen.5 Joseph Oppenheimer hat in wenigen Jahren erreicht, wovon in jener Zeit enormer sozialer Ungleichheit weite Teile des Volkes nur träumen konnten, er durchläuft eine glänzende Karriere, bis er schließlich Finanzberater6 des Prinzen Karl Alexander von Württemberg wird. Aber es ist sicher nicht nur die außergewöhnliche Karriere, die den Zeitgenossen das Staunen lehrt, sondern die Leichtigkeit, mit der Oppenheimer scheinbar auch die Grenzen zwischen Judentum und Christentum überspringt, ohne dabei zu konvertieren. Eine derartige „Ausnahmeerscheinung“ muss seiner Umgebung unerklärlich scheinen. Das heißt jedoch nicht, dass die Zeitgenossen ihm indifferent entgegentreten, dazu ist der Finanzienrat im politisch-wirtschaftlichen Betrieb zu sehr exponiert - erlässt er doch ununterbrochen Anordnungen, die nicht nur den einfachen Mann, sondern das gesamte Spektrum des Volkes - selbst die hohen Beamten – (teils) unbarmherzig treffen. Als der Herzog, dessen Macht die gesellschaftliche Stellung seines Hofjuden garantierte, unter mysteriösen Umständen stirbt, wird Oppenheimer der Prozess gemacht.
Nach der Hinrichtung des Hofjuden hat es immer wieder Versuche gegeben, sich seiner Gestalt zu nähern, ihn entweder als „Verderber“ des Landes Württemberg, oder als „Sündenbock für die Christenschelmen“ darzustellen. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Thema nach dem Ersten Weltkrieg entgegengebracht, als sich die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland mehr und mehr gegen den jüdischen Teil der deutschen Bevölkerung wendet.7 In nicht allzu großer zeitlicher Entfernung voneinander entstehen sowohl dramatische Entwürfe (Lion Feuchtwanger, 1916; Paul Kornfeld, 1930), populärwissenschaftliche und wissenschaftliche Abhandlungen (Curt Elwenspoek, 1926; Selma Stern, 1929) und ein erfolgreicher Roman (Lion Feuchtwanger, 1922 vollendet, veröffentlicht 1925).8 Diese Häufung von Bearbeitungen ist es, der hier Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, d.h. es wird zu erörtern sein, weshalb der Stoff für die Rezipienten in der Weimarer Republik derart attraktiv wird. Welche Aspekte sind es, die vor allem betont werden, um welche Topoi wird gestritten und was lässt sich daraus über die Funktion der historisch-literarischen Figur sagen? Es liegt dabei natürlich auf der Hand, dass das Schicksal Oppenheimers vor dem Hintergrund der schwieriger werdenden gesellschaftlichen Lage der Juden in Deutschland aufgefasst werden konnte. Eine derartige Untersuchung muss sich also der bedrängenden politischen Umstände dieser Epoche für die jüdischen Bürger bewusst sein.9
Bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts war ein rassisch argumentierender Antisemitismus begründet worden, der nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg von deutschen Antisemiten gebraucht wurde, um die Juden als Sündenböcke, als eigentlich Verantwortliche der politischen und sozialen Probleme der Zeit zu entlarven.10 Die zunehmende Popularität dieser Weltanschauung und der mit ihr verbundenen Stereotype zwang die Juden Deutschlands dazu, sich mit ihr auseinander zu setzen. Indem der Traum von Emanzipation und Akkulturation unter Druck geriet, mussten die jüdischen Bürger Stellung beziehen, mussten sie den erhobenen Anwürfen begegnen. Im Rahmen dieser Arbeit bedeutet das auch, dass die Diskurse, die das Selbstverständnis der Juden in Weimar herausforderten (durch die das „jüdische Wesen“ angegriffen wurde), benannt und problematisiert werden. In diesen Kontext gehört unter anderem die umstrittene Abstammung Oppenheimers, aber auch sein Äußeres, also der sogenannte „Körperdiskurs“ (Punkte 1 und 2). Ähnliche Stereotype wie gegenüber dem Körperlichen sind auch über das „Wesen“ des Juden en vogue, die damit verbundene Kontroverse hat für die hier besprochenen Werke nachhaltige Bedeutung. Zunächst aber wird zu erörtern sein, wie Oppenheimers Beziehung zum Judentum seiner Zeit gestaltet ist, in welchem Maße er selbst als „jüdisch“ oder „unjüdisch“ geschildert wird.11 Aus den Übereinstimmungen und Differenzen der Darstellungen ergibt sich das Bild einer politisierten Rezeption, die in Oppenheimer weit mehr findet als einen Romanhelden, mehr als ein Stück deutsch - jüdischer Geschichte. Es geht demnach in dieser Analyse nicht primär um „die Wahrheit“ über die „historische Person“ Oppenheimer, sondern vielmehr sollen Einsichten aus den Spannungen und Widersprüchen der (inzwischen selbst bereits historischen) Bearbeitungen resultieren.
