Autor: Sonja Lindenberg
Fach: Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik
Details
Jahr: 2005
Seiten: 136
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ ´223 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 480 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-48224-0
Textauszug (computergeneriert)
Hochschule Bremen
Fachbereich: Allgemeinwissenschaftliche Grundlagenfächer
Internationaler Studiengang Fachjournalistik
Al-Jazeera
Vom Phänomen zum Global Player?
Eine multiperspektivische Analyse des arabischen Satellitensenders auf dem Markt
der internationalen Nachrichtenanbieter
Diplomarbeit
zur Erlangung des Grades Diplom-Fachjournalistin (FH)
vorgelegt von: Sonja Lindenberg
vorgelgt am: 09.09.2005
„Al Jazeera has effectively put an end to an era marked by what may be described as a one-size-fits-all media.“
(Zayani 2005: 31)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Das Phänomen Al-Jazeera und Paradigmen der Forschung
1.2 Cultural Studies und die Globalisierung der Medien
1.3 Vergleichssemantik: Der Westen und die arabische Welt
1.4 Aufbau der Arbeit
2. Kommunikationsbegriffe im globalen Kontext
2.1 Internationale und interkulturelle Kommunikation
2.2 Die Nation als Referenz
2.3 Transnationale und transkulturelle Perspektiven
3. Globales Fernsehen und die arabische Welt
3.1 Fernsehen als nationale Institution
3.2 Verlust der nationalen Souveränität
3.3 Die mediale Macht des Westens
3.3.1 Globale Medien und westliche Nachrichten
3.3.2 Grenzen des Einflusses
3.3.3 Reform des arabischen Mediensystems: Reaktion auf globale Trends
3.4 Global und Lokal: Al-Jazeera als Hybrid
3.4.1 Globalisierung als Hybridbildung
3.4.2 Al-Jazeeras Produktionsstrukturen
3.4.2.1 Zwischen Pressefreiheit und Regierungssender
3.4.2.2 Transnationale Freiheiten?
3.4.3 Al-Jazeeras hybride Produkte
3.4.3.1 Übernahme westlicher Standards
3.4.3.2 Relokalisierung als Strategie
3.4.3.3 Das panarabische Potenzial
3.5 Al-Jazeera im Westen
3.5.1 Geokulturelle Märkte
3.5.2 Translokale Berichterstattung
3.6 Regionalisierung versus Globalisierung
4. Al-Jazeeras internationaler Durchbruch
4.1 Strukturen der Auslandsberichterstattung
4.1.1 Der Blick des Westens: Kriege und Krisen aus der arabischen Welt
4.1.2 Trends in der Nachrichtengeografie
4.1.3 Sparmaßnahme Auslandsbüro
4.1.4 Nachrichtengeografie nach Al-Jazeera – das Beispiel Afghanistan
4.2 Geopolotische Wende: Der Einfluss des 11. Septembers
4.2.1 Islam als neuer Feind des Westens
4.2.2 Bin Laden: Der Feind auf Al-Jazeera
4.3 Veränderungen im Nachrichtensektor
4.3.1 Konkurrenz für die Nachrichtenagenturen
4.3.2 Al-Jazeera als neue Quelle
4.4 Medienkulturen begegnen sich
4.4.1 Konfliktpotenzial der Kooperationen: Bin Ladens Nachrichtenwert
4.4.2 Bilder aus Afghanistan
4.4.2.1 Rivalität der News Frames
4.4.2.2 Kritik an den Kritikern
4.4.3 Herausforderungen für die internationale Zusammenarbeit
4.5 Globalität und neue Facetten internationaler Berichterstattung
5. Al-Jazeera im Dialog mit dem Westen
5.1 Kulturaustausch in Krisenzeiten
5.1.1 Der Einsturz des globalen Dorfes
