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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 24 Pages
Author: Uta Künkler
Subject: Theater Studies
Details
Institution/College: LMU Munich (Slavistik/Theaterwissenschaft)
Tags: Cechov Tschechow Schwestern nonverbal Semiotik Zeichen Bühne Drama Fischer
Year: 2001
Pages: 24
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-13266-4
File size: 209 KB
Nonverbale Zeichen der Theatersemiotik (relativ nah an Fischer-Lichte) übertragen auf Anton Cechovs Drei Schwestern - Analyse.
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Excerpt (computer-generated)
Nonverbale Verfahren in Anton Cechovs Dramen
am Beispiel der "Drei Schwestern"
von Uta Künkler
GLIEDERUNG
Einleitung S. 3
1. Nonverbales bei Cechov S. 5
2. Die Kennzeichen des Raumes S. 7
2.1. Raumkonzeption des Theaterbaus S. 7
2.2. Der Bühnenraum S. 7
2.3. Dekoration S. 8
2.4. Requisiten S. 9
2.5. Licht S. 11
3. Die Erscheinung des Schauspielers S. 11
3.1. Die Maske S. 11
3.2. Die Frisur S. 12
3.3. Das Kostüm S. 12
4. Paralinguistische Zeichen S. 14
4.1. Sprachbegleitende paralinguistische Mittel S. 14
4.2. Sprachersetzende paralinguistische Mittel S. 15
4.3. Stimmliche Qualitäten S. 17
5. Kinesik S. 16
5.1. Mimik S. 17
5.2. Gestik S. 17
5.3. Proxemik S. 18
6. Nonverbale akustische Zeichen S. 19
6.1. Geräusche S. 19
6.2. Musik S. 20
Schlussbemerkung S. 21
Quellenverzeichnis S. 23
Einleitung
Jurij Striedter sieht in Cechovs dramatischem Werk einen "Wendepunkt in der Geschichte des Dramas" . Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Umbruch "vom realistischen zum modernen Drama und Theater" trage Cechovs Abkehr vom aristotelischen Postulat des Dramas als Nachahmung menschlichen Handelns bei. Während Striedter von Handlungsarmut in Cechovs Dramen spricht, geht Peter Szondi noch einen Schritt weiter und beschreibt jene als eine "Absage an die Handlung und den Dialog - die zwei wichtigsten Formkategorien des Dramas" .
Gerade den traditionellen dramatischen Dialog entkräftigt Cechov in seinem Werk radikal. Die äußere Kommunikation seiner Charaktere beruht häufig weniger auf miteinander reden als vielmehr aneinander vorbeireden und monologisieren. "Entscheidend ist hier das Zurückgehen auf eine ‚unterhalb′ der Charaktere und der Dramenhandlung anzusetzende Ebene der sprachlichen und szenischen Zeichen" .
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Cechovs nonverbale Gestaltungsmittel dazu beitragen, Menschenbilder, Zwischenmenschliches und bestimmte Phänomene wie gesellschaftliche Kommunikationsschwierigkeiten darzustellen.
Zunächst scheint es interessant, zu untersuchen, in welcher Weise Anton Cechov Nonverbales in seinem Bühnenwerk verankert und einsetzt. Zum Verstehen ist es notwendig, die verschiedenen nonverbalen Gestaltungsmittel im Drama erst einmal zu kategorisieren und zu katalogisieren. In diesem Punkt gründet sich die Arbeit auf dementsprechende Ergebnisse der Theatersemiotikerin Erika Fischer-Lichte. Im Anschluss an eine allgemeine Beschäftigung mit dem szenischen Repertoire des Theaters folgt eine Beschreibung der nonverbalen Verfahren im ersten Akt von Cechovs "Drei Schwestern" und der Versuch einer Deutung. Es ist anzumerken, dass die einzelnen Zeichen, die ein Schauspieler in seiner Rolle als Bühnenfigur aussendet, in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Wenn es einen klaren Bezug zwischen den verschiedenen Zeichen gibt, bestärken und unterstützen sie sich entweder gegenseitig oder sie widersprechen sich. Letzteres ergibt das sogenannte "double bind", das ein Ansatzpunkt für Ironie auf der Bühne sein kann.
