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Totentanz

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 24 Pages
Author: Sandy Alami
Subject: Art - Overall Considerations

Details

Event: Grenzerfahrung und Jenseitsvorstellung im Mittelalter und der Renaissance
Institution/College: http://www.uni-jena.de/ (Kunsthistorisches Seminar und Kustodie )
Tags: Totentanz, Grenzerfahrung, Jenseitsvorstellung, Mittelalter, Renaissance
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 24
Grade: 1,0 - sehr gut
Bibliography: ~ 20  Entries
Language: German
Archive No.: V53968
ISBN (E-book): 978-3-638-49273-7
ISBN (Book): 978-3-638-70896-8
File size: 206 KB

Abstract

In der Literatur lässt sich keine allgemein gültige Definition für Totentanz finden. Jedoch charakterisiert sich der Totentanz durch verschiedene feststehende Merkmale. Eine weitere Vorbemerkung wäre, dass beim Thema Totentanz viele Uneinigkeiten herrschen z.B. über die Entstehung, die Deutung und die Quellen. Die Idee und Darstellung des Totentanzes zieht sich vom 13. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert, von einer verhaltenen Form um 1350 bis zur dramatischen Entfaltung um 1450 und seiner Entseelung um 1525. Zunächst handelt es sich um Kunstwerke, die sich meist durch zwei Medien, d.h. in Bild und einem zwei- bis achtzeiligen Text, ausdrücken. Die Monumentalen Wandgemälde begleiten den Gläubigen auf dem Weg in den Gottesdienst an der Kirchhofsmauer. man kann sie wirklich als monumental bezeichnen, denn sie waren durchaus lebensgroß und konnten sich bis zu 80 Metern Länge an den Mauern entlang ziehen. Das Hauptmotiv aller Totentänze ist die Gleichheit aller vor dem Tod, der Triumph des Todes.


Excerpt (computer-generated)

Friedrich - Schiller – Universität, Philosophische Fakultät
HpS Grenzerfahrung und Jenseitsvorstellung im Mittelalter und der Renaissance
Sommersemester 2005, 6. Fachsemester

Totentanz

von: Sandy Alami

 


Inhaltsverzeichnis

Definition des Totentanzes 2

Pestepidemien als Ursache für die Entstehung des Totentanzes? 4

Ars moriendi 5

Der klassische Totentanz 6

Ursprünge und Quellen - Woraus hat sich der Totentanz entwickelt? 8

Literarische Quellen 10

Grafische Entwicklung des Totentanzes 12

Ursprung in Frankreich oder Deutschland? 13

„Bilder des Todes“ Hans Holbein der Jüngere 16

Geschichtlicher Hintergrund 16

Schlussbemerkung 21

Literatur 23

 

 


Totentanz

- Gevatter Tod bittet zum Tanz -
Der Mond, der hat alles in Helle gebracht,
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
In weißen und schleppenden Hemden.
[…]
Nun hebt sich der Schenkel,
nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert′s und
klappert′s mitunter hinein,
als schlüg man die Hölzlein zum Takte.
Johann Wolfgang von Goethe,
Totentanz, 1813