Der zweite Teil der Arbeit ist der Frage gewidmet, wie am Fall Oppenheimer das fortdauernde, bzw. neu entfachte Gefühl von Fremdheit der deutschen Juden12 sichtbar wird und wie das Verhältnis Oppenheimers zum christlichen, bzw. jüdischen Teil der Bevölkerung dargestellt ist. Die Art und Weise, in der sein Verhältnis zur Umwelt beschrieben wird, zeigt, wie sehr die Vorurteile und Stereotypen, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden, noch (oder schon wieder) die Lebenswirklichkeit der Rezipienten bestimmen. Anschließend wird ausgelotet, in welchem Sinne die historische Gestalt Symbolcharakter trägt, und wie sich dies in der Rezeption niederschlägt.13
Gegenstand der Analyse werden die oben erwähnten literarischen und wissenschaftlichen Bearbeitungen sein. Dabei sollen die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Genres - hier der prosaischen, der dramatischen und der wissenschaftlichen Literatur - nicht verleugnet, oder verwischt werden. Zunächst aber handelt es sich bei allen hier zitierten Werken um Auseinandersetzungen mit der historischen Person, und als solche sind sie Zeugnis einer Aneignung, einer Stellungnahme. Es ist offensichtlich, dass der Dichter sich eines historischen Stoffes freier bedient, als der den Fakten verpflichtete Wissenschaftler, doch auch die/der Historiker/ in muss Stellung beziehen zu dem behandelten Gegenstand, muss ihn gestalten, muss – selbst wenn dies oft unmerklich zwischen den Zeilen geschieht – Geschichte beurteilen. Gerade bei einer lückenhaft überlieferten Gestalt wie der Oppenheimers, braucht es, um ein zusammenhängendes Bild zu zeichnen, der Interpretation, manchmal gar der Improvisation.14
Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit richtet sich daher darauf, a) zu zeigen, wie sich die Oppenheimer- Literatur vor dem Hintergrund eines zunehmend rassistisch geprägten Judenbildes bewegt, b) zu erörtern, auf welche Weise die Figur politische Bedeutung trägt, und c) zu diskutieren, wie unterschiedlich die Auseinandersetzung der hier besprochenen Autoren mit dem „jüdischen Problem“ sich ausprägt. Die Beurteilung des Falles, so die Annahme, trägt gleichzeitig eine Diagnose der Lebensumstände, als auch einen Kommentar zur Lebensperspektive der Juden der Weimarer Republik in sich. Dabei wird durch die Figur Joseph Oppenheimers nicht nur auf den Antisemitismus der Zeit Bezug genommen, sondern es wird ebenfalls das problematische jüdisch-jüdische Verhältnis (d.h., das Verhältnis zwischen weitgehend säkularisierten und traditionell-orthodoxen Juden, den sog. „Ostjuden“) thematisiert. Wie unterschiedlich eine solche Auseinandersetzung schließlich ausfallen kann, das wird in dieser Arbeit zu zeigen sein. Als eine erste Annäherung an die genannten Quellen sollen hier zunächst deren Autoren kurz vorgestellt werden.
Curt Elwenspoek (1884-1959), aus protestantischer Familie, war promovierter Jurist (seit 1908), wandte sich aber bald dem Theater zu. Zunächst versuchte er sich schauspielerisch, später auch als Regisseur und Dramaturg (Amsterdam, Köln, Wiesbaden u. Mainz). Während seiner Tätigkeit als Intendant in Kiel (seit 1922) unterstützte er die provokativen und skandalumwitterten, frühen Inszenierungen des bis dahin unbekannten Carl Zuckmayer, die schließlich zur Entlassung der beiden führen. Elwenspoek wird danach (1924) Spielleiter und Dramaturg in Stuttgart, er arbeitet für den Rundfunk (Zwischen 1930-38 in Stuttgart, später (1940/41) beim Sender Oslo) und ist als freier Schriftsteller tätig.15 Zu seinen bevorzugten Sujets zählen dabei Biographien volkstümlicher Figuren (Schinderhannes, Rinaldo Rinaldini, Der höllische Krischan – ein Lebensbild des Dichters Christian Dietrich Grabbe u.a.), Romane (Die roten Lotosblüten, 1941; Panama, 1942; Dynamit 1949 u.v.a.), Märchenerzählungen und Breviers zu diversen Themen. Auch nach dem Krieg ist er wieder als Rundfunksprecher tätig.