5.1.2 Chancen interkultureller Krisenkommunikation im Irak-Krieg
5.2 Die Konstruktion von Kriegswirklichkeiten
5.2.1 Objektivität im kulturellen Kontext
5.2.2 Objektivität im Irak-Krieg
5.3 Rezeption und kulturelle Variablen
5.3.1 Medien und Bedeutungsproduktion
5.3.2 Interpretationsrahmen der arabischen Zuschauer
5.4 Die Abgrenzung des Fremden: Das Konzept der Kontextobjektivität
5.5 Wirkung in Westen
5.5.1 Die Glaubwürdigkeitsfalle: Objektivität versus Wertegemeinschaft
5.5.2 Relevanzgewinn für die Rezipienten
5.6 Themensetzung jenseits von Krieg und Krisen
5.6.1 Eine Stimme für die Araber: Die Politisierung von Al-Jazeera
5.6.2 Möglichkeiten von Abu Dhabi TV und Al-Arabiya
5.6.3 Die Öffnung westlicher Mediensysteme
5.7 Transnationales Fernsehen und eine neue Medienordnung
6. Chancen im Western: Al-Jazeera International
6.1 Going global: Möglichkeiten und Märkte
6.1.1 Glokalisierung als Marktstrategie
6.1.2 Internationale Medienkonzepte und ihre Unterschiede
6.2 Die internationale Zielgruppe
6.2.1 Nutzergruppen translokaler Nachrichtensender
6.2.2 Potenzielle Zuschauer von Al-Jazeera International
6.3 AJI oder das Ende von Al-Jazeera
6.3.1 Positionierung auf dem internationalen Markt
6.3.2 Arabisch oder international
6.3.3 Politische und kulturelle Themen
6.4 Zwänge des Medienkapitalismus
6.4.1 Der Kampf um die Werbeeinnahmen
6.4.2 AJI als Einnahmequelle
6.4.3 Gefährdete Unabhängigkeit: Plan zur Privatisierung
6.5 Das Medienprodukt AJI und sein Wirkungsspektrum
7. Schlussbetrachtung
Quellenverzeichnis
Anhang
1. Einführung staatlicher Fernsehsender in der arabischen Welt
2. Al-Jazeeras Ethikkodex
3. CNNs und Al-Jazeeras Korrespondentenbüros
4. Modell für Framing-Prozesse
5. Deutsche TV-Übernahmen von anderen Sendern im Irak-Krieg
6. Meistzitierte ausländische Medien 2004
7. Top-Marken in 2004
8. Themenagenda von Al-Jazeera
9. Demografie der Al-Jazeera Zuschauer
10. Muslimische Bevölkerung weltweit
1. Einleitung
„Globale Kommunikation ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Manifestationen westlicher Macht“, sagte Samuel P. Huntington Mitte der neunziger Jahre (1996: 80). Sowohl die großen internationalen TV-Sender als auch die Weltnachrichtenagenturen sind im Westen1 entstanden und kontrollieren die Informationsflüsse2 der Welt. Heute allerdings, nicht einmal zehn Jahre später, wird dieses Informationsmonopol herausgefordert – von einem arabischen Nachrichtensender aus dem Zwergemirat Katar: von Al-Jazeera3.
Der Sender ist 1996 mit dem Anspruch, der erste unabhängige Nachrichtensender der arabischen Welt zu sein, gegründet worden. Nach dem 11. September 2001 hat Al- Jazeera auch den Westen auf sich aufmerksam gemacht. Videobotschaften von Osama bin Laden, exklusive Bilder aus Afghanistan und die Berichterstattung über den Irak-Krieg 2003 haben dazu geführt, dass westliche Medien plötzlich auf das Material eines arabischen Nachrichtensenders angewiesen waren, wollten sie politische Entwicklungen für ihre Zuschauer anschaulich präsentieren. Doch die Arbeit der arabischen Journalisten wurde nicht immer gutgeheißen.
