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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 35 Pages
Author: Moritz Deutschmann
Subject: History - Postwar Period, Cold War
Details
Institution/College: University of Freiburg (Historisches Seminar)
Tags: Modernisation, Decadence, Modernisierung, Frankreich, Jahre, Hauptseminar, Moderne, Theorien, Moderne, Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, Mondernisierungstheorie, Monnet, Marjolin, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Planification, Planung, Wirtschaftsplanung, Wirtschaftsgeschichte
Year: 2005
Pages: 35
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 60 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-48901-0
ISBN (Book): 978-3-638-65683-2
File size: 244 KB
Die Arbeit entstand in einem Seminar über die Modernisierungstheorie und zeigt, wie in Frankreich zwischen den 30er und den 60er Jahren ein positives Bild von Modernisierung entstanden ist. Dabei werden unter anderem die Vichy-Diktatur, die Entstehung der Wirtschaftsplanung nach dem Krieg und die Anfänge der europäischen Einigung behandelt. Der Text eignet sich auch sehr gut als Hintergrund für Arbeiten zu anderen Aspekten der französischen Geschichte und enthält eine umfangreiche Bibliographie
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Abstract
Die Zeit zwischen Anfang der 50er Jahre und den frühen 70er Jahren wirkt, verglichen mit der Zeit zwischen 1919 und 1945, in den meisten Länder Westeuropas geradezu wie ein „goldenes Zeitalter“. Während man in Deutschland dabei vor allem an das „Wirtschaftswunder“ denkt, ist in Frankreich häufig von den „Trente Glorieuses“ die Rede, wie der französische Ökonom Jean Fourastié die Jahre zwischen 1945 und 1975 bezeichnete . Während die wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft genug zu schweren gesellschaftlichen Erschütterungen geführt hatten, schien dies in der Mitte des Jahrhunderts ziemlich schlagartig vorbei zu sein. Modernisierung erschien den Zeitgenossen immer häufiger nicht mehr als ein unkontrollierbar ablaufender, zerstörerischer Prozess, sondern als Weg zu einer besseren Gesellschaft. Trotz dieser grundsätzlichen erfahrungsgeschichtlichen Gemeinsamkeit ist auffällig, wie stark sich die Modernisierungsmodelle der Nachkriegszeit in einzelnen europäischen Länder unterschieden. Ein in mancher Hinsicht besonders extremes Beispiel ist Frankreich, wo die Modernisierung der Wirtschaft unter einer zumindest symbolisch so starken Vorherrschaft des Staates stattfand wie in keinem anderen kapitalistischen Land Europas. In dieser Hausarbeit soll der Modernisierungsprozess in Frankreich in zweierlei Hinsicht untersucht werden: Erstens soll klar werden, warum und wie bestimmte Gruppen in der französischen Gesellschaft unter wechselnden politischen Umständen seit den 30er Jahren auf eine Erneuerung des Landes hinarbeiteten und wie sie nach dem Krieg im Rahmen der „Planification“ eine gezielte Modernisierungspolitik einleiteten. Zweitens soll es darum gehen, welches Bild der Moderne und von Modernisierung die Planungsexperten aus ihren Erfahrungen abgeleitet haben.
Excerpt (computer-generated)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Historisches Seminar
Seminar: Die Moderne und die Theorien der Moderne
Sommersemester 2005
Modernisation ou Decadence - Modernisierung in
Frankreich von den 30er bis in die 60er Jahre
von: Moritz Deutschmann
I. INHALTSVERZEICHNIS
II. EINLEITUNG 1
III. FRANKREICH UND DIE MODERNE IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT 3
A. EINE BLOCKIERTE GESELLSCHAFT 3
B. REFORMVORSTELLUNGEN SEIT DEM ERSTEN WELTKRIEG 4
IV. DIE BESATZUNGSZEIT 6
A. DIE POLITIK DER VICHY-REGIERUNG 6
B. DIE IDEEN DES ”FREIEN FRANKREICH” UND DER RÉSISTANCE 8
V. NACHKRIEGSZEIT 9
A. DIE ENTSTEHUNG DER WIRTSCHAFTSPLANUNG 9
B. NATIONALISIERUNGEN 12
C. EUROPÄISCHE INTEGRATION 14
VI. DIE PLANUNGSEXPERTEN UND DIE MODERNE 16
A. PRODUKTIVITÄT STATT ”MALTHUSIANISMUS” 16
B. RATIONALE ORDNUNG STATT PARTIKULARISMUS 19
C. TECHNOKRATIE 22
VII. ERGEBNISSE 25
VIII. LITERATUR 28
A. QUELLEN 28
B. SEKUNDÄRLITERATUR
II. Einleitung