Carl Zuckmayer hat dem ehemaligen Intendanten des Kieler Schauspielhauses in seinen Lebenserinnerungen ein eindringliches Denkmal gesetzt, indem er neben seiner menschlichen Wärme und Lebenslust auch den Mut zum künstlerischen Experiment hervorhob. „Er war das, was für den Betroffenen selbst das Leben erschwert, es aber für seine Umgebung, besonders für die ihm beruflich Unterstellten, entschieden erleichtert: ein Idealist.“16 Die Bearbeitung der Biographie Joseph Oppenheimers fällt in die Zeit, in der Elwenspoek als Chefdramaturg in Stuttgart tätig ist, in jener Stadt also, in der Oppenheimer den Höhepunkt seiner steilen Karriere erreichte, dort, wo er schließlich hingerichtet wurde.
Lion Feuchtwanger (1884-1958) stammt aus einem orthodox-jüdischen Elternhaus, geht aber mit Beginn seines Studiums (Germanistik, Philosophie, Geschichte) in Distanz zur traditionellen Lebensweise, ohne sich dabei grundsätzlich vom jüdischen Glauben zu lösen. „Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit jüdischen Stoffen und Problemen, während er fürchtete, der Zionismus könne zu einem ‚jüdischen Chauvinismus’ führen.“17 Die wahre Bedeutung des Judentums erblickt er in seiner geistig-literarischen Substanz, im nomadenhaften Dasein der Juden.
Feuchtwanger immigriert 1933 nach Frankreich (Sanary-sur Mer) und beginnt Romane über die Wirklichkeit in Nazi-Deutschland zu verfassen.18 Daneben bearbeitet er auch historische jüdische Themen, schreibt einen Zyklus über Flavius Josephus (1930-40) und emigriert nach Kriegsbeginn erneut, dieses Mal lässt er sich in den Vereinigten Staaten nieder. Auch in seinen späten Werken widmet er sich jüdischen Themen, er verfasst den Roman Die Jüdin von Toledo (1952-54), in dem er die Motive aus seinem Jud Süß (1916, 1925) aufgreift, diesmal den Hofjuden aber weniger drastisch schildert - das Judentum wird hier als Gegengewicht zu Chauvinismus und Krieg charakterisiert.
Paul Kornfeld (1889-1942) ist der Sohn eines wohlhabenden Prager Spinnereibesitzers, auch er genießt eine jüdische Erziehung, wächst mit der deutschen Sprache auf. „Kornfelds Tagebuchaufzeichnungen aus seiner Prager Zeit zeugen von einer exzessiven Selbstbezogenheit und einem fast zwanghaften Drang, Dichter zu werden.“19 Er entschließt sich 1914 Prag zu verlassen und in Deutschland als Schriftsteller tätig zu sein. Er debütiert 1917 am Schauspielhaus Frankfurt (Die Verführung), wird bedeutender Autor des Expressionismus.20 1925 wird er von Max Reinhard ans Deutsche Theater nach Berlin berufen, 1927/28 ist er am Hessischen Landestheater tätig, aus dem er aber aufgrund eines Skandals entlassen wird. Zurück in Berlin schreibt er Essays und Glossen, schätzt die politische Situation indes falsch ein, nimmt den Aufstieg des Nationalsozialismus offenbar nicht ernst. Das Drama Jud Süß entsteht 1930 und wird im Jahr darauf unter der Regie Jessners im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt. Seit 1932 ist Kornfeld wieder in Prag, wo er an einem Roman (Blanche - oder Das Atelier im Garten) arbeitet. Trotz des deutschen Einmarsches verlässt er das Land nicht und wird 1941 von der SS verhaftet, ein Jahr später verstirbt er im Ghetto Lodz, Polen.21 Sein letzter Roman, der unter abenteuerlichen Umständen gerettet wird, erscheint 1957 im Rowohlt-Verlag.
