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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 52 Pages
Author: Magister Artium Henning Grobe
Subject: Geography / Earth Science - Regional Geography
Details
Tags: Agrarstrukturwandel, Migration, Amazonien
Year: 2004
Pages: 52
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 47 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-48325-4
ISBN (Book): 978-3-638-69310-3
File size: 329 KB
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Abstract
Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt das brasilianische Amazonien, das größte zusammenhängende und in weiten Teilen unerschlossene Regenwaldgebiet der Welt, eine Dynamik bisher ungekannten Ausmaßes. Fernstraßenbau, kleinbäuerliche Agrarkolonisation, die Expansion riesiger Rinderfarmen und die Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe kennzeichnen diesen Entwicklungsboom. Folgen sind zahlreiche Interessen- und Landkonflikte, die Verdrängung der indigenen Bevölkerung, ein hoher Grad der Verstädterung durch Verdrängung der Kleinbauern und nicht zuletzt die zunehmende Zerstörung der „grünen Lunge„ der Welt. In der vorliegenden Arbeit wird der Gang der Erschließung und die Entstehung der heutigen Agrarstruktur nachvollzogen. Zu diesem Zweck wird zuerst die historische und aktuelle Landnutzung beschrieben, wobei die Möglichkeiten und Konsequenzen der Produkt- bzw. Produktionswahl im Vordergrund stehen. Es folgt eines Untersuchung der Besiedelung, wobei es vor allem darum geht, die verschiedenen sozialen und ökonomischen Strukturen der Region darzustellen und historisch zu erklären. In diesem Rahmen wird das Thema der Migration ständig zur Erklärung aufzugreifen sein. In einem letzten Schritt werden Eigentumsverhältnisse sowie die unterschiedlichen Betriebsgrößen dargestellt um zu versuchen die Entwicklung dieser anhand der erarbeiteten Informationen zu erklären, sowie aktuelle Trends herauszuarbeiten. Zur Interpretation und Erklärung der aktuellen strukturellen Betriebsverhältnisse werden die Daten aus den aktuellen Agrazensen des IBGE herangezogen. Innerhalb des Amazonasgebietes variieren sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen Gegebenheiten sehr stark. Auf Grund der begrenzten Kapazität der Arbeit und der unendlichen Mannigfaltigkeit des Amazonasgebietes sah ich mich deshalb gezwungen, teilweise stark zu pauschalisieren. Diese kommt vor allem bei Erklärung der Landnutzung in einem sehr weitläufigen Gebrauch der Begriffe terra-fírme, várzea sowie shifting culivation zum Ausdruck. Auch die Regierung hat bei den Besiedelungsaktionen ökologisch gesehen das Gleiche getan, was sich in zahlreichen Fehltritten und einer großen Diskrepanz zwischen Plan und Durchführbarkeit äußert. Zwar ist es im Gegensatz zur Regierung nicht meine Aufgabe, Patentlösungen für brasilianische Probleme vorzulegen, doch möchte ich ausdrücklich auf die starke Vereinfachung der Thematik hinweisen, die dem Leser stets bewusst sein sollte.