Die Zeit zwischen Anfang der 50er Jahre und den frühen 70er Jahren wirkt, besonders verglichen mit der Zwischenkriegszeit, in den meisten Länder Westeuropas geradezu wie ein „goldenes Zeitalter“. Während man in Deutschland dabei vor allem an das „Wirtschaftswunder“ denkt, ist in Frankreich häufig von den „Trente Glorieuses“ die Rede, wie der französische Ökonom Jean Fourastié die Jahre zwischen 1945 und 1975 bezeichnete1. Während die wirtschaftlichen Modernisierungsprozesse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts oft genug zu schweren gesellschaftlichen Erschütterungen geführt hatten, schien dies in der Mitte des Jahrhunderts ziemlich schlagartig vorbei zu sein. Modernisierung erschien den Zeitgenossen immer häufiger nicht mehr als ein unkontrollierbar ablaufender, zerstörerischer Prozess, sondern als Weg zu einer besseren Gesellschaft. Trotz dieser grundsätzlichen erfahrungsgeschichtlichen Gemeinsamkeit ist auffällig, wie stark sich die Modernisierungsmodelle der Nachkriegszeit in einzelnen europäischen Länder unterschieden. Ein in mancher Hinsicht besonders extremes Beispiel ist Frankreich, wo die Modernisierung der Wirtschaft unter einer zumindest symbolisch so starken Vorherrschaft des Staates stattfand wie in keinem anderen kapitalistischen Land Europas.
In dieser Hausarbeit soll der Modernisierungsprozess in Frankreich in zweierlei Hinsicht untersucht werden: Erstens soll klar werden, warum und wie bestimmte Gruppen in der französischen Gesellschaft unter wechselnden politischen Umständen seit den 30er Jahren auf eine Erneuerung des Landes hinarbeiteten und wie sie nach dem Krieg im Rahmen der „Planification“ eine gezielte Modernisierungspolitik einleiteten. Zweitens soll es darum gehen, welches Bild der Moderne und von Modernisierung die Planungsexperten aus ihren Erfahrungen abgeleitet haben. Der erste Teil der Arbeit (III-V) ist eher politik- und sozialgeschichtlich angelegt. Zunächst wird es um das in der Historiographie, aber auch unter Zeitgenossen häufig auftauchende Motiv der Rückständigkeit und Blockade der französischen Gesellschaft der 30er Jahre gehen. Dann werde ich auf die durch die Kriegsniederlage 1940 angestoßenen Reformkonzepte innerhalb der Vichy- Regierung und der Résistance eingehen. Ein längeres Kapitel wird schließlich die wirtschaftliche Erneuerung der Nachkriegszeit behandeln, in der mit der Entscheidung für die Einrichtung einer Planungsbehörde, den Nationalisierungen und dem Beginn der europäischen Integration drei wirtschaftspolitische Entscheidungen getroffen wurden, die dem Modernisierungsprozess in Frankreich seine besondere Gestalt gegeben haben.
Im zweiten Teil der Arbeit (VI) stehen nicht mehr die ökonomischen Strukturen im Vordergrund, die sich in ihren Grundzügen bis zu den frühen 50er Jahren etabliert hatten, sondern die Vorstellungen der Planungsexperten von einer modernen Gesellschaft, die sie in den 50er bis 70er Jahren verbreiteten. Ihrer positiven Sichtweise von Modernisierung soll schließlich noch die kritische Deutung einiger Zeitgenossen entgegengesetzt werden, die in der Veränderung der französischen Gesellschaft die Entstehung einer „Technokratie“ befürchteten. In zweifacher Hinsicht ist die Fragestellung weiter eingegrenzt: Wenn im Folgenden von Modernisierung die Rede ist, dann ist damit im engeren Sinne die Entwicklung einer expandierenden, auf technischem Fortschritt und Industrie basierenden Wirtschaftsordnung gemeint. Damit bleiben viele Aspekte der französischen Gesellschaftsgeschichte, etwa die Dekolonialisierung oder der Übergang zur fünften Republik, aber auch kulturelle Veränderungen, unberücksichtigt. Dafür bekommen die Zeit um den zweiten Weltkrieg und der Wiederaufbau ein besonderes Gewicht und werden deswegen auch am intensivsten behandelt. Diese Einschränkung geschieht nicht nur aus arbeitsökonomischen Gründen, sondern weil sich aus der historischen Entwicklung, wie am Ende der Arbeit hoffentlich einleuchtend sein wird, eine solche Prioritätensetzung rechtfertigen lässt.2
Außerdem wird der Modernisierungsprozess mit besonderer Konzentration auf das Handeln einer bestimmten Elite beschrieben, nämlich der Funktionäre der Nachkriegsjahrzehnte. So bilden die Lebensläufe der häufig zwischen 1900 und 1915 geborenen Planungsexperten der Nachkriegszeit ein wichtiges Periodisierungsprinzip für den Aufbau der Arbeit: Während die Planungsexperten sich oft in den späten 30er Jahren oder unter der Vichy-Regierung beruflich etablierten, macht sich ihr weltanschaulicher Einfluss vor allem von den späten 40er bis in die 70er Jahre hinein bemerkbar. Obwohl diese Ausrichtung der Arbeit die Gefahr einer gewissen etatistischen Verengung mit sich bringt, ist sie doch in der sozialgeschichtlichen Tatsache begründet, dass der Modernisierungsprozess in Frankreich sehr eng mit dem Aufstieg einer einflussreichen Gruppe von Funktionären und Verwaltungsfachleuten verbunden war.
