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Franz Kafkas Brief an den Vater - Ein Literarisches Selbstportrait

Thesis (M.A.), 2005, 90 Pages
Author: Catherine Kimmle
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2005
Pages: 90
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 44  Entries
Language: German
Archive No.: V53192
ISBN (E-book): 978-3-638-48707-8

File size: 394 KB
Notes :




Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Neuphilologischen Fakultät
Magisterarbeit

FRANZ KAFKAS BRIEF AN DEN VATER
EIN LITERARISCHES SELBSTPORTRAIT

eingereicht von:
Catherine Kimmle

August 2005

 

Alles Unglück meines Lebens – womit ich nicht klagen, sondern nur eine allgemein belehrende Feststellung machen will – kommt von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. Es ist in meinem Fall ein besonderes Unglück, von dem ich hier nicht weiter reden will, aber gleichzeitig auch ein allgemeines. Die leichte Möglichkeit des Briefschreibens muß – bloß theoretisch angesehn – eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern mit dem eigenen Gespenst, das sich unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt […]
Kafka in einem späten Brief an Milena (M 259f.)

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort ... iii

Einleitung ... 3

1. Zur Entstehung des Briefs an den Vaters ... 6

2. Kindheit Franz Kafkas ... 10
2.1 (Väterliche) Erziehung ... 11
2.2 Die Pawlatsche – Sinnbild einer autoritären Erziehung ... 14
2.3 „Die Treiberin in der Jagd“: Zur Rolle der Mutter ... 17

3. Der Vater-Sohn-Konflikt ... 20
3.1 Die Entwicklung des Konflikts ... 20
3.2 Der persönliche Konflikt ... 22
3.3 Überindividuelle Bedeutung ... 25
3.4 Autorschaft als Vaterschaft ... 28
3.5 Ödipus-Komplex  ... 29

4. Realität und literarische Fiktion ... 31
4.1 Der reale Hermann Kafka ... 31
4.2 Der reale Franz Kafka ... 33

5. Form und Sprache ... 37
5.1 Form ... 37
5.2 Sprache ... 38
5.2.1 Schuld ... 39
5.2.2 Angst ... 42
5.2.3 Macht ... 44
5.2.4 Sprachliche Machtspiele ... 46

6. Themen im Brief an den Vater ... 49
6.1 Judentum ... 49
6.2 Kommunikation und Schreiben ... 53
6.3 Berufswahl ... 57
6.4 „Zwang zur Bilanz“: Die Heiratsversuche und Ehehindernisse ... 60

7. Zum Wahrheitsgehalt des Briefes ...65
7.1 Literarisierungstechniken und Konstruktionsprinzipien ... 65
7.1.1 Übertreibung ... .65
7.1.2 Gegenseitige Spiegelung und oppositionelle Begrifflichkei ...67
7.1.3 Perspektivenverzerrung ... 69
7.1.4 Die Gegenrede des Vaters ... 70
7.2 Subjektive Wahrheit ... ..72
7.3 Autobiographisches Dokument oder literarische Fiktion? ... 75

8. Schlussbetrachtung: Kafkas Gesamtwerk – ein einziger Brief an den Vater? ... 80

Literaturverzeichnis ... 83

 

Einleitung

Die dreibändige Kafka-Biografie von Reiner Stach, von der zum heutigen Zeitpunkt erst der zweite Band Die Jahre der Entscheidungen vorliegt, beginnt mit den Worten: „Das Leben des jüdischen Prager Versicherungsbeamten und Schriftstellers Dr. Franz Kafka dauerte 40 Jahre und 11 Monate. Davon entfielen auf die Schul- und Universitätsausbildung 16 Jahre und 6 ½ Monate, auf die berufliche Tätigkeit 14 Jahre und 8 ½ Monate. Im Alter von 39 Jahren wurde Franz Kafka pensioniert. Er starb an Kehlkopftuberkulose in einem Sanatorium in Wien. […] Franz Kafka blieb unverheiratet. Er war dreimal verlobt: zweimal mit der Berliner Angestellten Felice Bauer, einmal mit der Prager Sekretärin Julie Wohryzek. Mit vermutlich weiteren vier Frauen hatte er Liebesbeziehungen, außerdem sexuelle Kontakte zu Prostituierten. Knapp sechs Monate seines Lebens verbrachte er mit einer Frau in gemeinsamer Wohnung. Er hatte keine Nachkommen.“1

Mit diesen wenigen Worten lässt sich das Leben Franz Kafkas beschreiben und zusammenfassen. Als Schriftsteller hinterließ Franz Kafka etwa vierzig vollendete Prosatexte, von denen man bei einiger Großzügigkeit neun als Erzählungen bezeichnen kann. In der heute maßgeblichen Kritischen Ausgabe seiner Werke umfassen die von Kafka selbst als abgeschlossen betrachteten Texte etwa 350 Druckseiten.