1. Nonverbales bei Anton P. Cechov
Man darf vermutlich davon ausgehen, dass sich das Wesentliche bei Cechov kaum in der vordergründigen Kommunikation seiner Bühnenfiguren niederschlägt, sondern auf einer verborgeneren Zeichenebene anzusiedeln ist. Zu diesen Zeichen unterhalb der Dramenhandlung gehören neben sprachlichen auch nonverbale Verfahren. Gerade den nicht auf Worten beruhenden Ausdrucksmitteln kommt bei Cechov eine besondere Bedeutung zu. Birgit Kirschstein-Gamber erklärt, dass "im Cechov-Drama [...] nicht nur das szenische Element neben das gesprochene Wort [tritt], es muss vielmehr in einer Reihe von Fällen das Verbale hinter das Szenische treten. Indem der Autor das Unvermögen der Sprache im Versagen des Dialogs offenbarte, verlor diese ihre beherrschende Stellung auf der Bühne, erreichte das Szenische neue, bisher unerreichte Wirkung." .
Anton Cechov versteht es also, mimisch-gestisches Spiel und das Spiel mit Requisiten sowie Geräuschen dem äußerlichen Dramentext beizufügen. Dadurch erhebt er das Außersprachliche zu einem autonomen Ausdrucksmittel.
Diese nonverbalen Verfahren sind nicht lediglich Verstärker des Sprechtextes, sie fungieren auf unabhängige Weise als Bedeutungsträger und bilden eine weitere Sprach- und Bezugsebene. Cechov setzt "so konsequent wie kein Autor vor ihm optische, insbesondere aber akustische Effekte als Träger eines ‚objektiven′, eigenständigen und sprechtextunabhängigen Ausdruckselements ein, als Metaphern mit einer dem Sprechtext entweder entsprechenden [...] oder aber ihn korrigierenden [...] Ausdrucksfunktion."
Alle nonverbalen Ausdruckmittel treten im Drama als Regieanweisungen auf. Jede Regieanweisung bei Cechov hat aber neben einem funktionalen Zweck auch einen inhaltlichen. Beziehungsstrukturen, psychologische Momente und Einstellungen der Figuren können neben der sprachlichen Rede auch ohne Worte ihren Ausdruck finden. Hier können nonverbale Zeichen die sprachlichen unterstreichen oder völlig eigenständige Aussagen machen. Setzt sich beispielsweise Tuzenbach in "Drei Schwestern" ans Klavier, bedeutet diese Handlung eine Unterbrechung der Kommunikation. Tuzenbach wendet sich ab und zeigt demonstrativ, dass er an einem Gespräch nicht interessiert ist. In diesem Beispiel fügt das Klavierspiel der Personendarstellung ein weiteres Merkmal hinzu, ist also keineswegs lediglich eine gestische Betonung des gesprochenen Worts. Die Regieanweisungen besitzen nicht nur einen reinen Hilfsmittelcharakter. "Es zeigt sich vielmehr, dass neben der nuancierenden, nicht handlungsgebenden Anweisung, welche den Sprechtext nur differenziert, vor allem die handlungsgebende Ascription als zweite Aussagedimension neben das gesprochene Wort treten kann, um die Dramenhandlung nicht nur durch den Text, sondern auch durch nichtsprachliche Ausdrucksmittel zu gestalten."
Cechov ist sich über die Bedeutung einer bewussten Auswahl der szenischen Elemente auf der Bühne im Klaren. Der Dramatiker hat die Auflagen über Mimik, Gestik, Bewegung und Hintergrundklänge zu seinen Stücken mit Sorgfalt bedacht und hat ganz spezielle Vorstellungen von der Aufführung seiner Bühnenwerke. Zur Premiere der "Drei Schwestern" in Moskau gibt er der Mascha-Darstellerin Olga Knipper klare Anweisungen über ihr szenisches Verhalten auf der Bühne: "Mach in keinem Akt ein trauriges Gesicht. Ein zorniges, ja, aber kein trauriges. Menschen, die seit langem einen Kummer mit sich herumtragen und an ihn gewöhnt sind, pfeifen nur vor sich hin und werden oft nachdenklich. So wirst auch Du auf der Bühne ziemlich oft nachdenklich während der Gespräche".
[...]
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