„Al-Jazeera was accused in the beginning of being a channel financed by Iraq or by Saddam Hussein when we covered events in Iraq. When we reported on the Israeli elections and when we ran interviews with Ehud Barak and Shimon Peres, Al-Jazeera was immediately accused of being financed by Mossad. Also, when we reported on events or issues within the United States from our office in Washington we were accused of being financed by the CIA.” (Al-Thani in Schleifer/Sullivan 2001a: Online)
Immer wieder wurde die Professionalität von Al-Jazeera angezweifelt und dem Sender wurde vorgeworfen, er sympathisiere mit Terroristen und verschaffe extremistischen Ansichten Gehör. Trotzdem hat sich Al-Jazeera ehrgeizige Ziele gesetzt: Anfang 2006 soll Al-Jazeera International (AJI) mit einem englischsprachigen Programm auf Sendung gehen.
Das Ziel dieser Arbeit ist es daher, das Potenzial des Senders auf dem Markt der internationalen Nachrichtenmedien zu analysieren und die Frage zu beantworten, ob der Sender Chancen hat, langfristig zu einem ‚global player’ zu werden. Dabei geht es sowohl um Al-Jazeeras Leistung als Nachrichtenlieferant für andere Medien als auch um die Möglichkeiten von Al-Jazeera International. Zur Beantwortung dieser Fragestellung sollen folgende Thesen dienen:
- Westliche Medien sind auf die Bereitstellung von Informationen durch Al-Jazeera angewiesen.
- Al-Jazeera ist es gelungen, lang bestehende Strukturen in der inter- / transnationalen Kommunikation zu durchbrechen.
- Der Sender hat sich eine Nische auf dem Markt kreiert, indem sich seine Berichterstattung von der anderer Anbieter unterscheidet. Genau diese strategische Ausrichtung führt aber auch zu Restriktionen im internationalen Geschäft. Die Formulierung dieser Thesen deutet an, wie vielschichtig die Betrachtung des Satellitensenders angelegt sein muss. Um den geeigneten Rahmen für diese Analyse zu finden, ist ein Blick auf bisherige Forschungstraditionen der internationalen Kommunikationswissenschaft4 sinnvoll.
1.1 Das Phänomen Al-Jazeera und Paradigmen der Forschung
Der Aufstieg des Satellitensenders Al-Jazeera wird von vielen Autoren als Phänomen5 bezeichnet (vgl. Zayani 2005, Miladi 2003 u.a.). Dies liegt vor allem daran, dass der Sender in einer Region entstand, in der Zensur und staatliche Kontrolle den Fernsehmarkt bestimmten. Um dieses Phänomen fassen zu können, soll im Folgenden auf zwei verschiedene Ansätze zurückgegriffen werden.
„Two broad through often interrelated approaches to theorizing communication can be discerned: the political-economy approach concerned with the underlying structures of economic and political power relations, and the perspective of cultural studies, focussing mainly on the role of communication and media in the process of the creation and maintaining of shared values and meanings.” (Thussu 2000: 54)
Der politisch-ökonomisch orientierte Ansatz der Analyse globaler Kommunikationsphänomene konzentriert sich auf vier verschiedene Paradigmen. Dabei handelt es sich um das Modernisierungsparadigma, das Dependenzparadigma, das Imperialismusparadigma und neuerdings das Paradigma der Globalisierung. Alle vier Denkrichtungen sind spezifischen Zeitperioden zuzuordnen und beobachten die Entwicklungen im Feld der internationalen Kommunikation von verschiedenen Ausgangspunkten (vgl. Krotz 2005: 26ff.).
Das Modernisierungsparadigma hat die Forschung in den sechziger und frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts bestimmt. Dependenz als Denkrichtung kam in den späten siebziger Jahren auf und bestimmte die Medien- und Kommunikationswissenschaft bis in die achtziger Jahre. In diesem Zeitraum wurden auch Imperialismustheorien vertreten, die allerdings ihren Ursprung im 19. Jahrhundert haben. In den frühen Neunzigern schließlich hat das Globalisierungsparadigma an Popularität gewonnen.
