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Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation

Untertitel: Zur Bedeutung des konstruktivistischen Ansatzes für die Nationalismusforschung

Seminararbeit, 2005, 16 Seiten
Autor: Anonym
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Veranstaltung: Proseminar: Politikethnologie
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München
Tags: Benedict, Anderson, Erfindung, Nation, Proseminar, Politikethnologie
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 16
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 4  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V52318
ISBN (E-Book): 978-3-638-48069-7

Dateigröße: 168 KB


Textauszug (computergeneriert)

Ludwig-Maximilian-Universität München
Proseminars „Politikethnologie“

Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation -
 Zur Bedeutung des konstruktivistischen Ansatzes für die Nationalismusforschung

Sommersemester 2005

 

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die konstruktivistische Wende in der Nationalismusforschung

2. Benedict Andersons Begrifflichkeit und Definition von Nation

2.1. Die drei begrifflichen Paradoxa in der Nationalismusforschung
2.2. Andersons Definition von Nation

3. Kulturelle Wurzeln

3.1. Verlust religiöser Vormachtstellung
3.2. Niedergang der Dynastien
3.3. Veränderung der Wahrnehmung von Zeit

4. Ursprünge des Nationalbewußtseins

4.1. Die Karriere des kapitalistischen Buchdrucks
4.2. Die Rolle der “weltlichen“ Schriftsprachen

5. Erklärungsgehalt und Grenzen

5.1. Vorteile des konstruktivistischen Ansatzes
5.2. Erklärungsdefizite

6. Resümee


 

1. Einleitung

Seit ihrer Entstehung Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Nationalismusforschung von historisch-politischen und sozialwissenschaftlichen Herangehensweisen dominiert. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stand dabei anfangs die Legitimation nationaler Bewegungen; später dann die Typologisierung (v.a. Schieder) verschiedener Ausprägungen des Nationsverständnisses. Weiteren Erkenntnisgewinn für die Nationalismusforschung der Nachkriegszeit lieferten der kommunikationstheoretische Ansatz des amerikanischen Politikwissenschaftlers Karl W. Deutsch und der sozialanthropologische Ansatz des englischen Historikers Ernest Gellner.1 Einen neuen Impuls erhielt die Nationalismusforschung schließlich 1983, als der amerikanische Historiker/Politikwissenschaftler und Ostasienexperte Benedict Anderson mit seinem Buch Imagined Communities (dt.: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts) die “konstruktivistische Wende“ einleitet.2 Anderson geht davon aus, dass Nationen „kulturelle Produkte einer besonderen Art“3 sind; quasi das Resultat einer prozessualen Wahrnehmungsveränderung kultureller Identität. Demnach sind es nicht die Nationen, d.h. bereits bestehende Gemeinschaften, die Staaten und Nationalismen hervorbringen, sondern umgekehrt: Nationalismen erfinden Nationen und wirken somit sinnstiftend auf deren Konstruktion. Die folgende Arbeit soll dazu dienen die Kausalitäten B. Andersons Nationsverständnisses zu erläutern, um auf dieser Grundlage eine Aussage über den Erklärungsgehalt des konstruktivistischen Ansatzes innerhalb der Nationalismusforschung treffen zu können. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht die Kontextualisierung der Hauptaussagen dieses Ansatzes mit denen von Karl W. Deutsch. Dabei wird der Fokus auf die kulturellen Ursprünge des Nationalbewußtseins gerichtet.


2. Begrifflichkeit und Definition von Nation

2.1. Die drei begriffliche Paradoxa in der Nationalismusforschung

Anderson zufolge sind die Nationalismustheoretiker von drei Paradoxa irritiert:

1. „Der objektiven Neuheit von Nationen aus dem Blickwinkel des Historikers steht das subjektiv [hohe] Alter in den Augen der Nationalisten gegenüber.
2. Der Universalität von Nationalität als soziokulturellem Begriff (...) steht die marginale Besonderheit ihrer jeweiligen Ausprägung gegenüber (...).
3. Der “politischen“ Macht des Nationalismus steht seine philosophische Armut oder gar Widersprüchlichkeit gegenüber. Mit anderen Worten:

Anders als andere Ismen hat der Nationalismus nie große Denker hervorgebracht – keinen Hobbes, keinen Marx und keinen Weber.“4

Es läßt sich also zusammenfassen, dass Anderson, der offensichtlich kein Nationalist ist, Nationen für ein historisch neues Phänomen hält, dass nicht nur ubiquitär, sondern universell auf der Welt vorhanden ist; jedoch nicht auf eine fundierte theoretische Grundlage zurückgreifen kann. Problematisch erscheint hier vor allem Andersons Auffassung, dass Nationalismus weltweit universell sei bzw. sein sollte: In der „(...) modernen [!] Welt, sollte und wird jeder eine Nationalität “haben“, so wie man ein Geschlecht “hat“.“5 Abgesehen von dem stark normativen Charakter dieser Aussage, impliziert sie eine natürliche Selbstverständlichkeit, die Anderson eigentlich zu widerlegen versucht.

Ein weiteres zentrales Problem der Nationalismusforschung sieht Anderson darin, „(...) daß man unbewußt dazu neigt, die Existenz des Nationalismus zu hypostasieren und “ihn“ als eine Weltanschauung unter vielen einordnet.“6 Sinnvoller wäre es Nationalismus begrifflich nicht wie Liberalismus oder Faschismus zu behandeln, sondern wie Verwandtschaft oder Religion. Andersons Konzept zielt also darauf ab, Nationalismus in „(...) anthropologischen Sinne zu begreifen (...), als eine Form des In-der-Welt-Seins, der wir alle unterworfen sind, anstatt in ihm eine fremde, lediglich angenommene politische Ideologie zu sehen.“7

2.2. Andersons Definition von Nation

[...]


1 Vgl. hierzu: Kunze, Rolf-Ulrich: Nation und Nationalismus, Darmstadt 2005, S. 14 f.

2 Fairerweise muss Gellner zugestanden werden, dass er ebenfalls Wegbereiter der konstruktivistischen Wende gewesen ist; zumal Gellners Buch Nationalismus und Moderne zeitgleich erschien und einen ähnlichen Ansatz enthält.

3 Anderson, Benedict: die Erfindung der Nation. Zur Geschichte eines folgenreichen Konzepts, erweiterte Neuausg., Frankfurt/Main 1998, S. 14.

4 ANDERSON, Die Erfindung der Nation, Frankfurt/Main 1998, S. 14 f.

5 Ebd.

6 A.a.o., S. 15.

7 A.a.o., S. 209.


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