Weiterhin hat er etwa 3400 Druckseiten an Tagebuchaufzeichnungen und literarischen Fragmenten hinterlassen, darunter drei unvollendete Romane. In seinem Testament verlangte er von seinem Freund Max Brod die Vernichtung all dieser Manuskripte. Eine große Anzahl derer zerstörte er selbst. Brod jedoch befolgte nicht seinen Wunsch, sondern veröffentlichte dessen Nachlass, soweit er ihm erreichbar war. Auch die etwa 1500 Briefe, die von Kafka erhalten blieben, wurden fast vollständig publiziert.2 Der im Original rund hundert Seiten umfassende Brief an den Vater, im Jahre 1919 verfasst, erreichte nie den Adressaten Hermann Kafka. Erstmals wurde er 1952 in der Neuen Rundschau veröffentlicht, dann ein Jahr später von Max Brod in dem Band Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß.3

Als er sich dazu entschloss, das Dokument als Ganzes im Rahmen der Gesammelten Werke Kafkas der Öffentlichkeit preiszugeben, hatte er zunächst keine klare Vorstellung, welcher Gattung er das Schriftstück zuteilen sollte. Schließlich entschloss er sich zur Einreihung in das literarische OEuvre des Schriftstellers, wenn er auch gleichzeitig unmissverständlich auf der ursprünglich intendierten Funktion eines Privatbriefes bestand.4

Wie man sieht, befand sich bereits Kafkas enger Freund in dem Zwiespalt, der auch als Grundmuster die Interpretationsversuche des Dokuments durchzieht und letztlich nie zufrieden stellend geklärt werden konnte: Ist der Brief an den Vater als tatsächliche Botschaft an den Vater Hermann Kafka zu verstehen, oder ist er nichts als Literatur und Fiktion?

Auffällig ist, gemessen an der Dichte der Arbeiten zu Kafkas literarischem Werk, der geringe Umfang an Untersuchungen, die sich dem Brief als solchem widmen. Der Grund hierfür scheint ein Gefühl des Unbehagens angesichts des Textes zu sein, das zu einer Abwehrhaltung führt, die sich entweder in Schweigen oder in einer wie immer gearteten Relativierung seiner Aussagen niederschlägt. Die einzelnen Interpretationsmodelle der verschiedenen Schulen der Kafka-Deutung, welche sich in „inselhafter Selbstgenügsamkeit“5 üben, sind außerdem nicht das Ergebnis fortschreitender Diskussion und einem darauf aufbauenden gesicherten Forschungsstand, sodass Einseitigkeit und Subjektivität nicht selten die jeweilige Position bestimmen. 6

Eine zufrieden stellende Klärung des Problems wäre selbstverständlich nur unter vollständiger Kenntnis des menschlichen Charakters und des Lebenslaufs Franz Kafkas möglich. Unnötig zu sagen, dass dies nicht hier nicht ganz gewährleistet werden kann. In der vorliegenden Arbeit habe ich es mir deshalb zur Aufgabe gemacht, basierend auf einer analytischen Auseinandersetzung mit dem Text, stets weitere Lebenszeugnisse, respektive Tagebücher, Biographien und Briefe heranzuziehen – eine für meine Herangehensweise sinnvolle Methode, um Klarheit darüber zu erlangen, ob Franz Kafkas Vater-Komplex, wie er ihn im Brief an den Vater beschreibt, sowie die darin dargestellten Tatsachen der Realität entsprechen oder nicht.

Textvorlage für diese Arbeit bildet die Reclam-Ausgabe des Briefs an den Vater (Reclam Universal-Bibliothek Nr. 9674), die auf dem Band Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß (1953) basiert. Diesbezügliche Zitatnachweise erfolgen mit Seitenangabe und -zahl stets direkt im Anschluss an das Zitierte.

1. Zur Entstehung des Briefs an den Vater

Der Brief an den Vater entstand im November 1919 in Schelesen, einem Dorf im Norden von Prag. Kafka hielt sich dort in einer Pension auf, die er bereits einige Monate zuvor zur Erholung von seiner Lungentuberkulose, welche im August 1917 ihren Ausbruch fand, aufgesucht hatte. Bei seinem ersten Besuch war unter den anderen Lungenkranken, die sich dort in der Pension Stüdl zur Erholung aufhielten eine etwa dreißigjährige Pragerin gewesen, die ihn auf ungewöhnliche Weise mächtig anzog. Mit diesem „Mädchen“, wie er sie in seinen Briefen zumeist nennt, das den Namen Julie Wohryzek trug, verlobte er sich im Sommer 1919. Die für Anfang November 1919 anberaumte Hochzeit kam jedoch nicht zustande, aus dem angeblichen Grund, keine Wohnung zu finden. Kafkas Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter, sodass er sich kurze Zeit nach dem ursprünglich für die Heirat ins Auge gefassten Termin erneut krankschreiben ließ. Er entschloss sich abermals nach Schelesen zu reisen, wo er schließlich den Brief an den Vater verfasste.

[...]


1 Reiner Stach, Die Jahre der Entscheidungen, Frankfurt/M. 2002, S. X

2 Ebd., vgl. S. X

3 Franz Kafka, Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß, NewYork/Frankfurt/M. 1953 (Gesammelte Werke, hg. v. Max Brod)

4 Vgl. Hartmut Binder (Hrsg.), Kafka-Handbuch in zwei Bänden. Band 2: Das Werk und seine Wirkung, Stuttgart 1979, S. 519

5 Ebd., S. 520

6 Ebd., vgl., S. 520


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