Definition des Totentanzes

In der Literatur lässt sich keine allgemein gültige Definition für Totentanz finden. Jedoch charakterisiert sich der Totentanz durch verschiedene feststehende Merkmale. Eine weitere Vorbemerkung wäre, dass beim Thema Totentanz viele Uneinigkeiten herrschen z. B. über die Entstehung, die Deutung und die Quellen. Die Idee und Darstellung des Totentanzes zieht sich vom 13. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert, von einer verhaltenen Form um 1350 bis zur dramatischen Entfaltung um 1450 und seiner Entseelung um 1525. Zunächst handelt es sich um Kunstwerke, die sich meist durch zwei Medien, d.h. in Bild und einem kleinen zwei- bis achtzeiligen Text, ausdrücken. Die monumentalen Wandgemälde begleiteten den Gläubigen auf dem Weg in den Gottesdienst an der Kirchhofsmauer. Man kann sie wirklich als monumental bezeichnen, denn sie waren durchaus lebensgroß und konnten sich bis zu 80 Metern Länge an den Mauern entlangziehen. Die Untermalung durch den Text unterstützt die mahnende Aussage im Wandgemälde. Der anfängliche Totentanz war ohne Bilder. Auf die Quellen und Ursprünge gehe ich später ein. „Die Predigt ist die essentia und die Bilder sind im selben Maße Hilfsmittel…“1. Die Bilder dienen als Hilfsmittel des Schriftungelehrten. Um jedoch die Bußpredigten zu vertiefen, bediente man sich der Bilder. Die Darstellung von weltlichen und geistlichen Standespersonen, die in Tanzhaltung mit dem Tod abwechseln, kam im Mittelalter größere Bedeutung zu, da die Mehrheit der Menschen in dieser Zeit weder lesen noch schreiben konnte. Uli Wunderlich und Gert Kaiser sind verschiedener Meinung, welchen Stellenwert den Versen zuzuschreiben ist. Uli Wunderlich meint: „Man sollte sich von den bekannten Werken nicht täuschen lassen: Die Totentänze des Mittelalters bestanden oft, aber längst nicht immer aus Wort und Bild.“2 Gert Kaiser hingegen sagt: „... daß eine Isolierung des Bildes, zu der die Neuzeit neigt, ein falsches Verständnis des mittelalterlichen Totentanzes suggeriert. Text und Bild gehören notwendig zusammen. Eher ließe sich für das Mittelalter eine Priorität des Textes behaupten.“3

Das Hauptmotiv aller Totentänze ist die Gleichheit aller vor dem Tod, der Triumph des Todes. Die Grundlage wird in der Geheimen Offenbarung im Kapitel 6, Vers 8 deutlich, Johannes beschreibt: „Und siehe, und ich sah ein fahl Pferd, und der daraufsaß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen ward Macht gegeben, zu töten das vierte Teil auf der Erde mit dem Schwert und Hunger und mit dem Tod und durch die Tiere auf Erden.“4 Kein Stand und kein Geschlecht wird vor ihm verschont, vor ihm sind alle gleich. Jeder muss sterben, man kann ihm nicht ausweichen. Macht, Vermögen und Schönheit sind nutzlos. Es kommt auf die richtige Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod an. Der monumentale Totentanz geht in Linksrichtung, also in die ewige Verdammnis, die Hölle. Die Kirche mahnte in dieser Art und Weise den Kirchgänger ein gottesfürchtiges und frommes Leben zu führen.

Die mittelalterliche Kirche nutzte das Motiv des Tanzes für sich, indem sie den Tanz als Sünde anprangert. In der frühchristlichen Kirche (bis ins 7. Jahrhundert) toleriert man den Tanz im liturgischen Rahmen. Jedoch mit dem Worte Augustinus wird der Tanz in jeglicher Form als gefährlich eingeordnet. Die Kirche bezeichnete die Tänze als unkeusch und teuflisch. Sie sieht darin eine Bedrohung, sie fürchtet die Erotik des Tanzes. Jedoch erkannte sie auch das enorme Potenzial, das dem Volk in einer Zeit mit ungeheurer Verwirrung Halt zu geben schien. Folglich übernahm die Kirche die Totentänze für sich, um sich in der destabilisierten Sozialstruktur halten zu können, und gab ihnen einen tugendhaften Charakter. „Wenn die Kirche das Tanzen als Sünde schlechthin geißelt, wenn sie im Tanzen der Menschen ein Abbild des teuflischen Springens und Tanzens sieht, so ist es vor allem die erotische Sprengkraft des Tanzes, die sie fürchtet. Der Tanz ist deshalb Paradigma und Sündhaftigkeit, weil er in unmittelbarer Weise Trieb und Eros Ausdruck verschafft – und im Mittelalter offensichtlich unverstellter, kraftvoller und erregender als heute.“ 5 Kaiser drückt diese in Bildern dargestellte Warnung vor einer sündhaften Lebensführung, folgendermaßen aus: „Wer sich den erotischen Ausschweifungen hingibt, vor denen das Bild eindringlich waren will, küßt immer schon den Tod.“6

Pestepidemien als Ursache für die Entstehung des Totentanzes?