Excerpt (computer-generated)
Universität Passau
WS 2003/ 2004
Lehrstuhl für Anthropogeographie
HS: Brasilien
Agrarstrukturwandel und Migration in Amazonien
von
Henning Grobe
Studiengang: M.A. NF
Fachsemester: 05
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Landnutzung in Amazonien
2.1 Terra- firme
2.1.1 Probleme bei der Besiedelung
2.1.2 Extraktion und Sammelwirtschaft
2.1.3 Das System der shifting cultivation
2.1.4 Dauerkulturen
2.1.4.1 Fallbeispiel Kautschuk
2.1.4.2 Fallbeispiel Tomé- Acu
2.2 Várzea
2.2.1 Besiedelung
2.2.2 Extraktion und Sammelwirtschaft
2.2.2.1 Fischfang
2.2.2.2 Holzeinschlag
2.2.3 Jahreskulturen
2.2.4 Dauerkulturen
2.3 Viehzucht
2.4 Wandel in der Landnutzung am Beispiel Baixo Alegre (Mato Grosso)
3 Agrarkolonisation und Migration
3.1 Kautschukboom und wirtschaftliche Stagnation
3.2 Desenvolvimentismo
3.3 1960 – 1975: Phase der Okkupation
3.3.1 Besiedelung an der Transamazônica
3.3.2 Migration
3.4 1975 – 1990: Phase der Modernisierung und Förderung privater Großprojekte
3.4.1 Expansion der Rinderweidewirtschaft
3.4.2 Die Verdrängung der Kleinbauern in Mato Grosso
3.5 Ab 1990: Der Staat zieht sich zurück
4 Strukturelle Analyse der Betriebe
4.1 Betriebsgröße
4.1.1 Wandel der Betriebsgrößenstruktur am Beispiel Ouro Preto (Rondônia)
4.1.2 Auswirkungen der ungleichen Landverteilung: ökonomisch, sozial und ökologisch
4.2 Eigentumsstruktur
4.2.1 Wandel der Eigentumsverhältnisse in Rondônia und Mato Grosso im Vergleich
4.2.2 Überblick über aktuelle Trends der Eigentumsstruktur in Amazonien
5 Globalisierung versus Entwicklung?
Einleitung
Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt das brasilianische Amazonien, das größte zusammenhängende und bisher auch unerschlossene Regenwaldgebiet der Welt, einen Entwicklungsboom bisher ungekannten Ausmaßes. Fernstraßenbau, kleinbäuerliche Agrarkolonisation, die Expansion riesiger Rinderfarmen und die Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe kennzeichnen diesen Entwicklungsboom insbesondere. Folgen sind zahlreiche Interessen- und Landkonflikte, die Verdrängung der indigenen Bevölkerung, ein hoher Grad der Verstädterung durch Verdrängung der Kleinbauern und nicht zuletzt die zunehmende Zerstörung der letzten „grünen Lunge“ der Welt. In der vorliegenden Arbeit wird der Gang der Erschließung und die Entstehung der heutigen Agrarstruktur nachvollzogen. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die aktuelle Landnutzung zu beschreiben. Dabei soll es jedoch nicht so sehr darauf ankommen, in welchen Regionen welche Nutzpflanze tatsächlich angebaut wird. Vielmehr soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten mit welchen Konsequenzen dem Landwirt bei der Produkt- und Produktionswahl geboten sind und welche Faktoren diese Entscheidung im Einzelnen beeinflussen. Auch gilt es, einen Blick darauf zu werfen, wer, wann und wieso den Raum besiedelte. Ziel dieser Untersuchung ist es, aus den daraus resultierenden Informationen die verschiedenen sozialen und ökonomischen Strukturen darzustellen und auch zu erklären. Da es unvermeidbar war, das Thema Migration ständig bei der Erklärung der anderen Punkte aufzugreifen, widme ich diesem Punkt speziell nur einen kurzen Absatz im Rahmen der Agrarkolonisation.
In einem letzten Schritt werde ich mich der Betrachtung der Eigentumsverhältnisse sowie den unterschiedlichen Betriebsgrößen zuwenden und versuchen die Entwicklung dieser anhand erarbeiteter Informationen zu erklären, sowie aktuelle Trends herauszuarbeiten. Auf eine Analyse der in der Landwirtschaft Beschäftigten wird aufgrund fehlender Information verzichtet.
Die Literaturrecherche betreffend war es nicht einfach herauszufiltern, welche Schriften und welche Informationen tatsächlich für die Thematik relevant sind. Hauptsächlich werde ich mich auf die Arbeiten des Geographischen Instituts der Universität Tübingen stützen. Dabei insbesondere auf die im Jahr 2002 erschienene Dissertation von Martina Neuburger, die Arbeit von Karl Henkel über den Bundesstaat Pará aus dem Jahr 1994 sowie die verschiedenen Aufsätze von Gerd Kohlhepp. Bei der Landnutzung berufe ich mich auf die etwas ältere Arbeit von Fearnside über die Landwirtschaft in Amazonien. Wegen fehlender aktueller Literatur über die strukturellen Betriebsverhältnisse, werde ich versuchen, die aus den Agrarzensen des IBGE1 gewonnenen Daten selbständig zu interpretieren und sie mit der Entwicklung in Verbindung zu bringen. Ein großes Problem war die große Anzahl von ausschließlich portugiesischer Literatur. So wird im Zusammenhang mit Migration sehr oft auf die Arbeiten von Santos verwiesen. Weitere vielzitierte portugiesische Studien über die Landwirtschaft sind die Arbeiten von Velho. Das nächste Problem bei der Literaturrecherche war das plötzliche Verschwinden einige Werke aus der Universitätsbibliothek, so z. B. der Band `Brasilien` der Tübinger Geographischen Studien oder die Aufsatzsammlung `Brasilien – heute`, herausgegeben von Briesemeister mit einem vielzitierten Aufsatz von Gerd Kohlhepp über die Industrialisierung und die mit ihr einhergehende Verdrängung der Kleinbauern.