„The end of the Cold War, the institution of democratic and market-oriented reforms, and the
introduction of satellite television and the World Wide Web have been noted as the primary
forces behind the rise of the globalisation paradigm.“ (Ayish 2003a: 15)
Eine erste Gruppe von Theorien im Feld der internationalen Kommunikation bilden die sogenannten Modernisierungstheorien. Vor allem Projekte in den Entwicklungsländern standen dabei im Zentrum der Betrachtung. Daniel Lerner (1958) zählte zu den Sozialwissenschaftlern, die diese Ansätze maßgeblich geprägt haben. Ihnen ging es darum aufzuzeigen, welche Rolle Medien in Modernisierungsprozessen spielen können. Dabei gingen die Forscher davon aus, dass Medien die Einstellung der Bevölkerung zu Demokratie, Bildung und Kapitalismus ändern würden, denn durch Medienangebote lernen sie „to imagine how life is organized in different lands and under different codes than their own“ (Lerner 1958: 54). Der Grund: „It was suggested that traditional values dominant in Developing Countries were major obstacles to political participation and economic prosperity, the two key elements of modernisation” (Ayish 2003a: 15). Es wird davon ausgegangen, dass Unterentwicklung im eigenen Land verursacht wird. Um diese endogenen Probleme zu lösen, müssten die Entwicklungsländer die Entwicklung der industrialisierten Länder durch Nachahmung nachholen. Lerner (1958: 46) formuliert, dass
„the Western model of modernization exhibits certain components and sequences whose relevance is global. Everywhere, for example, increasing urbanization has tended to raise literacy; rising literacy has tended to increase media exposure; increasing media exposure has ‘gone with’ wider economic participation (per capita income) and political participation (voting)”.
Auch heute, zum Beispiel im Falle des Iraks, wird auf diese Theoriesammlung zurückgegriffen. Dennoch gelten Modernisierungstheorien ebenso wie schlichte Imperialismuskonzepte als gescheitert,6 da schon die Grundannahmen falsch sind. Zum einen hat Unterentwicklung nicht nur endogene Gründe und zum anderen ist eine eins zu eins Übertragung europäischer Konzepte auf andere Regionen der Welt unmöglich, denn diesen fehlen die sozialen, philosophischen und ethischen Überlegungen, auf denen der Modernisierungsprozess beruht (vgl. Volkmer 1999: 28, Rullmann 1996: 29). Gerade der starke Ethnozentrismus dieser Modernisierungstheorien führte zur Verurteilung dieses Paradigmas.
Allerdings gilt für alle Studien dieses Bereiches, dass sie „not so much describe the direct influence of internationally distributed programmes […], but conceptualises internal (technical) stages of the diffusion of the idea of modernising processes“ (Volkmer 1999: 28f.). Wird die Rolle des Medieninhaltes dennoch betrachtet, werden starke Medienwirkungen unterstellt. Lerners Modernisierungsmodell geht somit implizit von einem stimulus-response-Ansatz aus:
„Dieses Verständnis von Medienwirkungen korreliert mit der Vorstellung von Kommunikation als Übertragung von Botschaften, die die Identität der Information des Kommunikators und des Rezipienten unterstellt. Informationen werden jedoch nicht transportiert, sondern aktiv vom Rezipienten erzeugt.“ (Rullmann 1996: 30)
Dependenztheorien haben die Annahmen der Modernisierungstheorien sozusagen umgekehrt. Unterentwicklung wurde als Ergebnis exogener Ursachen angesehen, insbesondere als Ergebnis der ökonomischen und politischen Beziehungen zu den industrialisierten Ländern. Die Welt wird in diesem Modell als eine Zentrums- Peripherie-Struktur begriffen. Den reichen und mächtigen Zentren stehen die armen und schwachen Peripherieländer gegenüber, diese zwei Lager sind auch beschreibbar als der Norden gegen den Süden7.
