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Lulu. Der "Prototyp“ der Femme fatale?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 22 Pages
Author: Angela Kauer
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Hauptseminar Frank Wedekinds „Lulu-Dramenkomplex“
Institution/College: Johannes Gutenberg University Mainz (Deutsches Institut)
Tags: Lulu, Prototyp“, Femme, Hauptseminar, Frank, Wedekinds
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 22
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V52697
ISBN (E-book): 978-3-638-48340-7
ISBN (Book): 978-3-638-74429-4
File size: 244 KB
Notes :
Gut recherchierter Vergleich der Darstellung der Lulu in der Urfassung des Wedekind'schen Dramenkomplexes mit der in den späteren Fassungen von 1895 bis 1913. Keine 1,0 wg. eines "Formfehlers" (nicht alle Titel im Text wurden kursiv geschrieben).


Abstract

Die Textgeschichte von Frank Wedekinds Lulu-Dramenkomplex ist eine wechselvolle. Konzipierte Wedekind die Urfassung mit dem Titel Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragoedie bereits während eines Aufenthaltes in Paris (und London) 1892 bis 1894, arbeitete er das Schauerdrama in fünf Akten bis 1913 immer wieder um. Die Urfassung wurde erst Ende der 1980er Jahre wieder entdeckt und 1990 von Hartmut Vinçon in einer historisch-kritischen Ausgabe herausgegeben. Für die Rezeption und literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung wurde der – von Wedekind mit Blick auf den Publikumsgeschmack und unter dem Druck der Zensur in weiten Teilen zurückgenommene – Text der Ausgabe letzter Hand (in den gesammelten Werken von 1913) maßgeblich. Ausgehend von den Reflexionsvorgaben, die diese Ausgabe und insbesondere der 1898 dem Erdgeist vorangestellte Prolog in der Zirkusmenangerie bieten, wurde und wird die Figur der Lulu im Erdgeist und der Büchse der Pandora immer wieder als der im Fin de siècle populäre Typus der Femme fatale interpretiert. Gegen diese recht verbreiteten Deutungen Lulus erheben vor allem Interpretationen Einspruch, die sich auf die Pariser Urfassung beziehen. In der „zur Intrige und jeder Berechnung völlig unfähigen“ Protagonistin der Monstretragödie, sei, so diese Interpreten, keine kalkulierende Verführerin zu erkennen. Im ersten Teil des vorliegenden Buches wird der Begriff der Femme fatale zunächst erörtert. Anschließend setzt es sich mit den weit auseinandergehenden Ansichten der literaturwissenschaftlichen Forschung darüber, ob in der Protagonistin des Wedekindschen Dramenkomplexes der Typus der Femme fatale gestaltet ist, oder nicht, auseinander. Da diese Frage offenbar davon abhängt, welche der Fassungen von Wedekinds Text man einer Interpretation zu Grunde legt, wird zunächst die – dem Charakter einer belle dame sans merci weitgehend widersprechende – Darstellung der Lulu in der Monstretragödie von 1894 erörtert. Anschließend wird anhand geeigneter Textstellen aus der von Erhard Weidl 1989 herausgegebenen Ausgabe des Erdgeist und der Büchse der Pandora, die dem Wortlaut der Ausgabe letzter Hand von 1913 folgt, aufgezeigt, weshalb die Lulu-Figur der späteren Fassungen aus gutem Grund als Femme fatale gesehen werden kann und welche Auswirkungen diese Umgestaltung der Lulu-Figur auf das kritische Potenzial des Stückes hat.


Excerpt (computer-generated)

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Deutsches Institut
Hauptseminar: Frank Wedekinds „Lulu-Dramenkomplex“
Wintersemester 2004/2005

Lulu, der „Prototyp“ der Femme fatale?

Überlegungen zur Gestaltung der Lulu-Figur in Frank Wedekinds „Monstretragoedie“
und deren Umarbeitungen „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“

vorgelegt von:

Angela Kauer 

Publizistik (HF): 7. Semester
Germanistik (NF): 7. Semester
Kulturanthropologie (NF): 7. Semester
Abgabetermin: 15.06.2005

 

 

Inhalt

1. Einleitung S. 3

2. Zwei Gesichter der Lulu S. 4
2.1. Anmerkungen zum Motiv der Femme fatale S. 4
2.2. Lulu, die Kind-Frau der Monstretragödie S. 6
2.3. Die „bekannteste Femme fatale-Gestalt der deutschen Literatur des fin de siècle“ – Lulu im Erdgeist und der Büchse der Pandora S. 10
2.3.1. Die Lulu des Erdgeists S. 10
2.3.2. Die Lulu der Büchse der Pandora S. 14