“Nicht selten war eine Pestepidemie der unmittelbare Grund für die Anfertigung eines Totentanzes, wie im Falle des Basler Totentanzes von 1440.“7 „Es gilt als unbestritten, daß der Totentanz in Text und Bild mit den Pestepidemien und dem darauf folgenden Massensterben in Zusammenhang steht.“8, laut Barbara Köhler. Auf der letzten Tagung im Mai 2005 äußerte die „Europäischen Totentanzvereinigung“ (ETV) bei ihrer Präsentation: „Dass die Pestepidemien im späten Mittelalter eine Grundvoraussetzung für die Entstehung der Totentänze waren, wird von den Forschern zunehmend in Zweifel gezogen. Die meisten Wandmalereien entstanden ohne konkreten Anlass und waren ebenso wie die Buchausgaben zur Erbauung des Publikums bestimmt. Sie dienten der Vorbereitung auf das Lebensende; sie warnten davor, als Sünder vom Tod überrascht zu werden, und riefen zu gottgefälligem Verhalten auf.“9 Eine ursächliche Beziehung ist nicht zu erkennen, eher sollte man die Pest als Hintergrund in der Entstehung des Totentanzes sehen. Die Pestepidemien können nicht ganz ausgeschlossen werden. Sie trugen ihren Teil zu Erschaffung der Totentanzdarstellung bei, da sie das Lebensgefühl der Menschen, die ständig mit dem Tod konfrontiert waren, begründen. Der Einfluss des Schwarzen Todes rüttelte doch die Menschen auf und brachte sie zu einem gottgefälligerem Leben. Wenn sie schon durch ihn überrascht wurden, dass sie vorbereitet waren. Um dies zu unterstützen, bediente sich die Kirche des Mediums des monumentalen Totentanzes, um den Gläubigen nicht nur in der Predigt, sondern auch auf Kirchhofs- oder Friedhofsmauern an ein frommes Leben zu appellieren. Die erste große Pestepidemie in Europa brach 1347 aus und suchte Europa bis 1666 mindestens alle zehn bis zwanzig Jahre als Lungen- und Beulenpest heim. Ihr trauriger Höhepunkt liegt zwischen 1347 und 1352. Schätzungen besagen, dass die Pest 30% der europäischen Bevölkerung dahinraffte. Die Angst vor der nächsten Pestwelle destabilisierte die sozialen Verhältnisse: es zerbrachen Familienverbindungen, Freundschaften; besonders Ärzte, Notare und Priester vernachlässigten ihre Berufspflichten; Plünderer bereicherten sich an herrenlosem Gut. Die Geistlichkeit stellte den Schwarzen Tod in den Dienst aufrüttelnder Bußpredigten. Es war die Stunde des „Memento mori – Gedenke des Todes“.

[...]


1 Kaiser, Gert: Der tanzende Tod. Mittelalterliche Totentänze, Frankfurt a. M. 2002, 23

2 Uli Wunderlich: Der Tanz in den Tod. Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Freiburg 2001, 36

3 Gert Kaiser: Der tanzende Tod. Mittelalterliche Totentänze, Frankfurt a. M. 2002, S. 23

4 Diese Passage dient als Grundlage für den triumphierenden Tod. Im Laufe des Mittelalters verschmelzen die vier Reiter zu einer Figur. Das reitende Gerippe streckt mit seiner Waffe die Lebenden nieder. Mitte des 13. Jahrhunderts wird diese Szene auf Weltgerichtsportalen in Paris, Amien und Reins dargestellt. Später tritt der Tod mit Speer auch als Einzelszene auf.

5 ebenda, 66

6 Gert Kaiser: Der Tod und die schönen Frauen. Ein elementares Motiv der europäischen Kultur, Frankfurt a. M. /New York 1995, 26

7 Köhler, Barbara: Der Tod und sein Bild im 16. Jahrhundert www.sfn.uni-muenchen.de/forschung/koerper/bkarb_de.html

8 ebenda

9 www.totentanz-onlinedetagungenPressePressemappe.pdf, S.3


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