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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 20 Pages
Author: Andreas Glombitza
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory
Details
Institution/College: University of Tubingen (Seminar für Allgemeine Rhetorik)
Tags: Situative, Dimissive, Aspekte, Performanz
Year: 2006
Pages: 20
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-48875-4
ISBN (Book): 978-3-638-77331-7
File size: 199 KB
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Abstract
Die antike Rhetoriktheorie nach Cicero unterscheidet bekanntlich fünf partes artis, deren sich drei mit Fragen der Textproduktion beschäftigen (inventio, dispositio, elocutio), einer mit der Textspeicherung (memoria) und der letzte (actio) mit der Aufführung oder Sendung. Fast das vollständige Gewicht des rhetorischen Theoriegebäudes lastet dabei auf den ersten drei partes; Speicherung und Sendung von Texten werden eher spärlich abgehandelt. Dieser Umstand scheint im krassen Widerspruch zur Persuasionsrelevanz zumindest des letzten pars zu stehen: Die römischen Rhetoriklehrer überlieferten die Anekdote, daß der berühmteste griechische Redner Demosthenes auf die Frage, was das wichtigste Element der Beredsamkeit sei, geantwortet habe: Erstens actio, zweitens actio, drittens actio!1 Die bloße Möglichkeit der persuasiven Wechselerzeugung hat die Sendung des Redetextes notwendig zur Voraussetzung. Dass der theoretische Zugriff auf diesen Sektor trotzdem recht knapp ausfiel, mag damit zusammenhängen, „[...] daß man die rhetorisch-performative Kompetenz (Aufführungskompetenz) weitgehend für eine Naturgabe hielt, die sich der rhetorischen Kunstlehre entzog“2. In den letzten Jahrzehnten hat der Begriff der „Performanz“ und des „Performativen“ in verschiedenen theoretischen Diskursen große Beachtung erfahren. Aus Sicht der Rhetoriktheorie stellt sich die Frage, ob die genannten Performanzbegriffe mit einer rhetorischen Sichtweise überhaupt kompatibel sind und inwieweit man die teils interdisziplinären Theorieansätze zur Performanz für eine Austheoretisierung der erwähnten rhetorischen „performativen Kompetenz“ nutzbar machen kann. Gesonderte Beachtung soll dabei den Medialisierungsbedingungen situativer, also klassisch-rhetorischer Settings einerseits, und den Herausforderungen dimissiver Kommunikation andererseits gelten. Zunächst bedarf es dazu einer Bestimmung des Performanzbegriffes in seinen verschiedenen Verwendungszusammenhängen. Diese können wir auf drei Begriffsoppositionen eindampfem. Schließlich wird zu klären sein, welcher theoretische Stellenwert dem Performanzbegriff dabei jeweils zukommt. Wir werden dann kurz summieren, was die klassische Rhetorik an Theorie zu bieten hat und wie sie zur Performanz steht. Schließlich werden wir drei Basissettings beleuchten und feststellen, ob und wie man unter deren Bedingungen von Performanz sprechen kann und wo sich Anschlussmöglichkeiten ergeben könnten.
Excerpt (computer-generated)
Eberhard-Karls Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
HS: Performanz
WS 2005/2006, Fachsemester 08
Situative und Dimissive Aspekte von Performanz
von: Andreas Glombitza
Inhalt
1. EINLEITUNG 2
2. ANALYSE 3
2.1 Begriffsklärung: Verwendungszusammenhänge „Performanz/performance/Performativität“ 3
a. Performance vs. Competence: Der transformationsgrammatische Performanzbegriff 3
b. Performative vs. Constative Utterances: Der Performanzbegriff Austins 5
c. Performanz vs. Text: Performanztheorie des Theaters 8
2.2 Bewertung der Performanzbegriffe im Hinblick auf rhetorische Theoriebildung 10
2.2.1 Performanz als Präsenz: zum rhetorischen Performanzbegriff 10
2.2.2 Performanz in der Situation 12
2.2.3 Performanz unter dimissiven Bedingungen 14
3. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 16
4. LITERATURVERZEICHNIS 18
1. Einleitung
Die antike Rhetoriktheorie nach Cicero unterscheidet bekanntlich fünf partes artis, deren sich drei mit Fragen der Textproduktion beschäftigen (inventio, dispositio, elocutio), einer mit der Textspeicherung (memoria) und der letzte (actio) mit der Aufführung oder Sendung. Fast das vollständige Gewicht des rhetorischen Theoriegebäudes lastet dabei auf den ersten drei partes; Speicherung und Sendung von Texten werden eher spärlich abgehandelt. Dieser Umstand scheint im krassen Widerspruch zur Persuasionsrelevanz zumindest des letzten pars zu stehen: Die römischen Rhetoriklehrer überlieferten die Anekdote, daß der berühmteste griechische Redner Demosthenes auf die Frage, was das wichtigste Element der Beredsamkeit sei, geantwortet habe: Erstens actio, zweitens actio, drittens actio!1 Die bloße Möglichkeit der persuasiven Wechselerzeugung hat die Sendung des Redetextes notwendig zur Voraussetzung. Dass der theoretische Zugriff auf diesen Sektor trotzdem recht knapp ausfiel, mag damit zusammenhängen, „[...] daß man die rhetorisch-performative Kompetenz (Aufführungskompetenz) weitgehend für eine Naturgabe hielt, die sich der rhetorischen Kunstlehre entzog“2. In den letzten Jahrzehnten hat der Begriff der „Performanz“ und des „Performativen“ in verschiedenen theoretischen Diskursen große Beachtung erfahren. Eine steile Karriere war dem Performanzbegriff etwa in der englischsprachigen Linguistik beschieden. Nachdem sprachliche performance vorher von Chomsky aus dem Gegenstandsbereich der Linguistik kategorisch verbannt worden war, wurde sie im Zuge des pragmatic turn u. A. von D. H. Hymes und J. L. Austin unter verschiedenen Vorzeichen wieder ins Blickfeld gerückt. Unabhängig davon wird der Begriff der „Aufführung“ zentraler Gegenstand der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts konstituierenden Theaterwissenschaft. Schließlich treten seit den sechziger/siebziger Jahren die Begriffe der Performance/Happening/Aktionskunst als zunächst avantgardistische Gegenentwürfe zur bildenden Kunst auf.