III. Frankreich und die Moderne in der Zwischenkriegszeit
A. Eine blockierte Gesellschaft?
Bei einem Blick in die Historiographie zur französischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit stößt man immer wieder auf Begriffe wie ”Blockade”, ”Rückständigkeit” oder ”Stagnation”.3 Eine klassische, von der Modernisierungstheorie inspirierte Interpretation hat dabei Stanley Hoffmann vorgelegt, der die französische Gesellschaft der dreißiger Jahre mit dem Begriff der ”stalemate society” bezeichnet hat.4
Als entscheidendes Kennzeichen dieser Gesellschaft sieht Hoffmann die politische, kulturelle und ökonomische Dominanz eines auf gesellschaftliche Stabilität und Harmonie ausgerichteten, wirtschaftlicher Konkurrenz abgeneigten Bürgertums. Dieses Bürgertum habe eine rasche, umfassende Industrialisierung verhindert und zur Erhaltung einer ineffizienten Landwirtschaft beigetragen. Gleichzeitig habe es sich aber kaum darum bemüht, die Minderheit der Industriearbeiter politisch zu integrieren, die sich dementsprechend radikalisiert hätten.5 Als Besonderheiten der französischen Gesellschaft bis in die 30er Jahre erscheinen Hoffmann außerdem die ausgesprochen geringe Verbreitung von Massenorganisationen und die Schwäche des Parteiensystems. Abgesehen von zwei Ausnahmen, der katholischen Kirche und der Arbeiterbewegung, die sich aber auch erst vergleichsweise spät auf nationaler Ebene zusammenschloss, seien Interessen wenig organisiert gewesen. Diese sozialen Strukturen hätten sich in einem schwachen Staat widergespiegelt, der nur dann in die Wirtschaft eingriff, wenn der ökonomische Grundkonsens in Gefahr war.6 Insgesamt ergibt sich aus Hoffmanns Deutung das Bild einer Gesellschaft, die nur sehr begrenzt zu Veränderungen in der Lage war.7
[...]
1 Fourastié, Jean: Les Trente Glorieuses, Paris 1979.
2 Genau in diese Richtung argumentiert auch die umfangreiche Studie von Michel Margairaz: L’Etat, les Finances et l’Economie. Histoire d’une Conversion, 2 Bd., Paris 1991, in der die Zeit zwischen 1932 und 1952 als die entscheidende Periode im Modernisierungsprozess in der französischen Wirtschaftspolitik angesehen wird. In noch konzentrierterer Form versuchen Serge Berstein und Pierre Milza die Bedeutung des Jahres 1947 als allgemeines Wendejahr in der französischen Geschichte deutlich zu machen. Vgl. Berstein, Serge / Milza, Pierre (Hrsg.): L’Année 1947, Paris 2000.
3 Dies gilt in besonders hohem Maße für die amerikanische Forschung. Einen guten Überblick über die Paradigmen der amerikanischen Frankreich-Forschung gibt Kuisel, Richard: American Historians in Search of France. Perceptions and Missperceptions, in: French Historical Studies 19 (1995), S. 307-319. Zu bedenken ist hierbei die über lange Zeit nur sehr geringe Bedeutung der Zeitgeschichtsschreibung in Frankreich, die zu einer besonders ausgeprägten Dominanz der amerikanischen Geschichtsschreibung geführt hat
4 Siehe z.B. Hoffmann, Stanley: The Effects of World War II on French Society and Politics, in: French Historical Studies, Vol. 2 (Nr. 1), 1961, S. 28-63 (S. 29).
5 Ebd., S. 29.
6 Ebd., S. 30.
7 Ebd., S. 29.
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