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Seduktion als persuasiver Sonderfall in Robert Greenes "24 Gesetze der Verführung": Was darf der Seduktor, was der Orator nicht darf?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 19 Pages
Author: Andreas Glombitza
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 19
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V53410
ISBN (E-book): 978-3-638-48870-9
ISBN (Book): 978-3-638-77330-0
File size: 222 KB

Abstract

„All is fair in love and war“, so sagt ein altes Sprichwort: Im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Liest man nur das Vorwort des populären Ratgebers „Die 24 Gesetze der Verführung“ von Robert Greene, bekommt man den Eindruck, dies ist sein Programm. Vom „Kampf um die Macht“1 ist da die Rede, von „Verführung als weiblicher Variante der Kriegführung“2, von der „Perspektive des Kriegers“3, die ein Verführer einnehmen müsse, auch davon, ein Opfer „in die Irre [zu] führen“, bis es schließlich durch den sexuellen Akt „weiter versklavt“4 werde. Das Sprichwort und Greenes martialische Metaphorik implizieren eine Art wesenhafte Verbindung von Liebe und Krieg: sie könnte darin bestehen, daß beide sich schlecht unter herkömmlichen moralischen Kategorien verhandeln lassen – indem beide scheinbar eine Art Verkehrung der Welt mit sich bringen. Zumindest könnte man sagen: einiges ist im Bereich der Partnerwerbung erlaubt, was in der Normalkommunikation verboten ist. Greene geht soweit, zu behaupten, als Verführte (also Verliebte) „verlieren [wir] die Fähigkeit des logischen Denkens und verhalten uns auf mancherlei Weise so irrational, wie wir es sonst nie tun würden“6 – der Verführer solle diesen Zustand induzieren. Verführung sei schließlich „eine Form der Täuschung“, und „Verführer [scheren] sich nicht um die Meinung anderer Menschen“7. Wenn wir uns einer Kunst der Verführung von innerhalb der Rhetoriktheorie aus nähern wollen, können wir mit einem derart kriegerischmanipulativen Ansatz natürlich nur beschränkt operieren. Um Seduktion als Phänomen innerhalb sozialer Systeme ansprechen zu können, müssen wir vielmehr versuchen, die speziellen Voraussetzungen aufzuzeigen, die einer Kommunikation, die auf seduktivpersuasive Beeinflussung abzielt, zugrunde liegen. Davon gilt es, Regelhaftigkeiten für eine ars seducendi abzuleiten, deren Anwendung sich nicht mehr unmittelbar dem Manipulationsvorwurf ausgesetzt sieht. Wir werden uns deshalb, nach Klärung der Grundbegriffe, zunächst klarmachen, was für Voraussetzungen für eine solche ars bestehen. Dann werden wir uns Greenes Verführertypen vornehmen und untersuchen, wo die Unterschiede zwischen Orator und Seduktor zu suchen sind.


Excerpt (computer-generated)

Eberhard-Karls Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
HS: Ars Seducendi
SS 2005, Fachsemester 07

Seduktion als persuasiver Sonderfall in Robert Greenes 24
Gesetze der Verführung: Was darf der Seduktor,
was der Orator nicht darf?

von: Andreas Glombitza

 


Inhalt

1. Einleitung  2

2. Was darf der Seduktor, was der Orator nicht darf?  4

2.1 Begriffe und Grundlagen 4

2.1.1 Techne/Ars  4
2.1.2 Anforderungen an eine Kasualrhetorik  5
2.1.3 Meta-telos und sub-tele der Seduktion, Zeitpunkt der Zertumserlangung 6

2.2 Technographische Bedingungen einer Ars Seducendi  8
2.3 Greene als Kasualrhetorik der Seduktion  11

2.3.1 Selbstanalyse, Image-Projektion, Integritätsproblematik 11

2.4 Bedingungen der erweiterten Seduktions-licentia 14

2.4.1 Das Kooperationsprinzip und seine Maxime  14
2.4.2 Greenes Anti-Verführer: Erkennen seduktiver Sondervoraussetzungen  14

3. Zusammenfassung 17

4. Literaturverzeichnis 18


 

 

