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Warum dreht sich Orpheus nach Eurydike um? Vergleich ausgewählter literarischer Bearbeitungen des Orpheus-Mythos

Scholary Paper (Seminar), 2003, 23 Pages
Author: Beate Leiter
Subject: Latin

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2003
Pages: 23
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V52900
ISBN (E-book): 978-3-638-48483-1
ISBN (Book): 978-3-638-68814-7
File size: 197 KB

Abstract

Schon in der Antike entstanden zahlreiche Varianten der Geschichte des Orpheus, wie aus Konrat Zieglers umfangreichen Artikel Realencyklopädie hervorgeht. In der bildenden Kunst und Literatur Griechenlands tritt Orpheus etwa ab 700 v. Chr. als Mysterienpriester und Begründer der Orphik auf, weiterhin entstehen ungefähr gleichzeitig nicht-sakrale Darstellungen seiner Person, in denen er der erste Dichter, Sänger und Kithara- oder Lyra-Spieler, manchmal auch Erfinder dieses Instruments, der Schrift oder des Hexameters ist, berühmt für die gewaltige magische Wirkung seines Gesanges und seiner Musik. Diese Wirkung faszinierte viele Dichter und Künstler und regte deren Fantasie an, so dass zahlreiche unterschiedliche Werke um den Mythos des Orpheus entstanden, wobei sich die Überlieferungen nur in einem Punkt einig sind: Er stammte aus Thrakien. Ein wichtiges Ereignis in der mythischen Biographie des Orpheus ist der Abstieg in die Unterwelt: Orpheus, der sich mit dem Tod seiner Frau Eurydike nicht abfinden will, steigt in den Hades hinab, um sie zurück auf die Oberwelt zu holen. Aufgrund der Wirkung seines Gesanges geben die Götter seinem Bitten nach, doch unter einer Bedingung: Er darf sich auf dem Weg in die Oberwelt nicht nach Eurydike umdrehen. Diese heute allgemein bekannte Bedingung ist vor Vergil nicht belegt. Und dennoch dreht sich Orpheus um, obwohl er damit Eurydike verliert. Ziel dieser Hausarbeit ist es, einzelne ausgewählte literarische Bearbeitungen dieses Mythos´ im Hinblick auf die Beantwortung jener zentralen Frage zu untersuchen, die da lautet: Warum dreht sich Orpheus um? Im Vorfeld sei darauf hingewiesen, dass die folgenden Textstellen der antiken lateinischen Quellen in dieser Arbeit nicht erschöpfend stilistisch analysiert wurden, da im Hinblick auf einen Vergleich die modernen deutschen Orpheus- Erzählungen ebenso eingehend untersucht hätten werden müssen, und dies den Rahmen der Hausarbeit gesprengt hätte.


Excerpt (computer-generated)

Warum dreht sich Orpheus nach Eurydike um?
Vergleich ausgewählter literarischer
Bearbeitungen des Orpheus-Mythos

von: Beate Leiter

SS 2003

 


Inhaltsverzeichnis

1. ‚Vorblick‘  3

2. Antike Orpheus-Erzählungen:  4

2.1. Vergil – P. Vergilius Maro  4
2.2. Ovid – Ovidius Naso Publius  7
2.3. Zusammenfassender Vergleich der antiken Orpheus-Erzählungen  9

3. Neuzeitliche Orpheus-Darstellungen 10

3.1. Rainer Maria Rilke 10
3.2. Hans Erich Nossack  16
3.3. Zusammenfassender Vergleich der modernen Orpheus-Darstellungen 19
3.4. ‚Einblicke‘ in weitere ‚Umblicke‘  20

4. ‚Rückblick‘  20

5. Literaturverzeichnis  22



 

 

1. ‚Vorblick‘

Schon in der Antike entstanden zahlreiche Varianten der Geschichte des Orpheus, wie aus Konrat Zieglers umfangreichen Artikel Realencyklopädie1 hervorgeht. In der bildenden Kunst und Literatur Griechenlands tritt Orpheus etwa ab 700 v. Chr. als Mysterienpriester und Begründer der Orphik auf, weiterhin entstehen ungefähr gleichzeitig nicht-sakrale Darstellungen seiner Person, in denen er der erste Dichter, Sänger und Kithara- oder Lyra-Spieler, manchmal auch Erfinder dieses Instruments, der Schrift oder des Hexameters ist, berühmt für die gewaltige magische Wirkung seines Gesanges und seiner Musik. Diese Wirkung faszinierte viele Dichter und Künstler und regte deren Fantasie an, so dass zahlreiche unterschiedliche Werke um den Mythos des Orpheus entstanden, wobei sich die Überlieferungen nur in einem Punkt einig sind: Er stammte aus Thrakien.