Aus Sicht der Rhetoriktheorie stellt sich die Frage, ob die genannten Performanzbegriffe mit einer rhetorischen Sichtweise überhaupt kompatibel sind und inwieweit man die teils interdisziplinären Theorieansätze zur Performanz für eine Austheoretisierung der erwähnten rhetorischen „performativen Kompetenz“ nutzbar machen kann. Gesonderte Beachtung soll dabei den Medialisierungsbedingungen situativer, also klassisch-rhetorischer Settings einerseits, und den Herausforderungen dimissiver Kommunikation andererseits gelten. Zunächst bedarf es dazu einer Bestimmung des Performanzbegriffes in seinen verschiedenen Verwendungszusammenhängen. Diese können wir auf drei Begriffsoppositionen eindampfem. Schließlich wird zu klären sein, welcher theoretische Stellenwert dem Performanzbegriff dabei jeweils zukommt. Wir werden dann kurz summieren, was die klassische Rhetorik an Theorie zu bieten hat und wie sie zur Performanz steht. Schließlich werden wir drei Basissettings beleuchten und feststellen, ob und wie man unter deren Bedingungen von Performanz sprechen kann und wo sich Anschlussmöglichkeiten ergeben könnten.
2. Analyse
2.1 Begriffsklärung: Verwendungszusammenhänge „Performanz/performance/Performativität“
a. Performance vs. Competence: Der transformationsgrammatische Performanzbegriff
Aus Noam Chomskys Perspektive hat linguistische Theoriebildung zwei Seiten: linguistic competence und linguistic performance. D. H. Hymes bemerkt dazu später (natürlich mit kritischem Unterton): Linguistic competence is understood as concerned with the tacit knowledge of language structure, that is, knowledge that is commonly not conscious or available for spontaneous report, but neces- sarily implicit in what the (ideal) speaker-listener can say. […] Linguistic performance is most explicitly understood as con- cerned with the processes often termed encoding and decoding. 3 Den Untersuchungsgegenstand der Linguistik definiert Noam Chomsky also folgendermaßen:
Linguistic theory is concerned primarily with an ideal speaker-listener, in a completely homogeneous speech community, who knows its language perfectly and is unaffected by such grammatically irrelevant conditions as memory limita- tions, distractions, shifts of attention and interest, and errors (random or charac- teristic) in applying his knowledge of the language in actual performance4. Performanz, definiert als „die tatsächliche Verwendung von Sprache in konkreten Situationen“ 5, liegt damit in Opposition zur linguistischen Kompetenz – und, nach Chomskys Verdikt, außerhalb jeglicher linguistischen Fragestellung. Performance ist lediglich die nachgeordnete, defiziente Aktualisierung von Kompetenz: “A record of natural speech will show numerous false starts, deviations from rules, changes of plan in mid-course, and so on.“ Untersuchungsmaterial, dass aus tatsächlicher Sprachverwendung stammt, hält Chomsky für „[...] fairly degenerate in quality [...]“6. Von Chomskys Performanzbegriff können wir uns wohl nicht viel erwarten, zumal er performance explizit aus seiner Theorie ausklammert. Chomskys Untersuchungsgegenstand und –perspektiven stehen außerdem im Gegensatz zu einer Rhetorik, die mit Aristoteles den Zuhörer für richtunggebend hält7 und in deren Zentrum unter anderem projektive und antizipatorische Adressatenkalküle8 zu stehen haben. H. G. Widdowson, bemerkt zu Chomsky:
[...]
1 Knape 2000b, S. 173
2 Knape 2000b, S. 173
3 Hymes 1972, S. 271
4 Chomsky 1965, S. 3
5 vgl. Chomsky 1965, S. 3f. „the actual use of language in concrete situations“
6 Chomsky 1965, S. 31
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22.09.2007 11:48:19
o.k.