Innerhalb des Amazonasgebietes variieren sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen Gegebenheiten sehr stark. Auf Grund der begrenzten Kapazität der Arbeit und der unendlichen Mannigfaltigkeit des Amazonasgebietes sah ich mich deshalb gezwungen, teilweise stark zu pauschalisieren. Diese kommt vor allem bei Erklärung der Landnutzung in einem sehr weitläufigen Gebrauch der Begriffe terra-fírme, várzea sowie shifting culivation zum Ausdruck.
Auch die Regierung hat bei den Besiedelungsaktionen ökologisch gesehen das Gleiche getan, was sich in zahlreichen Fehltritten und einer großen Diskrepanz zwischen Plan und Durchführbarkeit äußert. Zwar ist es im Gegensatz zur Regierung nicht meine Aufgabe, Patentlösungen für brasilianische Probleme vorzulegen, doch möchte ich ausdrücklich auf die starke Vereinfachung der Thematik hinweisen, die dem Leser stets bewusst sein sollte.
Landnutzung in Amazonien
Bei vielen Versuchen das amazonische Becken für Nahrungsmittel- oder auch Handelswarenproduktion in Wert zu setzen waren lediglich kurzlebige Erfolge zu verzeichnen. Als bildhaft hierfür ist die Besiedelung der Zona Bragantina zu sehen. Die 1908 eröffnete Bahnstrecke Belém – Braganca bot vornehmlich Siedlern aus dem ariden Nordosten oder dem Süden des Landes die infrastrukturelle Möglichkeit, sich in diesem Gebiet niederzulassen. Nach der Rodung der Fläche betrieben sie eine Art der Landwechselwirtschaft, was dazu führte, dass die Siedler die degradierten Felder schon nach wenigen Jahren wieder verlassen mussten.2 Heute ist ein Großteil des Gebietes von minderwertigem Sekundärwald (capoeira) überzogen. Auch die Bemühungen der Großindustrie Feldfrüchte für die Vermarktung in großen Plantagen zu etablieren, schlugen meistens fehl. Zu nennen ist hier beispielsweise die Kautschukplantage der Fordlandia entlang des Rio Tapajos.
Im Gegensatz dazu wussten jedoch die Indigenen und die caboclos um die ökologische Beschaffenheit des Amazonasgebietes. Die Landwechselwirtschaft dieser Gruppen war lange Zeit ertragreich genug, um diese Bevölkerung mit Reis, Bohnen, Mais und Früchten zu versorgen. Die geringe Bevölkerungsdichte erlaubte ihnen, ihre Felder lange genug brachliegen zu lassen, so dass sich der Boden wieder in den natürlichen Nährstoffkreislauf einfügen und nach etlichen Jahren erneut bestellt werden konnte. Ihre Proteine erhielten sie in Form von Fisch aus den Flüssen oder gejagtem Wild. Einige von ihnen sammelten sporadisch Nüsse oder andere Waldprodukte und verkauften diese auf den lokalen Märkten. Leider wird der Gruppe der caboclos heute oft Verachtung entgegengebracht, anstatt von ihnen über die Beschaffenheit der Wälder Amazoniens zu lernen.3
[....]
1 Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística
2 Siehe Kap. 2.1.3
3 Barrow, C. (1990): Environmentally Appropriate, Sustainable Small- farm Strategies for Amazonia, S. 363
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