Im Zusammenhang mit der Dependenztheorie wurde auch die Diskussion um einen Kultur- bzw. Medienimperialismus8 wiederbelebt. Anja Rullmann (1996: 38) geht davon aus, dass der „medienimperialistische Ansatz als kommunikationswissenschaftliches Korrelat zur Dependencia verstanden werden“ kann. In der Imperialismusdiskussion geht es vor allem darum, wie Kommunikation und Medien dazu beitragen können, imperialistische Bestrebungen eines Staates zu unterstützen, damit dieser Macht und Kontrolle außerhalb der eigenen Staatsgrenzen über andere Völker ausüben kann (vgl. Krotz 2005: 26). Besonders John Tomlinson (1991) hat in den letzten Jahren über Kultur- und Medienimperialismus publiziert. Analysepunkte sind hier heute die Dominanz der US-amerikanischen Kulturindustrie sowie der Fluss der weltweiten Informationsströme. Die Vertreter dieser Richtung beklagen dabei, dass von einer Gleichheit der Kulturen nicht die Rede sein kann, und dass diese Ungleichheit schon in den Produktions- und Handelsstrukturen angelegt ist (vgl. Krotz 2005: 26).
Auch diese Theorien sind nicht ohne Kritik geblieben (vgl. dazu Thussu 2000: 63).
„Immerhin, und das greifen dann die späteren Globalisierungstheorien faktisch auf, stellen die Dependenztheorien das Beziehungsgefüge der verschiedenen Länder und Kulturen in den Vordergrund und überwinden die isolierte, länderbezogene Sichtweise der Modernisierungstheorien.“ (Krotz 2005: 29)
Ein weiterer wichtiger und vor allem für die Erklärung des Phänomens Al-Jazeera bedeutender Kritikpunkt ist die Eindimensionalität dieser Erklärungsansätze (vgl. ebd.: 30). Dieses Problem versuchen Ansätze zur Globalisierung der Medien aufzulösen, indem die Eindimensionalität durch eine multiperspektivische Betrachtung ersetzt wird. Grundannahme ist dabei, dass Entwicklungen auf der einen Seite der Welt Auswirkungen auf der anderen Seite des Globus haben. Im Medienbereich drückt sich dies in Form zunehmender Verflechtungen aus. Für Krotz (ebd.: 34) sind dabei internationale Geschäftsmodelle wie die der British Broadcasting Corporation (BBC) oder Arte die besten Beispiele.
Noch stehen die Versuche zur Theoretisierung von Globalisierungsprozessen im Medienbereich am Anfang. Einen allgemeinen Theorienansatz legt John Tomlinson (1999) vor, wenn er Globalisierung als „complex connectivity“ beschreibt. Dabei geht er davon aus, dass ein schnell wachsendes, immer dichter werdendes und sich weiter entwickelndes Netzwerk von Verbindungen und Abhängigkeiten das heutige soziale Leben prägt. Auch Manuel Castells Vorstellung von der Netzwerkgesellschaft (2004) lässt sich hier einordnen.
Die vorliegende Arbeit stützt sich vorwiegend auf das Paradigma der Globalisierung, wenngleich auch die anderen Theorien in die Analyse mit einbezogen werden. Um das Phänomen Al-Jazeera in der arabischen Welt zu analysieren, bieten die Modernisierungstheorien Ansätze. Für das Verhältnis zum Westen in Bezug auf Kommunikationsflüsse muss zwangsläufig auf Dependenz-Studien zurückgegriffen werden.
„While the globalization of new information and communication technologies, and the resulting wiring up of the globe, […], have made dependency theories less fashionable, the structural inequalities in international communication continue to render them relevant.” (Thussu 2000: 66)
Während es sich hier hauptsächlich um die Analyse der strukturellen Bedingungen der internationalen Kommunikation handelt, kann der Forschungsgegenstand Al- Jazeera nicht ohne eine Betrachtung der inhaltlichen Komponente bearbeitet werden. Diese Bedeutung wird umso zentraler, je stärker Fragen der Kommunikation über Kulturgrenzen hinaus ins Zentrum der Analyse rücken. Hierzu werden Konzepte der Cultural Studies herangezogen, denn diese untersuchen kulturelle Angebote und deren Wirkung.