1. Einleitung

„All is fair in love and war“, so sagt ein altes Sprichwort: Im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt. Liest man nur das Vorwort des populären Ratgebers „Die 24 Gesetze der Verführung“ von Robert Greene, bekommt man den Eindruck, dies ist sein Programm. Vom „Kampf um die Macht“1 ist da die Rede, von „Verführung als weiblicher Variante der Kriegführung“2, von der „Perspektive des Kriegers“3, die ein Verführer einnehmen müsse, auch davon, ein Opfer „in die Irre [zu] führen“, bis es schließlich durch den sexuellen Akt „weiter versklavt“4 werde. Das Sprichwort und Greenes martialische Metaphorik implizieren eine Art wesenhafte Verbindung von Liebe und Krieg: sie könnte darin bestehen, daß beide sich schlecht unter herkömmlichen moralischen Kategorien verhandeln lassen – indem beide scheinbar eine Art Verkehrung der Welt mit sich bringen. Im Falle des Krieges ist dies noch recht offensichtlich: „Wir sind versucht zu lachen, wenn wir an das feierliche Gebot denken: „Du sollst nicht töten“, [dem] die Segnung der Armeen und das „Te Deum“ der Apotheose folgen. Auf das Gebot folgt ohne Umstände die Mittäterschaft am Mord!“ – aber dieser Mord ist unter kriegerischen Voraussetzungen sozial nicht geächtet, ja sogar erwünscht. Die Beobachtung George Batailles taucht im Zusammenhang mit einer Untersuchung über die Natur und Herkunft des Tabus auf – er begreift den Krieg als karnivaleske Überschreitung des Tötungstabus, die aber das Tabu nicht bricht, sondern ihm inhärent ist und als solche eigenen Regeln unterliegt5. Zumindest in gewisser Weise ähnlich scheint es sich in der Liebe zu verhalten: einiges ist im Bereich der Partnerwerbung erlaubt, was in der Normalkommunikation verboten ist. Greene geht soweit, zu behaupten, als Verführte (also Verliebte) „verlieren [wir] die Fähigkeit des logischen Denkens und verhalten uns auf mancherlei Weise so irrational, wie wir es sonst nie tun würden“6 – der Verführer solle diesen Zustand induzieren. Verführung sei schließlich „eine Form der Täuschung“, und „Verführer [scheren] sich nicht um die Meinung anderer Menschen“7. Wenn wir uns einer Kunst der Verführung von innerhalb der Rhetoriktheorie aus nähern wollen, können wir mit einem derart kriegerischmanipulativen Ansatz natürlich nur beschränkt operieren. Um Seduktion als Phänomen innerhalb sozialer Systeme ansprechen zu können, müssen wir vielmehr versuchen, die speziellen Voraussetzungen aufzuzeigen, die einer Kommunikation, die auf seduktivpersuasive Beeinflussung abzielt, zugrunde liegen. Davon gilt es, Regelhaftigkeiten für eine ars seducendi abzuleiten, deren Anwendung sich nicht mehr unmittelbar dem Manipulationsvorwurf ausgesetzt sieht. Wir werden uns deshalb, nach Klärung der Grundbegriffe, zunächst klarmachen, was für Voraussetzungen für eine solche ars bestehen. Dann werden wir uns Greenes Verführertypen vornehmen und untersuchen, wo die Unterschiede zwischen Orator und Seduktor zu suchen sind.

2. Was darf der Seduktor, was der Orator nicht darf?

2.1 Begriffe und Grundlagen

2.1.1 Techne/Ars

Der Begriff techne bezeichnet nach Lausberg eine „von einem vernünftigen Wesen planvoll ins Werk gesetzte Handlung“8 sowie den Plan selbst, der der Handlung zugrunde liegt. Die Voraussetzungen für das Vorkommen einer solchen Handlung ist die „[...] natürliche Möglichkeit dieser Handlung beim Menschen“9, natura. Der Plan selbst kommt folgendermaßen zustande: ein zunächst lediglich mit der natürlichen Anlage zur intendierten Handlung ausgestatteter Mensch erschafft durch eine Verkettung von Zufällen ein „erstes“ Kunstwerk. „Die Wiederholung dieses nur festgestellten10, nicht verstandenen Handlungszusammenhangs führt zur ′Erfahrung′ [...]“11 oder empireia. „In der [empireia] wird [der Zufall] in bewährte Bahnen gelenkt. Hierbei ist die Erfahrenheit bedingende und festigende Wiederholung bereits eine imitatio.“12

[...]


1 Greene, S. 15

2 Greene, S. 16

3 Greene, S. 19

4 Greene, S. 18

5 Bataille, S. 59

6 Greene, S. 17

7 Greene, S. 21

8 Lausberg, §2, S. 25

9 Lausberg, §2, S. 25

10 Diese „Feststellung“ beinhaltet aber offenbar eine Bewertung des Resultats – eine solche kann letztlich nur aus der Perspektive des zur Wirkung gekommenen opus getroffen werden. Doch setzt sie nicht bereits das Beurteilungswissen eines crites voraus?

11 Lausberg, §2, S. 26


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