Selma Stern22 (1890-1981) arbeitet, nachdem sie zwischen 1909-1914 an den Universitäten München und Heidelberg studierte und promovierte, seit 1918 bis zu deren Schließung 1933 in der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Ihr zentrales Interesse gilt dem Verhältnis des preußischen Staates zu den Juden, dem auch ihr mehrbändiges Hauptwerk gewidmet ist (Der preußische Staat und die Juden, Publikationen 1925/1938/1970). Das Werk über Joseph Oppenheimer (Jud Süss. Ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen Geschichte), das hier besprochen werden soll, erscheint 1929. Die Historikerin flieht 1941 vor den Nazis in die USA, wo sie zwischen 1947 und 1957 erste Archivarin der American Jewish Archives am Hebrew Union College in Cincinatti ist. 1954 wird Stern Mitbegründerin des Leo- Baeck-Institus (dessen Namenspatron sie Zeit ihres Lebens auch persönlich nahe stand) in Jerusalem, New York und London. Noch in den Vereinigten Staaten, aber auch seit ihrer Rückkehr nach Europa - in die Schweiz 1960 - forscht Stern unter anderem weiter über das Thema der Hofjuden und vervollständigt ihre achtbändige Gesamtausgabe von Der preußische Staat und die Juden. Zu den weiteren Veröffentlichungen gehören außerdem z.B. The Court Jew; A Contribution to the History of the Period of Absolutism in Central Europe (1950), Josel von Rosheim, Befehlshaber der Judenschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (1959) und der historische Roman The Spirit Returneth (1946), in dem sie die Verfolgung der Juden zur Zeit der Pest thematisiert.23
1. Zwischen Mythos und Versachlichun
Die Darstellung der Figur Oppenheimers ist von widersprüchlichen Deutungen geprägt, je nachdem, wie sich die Interpreten zu den Legenden verhalten, die sich um seine Person ranken. Dabei ist schon allein aufgrund der verschiedenen Textsorten eine unterschiedliche Herangehensweise anzunehmen, wo die Dichtung sich der Phantasie bedient, erwartet der Leser von wissenschaftlichen Darstellungen einen eher sachlichen, klärenden Blick. Zwischen den Polen „Mythos und Versachlichung“ bewegt sich auch die Rezeption des Oppenheimer- Stoffes, wobei es vor allem jene Mythen sind, die a) Aussagen über sein (jüdisches) Selbstverständnis betreffen oder b) für die moralische Be-/Verurteilung seiner Person relevant sind, die widersprüchlich gedeutet werden. Dabei ist die Frage der (vermuteten) Abstammung Oppenheimers von einem christlichen Adeligen, die Einschätzung seiner Verantwortung für den Staatsstreich in Württemberg, die Charakterisierung seines Verhältnisses zum Herzog Karl Alexander, oder seine Haltung zum Judentum von einiger Bedeutung.
1.1 Herkunft und Identität
Für das Bild, das die Rezipienten von Oppenheimer entwerfen, ist dessen Herkunft ein erster Anhaltspunkt. Gerade das Fehlen eindeutiger Belege über die Art der Erziehung, die er genossen hat, ermöglicht Spekulationen über sein Verhältnis zum Judentum. Hinzu kommt die Legende, dass Oppenheimer der Sohn eines nichtjüdischen, adeligen Vaters gewesen sei. Es wird zu untersuchen sein, welche Deutungen die jeweiligen Autoren bevorzugen und wie sich in solchen Variationen deren Standpunkt offenbart. In der folgenden Untersuchung – soviel sei noch erwähnt - werden nicht alle Quellen gleichzeitig zu jeder sich ergebenden Frage ausgewertet, sondern immer eben jene, die für eine bestimmte Frage besonders aussagekräftig erscheinen.
[...]
1 Die Abbildung findet sich bei Barbara Gerber, Jud Süss. Aufstieg und Fall im frühen 18. Jahrhundert, Bildteil, Abb. 6.
2 Ebenda.
3 Es ist allerdings anzumerken, dass die Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg – wohl als Folge des antisemitischen Propagandafilms „Jud Süss“ (Regisseur: Veit Harlan, Hauptdarsteller: Ferdinand Marian) - für Jahrzehnte tabuisiert wurde. Die nennenswerten frühen Nachkriegsveröffentlichungen zum Thema der Hofjuden, die auch Joseph Oppenheimer thematisieren, sind Selma Stern, The Court Jew. A Contribution to the History of the Period of Absolutism in Central Europe, 1950, und Heinrich Schnee, Die Hoffinanz und der moderne Staat. Geschichte und System der Hoffaktoren an deutschen Fürstenhöfen im Zeitalter des Absolutismus, 1953 (Schnee mit deutlicher Tendenz die Interpretation Sterns anzufechten, z.T. in antisemitischer Tradition). Erst seit den 80er Jahren gibt es eine vorsichtige, meist wissenschaftlich-literarische Neubegegnung mit dem Thema. Mit ausschlaggebend für erneute Dramatisierungen des Stoffes war offenbar die Wiederentdeckung (1987) des als verschollen geltenden (ungekürzten) Manuskripts des gleichnamigen Dramas von Paul Kornfeld. Vgl. Theater Heute, 2/88, S. 23.