1.2 Cultural Studies und die Globalisierung der Medien
Die mit dem Globalisierungsprozess verbundenen Medienverflechtungen, die „Netzwerke der Medien“ (Hepp 2004a), führen dazu, dass Medienprodukte, die in einem kulturellen Umfeld produziert worden sind, auch in anderen Kulturen rezipiert werden. Um diesen Sachverhalt zu analysieren, eignen sich die Cultural Studies. Die Cultural Studies sind keine Fachdisziplin, sondern stellen ein inter- oder transdisziplinäres Projekt dar.9 Der zentrale Gegenstand ist die Kultur. Dabei finden sich in den Cultural Studies unterschiedliche Kulturvorstellungen. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass sie sich von Vorstellungen der Hochkultur abwenden und versuchen, Kultur in ihrer alltäglichen Bedeutung zu fassen. Zwei Kulturbegriffe finden dabei die meisten Anhänger. Dies ist zum einen die Vorstellung von ‚Kultur als Gesamtheit einer Lebensweise’ und zum anderen ‚Kultur als Bedeutungssystem’ (vgl. Hepp 2004b: 42). Diese Arbeit greift vor allem auf die letztgenannte Vorstellung zurück.
In den Cultural Studies wurden auch Fragen zur Globalisierung der Medien aufgegriffen und Kultur wurde als eine Dimension von Globalisierung in die Diskussion eingebracht (vgl. Hepp/Winter 2003: 27). Die Vertreter der Cultural Studies setzen Globalisierung nicht mit Homogenisierung oder Standardisierung gleich, sondern nehmen die Widersprüchlichkeit dieser Prozesse und mögliche Konflikte zur Kenntnis. Der zweite wichtige Impuls, der von den Cultural Studies ausgeht, ist der Bruch mit Vorstellungen von territorialer oder nationaler Identität. Damit einher geht eine Hinwendung zu den Interessen von Minderheitengruppen - auch bezogen auf die Mediennutzung (vgl. ebd.: 24ff.). Beschäftigen sich die Cultural Studies mit der Analyse von Medianangeboten, geht es dabei vielfach um das Themenfeld der Bedeutungsproduktion. Dabei werden die kulturellen Kontexte der Produktion und der Rezeption10 berücksichtigt. Durch diese Ausrichtung sind Arbeiten in dieser Tradition besonders geeignet, Globalisierungsprozesse in Bezug auf Medien zu erfassen. Hilfreich ist ferner die in den Cultural Studies formulierte Verbindung von Kultur, Macht und Politik.
„A distinctive assumption of cultural studies is that the social production and reproduction of sense and meaning involved in the cultural process is not only a matter of signification but also a matter of power. The intimate connection of signifying practices and the exercise of power is a focal interest of cultural studies.” (Ang 2003: 363)
[...]
1 Zur Verwendung des Begriffs Westen als auch dem der arabischen Welt siehe 1.4.
2 Der Begriff des Informationsflusses impliziert die Vorstellung eines Informationstransportes, der Vorstellungen von Kommunikation widerspricht. Weder Kommunikation, noch Informationen können ‚fließen’. Da dieser Begriff sich in der Wissenschaft etabliert hat, wird er hier trotz seiner problematischen Implikationen verwendet.
3 Al-Jazeera bedeutet auf Deutsch die Insel oder auch Halbinsel. Für die Übersetzung des Namens Al- Jazeera vom Arabischen ins Deutsche oder Englische werden unterschiedliche Schreibweisen benutzt. Im Deutschen wird der Sendername meistens Al-Dschasira buchstabiert, auf Englisch dagegen Al- Jazeera. Ferner variiert die Verwendung von Bindestrichen. Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die englische Schreibweise übernommen – sofern es sich nicht um Zitate handelt – denn diese findet inzwischen auch im deutschen Sprachraum vermehrt Verbreitung.