3. Dissonanzen und ihre Wirkung S. 16

4. Fazit: Lulu, der „Prototyp“ der Femme fatale? S. 19

5. Literaturverzeichnis S. 21

 

 

1. Einleitung

Die Textgeschichte von Frank Wedekinds Lulu-Dramenkomplex ist eine wechselvolle. Konzipierte Wedekind die Urfassung mit dem Titel Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragoedie bereits während eines Aufenthaltes in Paris (und London) 1892 bis 1894, arbeitete er das Schauerdrama in fünf Akten bis 1913 immer wieder um.1 Die Urfassung wurde erst Ende der 1980er Jahre wieder entdeckt und 1990 von Hartmut Vinçon in einer historisch-kritischen Ausgabe herausgegeben.2 Für die Rezeption und literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung wurde der – von Wedekind mit Blick auf den Publikumsgeschmack und unter dem Druck der Zensur in weiten Teilen zurückgenommene3 – Text der Ausgabe letzter Hand (in den gesammelten Werken von 1913) maßgeblich. Er ist als ‚Doppeltragödie’ Erdgeist. Tragödie in vier Aufzügen4 und Die Büchse der Pandora5 bekannt. Ausgehend von den Reflexionsvorgaben, die diese Ausgabe und insbesondere der 1898 dem Erdgeist vorangestellte Prolog in der Zirkusmenangerie bieten, wurde und wird die Figur der Lulu im Erdgeist und der Büchse der Pandora immer wieder als der im Fin de siècle populäre Typus der Femme fatale interpretiert, als „das wahre Tier, das wilde, schöne Tier“6, als dämonische Verführerin, der die Männer gleich reihenweise zum Opfer fallen.7 Gegen diese recht verbreiteten Deutungen Lulus als prototypische Femme fatale erheben vor allem Interpretationen Einspruch, die sich auf die Pariser Urfassung beziehen. In der „zur Intrige und jeder Berechnung völlig unfähigen“8 Protagonistin der Monstretragödie, sei, so diese Interpreten, keine kalkulierende Verführerin zu erkennen.9

Die vorliegende Arbeit wird den Begriff der Femme fatale vorab genauer klären und sich anschließend mit den weit auseinandergehenden Ansichten der literaturwissenschaftlichen Forschung darüber, ob in der Protagonistin des Wedekindschen Dramenkomplexes der Typus der Femme fatale gestaltet ist, oder nicht, auseinandersetzen. Da diese Frage offenbar davon abhängt, welche der Fassungen von Wedekinds Text man einer Interpretation zu Grunde legt, wird zunächst die – dem Charakter einer belle dame sans merci10 weitgehend widersprechende – Darstellung der Lulu in der Monstretragödie von 1894 erörtert. Anschließend soll anhand geeigneter Textstellen aus der von Erhard Weidl 1989 herausgegebenen Ausgabe des Erdgeist und der Büchse der Pandora, die dem Wortlaut der Ausgabe letzter Hand von 1913 folgt, aufgezeigt werden, weshalb die Lulu-Figur der späteren Fassungen aus gutem Grund als Femme fatale gesehen werden kann.11 Welche Auswirkungen hat diese Umgestaltung der Lulu-Figur auf das kritische Potenzial des Stückes? Abschließend diskutiert werden soll die Frage, inwiefern und vor allem mit welcher Wirkung das Bild der „unschuldigen [...] kindsäugigen Sünderin,“12 wie sie die Lulu der Monstretragödie verkörpert, das Bild der Verführerin und Verderberin, als die Lulu in den späteren Fassungen Erdgeist und Die Büchse der Pandora dargestellt wird, durchbricht.

2. Zwei Gesichter der Lulu

2.1 Anmerkungen zum Motiv der Femme fatale

In seinem einleitenden Vortrag zur Wiener Aufführung der Büchse der Pandora 1905 bezeichnet Karl Kraus Lulu als „Allzerstörerin“13, auch wenn sie seiner Meinung nach „zur Allzerstörerin wurde“, weil sie „von allen zerstört ward.“14 Kraus rekurriert hier auf das epochentypische Wunsch- und zugleich Angstbild der Femme fatale. Zeitgenössisch, so macht dieses Beispiel deutlich, wurde Wedekinds Lulu-Figur als belle dame sans merci wahrgenommen. Doch auch die neuere Forschung sieht in ihr das Motiv der „dämonischen Verführerin“15 umgesetzt. Dass das Stichwort der Femme fatale in Zusammenhang mit der Lulu-Figur immer wieder fällt, ist hauptsächlich auf ihre Darstellung in den Umarbeitungen der Monstretragödie, den Texten Erdgeist und Die Büchse der Pandora, zurückzuführen.16 Der Frage, ob die Protagonistin des Lulu- Dramenkomplexes als Femme fatale gestaltet ist, oder nicht kann nicht nachgegangen werden, ohne diesen Begriff genauer zu klären. Die Aspekte der Femme fatale-Gestalt hat Carola Himes folgendermaßen zusammengefasst:

[....]