Ein wichtiges Ereignis in der mythischen Biographie des Orpheus ist der Abstieg in die Unterwelt: Orpheus, der sich mit dem Tod seiner Frau Eurydike nicht abfinden will, steigt in den Hades hinab, um sie zurück auf die Oberwelt zu holen. Aufgrund der Wirkung seines Gesanges geben die Götter seinem Bitten nach, doch unter einer Bedingung: Er darf sich auf dem Weg in die Oberwelt nicht nach Eurydike umdrehen. Diese heute allgemein bekannte Bedingung ist vor Vergil nicht belegt. Und dennoch dreht sich Orpheus um, obwohl er damit Eurydike verliert. Ziel dieser Hausarbeit ist es, einzelne ausgewählte literarische Bearbeitungen dieses Mythos´ im Hinblick auf die Beantwortung jener zentralen Frage zu untersuchen, die da lautet: Warum dreht sich Orpheus um? Im Vorfeld sei darauf hingewiesen, dass die folgenden Textstellen der antiken lateinischen Quellen in dieser Arbeit nicht erschöpfend stilistisch analysiert wurden, da im Hinblick auf einen Vergleich die modernen deutschen Orpheus- Erzählungen ebenso eingehend untersucht hätten werden müssen, und dies den Rahmen der Hausarbeit gesprengt hätte.

2. Antike Orpheus-Erzählungen:

2.1. Vergil – P. Vergilius Maro

Georgicon IV: Vierter Gesang, Vers 485 – 498:
Iamque pedem referens casus evaserat omnis,
redditaque Eurydike superas veniebat ad auras
pone sequens (namque hanc dederat Proserpina legem),
cum subita incautum dementia cepit amantem,
ignoscenda quidem, scirent si ignoscere manes:
restitit, Eurydicenque suam iam luce sub ipsa
immemor heu! victusque animi respexit. ibi omnis
effusus labor atque immitis rupta tyranni
foedera, terque fragor stagnis auditus Averni.
illa ‚quis et me‘ inquit ‚miseram et te perdidit, Orpheu,
quis tantus furor? en iterum crudelia retro
fata vocant, conditque natantia lumina somnus.
iamque vale: feror ingenti circumdata nocte
invalidasque tibi tendens, heu non tua, palmas.‘

Übersetzung:

Und schon war er umgekehrt, war er allem Verfall entkommen,
war Eurydice ihm wiedergegeben und auf dem Weg zur Oberwelt –
hinter ihm her (dieses Gebot nämlich hatte Proserpina auferlegt),
als plötzlich den unbedachten Liebenden Wahnsinn ergriff,
ein verzeihlicher freilich, wenn die Manen zu verzeihen wüssten:
er blieb stehen, schon beinahe unter dem Tageslichte selbst, und zu seiner
Eurydike blickte er selbstvergessen – weh! – und besiegt durch sein Verlangen
zurück. Da war alle Mühe umsonst und der Vertrag mit dem harten Tyrannen
gebrochen, und dreimal wurde das Donnern des Avernersees gehört.
„Was hat sowohl mich“, klagte jene, „als auch dich vernichtet; Orpheus,
was für ein großer Wahnsinn? Wiederum ruft mich das grausame Schicksal
zurück, schließt mir die brechenden Augen der Tod.
Und schon lebe wohl: ich stürze, umgeben von tiefster Nacht, hinab
Und die schwachen Arme strecke ich dir entgegen, – weh – nun nicht mehr die
Deine.“

Die Motivation des Orpheus, sich nach Eurydike umzublicken, ist bei Vergil eindeutig genannt und auch negativ bewertet: Er sieht zu ihr aus rasender Leidenschaft zurück, die plötzlich über ihn kommt (‚subita dementia‘, V. 488, ‚tantus furor‘, V. 495). Vergil erzählt die Geschichte von Orpheus und Eurydike im vierten Buch der „Georgica“ (entstanden 36-29 v. Chr.), eingebettet in jenen Abschnitt, der die Bienenzucht behandelt. Die Geschichte ist also eine Binnenerzählung, die den Zweck hat, den Hirten Aristaeus, dem die Geschichte vom Seher Proteus erzählt wird, auf seine Schuld hinzuweisen.

Denn weil Aristaeus Eurydikes Tod zu verschulden hat, da er der frisch Vermählten in blinder Leidenschaft nachgestellt hatte und sie auf der Flucht vor ihm durch den Biss einer Giftschlange getötet worden war, verfolgt ihn nun der Zorn der Götter und des Orpheus. Da es die Absicht des Erzählers ist, Aristaeus zu rühren, ist die Sprechweise des Proteus nicht erzählend, sondern vielmehr hinweisend, stellenweise dramatisch und erfüllt von Pathos, ähnlich dem Orakelstil. Daher wird in der vergilischen Orpheus-Geschichte der äußerliche Fortgang der Handlung vernachlässigt. Man erfährt weder die Argumente des Orpheus noch die Umstände von Eurydikes Freilassung noch den genauen Inhalt der daran geknüpften Bedingungen.

[...]


1 Ziegler, Konrat: Orpheus. In: Kroll, Wilhelm (Hrsg.): Paulys Realencyklopädie der classischen Altertumswissenschaft. 1894ff; Bd. 18/1/1, Stuttgart 1939; Sp. 1200 - 1316


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