4 Angesichts der Fragestellung wird das Phänomen Al-Jazeera in das Feld der internationalen Kommunikation eingeordnet. Zum Begriff der internationalen Kommunikation und den mit ihm verwandten Ausdrücken siehe Kapitel 2.
5 Phänomen kommt vom griechischen phainomenon und bedeutet Erscheinung (vgl. Blume 2003: 531). Der Phänomen-Begriff wird in der Philosophie und in der Soziologie mit unterschiedlichen Inhalten verwendet. In dieser Arbeit wird der Begriff in seiner umgangssprachlichen Verwendung benutzt, das heißt, die Entstehung des Satellitensenders wird als etwas außergewöhnliches und erstaunliches betrachtet. Mit dem Phänomen-Begriff ist allerdings auch eine Wissenschaft verbunden, die Phänomenologie. Hierbei handelt es sich um „eine erkenntnistheoretische Richtung, die als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung die Phänomene, d.h. die beobachtbaren Sachen als solche wählt“ (ebd.). Geprägt wurde diese Richtung von Edmund Husserl (1859-1938). In Bezug auf ihn wird Phänomenologie unter anderem „als Methode verstanden, mittels derer das Wesen der Dinge erfasst wird. Die Wesenserfassung erfolgt in einer Wesenschau, in der sich die Wesenheiten dem Phänomenologen unmittelbar darbieten“ (ebd.: 534). In dieser Arbeit werden die unterschiedlichen Facetten des Senders Al-Jazeera aufgezeigt um dadurch das Wesen des Senders näher bestimmen zu können und das Phänomen Al-Jazeera greifbar zu machen.
6 Eine ausführliche Kritik an den Modernisierungstheorien findet sich auch bei Rullmann (1996: 28ff.).
7 Dabei sind diese Bezeichnungen nicht frei von Kritik. Beispielsweise Australien, als südliches Land, wird in der Regel nicht als Dritte Welt Land im Süden klassifiziert (vgl. dazu auch 1.4).
8 Rullmann (1996: 38) differenziert hier zwischen einer neo-marxistischen und einer bürgerlichen Position. Neo-marxistische Ansichten gehen demnach von einem Kulturimperialismus aus, während nicht-marxistische Wissenschaftler den Begriff des Medienimperialismus bevorzugen. Damit einher geht auch eine unterschiedliche Bewertung der Situation, die aber hier nicht weiter ausgeführt werden kann (vgl. dazu Rullmann 1996: 39f.).
9 An dieser Stelle kann keine Einführung in die Cultural Studies gegeben werden, da es sich um zum Teil sehr unterschiedliche Konzepte handelt (vgl. dazu aber Hepp 2004b). Im deutschsprachigen Raum können allerdings sieben Diskussionsfelder der Cultural Studies ausgemacht werden. Dabei handelt es sich um Materialität, Bildung, Kritik, Alltags- und Populärkultur, Medien und Kommunikation, Identität sowie Globalisierung und transkulturelle Kommunikation (vgl. Hepp/Winter 2003: 18f.). Zur internationalen Differenzierung der Cultural Studies siehe Hepp (2004b: 91ff.).
10 In den Cultural Studies wird anstelle des Begriffes Rezeption der Begriff der (Medien-) Aneignung verwendet. Da diese Arbeit nicht in allen Punkten Ideen der Cultural Studies folgt, sondern Ansätze der Cultural Studies als eine Erweiterung kommunikationswissenschaftlicher Annahmen verwendet, wird nicht an allen Stellen das Vokabular der Cultural Studies übernommen. In solchen Fällen wird aber versucht, Differenzen kenntlich zu machen, auch wenn dies aufgrund inhaltlicher Komplexität nur verkürzt erfolgen kann.
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