1 Zu einer umfassenden Darstellung der komplizierten Textgeschichte vgl. statt vieler: Vinçon, Hartmut: Lulu. Dramatische Dichtung in zwei Teilen. Eine philologische Revision. In: Austermühl, Elke (Hrsg.): Frank Wedekind. Texte, Interviews, Studien. Darmstadt 1989, S. 77-128.

2 Wedekind, Frank: Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragoedie. Historisch-kritische Ausgabe der Urfassung von 1894, herausgegeben, kommentiert und mit einem Essay von Hartmut Vinçon. Darmstadt 1990 (=Pharus Bd. 3). Im Folgenden zitiert als Wedekind: Eine Monstretragödie.

3 Vgl. Florack, Ruth: Wedekinds „Lulu“. Zerrbild der Sinnlichkeit. Tübingen 1995, S. 8. Im Folgenden zitiert als Florack: Zerrbild der Sinnlichkeit.

4 Diese besteht aus den ersten drei Akten der Monstretragödie. Versehen wird Erdgeist bereits 1895 mit einem neuen dritten Akt, der ursprüngliche dritte Akt wird zum vierten, 1898 fügt Wedekind den Prolog in der Zirkusmenangerie hinzu. Vgl. Liebrand, Claudia: Noch einmal: Das wilde, schöne Tier Lulu. Rezeptionsgeschichte und Text. In: Gutjahr, Ortrud (Hrsg.): Frank Wedekind. Würzburg 2001 (= Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Jahrbuch für Literatur und Psychoanalyse. Bd. 20), S. 179- 194, hier S. 179.

5 Diese basiert auf Akt vier und fünf der Urfassung und wurde um einen neuen ersten Akt ergänzt. Als Reaktion auf den berühmten Prozess von 1906 versah Wedekind diese Fassung mit einem satirischen Vorwort, in der Ausgabe von 1913 ließ er dem Vorwort den Prolog in der Buchhandlung folgen. Vgl. Florack: Zerrbild der Sinnlichkeit, S. 5 f.

6 Wedekind, Frank: Lulu. Erdgeist. Die Büchse der Pandora. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Erhard Weidl. Stuttgart 1989, (E Prolog) S. 8. Im Folgenden zitiert als Wedekind: Erdgeist/Pandora.

7 Vgl. z.B. Hilmes, Carola: Die femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur. Stuttgart 1990, hier insbesondere S. 155-176.

8 Martin, Ariane: Pierrot als Femme fatale? Zu den Fassungen und Deutungen von Frank Wedekinds „Lulu“-Dramenkomplex in kulturwissenschaftlicher Perspektive. In: Musil-Forum. Studien zur Literatur der klassischen Moderne 27 (2001/2002), S. 119-136, hier S. 123.

9 Vgl. z.B. Florack: Zerrbild der Sinnlichkeit, S. 52 und S. 67 ff.

10 Vgl. Hilmes: a.a.O., Vorwort S. X.

11 Die Wahl dieser Ausgabe scheint mir legitim, weil sie – im Vergleich mit der Monstretragödie – das „Ineinander von Textproduktion und Textrezeption“ verdeutlicht und daher nicht, wie Ruth Florack meint, die Korruption eines Textes darstellt, sondern als Zeugnis eines dynamischen work in progress anzusehen ist. Vgl. Liebrand: a.a.O., S. 182.

12 Nietzsche, Friedrich: „Also sprach Zarathustra“ I-IV. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden KSA Bd. 4 herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Berlin ²1988, S. 283.

13 Kraus, Karl: Die Büchse der Pandora. In: Die Fackel 7/182, S. 1-14, hier S. 2.

14 Kraus: a.a.O., S. 2

15 Hilmes: a.a.O., S. 155.

16 Dass sich die Deutlichkeit der Darstellung Lulus als Femme fatale in den jeweiligen Fassung des Erdgeist (1895, 1903, 1913) und der Büchse der Pandora (1902, 1913) auch untereinander unterscheidet, bleibt an dieser Stelle aus Platzgründen unberücksichtigt. Der Darstellung Lulus in der Monstretragödie wird hier lediglich ihre Darstellung in der Ausgabe letzter Hand gegenüber gestellt. Einen ausführlicheren Vergleich aller Fassungen bietet Florack. Vgl. Florack: a.a.O., S. 173-258.


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