4 Eigentlich „Joseph ben Issachar Süßkind Oppenheimer“ (Vgl. Encyclopaedia Judaica <CD-ROM Edition>); die Namensgebung variiert indes. Das verkürzte, oft pejorativ verstandene „Jud Süß“ oder „Süss“ soll in dieser Arbeit, wo nötig, allenfalls in Anführungszeichen Verwendung finden, sonst wähle ich die heute gebräuchliche Anrede mir Vor- und Familiennamen, d.h. Joseph Oppenheimer. Auch Gerber bemerkt die Wirkung dieser Verkürzung: „Kein Zufall war es, dass die unpersönliche zeitgenössische Anrede „Jud“ am Namen der Person haften blieb, als sie längst unzeitgemäß geworden war: Wie „Schinderhannes“ zum Räuber schlechthin, wurde „Jud Süß“ der Nachwelt zum Juden schlechthin.“ Gerber, a.a.O., S. 299. Haasis hat indes dargestellt, dass Oppenheimer selbst die Anrede „Süss“ oder „Siess“ bevorzugte, lange Zeit auch so unterzeichnete. Vgl. Hellmut G. Haasis, Joseph Süß Oppenheimer, S. 35.
5 Er ist damit ein prominenter Vertreter jener Schicht, die seither als Hofjuden (syn. Hoffaktoren) benannt werden. Über die historische Bewertung dieses gesellschaftlichen Phänomens ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Frage, ob die Hofjuden als Wegbereiter des modernen Staates, als Initiatoren des aufsteigenden Frühkapitalismus zu betrachten seien, bzw. ob sie andersherum als ein Produkt der spezifischen Lebensumstände nach dem 30jährigen Krieg zu betrachten sind, ist Gegenstand anhaltender Debatten. Werner Sombart (1911) vertrat in seinem Werk Die Juden und das Wirtschaftsleben erstere These. Ähnh später dann Schnee, a.a.O. Diese Zuschreibung konnte in einer Zeit, da die Moderne verbreitet durch soziale Härte und Verunsicherung traditioneller Lebensentwürfe wahrgenommen wurde, auch als Schuldzuweisung aufgefasst werden. Gegen derartig vereinfachende Positionen setzt sich die jüngste Forschung ab, die versucht, das Wesen des Hofjudentums aus seinem politisch und gesellschaftlich bedingten historischen Kontext zu begreifen. Zuletzt Rotraud Ries; J. Friedrich Battenberg, Hofjuden – Ökonomie und Interkulturalität. Die jüdische Wirtschaftselite im 18. Jahrhundert. Eine eindeutige Antwort auf die Bedeutung der Hofjuden im Prozess der wirtschaftlichen Modernisierung ist aber auch dort nicht zu finden.
6 Schnee führt akribisch aus, dass der Titel des „Geheimen Finanzrates“ im Rang einem Geheimen Legationsrat gleichgestellt war, d.h. dass sein Titel, wenn nicht de jure, so doch de fakto einem hohen Rang in der württembergischen Beamtenhierarchie entsprach, was „doch etwas Unerhörtes“ bedeutete. Vgl. Schnee, Hoffinanz, S. 133.
7 Brenner bemerkt dazu: „Der Auseinandersetzung mit dem eigenen Judentum konnte sich in der Weimarer Republik kaum noch ein deutscher Jude verwehren. Für manche führte diese Auseinandersetzung zu einer bewussten und vollständigen Trennung von der jüdischen Gemeinschaft, für die Mehrheit jedoch bedeutete sie eine neue Identitätssuche.“ Michael Brenner, Wie jüdisch waren Deutschlands Juden? Die Renaissance jüdischer Kultur während der Weimarer Republik, S. 22.
8 Bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts war es zu einer erneuten Auseinandersetzung mit der historischen Gestalt gekommen. Beispiele hierfür sind Manfred Zimmermanns Abhandlung Joseph Süß Oppenheimer, ein Finanzmann des 18. Jahrhunderts, Stuttgart 1874, und Wilhelm Hauffs Novelle, Jud Süß, 1827, der damit dem durch Walter Scott begonnenen Trend zur historisch-romantischen Erzählung folgt. Die erwähnte dramatische Arbeit Feuchtwangers soll in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden, vielmehr soll sein weit erfolgreicherer gleichnamiger Roman diskutiert werden.
9 Dabei soll keineswegs die Geschichte „rückwärts“ gelesen werden. Es wäre irreführend, die Figur Oppenheimers vorab als historischen Fingerzeig auf den heraufdämmernden Holocaust zu verstehen.
10 Die Liste derer, die an der Ausprägung dieses Denkens beteiligt waren, ist zu lang, um hier zitiert zu werden. Sie reicht von Joseph Arthur Gobineau (1816-1882) bis Georg von Schoenerer (1842-1921), von Houston Steward Chamberlain (1855-1927) bis Karl Lueger (1844-1910).
11 Es wird klar, dass die Attribute „jüdisch“ und „unjüdisch“ allein schon physiognomische, wenn nicht psychologische Stereotype implizieren.
12 Dabei ist die Attributierung „deutscher Jude“, bzw. „jüdischer Deutscher“ bereits ein Ausdruck des problematischen Verhältnisses. Der sprachliche Ausdruck spiegelt hier die gesellschaftliche Distanz.
13 Ausgehend von Selma Sterns Behauptung, dass der Hofjude Oppenheimer als Symbol wahrgenommen werde.
14 So hat der bereits erwähnte Heinrich Schnee der Historikerin Selma Stern diverse Ungenauigkeiten und interpretatorische Fehlgriffe attestiert, ohne dabei selbst wiederum frei von ideologischer Tendenz und verkürzenden Wertungen zu sein. So sein Urteil über Oppenheimer auf S. 147: „Er (d.h. Oppenheimer, T.B.) war ein hemmungsloser Machtmensch, raffiniert klug, überaus tüchtig, rücksichtslos, ja brutal in der Verfolgung seiner Ziele, egoistisch durch und durch; aber ihm fehlte jene Weisheit, die den Politiker zum Staatsmann macht; denn die Politik war ihm doch nur Geschäft.“ Dies ist, mit Verlaub, ein moralisches Urteil, das seine Tendenz nicht verbergen kann.
15 Das Deutsche Biographische Archiv gibt für die Zeit nach 1942 die Tätigkeit als „Wissenschaftlicher Leiter im Vortragswesen des Reichssenders Berlin“ an. Die Quellenlage zur Biographie Elwenspoeks ist allerdings mehr als dürftig. Es gibt lediglich einige verstreute Hinweise auf die Stationen seines Lebens, siehe: Achim Anders, Meister einer beglückenden Lebenskunst; Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon. Eine kurze Bemerkung zu Elwenspoeks Roman Panama (1942) findet sich bei H. Boeschenstein, The German Novel 1939-44, Toronto 1949.
16 Carl Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir, S. 354f.
17 Andreas B. Kilcher, Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur, S. 141.
18 Zu der sogenannten „Wartesaal-Triologie“, die sich mit der bürgerlichen Sorglosigkeit in Anbetracht der heraufdämmernden Katastrophe befasst, zählen Die Geschwister Oppermann, Erfolg und Exil, alle zwischen 1933 und 1939 verfasst.
19 Sandra Nuy, Paul Kornfeld: Jud Süss, S. 35.
20 Weite Verbreitung hat seine expressionistische Programmschrift Der beseelte und der psychologische Mensch (1918) gefunden.
21 Nicht wie oft behauptet im Konzentrationslager. Vgl. Wilhelm Haumann, Paul Kornfeld. Leben – Werk – Wirkung.
22 Seit 1927 verheiratet mit Eugen Täubler, dem ersten Direktor der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, sie trägt dann den Namen Stern-Täubler.
23 Zu Selma Stern siehe International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945 (Vol 2), “Her scholarly publications were based on the premise that Judaism had to be studied in the context of the political and cultural environment.” Frederick Lachman, in Encyclopaedia Judaica <CD-ROM Edition> Auch: Marina Sassenberg, Selma Stern and The Court Jew. Bemerkungen zur deutschen Erstveröffentlichung. Des weiteren der biographische Band Apropos Selma Stern, mit einem biographischen Essay von Marina Sassenberg.
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